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Zum Thema Zeit

Frage zum thema Zeit: Kann sich die Vergangenheit auf einmal auflösen, oder braucht dies zwangsläufig Zeit?

Krishnamurti: Wir sind das Produkt der Vergangenheit. Unser Denken gründet auf dem Gestern und vielen tausend Gestern.

Wir sind das Ergebnis der Zeit, unsere Antworten, unsere gegenwärtigen Einstellungen sind der kumulative Effekt von vielen tausend Momenten, Ereignissen und Erfahrungen.

Die Vergangenheit ist also für die Mehrheit von uns die Gegenwart, was eine Tatsache ist, die nicht geleugnet werden kann.

Sie, Ihre Gedanken, Ihre Handlungen, Ihre Antworten sind das Geschöpf der Vergangenheit.

Nun möchte der Fragesteller wissen, ob diese Vergangenheit sofort ausgelöscht werden kann, d.h. nicht allmählich, sondern sofort, oder ob es Zeit braucht, damit der Geist in der Gegenwart von dieser anwachsenden Vergangenheit befreit wird.

Es ist wichtig, die Frage zu verstehen, die da lautet: Ist es angesichts der Tatsache, dass jeder von uns das Ergebnis der Vergangenheit ist, mit einem Hintergrund von unzähligen Einflüssen, die sich ständig ändern, sich ständig verändern, ist es möglich, diesen Hintergrund auszulöschen, ohne den Zeitprozess zu durchlaufen?

Was bedeutet Vergangenheit?

Was verstehen wir unter der Vergangenheit?

Ich spreche ganz sicher nicht von der chronologischen Vergangenheit.

Ich sprechen eindeutig vom gesamten angehäuften Erfahrungsschatz, den angesammelten Reaktionsmustern, Erinnerungen, Traditionen, dem Wissen, der unbewussten Speicherung von unzähligen Gedanken, Gefühlen, Einflüssen und Reaktionen.

Auf dieser Grundlage, diesem Hintergrund, ist es nicht möglich, die Realität zu verstehen, denn die Realität ist ohne Zeit: sie ist zeitlos.

Man kann also das Zeitlose nicht mit einem Verstand verstehen, der das Produkt von Zeit ist.

Der Fragesteller möchte wissen, ob es möglich ist, den Geist zu befreien, das heisst, ob die Erinnerung, die ja auf der Zeit aufbaut, sofort erlöschen kann; oder ob man eine lange Reihe von Untersuchungen und Analysen anstellen muss, um das Bewusstsein von seinem Hintergrund zu befreien.

Unser Bewusstsein ist Vergangenheit

Bewusstsein ist der Hintergrund; Bewusstsein ist das Resultat von Zeit; Bewusstsein stellt die Vergangenheit dar, Bewusstsein ist nicht die Zukunft.

Es kann sich in die Zukunft projizieren, und der Verstand benutzt die Gegenwart als Übergang in die Zukunft. Also befindet sich das Bewusstsein – was immer es tut, was immer seine Aktivität jetzt oder in Zukunft sein mag oder was seine vergangene Aktivität anbetrifft – immer noch im Netz der Zeit gefangen.

Ist es möglich, dass dieses Bewusstsein vollständig verlöscht, dass der Denkprozess zu einem Ende kommt?

Nun, was wir Bewusstsein nennen, hat offensichtlich viele Schichten und jede Schicht steht mit den anderen Schichten in Wechselwirkung, jede Schicht ist von den anderen abhängig, interagiert mit ihnen. Unser ganzes Bewusstsein macht nicht nur Erfahrungen, sondern gibt Namen, bildet Begriffe und speichert als Gedächtnis.

Das ist der ganze Bewusstseinsprozess, nicht wahr?

Ist es nicht so, dass wir, wenn wir über Bewusstsein sprechen, vom Erleben, vom Benennen oder von Betiteln der Erfahrungen und damit über das Speichern dieser Erfahrung im Gedächtnis reden?

Es ist alles Bewusstsein

All dies, auf verschiedenen Ebenen, ist Bewusstsein. Kann der denkende Geist der eine Frucht der Zeit ist, den analytischen Prozess durchlaufen, Schritt für Schritt, um sich vom Hintergrund zu befreien, oder ist es möglich, von der Zeit vollkommen frei zu sein und die Realität direkt zu sehen?

Viele Analytiker sagen, man müsse, um sich vom eigenen Hintergrund zu befreien, jede Reaktion, jeden Komplex, jedes Hindernis, jede Blockade untersuchen, was natürlich einen Zeitprozess voraussetzt.

Das heisst, der Analytiker muss verstehen, was er analysiert, und darf das, was er analysiert, nicht falsch interpretieren.

Wenn er das, was er analysiert, falsch übersetzt, wird es ihn zu falschen Schlussfolgerungen führen und damit einen anderen Hintergrund erzeugen.

Der Analytiker muss in der Lage sein, seine Gedanken und Gefühle ohne die geringste Abweichung zu analysieren; er darf keinen Schritt in seiner Analyse versäumen, denn einen falschen Schritt zu machen, eine falsche Schlussfolgerung zu ziehen, bedeutet, einen neuen Hintergrund zu etablieren, gemäss einer anderen Perspektive und auf einer anderen Ebene.

Das bringt das andere Problem ins Spiel: Unterscheidet sich der Analytiker von dem, was er analysiert?

Sind der Analytiker und das, was analysiert wird, nicht ein einheitliches Phänomen?

Aber ja doch, der Erfahrende und die Erfahrung gehören untrennbar zusammen; es sind keine zwei getrennten Vorgänge.

Betrachten wir also zunächst einmal die Schwierigkeit des Analysierens.

Es ist fast unmöglich, den gesamten Inhalt unseres Bewusstseins zu analysieren und sich durch diesen Prozess zu befreien.

Wer ist der Analytiker?

Der Analytiker unterscheidet sich nicht von dem, was er analysiert, auch wenn er vielleicht meint, er sei etwas anders als das, was er untersucht.

Er mag sich gedanklich von dem distanzieren, was er analysiert, aber als Analytiker ist er ein Teil von dem, was er analysiert.

Ich habe einen Gedanken, ich habe ein Gefühl – sagen wir, zum Beispiel, ich bin wütend.

Die Person, die die Wut analysiert, ist immer noch Teil der Wut, und deshalb sind sowohl der Analysierende als auch das Analysierte eine Einheit, es sind keine zwei getrennte Kräfte oder Abläufe.

Daher ist das Vorgehen, sich selbst zu analysieren, sich selbst aufzudecken, sich Seite um Seite zu untersuchen und jede Reaktion, jede Antwort zu beobachten unendlich mühsam und langwierig.

Das ist also kein Weg, uns vom Bewusstseinshintergrund zu befreien, oder?

Es muss einen viel einfacheren, einen direkteren Weg geben, und genau das wollen wir gemeinsam ergründen. Um es herauszufinden müssen wir das, was falsch ist, ablegen und dürfen nicht daran festhalten. Die Analyse führt nicht zum Ziel, also darf es kein Analysieren geben.

Was bleibt uns dann noch? (see Title next page)

Wir kennen nur das Analysieren, nicht wahr?

Der beobachtende Beobachter – der Beobachter und der Beobachtete sind eine einheitliche Erscheinung – der Beobachter, der versucht, das zu analysieren, was er beobachtet, befreit sich nie von seinem Hintergrund.

Wenn das so ist, und so ist es, dann gibt man das Ganze auf, nicht wahr?

Wenn man sieht, dass es ein falscher Weg ist, wenn man nicht nur mental, sondern vollumfänglich, aktuell erkennt, dass man sich in grundsätzlich in einem falscher Prozess befindet, was wird dann aus der Analyse?

Man hört auf zu analysieren, nicht wahr?

Was bleibt dann sonst?

Beobachten Sie genau, gehen Sie mit, und Sie werden sehen, wie schnell und zügig man sich aus dem Hintergrund lösen kann.

Wenn das nicht der Weg ist, was bleibt dann sonst?

Wie ist der Zustand eines Geistes, der es gewohnt ist zu analysieren, zu sondieren, zu untersuchen, zu sezieren, Schlussfolgerungen zu ziehen und so weiter?

Wenn all dies zum Stillstand gekommen ist, in welchem Zustand befindet sich der Geist dann?

Sie sagen, dann sei der Geist leer. Gehen Sie weiter in diesen leeren Geist hinein. Mit anderen Worten: Wenn Sie das, was als falsch erkannt ist, aufgeben, was geschieht dann mit ihrem Geist?

Was haben Sie schlussendlich weggeworfen?

Sie haben den falschen Prozess aufgegeben, der auf einem Hintergrundes resultiert. Ist dem nicht so?

Sie haben sich sozusagen auf einen Schlag der ganze Sache entledigt. Deshalb ist das Bewusstsein, wenn man den analytischen Prozess mit all seinen Implikationen verwirft und ihn als falsch erkennt, vom Gestern befreit und in der Lage, direkt zu schauen, ohne einen Zeitprozess zu durchlaufen und somit den ganzen Hintergrund unmittelbar zu entlassen.

Um die ganze Frage anders zu betrachten: Das Denken ist doch das Produkt der Zeit, oder etwa nicht?

Das Denken ist das Produkt der Umwelt, von sozialen und religiösen Einflüssen, was alles Teil der Zeit ist.

Nun, kann das Denken frei sein von Zeit ?

Das heißt, kann das Denken, das aus der Zeit kommt, aufhören und frei sein vom Zeitprozess?

Das Denken kann kontrolliert und geformt werden; aber die Kontrolle des Denkens liegt immer noch im Bereich der Zeit, und so lautet unser Dilemma: Wie kann ein Bewusstsein, das eine Frucht der Zeit ist – von vielen tausend Gestern –, augenblicklich frei sein von diesem komplexen Hintergrund?

Man kann sich davon befreien

Man kann sich davon befreien, nicht morgen, sondern in der Gegenwart, im Jetzt.

Das ist nur möglich, wenn man erkennt, was falsch ist. Das Falsche ist offensichtlich der analytische Prozess, aber das ist das Einzige, was wir haben.

Wenn der analytische Prozess vollständig zum Stillstand kommt, nicht durch Zwang, sondern durch das Verstehen der unvermeidlichen Falschheit dieses Prozesses, dann werden Sie feststellen, dass Ihr Bewusstsein vollständig von der Vergangenheit abgekoppelt ist – was nicht bedeutet, dass Sie die Vergangenheit nicht erkennen, sondern dass Ihr Bewusstsein keine direkte Verbindung mit der Vergangenheit hat.

Es kann sich also sofort, jetzt, von der Vergangenheit befreien. Diese Ablösung von der Vergangenheit, diese völlige Freiheit vom Gestern, nicht chronologisch, sondern psychologisch, ist möglich; und das ist der einzige Weg, die Wirklichkeit zu verstehen.

Um es ganz einfach zu formulieren: Wenn man etwas zu verstehen sucht, in welchem Zustand ist der Geistes dann?

Wenn Sie Ihr Kind verstehen wollen, wenn Sie irgendjemanden verstehen wollen, etwas, was jemand sagt, wie ist Ihr Geisteszustand?

Sie analysieren, kritisieren, beurteilen nicht, was der andere sagt; Sie hören zu, nicht wahr?

Ihr Geist befindet sich in einem Zustand, in dem der Denkprozess nicht aktiv, aber sehr wachsam ist. Diese Wachsamkeit hat nichts mit der Zeit zu tun, nicht wahr?

Sie sind lediglich wachsam, passiv empfänglich und doch voll bewusst; und nur in diesem Zustand gibt es Verstehen.

Wenn der Verstand aufgewühlt, fragend, beunruhigend, sezierend, analysierend ist, gibt es kein Verstehen.

Wenn die Intensität des Verstehens vorhanden ist, ist der Geist offensichtlich ruhig.

Man muss experimentieren

Damit muss man natürlich experimentieren, glauben Sie meinen Worten nicht., sondern sehen sie selbst: Je mehr und mehr man analysiert, umso weniger und weniger versteht man.

Man mag bestimmte Ereignisse, bestimmte Erfahrungen verstehen, aber der ganze Inhalt des Bewusstseins kann durch den analytischen Prozess nicht aufgelöst werden.

Er kann nur dann aufgelöst werden, wenn man die Falschheit des analytischen Ansatzes erkennt.

Wenn man das Falsche als das Falsche sieht, dann beginnt man zu sehen, was wahr ist; und es ist die Wahrheit, die vom Hintergrund befreit.

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