gewalt

Gewalt

Gewalttätigkeit

Furcht, Freude und Leid, Denken und Gewalttätigkeit haben einen inneren Zusammenhang. Die meisten Menschen finden Gefallen daran, heftig und gewalttätig zu sein, andere Menschen nicht zu mögen, eine besondere Rasse oder Gruppe von Menschen zu hassen oder zu verabscheuen, feindselige Gefühle gegen andere zu hegen. Aber ein Mensch, in dem alle Gewaltsamkeit aufgehört hat, ist von einer Freude erfüllt, die sich sehr von der Lust an der Gewalttätigkeit mit ihren Konflikten, ihren Feindseligkeiten und ihren Ängsten unterscheidet.

Können wir bis zur Wurzel der Gewalt vordringen und von ihr frei sein?

Sonst werden wir ewig im Streit miteinander leben. Wenn Sie es vorziehen, in dieser Art zu leben – und anscheinend ist das bei vielen Menschen der Fall – , dann mögen Sie es so weiter treiben. Wenn Sie sagen: »Es ist zwar bedauerlich, aber die Gewalt wird niemals enden«, dann haben Sie und ich keine Möglichkeit der Verständigung, dann haben Sie sich selbst blockiert. Aber wenn Sie meinen, daß es möglich sein mag, auf eine andere Art zu leben, dann werden wir in der Lage sein, uns miteinander zu verständigen.

So lassen Sie uns zusammen mit denen, die verständigungs bereit sind, überlegen, ob es überhaupt möglich ist, jeder Art von Gewalttätigkeit in uns ganz und gar ein Ende zu bereiten und dennoch in dieser monströs-brutalen Welt weiter zu leben. Ich halte es für möglich. Ich wünsche nicht, auch nur einen Hauch von Haß, Eifersucht, Unruhe oder Furcht in mir zu haben. Ich möchte vollkommen in Frieden leben. Das bedeutet nicht, daß ich sterben möchte; ich möchte auf dieser prachtvollen Erde, die so weit, so reich, so schön ist, leben. Ich möchte auf die Bäume, Blumen, Flüsse, Wiesen, Frauen, Knaben und Mädchen schauen und zugleich im völligen Frieden mit mir selbst und mit der Welt leben.

Was kann ich dazu tun?

Wenn wir wissen, was es mit der Gewalt auf sich hat, nicht nur draußen in der Gesellschaft mit ihren Kriegen, Tumulten, nationalen Feindseligkeiten und Klassenkämpfen, sondern auch in uns selbst, dann werden wir vielleicht fähig sein, darüber hinauszugelangen.

Hier stehen wir vor einem schwierigen Problem. Jahrhunderte hindurch ist der Mensch gewalttätig gewesen. Die Religionen in der ganzen Welt haben versucht ihn zu zähmen, und keine von ihnen hat Erfolg gehabt. Wenn wir jetzt dieses Problem untersuchen, müssen wir es, so scheint es mir, mit äußerstem Ernst tun, weil es uns in eine ganz andere Sphäre führen wird. Wenn wir jedoch mit diesem Problem nur spielen wollen, um uns intellektuell zu unterhalten, dann werden wir nichtweit kommen.

Sie mögen meinen, daß Sie wohl sehr ernsthaft um das Problem bemüht sind, daß dieses Bemühen aber völlig wertlos ist, solange die meisten anderen Menschen in der Welt nicht auch ernsthaft bemüht und bereit sind, etwas dazu zu tun. Nun, ich kümmere mich nicht darum, ob die anderen es ernsthaft meinen oder nicht; ich jedenfalls nehme es ernst, das genügt. Ich bin nicht meines Bruders Hüter. Als menschliches Wesen bewegt mich das Problem der Gewalttätigkeit sehr stark, und ich werde genau achtgeben, daß ich selbst nicht gewalttätig bin. Doch kann ich Ihnen oder einem anderen Menschen nicht sagen: »Sei nicht gewalttätig.« Das hat keinen Sinn – , Sie müssen selbst danach verlangen. Wenn Sie also wirklich den Wunsch haben, dieses Problem der Gewalttätigkeit zu verstehen, wollen wir unsere Forschungsreise gemeinsam fortsetzen.

Besteht dieses Problem der Gewalt dort draußen oder hier?

Wünschen Sie das Problem in der äußeren Welt zu lösen, oder fragen Sie, wie es in Ihnen darum bestellt ist?

Wenn Sie in sich von der Gewaltsamkeit frei sind, erhebt sich die Frage:

»Wie soll ich in einer Welt leben, die voller Gewalt, Gewinnsucht, Gier, Neid, Rohheit ist? Werde ich nicht vernichtet werden?«

Das ist die unvermeidliche Frage, die ständig gestellt wird. Wenn Sie eine solche Frage aufwerfen, scheint es mir, daß Sie nicht wirklich friedfertig leben. Wenn Sie friedfertig leben, werden Sie überhaupt kein Problem haben. Sie mögen eingesperrt werden, weil Sie sich weigern, in die Armee einzutreten, oder Sie mögen erschossen werden, weil Sie nicht kämpfen wollen sei es darum: Selbst wenn Sie erschossen werden, sollte es für Sie kein Problem sein. Es ist außerordentlich wichtig, das zu verstehen.

Gewalt als eine Tatsache zu verstehen

Wir versuchen hier, die Gewalt als eine Tatsache zu verstehen, nicht als eine Idee, sondern als eine Tatsache, die im Menschen existent ist, und dieses menschliche Wesen bin ich selbst. Um in dieses Problem einzudringen, muß ich vollkommen ungeschützt und geöffnet sein. Ich muß mich vor mir selbst bloß stellen – nicht notwendigerweise vor Ihnen, weil Sie daran kein Interesse haben -, ich muß in einer geistigen Verfassung sein, in der ich danach trachte, dieses Problem bis ins letzte zu durchdringen; ich darf an keinem Punkte anhalten und sagen: »Ich mag nicht weitergehen.«

Es muß mir völlig klar sein, daß ich ein gewalttätiger Mensch bin. Ich habe Gewaltsamkeit und Heftigkeit in meinen Gefühlsregungen erlebt- im Ärger, in sexuellen Wünschen, im Hassen, indem ich Feindschaft schuf, in der Eifersucht und so fort. Ich habe sie erfahren, ich habe sie kennengelernt, und ich sage zu mir: »Ich möchte dieses ganze Problem verstehen, nicht nur ein Bruchstück, wie zum Beispiel den Krieg, sondern diese ganze Aggression im Menschen, die auch in den Tieren vorhanden ist, von denen ich ein Teil bin.«

Gewaltsamkeit besteht nicht nur darin, andere zu töten

Gewaltsamkeit besteht nicht nur darin, andere zu töten. Wir sind gewalttätig, wenn wir ein hartes Wort gebrauchen, wenn wir eine Geste machen, mit der wir einen Menschen abtun, wenn wir gehorchen, weil wir Angst haben. Gewalt liegt also nicht nur in organisierter Metzelei im Namen Gottes, im Namen der Gesellschaft oder eines Landes. Gewaltsamkeit ist viel subtiler und geht viel tiefer, und wir wollen ihre letzte Tiefe erforschen.

Wenn Sie sich als Inder oder Moslem oder Christ oder Europäer oder irgend etwas anderes bezeichnen, sind sie gewalttätig. Erkennen Sie, warum es so ist? Weil Sie sich von der übrigen Menschheit isolieren. Wenn Sie sich durch den Glauben, durch Nationalität, durch Tradition absondern, wird dadurch Gewalt erzeugt. Ein Mensch, der die Gewalt zu verstehen sucht, darf keinem Land, keiner Religion, keiner politischen Partei oder einem besonderen System angehören. Für ihn ist es allein wichtig, das Menschengeschlecht völlig zu verstehen.

Es gibt hinsichtlich der Gewalt zwei grundsätzliche Denkrichtungen. Die eine sagt, Gewalttätigkeit ist dem Menschen von Natur aus eigen, und die andere sagt, Gewalt ist das Ergebnis des sozialen und kulturellen Erbgutes, aus dem der Mensch lebt. Wir sind hier nicht daran interessiert, welcher Richtung wir angehören – das ist ohne Bedeutung. Wichtig ist allein die Tatsache, daß wir gewalttätig sind, nicht deren Ursache.

Eine der alltäglichen Äußerungen der Gewalt ist der Ärger.

Wenn meine Frau oder meine Schwester angegriffen wird, meine ich, daß ich mit Recht zornig bin. Wenn mein Land, meine Idee, meine Prinzipien, meine Lebensart angegriffen werden, fühle ich mich gleichermaßen berechtigt, aufgebracht zu sein. Ich bin auch ärgerlich, wenn meine Gewohnheiten oder meine nichtssagenden Meinungen angegriffen werden. Wenn Sie mir auf die Zehen treten oder mich beleidigen, werde ich böse, oder wenn Sie mit meiner Frau davonlaufen und ich eifersüchtig werde, wird diese Eifersucht als berechtigt betrachtet, weil die Frau mir gehört. Dieser ganze Ärger gilt als moralisch gerechtfertigt. Und wenn ich für mein Land töte, wird auch das gutgeheißen.

Wenn wir nun über den Ärger sprechen, der ein Teil der Gewalt ist, empfinden wir ihn dann je nach unseren Neigungen und den Umwelteinflüssen als berechtigt oder ungerechtfertigt, oder sehen wir nur den Ärger als solchen?

Gibt es überhaupt berechtigten Ärger?

Oder gibt es nur den Ärger?

Es gibt keinen guten oder schlechten Einfluß, sondern nur die Beeinflussung. Aber wenn Sie durch etwas beeinflußt werden, das Ihnen nicht paßt, nennen Sie es einen schlechten Einfluß.

In dem Augenblick, da Sie Ihre Familie schützen oder Ihr Land oder einen bunten Lappen, den man Flagge nennt, oder einen Glauben, eine Idee, ein Dogma, irgend etwas, wonach Sie verlangen und an das Sie sich klammern, verrät dieses Verhalten Ihre gewalttätigen Gefühle.

Fragen Sie sich Folgendes

Können Sie nun den Ärger anschauen ohne jede Erklärung oder Rechtfertigung, ohne zu sagen: »Ich muß meinen Besitz schützen«, oder: »Ich war mit Recht ärgerlich«, oder: »Wie dumm von mir, ärgerlich zu sein«?

Können Sie auf den Ärger schauen, als wäre er etwas für sich allein?

Können Sie darauf völlig objektiv schauen, das heißt, ohne ihn zu verteidigen oder ihn zu verurteilen? Können Sie das?

Kann ich Sie wirklich sehen, wenn ich Ihnen feindlich gesonnen bin oder wenn ich denke, was für ein prachtvoller Mensch Sie sind?

Ich kann Sie nur dann sehen, wenn ich mit einer gewissen Achtsamkeit auf Sie schaue, in der nichts dergleichen enthalten ist.

Kann ich nun auf den Ärger in der gleichen Weise schauen, das bedeutet, daß ich mich ihm preisgebe, daß ich mich ihm nicht widersetze, daß ich dieses ungewöhnliche Phänomen ohne jede Reaktion beobachte?

Ärger

Es ist schwer, sachlich auf den Ärger zu schauen, weil er ein Teil von mir ist; aber gerade das will ich zu tun versuchen. Hier bin ich, ein gewalttätiges menschliches Wesen, ganz gleich, ob schwarz, braun, weiß oder rot. Es kümmert mich nicht, ob ich diese Heftigkeit geerbt habe oder ob die Gesellschaft sie in mir hervorgebracht hat; es interessiert mich nur, ob es überhaupt möglich ist, von ihr freizukommen. Von der Gewalttätigkeit frei zu sein bedeutet für mich alles; es ist mir wichtiger als Sexualität, Nahrung, Stellung, denn in diesem Zustand verkomme ich.

Gewalttätigkeit

Die Gewalttätigkeit zerstört mich und zerstört die Welt, und ich wünsche sie zu verstehen, ich möchte darüber hinausgelangen. Ich fühle mich für den Zorn und die Gewalttätigkeit in der Welt verantwortlich. Ich fühle mich verantwortlich – das sind keine leeren Worte – , und ich sage mir: »Ich kann nur etwas dagegen tun, wenn ich selbst über den Ärger, über die Gewalttätigkeit, über den Nationalismus hinaus bin.« Und dieses tiefe Gefühl, daß ich die Gewalttätigkeit in mir verstehen muß, gibt mir gewaltige Vitalität und Leidenschaft für die Lösung dieses Problems.

Umjenseits der Gewalt zu sein, darf ich sie nicht unterdrükken, sie nicht ablehnen, darf ich nicht sagen: »Sie ist nun einmal ein Teil von mir, und damit basta«, oder: »Ich wünsche sie nicht.«

Ich muß auf sie schauen, ich muß sie erforschen, ich muß mit ihr vertraut werden, und das kann ich nicht, wenn ich sie verurteile oder rechtfertige. Aber dennoch verurteilen wir sie, rechtfertigen wir sie.

Darum sage ich: »Hören Sie zunächst einmal damit auf, sie zu verurteilen oder zu rechtfertigen.«

…und mehr Fragen

Wenn Sie aufhören wollen, gewalttätig zu sein, wenn Sie die Kriege zu beenden wünschen, wieviel Vitalität würden Sie dafür einsetzen, wie weit würden Sie sich selbst dafür zum Einsatz bringen?

Ist es denn für Sie bedeutungslos, daß Ihre Kinder getötet werden, daß Ihre Söhne in die Armee eintreten, wo sie drangsaliert und hingemordet werden?

Macht Ihnen das gar nichts aus?

Mein Gott, wenn Sie das nicht interessiert, wofür interessieren Sie sich dann?

Ihr Vermögen zu sichern?

Einen guten Tag zu leben?

Rauschmittel zu nehmen?

Sehen Sie nicht, daß das Gewalttätige, das in Ihnen ist, Ihre Kinder zerstört?

Oder sind das für Sie nur abstrakte Begriffe?

Sind Sie wirklich interessiert?

Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, das herauszufinden, seien Sie mit Geist und Herz dabei. Legen Sie nicht die Hände in den Schoß, sagen Sie nicht: »Gut, reden Sie über das alles mit uns.« Ich betone, daß Sie auf den Ärger und auf die Gewalt nicht mit Augen schauen dürfen, die verurteilen oder rechtfertigen, und daß Sie diese beiden Dinge nicht beseitigen können, wenn die Gewalttätigkeit für Sie nicht zu einem brennenden Problem wird. So müssen Sie zunächst lernen; Sie müssen lernen, wie Sie den Ärger, wie Sie Ihren Ehemann, Ihre Ehefrau, Ihre Kinder betrachten sollen, wie Sie den Politikern zuhören müssen.

Es muß Ihnen klar werden, warum Sie nicht objektiv sind, warum Sie verurteilen oder rechtfertigen. Sie müssen erkennen, daß Sie verurteilen oder rechtfertigen, weil es Teil ist der sozialen Struktur, in der Sie leben, Teil ist Ihres Bedingtseins als Deutscher oder Inder oder Neger oder Amerikaner oder, als was Sie sonst geboren sein mögen, mit all der geistigen Verhärtung, die dieses Bedingtsein zur Folge hat. Um etwas zu lernen, zu entdecken, müssen Sie die Fähigkeit haben, tief einzudringen.

Wenn Sie nur über ein stumpfes Werkzeug verfügen, können Sie nicht tief eindringen. Wir wollen darum das Instrument, das heißt unseren Geist, der durch dieses ständige Rechtfertigen und Verurteilen stumpf gemacht worden ist, schärfen. Sie können nur tief eindringen, wenn der Geist spitz wie eine Nadel und stark wie ein Diamant ist.

Wie kann ich das tun?

Es ist nicht gut, die Hände in den Schoß zu legen und zu fragen: »Wie kann ich zu einem solchen Geist kommen?«

Sie müssen danach verlangen, wie Sie nach Ihrer nächsten Mahlzeit verlangen. Und um das zu erreichen, müssen Sie erkennen, daß Ihr Geistträge und stumpf wird durch das Gefühl der Unanfechtbarkeit, das Mauern um sich aufgebaut hat und das Teil dieser Verurteilung und Rechtfertigung ist. Wenn der Geist davon frei sein kann, dann sind Sie fähig zu schauen, zu untersuchen, einzudringen und können vielleicht in einen Zustand gelangen, der des ganzen Problems völlig bewußt ist.

Lassen Sie uns nun auf das Hauptproblem zurückkommen: Ist es möglich, die Gewalt in uns gänzlich auszurotten?

Ihnen zu sagen: »Sie haben sich nicht verwandelt – warum nicht?« wäre eine Art von Gewalttätigkeit. Das tue ich nicht. Ich habe ganz und gar nicht im Sinn, Sie von irgend etwas zu überzeugen. Es geht um Ihr Leben, nicht um meines. Die Art, wie Sie leben, ist Ihre Angelegenheit. Ich frage, ob es einem Menschen, der innerlich irgendeiner Gesellschaft zugehört, möglich ist, die Gewalttätigkeit im Innern aufzuheben. Wenn es möglich ist, wird dieser Prozeß bewirken, in dieser Welt auf eine andere Art zu leben.

Gewalt als eine Gegebenheit

Die meisten Menschen haben die Gewalt als eine Gegebenheit des Lebens hingenommen. Zwei furchtbare Kriege haben uns nichts gelehrt; sie haben nur immer mehr Schranken zwischen den Menschen aufgerichtet – zwischen Ihnen und mir. Aber für diejenigen unter uns, die von der Gewalttätigkeit frei zu sein wünschen, stellt sich die Frage, wie das getan werden kann. Ich glaube nicht, daß irgend etwas durch Analyse erreicht werden kann – sei es Selbstanalyse oder eine fachmännisch durchgeführte.

Wir mögen in der Lage sein, uns geringfügig zu ändern, ein wenig ruhiger zu leben, mit etwas mehr Zuneigung, aber an sich wird uns die Analyse nicht zu einer umfassenden Wahrnehmung des Lebensprozesses verhelfen. Aber ich muß wissen, wie eine gründliche Untersuchung vorzunehmen ist, das heißt, daß mein Geist in diesem Prozeß außerordentlich scharfsinnig wird. Und dieser Scharfsinn, diese Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit werden zu einer umfassenden Wahrnehmung führen. Unsere Augen sind nichtfähig, das Ganze mit einem Blick zu erfassen; die Ungetrübtheit des Auges ist nur möglich, wenn man die Einzelheiten mit voller Klarheit und gänzlich unvoreingenommen sehen kann – und das ist der Sprung in das andere Leben.

Gewaltlosigkeit

Um sich von der Gewalttätigkeit zu befreien, haben manche Menschen eine Vorstellung, ein Ideal zu Hilfe genommen, das sie Gewaltlosigkeit nennen, und sie glauben, durch das Ideal der Nichtgewalt als Gegensatz zur Gewalt könnten sie sich von dem Faktum der Gewalt befreien – aber sie können es nicht! Wir haben Ideale ohne Zahl gehabt, alle heiligen Bücher sind voll davon, doch wir sind weiterhin gewalttätig. Warum also beschäftigen wir uns nicht mit der Gewalt selbst und vergessen das Wort ganz und gar?

Wenn Sie den Wunsch haben, die Wirklichkeit zu verstehen, müssen Sie ihr Ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden, Ihre ganze Energie. Diese Aufmerksamkeit und Energie werden zerstreut, wenn Sie eine ideale Welt schaffen, die nicht den Tatsachen entspricht. Können Sie das Ideal vollkommen verbannen? Der Mensch, der wirklich ernsthaft ist und den Drang hat herauszufinden, was die Wahrheit ist, was Liebe ist, hat keine festgelegten Vorstellungen. Er lebt nur mit dem, was ist.

Ärger als Tatsache

Um Ihren Ärger als Tatsache zu erforschen, dürfen Sie kein Urteil über ihn fällen. In dem Augenblick, da Sie sich seinen Gegensatz vorstellen, verurteilen Sie den Ärger und können darum nicht sehen, wie er tatsächlich ist. Wenn Sie sagen, daß Sie jemanden nicht leiden können oder ihn hassen, ist das eine Tatsache, obgleich es sich schrecklich anhört. Wenn Sie darauf hinschauen und das Gefühl bis in die letzte Tiefe erforschen, löst es sich auf. Wenn Sie aber sagen: »Ich darf nicht hassen, mein Herz muß voller Liebe sein«, dann leben Sie in einer heuchlerischen Welt mit zweierlei Maßstäben.

Ganz in der Fülle des Augenblicks zu leben heißt, mit dem zu leben, was ist, mit dem Tatsächlichen, dem Gegenwärtigen, ohne ein Gefühl des Verdammens oder der Rechtfertigung – dann verstehen Sie es so völlig, daß es von Ihnen abfällt. Wenn Sie klar sehen, ist das Problem gelöst.

Aber können Sie die Tatsache der Gewaltsamkeit klar sehen – das Antlitz der Gewalt nicht nur draußen, sondern in Ihnen selbst? Das würde bedeuten, daß Sie von der Gewalt vollkommen frei sind, weil Sie keine Ideologie zu Hilfe genommen haben, um davon frei zu kommen.

Das bedarf tiefer Meditation, nicht nur einer Zustimmung oder Ablehnung mit Worten.

Was haben Sie verstanden?

Sie haben nun eine Reihe von Darlegungen gelesen, aber haben Sie wirklich verstanden?

Ihre Voreingenommenheit, Ihre Lebensart, die Struktur der Gesellschaft, in der Sie leben, verhindern Sie daran, eine Tatsache anzuschauen und unmittelbar und gänzlich davon frei zu sein. Sie sagen: »Ich will darüber nachdenken; ich will überlegen, ob es möglich ist, von der Gewalt frei zu sein oder nicht. Ich will versuchen frei zu sein.« Dieses »Ich will versuchen« ist das Schrecklichste, was Sie sagen können. Es gibt kein Versuchen, Sie können nicht Ihr Bestes tun wollen. Entweder Sie tun es, oder Sie tun es nicht! Sie operieren noch mit der Zeit, während das Haus schon brennt. Das Haus brennt als Folge der Gewalt in der ganzen Welt und in Ihnen, und Sie sagen: »Lassen Sie mich darüber nachdenken, welche Ideologie die beste ist, das Feuer zu löschen.«

Wenn das Haus in Flammen steht, argumentieren Sie dann über die Haarfarbe des Menschen, der das Wasser bringt?

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