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Laufe der Zeit

Was ist Zeit?

Wir glauben, daß sich in uns im Laufe der Zeit eine Wandlung vollziehen kann, daß nach und nach eine innere Ordnung geschaffen werden kann und daß wir Tag für Tag dazu beitragen können. Aber die Zeit bringt keine Ordnung und keinen Frieden. Darum müssen wir aufhören, an ein stufenweises Fortschreiten zu glauben. Das bedeutet, daß es für uns kein Morgen gibt, um darin friedvoll zu leben. Wir müssen augenblicklich friedlich sein.

Im Augenblick einer wirklichen Gefahr verschwindet die Zeit, nicht wahr?

Dann handeln wir unmittelbar. Aber wir sehen nicht, wie unheilvoll viele unsere Probleme sind, und erfinden daher die Zeit als ein Mittel, ihrer Herr zu werden. Die Zeit ist ein Betrüger, denn sie tut nichts, uns zu einer inneren Wandlung zu verhelfen. Die Zeit ist eine Bewegung, die der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingeteilt hat, und solange er sie einteilt, wird er immer in Konflikt leben.

Ist Lernen eine Frage der Zeit?

Nach Tausenden von Jahren haben wir noch immer nichtgelernt, daß es eine bessere Art des Lebens gibt, als einander zu hassen und zu töten. Es ist äußerst wichtig, das Problem der Zeit zu verstehen, wenn wir dieses Leben verwandeln wollen, das durch unser Dazu tun so monströs und sinnlos geworden ist, wie wir es heute vor uns haben.

Als erstes müssen wir verstehen, daß wir die Zeit nur mit jener Frische und Unschuld des Geistes betrachten dürfen, über die wir bereits gesprochen haben. Unsere vielen Probleme verwirren uns, und in dieser Verwirrung finden wir uns nicht mehr zurecht. Nun, wenn man sich in einem Walde verirrt hat, was tut man da als erstes? Man bleibt stehen, nicht wahr? Man bleibt stehen und schaut sich um.

Aber je verwirrter unser Leben ist und je mehr wir uns darin verirrt haben, um so mehr jagen wir herum, suchen, fragen, fordern, bitten. Ich möchte also als erstes vorschlagen, daß Sie innerlich vollkommen stillhalten. Wenn Sie das tun, wird der Geist sehr friedlich und klar. Dann können Sie das Problem der Zeit wirklich betrachten.

Probleme existieren nur in der Zeit, nämlich dann, wenn wir einer Sache unzureichend begegnen. Dieses unvollkommene Zusammentreffen mit einer Gegebenheit schafft das Problem. Wenn wir einer Herausforderung nur teilweise, bruchstückhaft begegnen oder ihr auszuweichen versuchen, das heißt, wenn wir ihr nicht mit ganzer Aufmerksamkeit gegenüberstehen, schaffen wir ein Problem. Und das Problem besteht so lange weiter, wie wir fortfahren, ihm unzureichende Beachtung zu schenken, solange wir hoffen, es eines schönen Tages lösen zu können.

Wissen Sie, was Zeit ist?

Nicht die Uhrzeit, nicht die chronologische Zeit, sondern die psychologische Zeit. Sie ist das Intervall zwischen Idee und Handlung. Eine Idee dient offensichtlich dem Selbstschutz; sie ist die Vorstellung, gesichert zu sein. Handlung ist immer unmittelbar; sie gehört nicht der Vergangenheit und nicht der Zukunft an. Handlung vollzieht sich immer in der Gegenwart; aber Handlung ist so gefährlich, so ungewiß, daß wir uns nach einer Idee ausrichten, von der wir hoffen, daß sie uns eine gewisse Sicherheit geben wird.

Betrachten Sie diesen Vorgang in sich selber. Sie haben eine Vorstellung davon, was richtig oder falsch ist, oder ein ideologisches Konzept über sich und die Gesellschaft, und nach dieser Idee schicken Sie sich an zu handeln. Die Handlung stimmt mit der Idee überein, sie gleicht sich der Idee an, und dadurch entsteht immer Konflikt. Da ist die Idee, das Intervall und die Handlung. Und in diesem Intervall liegt der ganze Bereich der Zeit. Dieses Intervall besteht im wesentlichen aus dem Denken.

Wenn Sie glauben, daß Sie morgen glücklich sein werden, dann haben Sie die Vorstellung, daß Sie diesen Zustand im Laufe der Zeit erreichen werden. Der Gedanke, der beobachtet und wünscht und der dieses Wünschen durch das Denken weiter in Gang hält, sagt: »Morgen werde ich glücklich sein. Morgen werde ich Erfolg haben. Morgen wird diese Welt schön sein.« So erzeugt das Denken das Intervall, die Zeit.

Können wir der Zeit Einhalt gebieten?

Können wir so vollkommen leben, daß es kein Morgen gibt, mit dem sich das Denken beschäftigen kann? Denn Zeit ist Leid. Das heißt, gestern oder vor langer Zeit liebten Sie oder hatten einen Gefährten, der gestorben ist; die Erinnerung daran bleibt, und Sie denken über die vergangenen Freuden und Schmerzen nach – Sie schauen zurück. Sie wünschen, hoffen, trauern, das Denken grübelt ständig darüber nach und erzeugt das, was wir Leid nennen, und läßt es zeitlich fortbestehen.

Solange dieses durch den Gedanken erzeugte Zeitintervall besteht, muß es Leid geben, muß die Furcht andauern. So fragt man sich, ob dieses Intervall aufhören kann. Wenn Sie sagen: »Wird es jemals aufhören?«, dann ist es bereits eine Idee, etwas, das Sie zu erreichen wünschen, und damit haben Sie ein Intervall und sind von neuem gebunden.

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