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Schauen und Lauschen

Wir haben das Wesen der Liebe erforscht und sind zu einem Punkt gekommen, der es erfordert, dass wir noch tiefer in das Problem eindringen, es uns noch stärker bewusst machen.

Liebe ist Anpassung

Wir haben entdeckt, dass Liebe für die meisten Menschen Trost und Sicherheit bedeutet, ihnen eine Gewähr ständiger gefühlsmäßiger Befriedigung für den Rest ihres Lebens bietet. Dann kommt einer wie ich daher und sagt: »Ist das wirklich Liebe?« und befragt Sie und bittet Sie, in sich hineinzuschauen.

Liebe ist gegenseitige Befriedigung

Und Sie wagen es nicht hinzuschauen, weil es so beunruhigend ist. Sie würden lieber über die Seele oder die politische oder wirtschaftliche Situation diskutieren. Aber wenn Sie in die Enge getrieben werden und hinschauen müssen, dann erkennen Sie, dass das, was Sie immer für Liebe gehalten haben, gar keine Liebe ist; es ist eine wechselseitige Befriedigung, eine gegenseitige Ausbeutung.

Liebe hat nichts mit Zeit zu tun

Wenn ich sage: »Liebe hat kein Morgen und kein Gestern«, oder »wenn es kein Zentrum, kein Ich mehr gibt, ist Liebe da«, dann hat das für mich Realität, aber nicht für Sie. Sie mögen es zitieren und es zu einer Formel machen, aber das ist ohne Gültigkeit.

Sie müssen es selbst sehen! Aber um schauen zu können, müssen Sie ungebunden sein, frei von jeder Verdammung, Beurteilung, Zustimmung oder Ablehnung.

Schönheit hat nichts mit Zeit zu tun

Nun, zu schauen ist eines der schwierigsten Dinge im Leben – oder zu lauschen; Schauen und Lauschen sind das gleiche. Wenn Ihre Augen durch Ihre Sorgen blind geworden sind, können Sie die Schönheit eines Sonnenunterganges nicht wahrnehmen. Die meisten von uns haben die Verbindung mit der Natur verloren.

Die Zivilisation richtet sich immer mehr auf die großen Städte aus. Wir werden immer mehr zu Stadtmenschen, leben in überfüllten Wohnungen und haben kaum noch Raum genug, um abends oder morgens in den Himmel zu schauen. Dadurch geht uns sehr viel Schönheit verloren. Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, wie wenige Menschen einen Sonnenaufgang oder einen Sonnenuntergang oder das Mondlicht oder die Lichtspiegelung auf dem Wasser betrachten.

Schauen und Lauschen

Die natürliche Welt verschwindet

Da wir die Verbindung mit der Natur verloren haben, neigen wir unbewusst dazu, intellektuelle Fähigkeiten zu entwickeln. Wir lesen viele Bücher, besuchen viele Museen und Konzerte, schauen in den Fernsehapparat und haben viele andere Ablenkungen. Wir zitieren endlos die Ansichten anderer Leute und denken und sprechen viel über Kunst. Wie kommt es, dass wir so sehr von der Kunst abhängig sind? Ist es eine Art Flucht, ein gewisser Anreiz?

Wenn Sie in unmittelbarem Kontakt mit der Natur sind, wenn Sie einen Vogel im Fluge beobachten, wenn Sie die wechselnde Schönheit des Himmels sehen, die Schatten über den Hügeln betrachten oder die Schönheit auf dem Antlitz eines Menschen, glauben Sie, dass Sie dann noch den Wunsch haben, in ein Museum zu gehen, um sich ein Bild anzuschauen? Weil Sie nicht wissen, wie Sie die vielen Dinge um sich herum betrachten sollen, nehmen Sie vielleicht Zuflucht zu irgendeinem Rauschmittel, das Ihnen zu einem besseren Sehen verhelfen soll.

Eine Geschichte

Es gibt eine Erzählung über einen religiösen Lehrer, der an jedem Morgen zu seinen Jüngern zu sprechen pflegte. Eines Morgens begab er sich zu seinem erhöhten Sitz und wollte gerade beginnen, als ein kleiner Vogel kam, sich auf das Fensterbrett setzte und zu singen begann und nicht aufhörte, aus voller Kehle zu singen. Dann schwieg er und flog davon, und der Lehrer sagte: »Die Predigt für heute morgen ist beendet.«

Sehen hat nichts mit Zeit zu tun

Ich halte es für eine der größten Schwierigkeiten, wirklich klar zu sehen, nicht nur die äußeren Dinge, sondern auch das innere Leben. Wenn wir sagen, dass wir einen Baum oder eine Blume oder einen Menschen sehen, sehen wir sie dann wirklich? Oder sehen wir nur das Bild, das durch das Wort geschaffen wurde? Das heißt, wenn Sie einen Baum oder eine lichtüberstrahlte Wolke am Abendhimmel betrachten, sehen Sie sie dann wirklich – nicht nur mit Ihren Augen und Ihrem Verstand – sondern ganz hingegeben?

Ein Experiment

Haben Sie jemals versucht, einen Gegenstand, wie zum Beispiel einen Baum ohne jede Gedankenverbindung zu betrachten, ohne Ihr erworbenes Wissen über diesen Baum, ohne eine vorgefaßte Meinung, ohne jedes Urteil?

Denn Worte werden zu einer Scheidewand zwischen Ihnen und dem Baum und hindern Sie daran, ihn so zu sehen, wie er tatsächlich ist. Versuchen Sie es, und sehen Sie, was sich tatsächlich ereignet, wenn Sie sich dem Baum ganz zuwenden und ihn voller Hingabe betrachten.

Intensive Aufmerksamkeit

Wenn Sie das intensiv tun, werden Sie erfahren, dass es keinen Beobachter mehr gibt; da ist nur Achtsamkeit. Wenn wir unachtsam sind, gibt es den Beobachter und das Beobachtete. Wenn Sie aber etwas mit vollkommener Achtsamkeit betrachten, ist kein Platz mehr für eine Begriffsbildung, eine Formel oder eine Erinnerung. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen, weil wir mit etwas befassen, das einer sehr sorgfältigen Untersuchung bedarf.

Selbsthingabe

Nur ein Mensch, der einen Baum oder die Sterne oder das glitzernde Wasser eines Flusses mit völliger Selbstaufgabe betrachtet, weiß, was Schönheit ist; und wenn wir wirklich schauen sind wir in einem Zustand der Liebe. Wir kennen Schönheit im allgemeinen durch Vergleiche oder durch das, was der Mensch geschaffen hat, und das bedeutet, dass wir die Schönheit einem Objekt zuordnen.

Gibt es Schönheit ohne ein Objekt?

Wenn ich ein Gebäude betrachte und es schön finde, würdige ich seine Schönheit aufgrund meiner Kenntnis der Architektur und indem ich es mit anderen Gebäuden, die ich gesehen habe, vergleiche. Aber jetzt frage ich mich: »Gibt es Schönheit ohne ein Objekt?« Wenn ein Beobachter da ist, der zugleich der Zensor, der Erfahrende, der Denker ist, ist keine Schönheit vorhanden, weil Schönheit dann etwas Äußerliches ist, etwas, das der Beobachter betrachtet und beurteilt; wenn es aber keinen Beobachter gibt – und das verlangt tiefe Meditation und Erforschung -, dann besteht Schönheit ohne Objekt.

Kein Beobachter, nichts Beobachtetes

Schönheit liegt in der völligen Preisgabe des Beobachters und des Beobachteten, und Selbsthingabe kann es nur in strenger Einfachheit geben – nicht in der Strenge der Priester mit ihrer Härte, ihren Vorschriften, Regeln und ihrer Gehorsamspflicht, nicht in der Einfachheit der Bekleidung, der Ideen, der Nahrung und des Benehmens -, sondern es ist eine selbstverständliche Einfachheit, die völlige Demut ist. Dann gibt es keine Zielsetzung, keine Leiter, die zu erklimmen ist. Es gibt nur den ersten Schritt, und dieser erste Schritt ist der ewige Schritt.

Kein Heute und kein Morgen

Nehmen wir an, dass Sie allein oder mit einem anderen spazieren gehen und aufgehört haben zu reden. Sie sind inmitten der Natur; kein Hund bellt, kein vorbeifahrendes Auto ist zu hören, nicht einmal das Geflatter eines Vogels. Sie sind völlig still, und auch die Natur um Sie herum ist voller Stille. In diesem Zustand der Stille, sowohl im Beobachter als auch im Beobachteten – wenn der Beobachter das, was er beobachtet, nicht in Denken umsetzt-, in diesem Schweigen liegt eine ganz andere Schönheit.

Da gibt es weder die Natur noch den Beobachter. Da ist der Mensch völlig allein, ganz und gar allein. Er ist allein – nicht in Isolierung – , allein in völliger Stille, und diese Stille ist Schönheit. Wenn Sie lieben, gibt es da noch einen Beobachter? Ein Beobachter ist nur vorhanden, wenn Liebe Begehren und Vergnügen ist.

Wenn Liebe nicht mehr mit Begehren und Lust verbunden ist, dann ist sie tief und zart. Sie ist gleich der Schönheit etwas völlig Neues – an jedem Tag. Sie hat, wie ich sagte, kein Gestern und kein Morgen.

Fata Morgana

Nur wenn wir ohne jede vorgefaßte Meinung, ohne Leitbild sehen, sind wir fähig, mit allen Gegebenheiten des Lebens in unmittelbarem Kontakt zu sein. Unsere ganzen Beziehungen sind in Wirklichkeit nur eingebildet, das heißt, sie basieren auf Vorstellungen, die vom Denken ausgehen.

Wenn ich von Ihnen ein Bild habe, und Sie haben ein Bild von mir, so sehen wir einander natürlich nicht so, wie wir wirklich sind. Was wir sehen, sind die Bilder, die wir voneinander geschaffen haben und die uns verhindern, miteinander in Kontakt zu kommen; und aus diesem Grunde klappt es mit unseren Beziehungen nicht.

Album aus Erinnerungen

Wenn ich sage: »Ich kenne Sie«, meine ich damit, dass ich Sie gestern kannte. Ich weiß nicht, wie Sie jetzt sind. Alles, was ich kenne, ist meine Vorstellung von Ihnen. Dieses Bild setzt sich zusammen aus dem, was Sie zu meinem Lob oder meinem Tadel gesagt haben, wie Sie sich mir gegenüber benommen haben. Das Bild ist zusammengestückelt aus allen Erinnerungen an Sie- und Ihr Bild von mir ist auf die gleiche Art entstanden. Und diese bildbedingten Beziehungen hindern uns an einer wirklichen gegenseitigen Verständigung.

Man sieht nur in der Stille klar

Zwei Menschen, die lange Zeit zusammen gelebt haben, tragen ein Bild voneinander in sich, das eine echte gegenseitige Beziehung verhindert. Wenn wir das Problem der Beziehungen verstehen, können wir miteinander arbeiten; eine Zusammenarbeit wird aber durch Bilder, durch Symbole, durch ideologische Vorstellungen unmöglich.

Nur wenn wir um die echte gegenseitige Beziehung wissen, ist Liebe möglich, und Liebe wird durch Bilder, die wir uns schaffen, verneint.

Darum ist es wichtig, dass wir erkennen – nicht mit dem Verstand, sondern als Tatsachen unseres täglichen Lebens -, wie wir Bilder von unserer Ehefrau, unserem Ehemann, unseren Nachbarn, unserem Kind, unserem Vaterland, unseren Führern, unseren Politikern, unseren Göttern aufgebaut haben – wir haben nichts als Bilder.

Kein Bild = kein ich = keine du

Diese Bilder erzeugen den Abstand zwischen Ihnen und dem, was Sie beobachten, und in diesem Raum liegt der Konflikt. Wir wollen daher jetzt herausfinden, ob es möglich ist, von dem Raum frei zu sein, den wir nicht nur außerhalb von uns, sondern auch in uns schaffen, von der Distanz, die die Menschen in allen ihren Beziehungen trennt.

Tu es einfach!

Nun, die tiefe Aufmerksamkeit, mit der Sie sich einem Problem zuwenden, ist die Kraft, die dieses Problem löst. Wenn Sie voller Achtsamkeit sind, das heißt mit allem, was in Ihnen ist, dann gibt es keinen Beobachter mehr. Dann ist nur der Zustand der Achtsamkeit da – eine totale Energie, und diese Energie ist höchste Intelligenz. Natürlich muß der Geist in diesem Zustand vollkommen still sein, und diese Stille,dieses Schweigen, kommt mit der völligen Achtsamkeit; es ist nicht eine Stille, die durch Schulung gewonnen wurde.

Dieses völlige Schweigen, in dem es weder den Beobachter noch den beobachteten Gegenstand gibt, ist die höchste Form eines religiösen Geistes. Was sich aber in diesem Zustand ereignet, kann nicht in Worte gefaßt werden; denn das, was mit Worten gesagt wird, ist nicht die Sache selbst. Um es zu entdecken, müssen Sie es selbst erleben.

Problem existiert nur in der Zeit

Jedes Problem ist mit jedem anderen Problem verknüpft. Wenn Sie ein Problem vollkommen lösen können – es kommt nicht darauf an, welcher Art es ist – , werden Sie sehen, dass Sie fähig sind, allen anderen Problemen mühelos zu begegnen und sie zu lösen. Wir sprechen selbstverständlich von psychologischen Problemen. Wir haben bereits gesehen, dass ein Problem nur in der Zeit existiert, das heißt, wenn wir das Problem nicht sogleich und richtig anpacken. Darum müssen wir nicht nur der Natur und der Struktur des Problems gewahr sein und es ganz und gar sehen, sondern müssen es erfassen, sobald es auftaucht, und es augenblicklich lösen, so dass es im Bewusstsein keine Wurzeln schlagen kann.

Wenn man duldet, dass ein Problem einen Monat oder einen Tag oder auch nur ein paar Minuten andauert, dann zerstört es den Geist. Ist es nun möglich, einem Problem unmittelbar entgegenzutreten, ohne jede Verdrehung, und sich augenblicklich und vollkommen von ihm zu lösen, ohne dass eine Erinnerung, eine Schramme zurückbleibt?

Leben ist keine Abstraktion

Diese Erinnerungen sind die Bilder, die wir mit uns herumtragen, und mit diesen Bildern treten wir diesem Außerordentlichen, das wir Leben nennen, entgegen; daraus entsteht dann Widerspruch und folglich Konflikt. Das Leben ist äußerst real, es ist keine Abstraktion, und wenn man ihm mit Bildern begegnet, entstehen Probleme.

Ist es möglich, jedem Problem ohne dieses Raum-Zeit-Intervall entgegenzutreten, ohne die Kluft zwischen sich und dem, wovor man sich fürchtet? Es ist nur möglich, wenn der Beobachter keine Kontinuität hat, der Beobachter, der die Bilder schafft, der eine Kollektion von Erinnerungen und Ideen ist, ein Bündel abstrakter Begriffe.

Wenn Sie die Sterne betrachten, sind Sie es – ein Mensch, der den Sternenhimmel betrachtet. Der Himmel ist überflutet mit leuchtenden Sternen, kühl ist die Luft, und da stehen Sie, der Beobachter, der Erfahrende, der Denker, Sie mit Ihrem sehnsuchtsvollen Herzen, Sie, das Zentrum, das den Zwischenraum erzeugt.

Schönheit ist nicht ein Wort

Sie werden nichts vom Raum zwischen sich und den Sternen verstehen, zwischen sich und Ihrer Ehefrau oder dem Ehemann oder dem Freund, weil Sie niemals ohne das Bild geschaut haben. Und darum wissen Sie nicht, was Schönheit ist, was Liebe ist.

Sie sprechen darüber, Sie schreiben darüber, aber Sie haben sie niemals erfahren, ausgenommen vielleicht in seltenen Augenblicken völliger Selbstpreisgabe. Solange ein Zentrum besteht, das den Abstand erzeugt, gibt es weder Liebe noch Schönheit. Wenn kein Zentrum da ist und kein trennender Umkreis, dann ist Liebe da. Und wenn Sie lieben, sind Sie Schönheit.

Ein leeres Leben

Wenn man das Gesicht eines Gegenübers anschaut, tut man es von einem Zentrum aus, und dieses Zentrum erzeugt die Distanz zwischen Mensch und Mensch. Darum ist unser Leben so leer, darum sind wir so gleichgültig. Man kann weder Liebe oder Schönheit kultivieren, noch kann man die Wahrheit erfinden, aber wenn man jederzeit dessen gewahr sind, was man tut, kann man das Gewahrsein verfeinern, und in diesem Gewahrsein fängt man an, einzusehen, was es mit der Freude, dem Verlangen und dem Leid auf sich hat. Man sieht die unsägliche Einsamkeit und Langeweile des Menschen, und dann stösst man auf das, was man »Raum« nennt.

Der Ball ist bei Ihnen

Solange ein Abstand zwischen Ihnen und dem Objekt, das Sie betrachten, besteht, werden Sie erleben, dass keine wahre Liebe möglich ist, und ohne Liebe – wie sehr Sie sich auch anstrengen mögen, die Welt zu reformieren oder eine neue soziale Ordnung hervorzubringen, wieviel Sie auch über Verbesserungen sprechen mögen -, ohne Liebe werden Sie nur weiteres Elend erzeugen. Darum liegt es an Ihnen! Es gibt keinen Führer, es gibt keinen Lehrer, es gibt niemanden, der Ihnen sagt, was zu tun ist. Sie sind allein in dieser verrückten, brutalen Welt.

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