konflikt

Konflikt

Fragender: Ich befinde mich in einem vielfachen Konflikt mit allem, was um mich ist; und auch in mir ist alles in Konflikt. Die Menschen haben von einer göttlichen Ordnung gesprochen; die Natur ist harmonisch. Der Mensch scheint das einzige Tier zu sein, das diese Ordnung verletzt und so viel Elend verursacht – für andere und für sich selbst. Wenn ich am Morgen aufwache, sehe ich von meinem Fenster aus kleine Vögel miteinander kämpfen, aber bald trennen sie sich und fliegen davon, während ich diesen Kampf mit mir und mit anderen ständig in mir trage; da gibt es kein Entrinnen. Ich möchte wissen, ob ich jemals in Frieden mit mir leben kann. Ich muss sagen, dass ich mich gerne in völliger Harmonie mit allem um mich und mit mir selbst befinden möchte. Wenn man von diesem Fenster aus die ruhige See und das Licht auf dem Wasser sieht, hat man das tiefe Gefühl, dass es eine Lebensweise ohne diesen endlosen Streit mit sich und der Welt geben muss. Gibt es überhaupt irgendwo Harmonie, oder gibt es nur ewige Unordnung? Wenn es Harmonie gibt, auf welcher Ebene kann sie vorhanden sein? Oder existiert sie nur auf dem Gipfel eines Berges, von dem die heißen Täler niemals etwas wissen können?

Krishnamurti: Kann man von dem einen zum anderen gehen? Kann man das, was ist, in das verwandeln, was nicht ist? Kann Disharmonie in Harmonie umgewandelt werden?

Fragender: Ist denn Konflikt notwendig? Im Grunde genommen mag er vielleicht die natürliche Ordnung der Dinge sein.

Krishnamurti: Wenn man das annähme, würde man alles akzeptieren müssen, wofür die Gesellschaft einsteht: Kriege, ehrgeiziger Wettstreit, eine aggressive Lebensführung – die ganze brutale Gewalttätigkeit des Menschen innerhalb und außerhalb seiner so genannten heiligen Stätten. Ist das natürlich? Wird das eine Einheit hervorbringen? Wäre es nicht besser für uns, diese beiden Tatsachen eingehend zu betrachten: die Tatsache des Konfliktes mit all seinen komplizierten Kämpfen und die Tatsache, dass der Mensch nach Ordnung, Harmonie, Frieden, Schönheit, Liebe verlangt?

Fragender: Ich weiß nichts über Harmonie. Ich sehe sie am Firmament, in den Jahreszeiten, in der mathematischen Ordnung des Universums. Aber das schafft im eigenen Geist und Herzen keine Ordnung. Die absolute Ordnung der Mathematik ist nicht meine Ordnung. In mir ist keine Ordnung, ich bin im Zustand tiefer Unordnung. Ich weiß, dass es verschiedene Theorien gibt über eine allmähliche Evolution hin zu der so genannten Vollkommenheit politischer Utopien und religiöser Himmel, aber das belässt mich da, wo ich tatsächlich bin. Die Welt mag vielleicht von jetzt an in zehntausend Jahren vollkommen sein, aber in der Zwischenzeit lebe ich in der Hölle.

Krishnamurti: Wir sehen die Unordnung in uns und in der Gesellschaft. Beide sind sehr komplex. Da gibt es wirklich keine Antworten. Man kann das alles sehr sorgfältig prüfen, es genau analysieren, nach den Ursachen der Unordnung in sich und in der Gesellschaft Ausschau halten, sie dem Licht aussetzen und vielleicht glauben, dass man sich von ihnen befreien wird. Durch diesen analytischen Prozess gehen die meisten Menschen, intelligent oder geistlos, doch bringt es niemanden sehr weit. Der Mensch hat sich seit Jahrtausenden analysiert und nichts als Literatur hervorgebracht! Die vielen Heiligen haben sich in Vorstellungen und ideologischen Gefängnissen paralysiert; sie leben auch in Konflikt. Die Ursache unseres Konfliktes ist die unaufhörliche Dualität des Wünschens, der endlose Korridor der Gegensätze, die Neid, Gier, Ehrgeiz, Aggression, Furcht und alles übrige hervorrufen. Nun möchte ich gern wissen, ob es nicht eine gänzlich andere Einstellung zu diesem Problem gibt. Die Hinnahme dieses Kampfes und unsere ganzen Anstrengungen, um da herauszukommen, sind zur Tradition geworden. Die ganze Einstellung ist traditionsgebunden. In dieser traditionellen Art operiert der Mensch, aber wie wir sehen, wird dadurch nur mehr Unordnung geschaffen. So ist das Problem nicht, wie wir die Unordnung beenden können, sondern vielmehr, ob der Geist, von der Tradition befreit, auf diese Unordnung schauen kann. Und dann mag es überhaupt kein Problem geben.

Fragender: Ich vermag Ihnen überhaupt nicht zu folgen.

Krishnamurti: Da ist die Tatsache der Unordnung. Darüber gibt es keinen Zweifel: das ist eine wirkliche Tatsache. Die traditionelle Einstellung auf diese Tatsache ist, sie zu analysieren, zu versuchen, die Ursache zu entdecken und sie zu überwinden oder ihren Gegensatz zu erfinden und dafür zu kämpfen. Das ist die traditionelle Einstellung mit ihren Vorschriften, ihrem Drill, ihren Kontrollen, Unterdrückungen, Sublimierungen. Der Mensch hat das seit vielen Jahrtausenden getan; es hat nirgendwohin geführt. Können wir diese Einstellung völlig aufgeben und gänzlich anders auf das Problem schauen – das heißt, ohne den Versuch, darüber hinauszugelangen oder es zu lösen oder es zu überwinden oder davor zu fliehen? Kann der Mensch das tun?

Fragender: Vielleicht …

Krishnamurti: Antworten Sie nicht so schnell! Das ist eine gewaltige Frage, die ich Ihnen stelle. Seit dem Anfang der Zeiten hat der Mensch versucht, mit seinen Problemen dadurch fertig zu werden, dass er entweder darüber hinausging, sie löste, sie überwand oder vor ihnen floh. Glauben Sie bitte nicht, Sie könnten das alles so leicht beiseite stoßen, einfach durch eine verbale Zustimmung; daraus besteht ja die eigentliche Struktur des menschlichen Geistes. Kann sich der Mensch nun, wenn er das alles nicht nur dem Worte nach versteht, tatsächlich von der Tradition befreien? Der traditionelle Weg, mit dem Konflikt fertig zu werden, löst ihn niemals, sondern fügt nur mehr Konflikt hinzu. Wenn ich gewalttätig bin – und das bedeutet Konflikt –, führe ich durch den Versuch, nicht gewalttätig zu werden, einen zusätzlichen Konflikt herbei. Jede soziale Moral und alle religiösen Vorschriften sind dieser Art. Verstehen wir uns?

Fragender: Ja!

Krishnamurti: Sehen Sie nun, wie weit wir gekommen sind? Welches ist jetzt der tatsächliche Zustand des Geistes, nachdem wir durch Verständnis alle traditionellen Einstellungen verworfen haben? Denn der Zustand des Geistes ist weit wichtiger als der Konflikt selbst.

Fragender: Ich weiß es wirklich nicht.

Krishnamurti: Warum wissen Sie es nicht? Warum sind Sie des Zustandes Ihres Geistes nicht gewahr, wenn Sie tatsächlich die traditionelle Einstellung aufgegeben haben? Warum wissen Sie es nicht? Entweder Sie haben sie aufgegeben, oder Sie haben es nicht getan. Wenn Sie es getan haben, würden Sie es wissen. Wenn Sie sie aufgegeben haben, dann kann Ihr unschuldig gewordener Geist auf dieses Problem schauen. Sie können auf das Problem schauen, als geschähe es zum ersten Mal. Und wenn Sie es tun, gibt es dann überhaupt noch das Problem des Konflikts? Weil Sie mit den alten Augen auf das Problem schauen, wird es nicht nur verstärkt, sondern bewegt sich weiter auf seinem ausgetretenen Pfad. Wichtig ist also, wie Sie auf das Problem schauen, ob Sie es mit neuen oder alten Augen tun. Die neuen Augen sind von den beschränkten Reaktionen auf das Problem befreit. Schon das Problem durch Wiedererkennen zu benennen, bedeutet, sich ihm in der traditionellen Art zu nähern. Rechtfertigung, Verdammung oder die Übertragung des Problems in Begriffe von Lust und Leid gehören alle zu dieser gewohnheitsmäßigen, traditionellen Einstellung, etwas dafür zu tun. Das wird im allgemeinen positive Handlung in Bezug auf das Problem genannt. Aber wenn der Geist das alles beiseite fegt, weil es unwirksam, unintelligent ist, dann ist er in hohem Maße sensitiv geworden, voller Ordnung und frei.

Fragender: Sie verlangen zu viel von mir; ich kann es nicht tun. Ich bin dazu unfähig. Sie verlangen von mir, übermenschlich zu sein!

Krishnamurti: Sie schaffen sich selbst Schwierigkeiten, blockieren sich, wenn Sie sagen, Sie müssten übermenschlich werden. Es ist nichts dergleichen. Sie schauen weiterhin auf die Dinge mit Augen, die sich einmischen wollen, die etwas für das tun wollen, was die Augen sehen. Hören Sie auf, irgend etwas in dieser Richtung zu tun, denn was immer Sie auch tun, es gehört zu der traditionellen Einstellung. Das ist alles. Seien Sie einfach. Das ist das Wunder der Wahrnehmung – wahrzunehmen mit einem Herzen und einem Geist, die vollkommen gereinigt sind von der Vergangenheit. Negation ist die positivste Handlung.

Aus: Frei Sein Kapitel 6

FRAGESTELLER: Ich bin im Konflikt wegen so vieler Dinge, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Mit den äußeren Konflikten werde ich irgendwie fertig, aber ich möchte wissen, wie ich den Konflikt, den Kampf, der sich fast unaufhörlich in meinem Innern abspielt, beenden kann.

Ich möchte damit fertig werden, ich möchte irgendwie von dem ganzen Zwiespalt frei werden. Was soll ich tun?

Manchmal habe ich das Gefühl, der Konflikt ist unvermeidlich. Ich sehe ihn in dem Kampf ums Überleben, der Große lebt von den Kleinen, der größere Intellekt beherrscht die kleineren, eine Glaubensrichtung unterdrückt, verdrängt eine andere, eine Nation regiert die andere, und so geht es endlos weiter. Ich sehe das und akzeptiere es, aber irgendwie scheint es mir nicht richtig zu sein; es scheint keine Liebe darin zu sein, und ich habe das Gefühl, wenn ich diesen Kampf in mir selbst beenden könnte, dann könnte daraus Liebe entstehen. Aber ich bin so unsicher, so verwirrt wegen der ganzen Sache. Alle großen Lehrer haben behauptet, man müsse kämpfen, der Weg zur Wahrheit, zu Gott erfordere Disziplin, Kontrolle und Opfer. In einer oder anderer Form wird dieser Kampf glorifiziert. Und jetzt sagen Sie, daß Konflikt die eigentliche Wurzel der Unordnung sei. Woher soll ich wissen, was die Wahrheit in Bezug auf Konflikt ist?

KRISHNAMURTI: Konflikt in jeglicher Form beschädigt den Geist. Das ist eine Tatsache, nicht eine gedankenlos vorgebrachte Meinung oder Wertung. Jeder Konflikt zwischen zwei Menschen verhindert die Verständigung zwischen ihnen. Konflikt verhindert die Wahrnehmung. Das einzig Wichtige ist zu verstehen, was ist, nicht die Formulierung dessen, was sein sollte. Diese Trennung zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, ist der Ursprung des Konflikts. Auch der Abstand zwischen Idee und Handeln führt zu Konflikt. Die Tatsache und das Ideal sind zwei verschiedene Dinge: Die Jagd nach dem Ideal führt zu jeglicher Form von Konflikt, Illusion und Heuchelei, während das Verstehen dessen, was ist, des einzigen, was wir wirklich haben, zu einem ganz anderen Geisteszustand führt.

Widerstreitende Kräfte führen Konflikt herbei; ein Wille, der sich einer anderen Form des Verlangens widersetzt, bedeutet Konflikt. Die Erinnerung an Gewesenes im Gegensatz zu dem, was ist, bedeutet Konflikt; und dieser ist an Zeit gebunden. Werden, erreichen, ist Konflikt, und auch dieser ist zeitgebunden. Nachahmung, Gleichschaltung, Gehorsam, ein Gelübde ablegen, bereuen, unterdrücken -all das führt mehr oder weniger zu Konflikt. Die ganze Struktur des Gehirns, die nach Sicherheit, Geborgenheit verlangt, die Gefahr wittert, ist die Quelle des Konflikts. Es gibt nicht so etwas wie Sicherheit oder Dauerhaftigkeit. Unser ganzes Sein, unsere Beziehungen, Aktivitäten, Gedanken, unsere Lebensweise erzeugen Kampf, Konflikt, Streit.

Und jetzt fragen Sie mich, wie man das alles beenden kann. Der Heilige, der Mönch oder der Sannyasin versuchen, sich dem Konflikt zu entziehen, aber sie leben dennoch im Konflikt. Wie wir wissen, sind alle Beziehungen Konflikt – Konflikt zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit. Es gibt keine Beziehung zwischen zwei Menschen, nicht einmal zwischen den zwei Bildern, die sie sich voneinander gemacht haben. Jeder lebt in seiner eigenen Isolation, und die Beziehung erlaubt nur einen Blick über die Trennwand. Wohin man auch schaut, oberflächlich oder ganz in die Tiefe, sieht man diese Agonie von Kampf und Schmerz. Der ganze Bereich des Geistes – mit seinen Hoffnungen, seiner Sehnsucht nach Wandlung, in seinem Hinnehmen dessen, was ist, und seinem Wunsch, darüber hinauszugelangen -, all das ist seiner Natur nach Konflikt. Also lebt der Geist selbst im Konflikt. Denken bedeutet Konflikt, und wenn das Denken sagt: „Ich will nicht denken”, dann ist das auch Konflikt. Alle Aktivität des Geistes und der Gefühle, die auch ein Bestandteil des Geistes sind, ist Konflikt. Wenn Sie fragen, wie Sie den Konflikt beenden können, dann fragen Sie eigentlich, wie Sie aufhören können zu denken, wie Ihr Geist betäubt werden kann, um still zu sein.

FRAGESTELLER: Aber ich will keinen betäubten, dummen Geist. Ich will, daß er höchst aktiv, energisch und leidenschaftlich ist. Muß der Geist denn entweder betäubt sein oder in Konflikt leben?

KRISHNAMURTI: Sie wollen aktiv, energisch, leidenschaftlich sein, und doch wollen Sie den Konflikt beenden?

FRAGESTELLER: Genau, denn wenn ein Konflikt herrscht, ist er weder aktiv noch leidenschaftlich. Wenn ein Konflikt da ist, dann ist das, als sei der Geist von seiner eigenen Aktivität verwundet worden, und er verliert seine Sensibilität.

KRISHNAMURTI: Jetzt wird klar, daß Konflikt die Leidenschaft, Energie und Sensibilität zerstört.

FRAGESTELLER: Sie brauchen mich nicht davon zu überzeugen, ich weiß es, aber es bringt mich nicht weiter.

KRISHNAMURTI: Was meinen Sie mit Wissen?

FRAGESTELLER: Ich meine, daß offensichtlich wahr ist, was Sie sagen. Aber es bringt einen nicht weiter.

KRISHNAMURTI: Sehen Sie das als Wahrheit, oder sehen Sie nur die verbale Struktur – sehen Sie die Tatsache oder die Erklärung? Wir müssen uns darüber ganz im klaren sein, denn die Erklärung ist nicht die Tatsache, die Beschreibung ist nicht das Beschriebene; und wenn Sie sagen „Ich weiß”, dann verstehen Sie vielleicht nur die Beschreibung.

FRAGESTELLER: Nein.

KRISHNAMURTI: Bitte seien Sie nicht so schnell und ungeduldig. Wenn die Beschreibung nicht das Beschriebene ist, dann ist nur das Beschriebene da. Das Beschriebene ist die Tatsache, diese Tatsache: Leidenschaft, Sensibilität und Energie sind verloren, wenn ein Konflikt besteht, und Konflikt ist alles Denken und Fühlen, ist alles, was den Geist ausmacht. Der Geist besteht aus Mögen und Nicht-Mögen, Urteil, Vorurteil, Verdammen, Rechtfertigen und so weiter. Und eine sehr wichtige Aktivität des Geistes ist die Beschreibung, in der er stecken bleibt. Der Geist sieht seine eigene Beschreibung und bleibt in ihr stecken und denkt, er sieht die Tatsache, während er sich in Wirklichkeit in seiner eigenen Bewegung verfangen hat. Wo stehen wir also jetzt, wenn nur da ist, was ist, und nicht die Beschreibung?

Sind es nicht die Aktivitäten des Geistes, die ihn dazu bringen, gegen sich selbst zu arbeiten? Wenn ja, dann bedeutet das mehr Konflikt, und Sie bleiben für immer in diesem Teufelskreis. Die richtige Frage ist also nicht, wie man den Konflikt beendet, sondern wie man die Wahrheit sieht, daß dort, wo Leidenschaft und Sensibilität sind, kein Konflikt besteht. Verstehen Sie das?

FRAGESTELLER: Ja.

KRISHNAMURTI: Dann brauchen Sie sich also nicht mehr um das Beenden des Konflikts zu kümmern, er wird verschwinden. Aber er wird nicht verschwinden, solange das Denken ihn nährt. Wichtig sind nur Leidenschaft und Sensibilität, nicht das Beenden des Konflikts.

FRAGESTELLER: Das verstehe ich, aber das bedeutet nicht, daß ich die Leidenschaft habe; es bedeutet nicht, daß ich den Konflikt beendet habe.

KRISHNAMURTI: Wenn Sie das wirklich sehen, dann ist allein der Akt des Sehens bereits Leidenschaft, Sensibilität, Energie. Und in diesem Sehen ist kein Konflikt.

Aus: Liebe gleicht dem Duft der Rose – J. Krishnamurti

»Der Konflikt zwischen These und Antithese ist unvermeidlich und sogar notwendig. Er führt zur Synthese, aus der wiederum eine These mit ihrer entsprechenden Antithese hervorgeht und so weiter. Konflikt geht nie zu Ende, und durch Konflikt allein können Wachstum und Fortschritt kommen.«

J.K. Führt Konflikt je zum Verständnis unserer Probleme oder zu Wachstum und Fortschritt? Ist nicht Konflikt gerade seinem Wesen nach ein zersetzender Faktor, selbst wenn er mitunter nebensächliche Verbesserungen zur Folge hat? Warum betonen Sie, dass Konflikt wesentlich sei?

»Wir wissen, dass wir auf allen Ebenen unseres Daseins Konflikte haben; warum sollen wir das ableugnen oder die Augen davor verschließen?«

J.K. Man ist sicherlich nicht blind gegen seine beständigen inneren und äußeren Kämpfe. Wenn ich aber fragen darf: warum betonen Sie deren Notwendigkeit so stark?

»Konflikt lässt sich nicht verleugnen. Er ist ein Teil unseres menschlichen Wesens, und wir benutzen ihn als Mittel zum Zweck, wobei unser Zweck das Schaffen der rechten Umgebung für den Einzelnen ist. Wir arbeiten auf dieses Ziel hin und bedienen uns aller Mittel, um es herbeizuführen. Ehrgeiz und Konflikt liegen im Wesen des Menschen und können für oder gegen ihn angewandt werden. Durch Konflikt schreiten wir zu größeren Dingen fort.«

J.K. Was verstehen Sie unter Konflikt? Konflikt zwischen …?

»Zwischen dem, was war, und dem, was sein wird.«

J.K. Das, ›was sein wird‹, ist unsere künftige Reaktion auf das, was war und ist. Unter Konflikt verstehen wir den Streit zwischen zwei einander entgegengesetzten Ideen. Kann aber Widerstand in irgendwelcher Form zum Verständnis beitragen? Wann tritt Verständnis für ein Problem ein?

»Es gibt Konflikte zwischen Klassen, Nationen und Ideen. Konflikt ist Gegenüberstellung, Widerstand infolge von Unwissenheit über bestimmte, grundlegende, historische Tatsachen. Durch Widerstand entsteht Wachstum, Fortschritt, ja unser gesamter Lebensvorgang.«

J.K. Wir wissen, dass Konflikte auf allen Ebenen unseres Daseins vorkommen, es wäre töricht, das zu leugnen. Ist aber Konflikt notwendig? Das haben wir bisher immer angenommen oder mit List und Schlauheit verteidigt. In der Natur hat Konflikt vielleicht eine ganz andere Bedeutung, und bei den Tieren besteht er womöglich in der Art, wie wir ihn kennen, überhaupt nicht. Doch für uns ist Konflikt zu einem höchst bedeutenden Faktor geworden. Warum hat er aber so große Bedeutung in unserem Leben? Wettbewerb und Ehrgeiz, die Anstrengung, etwas zu werden oder nicht zu werden, der Wille, etwas zu erreichen, und so weiter – das sind alles Bestandteile unserer Konflikte. Warum lassen wir sie als so wesentlich in unserem Leben gelten? Das bedeutet andrerseits noch nicht, dass wir Trägheit billigen sollen. Weshalb ertragen wir aber innere und äußere Konflikte? Sind sie zum Verstehen oder Lösen unserer Probleme notwendig? Sollten wir nicht lieber, anstatt immer zu verteidigen oder abzuleugnen, untersuchen? Sollten wir nicht danach trachten, die Wahrheit herauszufinden, und nicht nur an unseren Meinungen und Schlussfolgerungen festhalten?

»Wie kann man ohne Kampf von einer Gesellschaftsform zur anderen fortschreiten? Die besitzende Klasse wird ihren Reichtum niemals freiwillig aufgeben, man muss sie dazu zwingen, und der Kampf darum wird eine neue Gesellschaftsordnung, eine neue Lebensweise herbeiführen. Auf friedliche Art lässt sich das nicht erreichen. Wenn wir auch nicht gern Gewalt anwenden, so müssen wir doch den Tatsachen ins Auge sehen.«

J.K. Sie glauben, Sie allein wüssten, wie die neue Gesellschaft aussehen sollte, und niemand sonst; nur Sie seien im Besitz eines so außergewöhnlichen Wissens, und Sie sind daher bereit, alle, die Ihnen im Wege stehen, umzubringen. Eine solche Handlungsweise, die Sie für erforderlich halten, führt aber nur zu Widerstand und Hass, denn Ihr Wissen ist nichts als ein neues Vorurteil, eine andere Form der Bedingtheit. Die historischen Studien, die Sie oder Ihre Führer gemacht haben, werden auf besondere Weise ausgelegt, und das bestimmt Ihre Reaktion, die Sie dann den neuen Zugang oder die neue Ideologie nennen. Alle Reaktionen unseres Denkens sind bedingt, und wenn man eine Revolution, die auf einem Gedanken oder einer Idee beruht, herbeiführen will, verlängert man nur den veränderten Zustand dessen, was bestand. Sie sind alle Ihrem Wesen nach Reformatoren und keine wahren Revolutionäre. Eine Reformation oder Revolution, die sich auf Ideen gründet, wirkt rückschrittlich auf die Gesellschaft.

Sagten Sie nicht, dass der Kampf zwischen These und Antithese notwendig sei, und dass ein solcher Konflikt der Gegensätze die Synthese hervorbringe?

»Der Kampf zwischen unserer heutigen Gesellschaftsform und ihrem Gegensatz muss am Ende durch den Druck historischer Ereignisse eine neue Gesellschaftsordnung zur Folge haben.«

J.K. Ist ein Gegensatz anders oder abweichend von dem, was ist} Wie entsteht der Gegensatz? Ist er nicht eine Abart der Projektion dessen, was ist? Sind nicht in jeder Antithese die Bestandteile ihrer eigenen These enthalten? These und Antithese sind nicht sehr verschieden voneinander, und die Synthese ist immer noch eine Abart der These. Mag die These auch zeitweise eine andere Färbung annehmen, mag sie verändert, verbessert, den Umständen und dem Druck gemäß neu gestaltet werden, so bleibt sie doch immer These. Der Kampf zwischen den Gegensätzen ist durchaus verderblich und ganz töricht. Man kann mit dem Verstande oder mit Worten alles beweisen oder widerlegen, aber das wird niemals bestimmte, unverkennbare Tatsachen ändern können. Die heutige Gesellschaft ist auf der Gewinnsucht des Einzelnen aufgebaut, und das Gegenteil hiervon, mit der sich ergebenden Synthese, wird als die neue Gesellschaft bezeichnet. In Ihrer neuen Gesellschaft steht die Gewinnsucht des Staates der des Einzelnen gegenüber, und der Staat ist die regierende Klasse; damit hat der Staat die höchste Bedeutung und nicht mehr der Einzelne. Sie behaupten nun, dass aus einer solchen Antithese schließlich eine Synthese kommen könne, und der einzelne Mensch wieder wichtig sein werde. Das ist eine Zukunftsphantasie, ein Ideal, eine Projektion des Denkens und deshalb nichts als eine Reaktion des Gedächtnisses oder der Bedingtheit. In der Tat laufen wir in einem bösen Kreise herum ohne Ausweg! Und solchen Konflikt, solchen Kampf innerhalb unseres Denkkäfigs nennen Sie dann Fortschritt.

»Wollen Sie damit sagen, dass alles so bleiben muss, wie es ist, mit der Ausbeutung und Verderbtheit unserer heutigen Gesellschaft?«

J.K. Durchaus nicht. Doch Ihre Revolution ist keine Revolution, sie bedeutet nichts als den Übergang der Macht von einer Gruppe zur andern und das Ersetzen einer Klasse durch eine andere. Ihre Revolution ist nur ein anderes Gebäude, aus demselben Material gefügt und innerhalb desselben grundlegenden Schemas. Es gibt jedoch eine radikale Wandlung, die keinen Konflikt darstellt und nicht auf dem Denken mit seinen ich-haften Projektionen, Idealen, Dogmen und Utopien beruht. Solange wir aber noch glauben, wir könnten dies in jenes verwandeln, mehr oder weniger werden oder ein Ziel erreichen, kann keine grundlegende Umwandlung stattfinden.

»Solche Revolution ist undenkbar. Schlagen Sie das ernsthaft vor?«

J.K. Es ist die einzige Revolution, die einzig grundlegende Wandlung.

»Wie stellen Sie sich vor, dass man sie herbeiführen könne?«

J.K. Indem man das Falsche als falsch erkennt und die Wahrheit im Falschen sieht. Zweifellos müssen die Beziehungen von Mensch zu Mensch eine grundsätzliche Umwandlung erfahren. Wir alle wissen, dass die Dinge nicht so weitergehen können, ohne dass wir Leid und Unheil nur noch vergrößern. Aber die Reformatoren wie die sogenannten Revolutionäre haben ein Ziel vor Augen, das sie erreichen wollen, und beide benutzen den Menschen als Mittel zu ihrem Zweck. Das Benutzen des Menschen wird nun zum wahren Ausgangspunkt, und nicht mehr das Erreichen eines besonderen Zieles. Man kann aber Zweck und Mittel nicht trennen, denn sie bilden einen einzigen, unteilbaren Vorgang. Die Mittel sind Zweck. Es ist unmöglich, eine klassenlose Gesellschaft mit Hilfe von Klassenkonflikten zu errichten. Wenn man falsche Mittel zu sogenannten rechten Zielen anwendet, ist das Ergebnis ziemlich deutlich. Frieden kann niemals durch Krieg oder Bereitschaft zum Kriege kommen. Alle Gegensätze sind selbst-projiziert; ein Ideal ist die Reaktion auf das, was ist, und der Kampf um das Ideal ist ein vergeblicher und trügerischer Streit innerhalb unseres Gedankenkäfigs. Aus solchem Konflikt kann keine Erlösung oder Befreiung für den Menschen entstehen. Ohne Freiheit gibt es aber kein Glück. Freiheit ist kein Ideal, und der einzige Weg zur Freiheit ist die Freiheit selber.

Solange man sich des Menschen im Namen Gottes oder des Staates, psychologisch oder physiologisch bedient, bleibt unsere Gesellschaft auf Gewalt begründet. Es ist eine List der Politiker und der Priester, Menschen zu einem Zweck gebrauchen zu wollen, und es ist zugleich die Verleugnung aller menschlichen Beziehung.

»Was wollen Sie damit sagen?«

J.K. Kann eine Beziehung zwischen uns bestehen, wenn wir einander zu unserer gegenseitigen Befriedigung benutzen? Steht man zu einem Menschen in Beziehung, wenn man ihn zu seinem Behagen wie ein Möbelstück gebraucht? Hat man irgendeine Beziehung zu einem Möbel? Man kann es sein Eigentum nennen – das ist aber auch alles. In ähnlicher Weise nennt man einen anderen Menschen sein eigen und besitzt ihn, wenn man ihn zu psychologischem oder physiologischem Gewinn benutzt; kann man aber Besitztum als eine Beziehung ansehen? Der Staat bedient sich des Einzelnen und nennt ihn Bürger, er steht in keiner Beziehung zu ihm, sondern benutzt ihn lediglich als Werkzeug. Ein Werkzeug ist etwas Totes, und zu toten Dingen hat man keine Beziehung. Wenn man den Menschen für einen noch so edlen Zweck benutzt, braucht man ihn doch nur als Werkzeug, als etwas Lebloses. Da man sich des Lebendigen nicht bedienen kann, verlangt man nach Leblosem, und daher beruht unsere Gesellschaftsordnung auf dem Gebrauch lebloser Dinge. Ein Mensch wird zum leblosen Werkzeug der Befriedigung, wenn man sich seiner auf irgendeine Weise bedient. Beziehungen können nur zwischen lebenden Wesen herrschen, aber beim Benutzen eines anderen Menschen setzt ein Isolierungsvorgang ein, und Isolierung erzeugt Konflikt und Streit.

»Warum legen Sie so großen Nachdruck auf Beziehung?«

J.K. Unser Dasein besteht aus Beziehungen. Zu leben bedeutet, in Beziehung zu stehen. Gesellschaft ist Beziehung. Das Gefüge unserer heutigen Gesellschaftsordnung ist auf gegenseitigen Gebrauch aufgebaut und hat daher Gewalt, Zerstörung und Elend zur Folge. Wenn der sogenannte revolutionäre Staat das nicht von Grund auf ändern kann, wird er – vielleicht auf einer anderen Ebene – nur neue Konflikte, mehr Verwirrung und Widerstand schaffen. Solange wir einander psychologisch benötigen und gebrauchen, kann keine Beziehung zwischen uns bestehen. Beziehung ist eine Verbindung; wie kann man mit einem anderen verbunden sein, wenn man ihn ausnützt? Ausbeutung schließt Furcht ein und führt unweigerlich zu allen möglichen Illusionen und Nöten. Nur bei Ausbeutung herrscht Konflikt, nie aber in einer Beziehung. Wenn man sich eines anderen zu seinem Vergnügen oder zu einem andern Zweck bedient, muss Konflikt, Widerstand und Feindschaft entstehen. Zweifellos kann man aber den Konflikt nicht beseitigen, indem man ihn als Mittel zu einem selbst erfundenen Ziele benutzt; und alle Ideale oder Utopien sind selbst erfunden. Es ist sehr wichtig, das zu begreifen; denn nur dann kann man erkennen, wie wahr es ist, dass Konflikt in jeder Form Beziehung und Verständnis zerstört. Verständnis tritt erst ein, wenn unser Sinn ruhig ist. Doch solange er sich an eine Ideologie, ein Dogma oder einen Glauben klammert, solange er der Schablone seiner eigenen Erfahrungen und Erinnerungen verhaftet ist, solange er auf Erwerb oder Werden gerichtet ist, kann er nicht ruhig sein. Alles Erwerben bedeutet Konflikt, und alles Werden Isolierung. Wird unser Sinn diszipliniert, kontrolliert und im Zaum gehalten, so kann er nicht ruhig sein. Dann wird er leblos, isoliert sich mit Hilfe von allerlei Widerstand und schafft dadurch unvermeidliches Unglück für sich selbst und andere.

Unser Sinn ist nur dann still, wenn er sich nicht mehr in seinem Denken – dem Netz seiner eigenen Tätigkeit – verfängt; und ist er einmal ruhig – nicht ruhig gemacht –, so tritt ein wirklicher Faktor ins Dasein: die Liebe.

Aus: Kommentare zu Leben II Kapital 8

Wenn Sie die Schönheit dieser Hügel, den Fluß, die ungewöhnliche Ruhe eines klaren Morgens, die Form der Berge, die Täler, die Schatten, die Harmonie sehen – wenn Sie das alles sehen, werden Sie dann nicht an Ihren Freund schreiben und sagen: ‹Komm her, schau es Dir an!›? Sie sind dann ja nicht an sich selbst interessiert, sondern nur an der Schönheit des Berges.»

-J.K.
Konflikt

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