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Zum Thema Kritik

Frage: Welchen Platz hat die Kritik in der Beziehung? Was ist der Unterschied zwischen destruktiver und konstruktiver Kritik?

Warum kritisieren wir?

Krishnamurti: Zunächst einmal: Warum kritisieren wir?

Ist es, um zu verstehen?

Oder ist sie nur ein nörgelnder Prozess?

Wenn ich Sie kritisiere, verstehe ich Sie dann?

Kommt Verstehen durch Urteilen?

Wenn ich begreifen will, wenn ich nicht oberflächlich, sondern tief die ganze Bedeutung meiner Beziehung zu Ihnen verstehen will, beginne ich dann, Sie zu kritisieren?

Oder bin ich mir dieser Beziehung zwischen Ihnen und mir bewusst, indem ich sie im Stillen beobachte – nicht indem ich meine Meinungen, Kritiken, Urteile, Identifikationen oder Verurteilungen projiziere, sondern indem ich im Stillen beobachte, was geschieht?

Und wenn ich nicht kritisiere, was geschieht dann?

Dann neigt man dazu, einzuschlafen, nicht wahr?

Was nicht bedeutet, dass wir nicht einschlafen, wenn wir nörgeln. Vielleicht wird das zur Gewohnheit und wir schlafen aus Gewohnheit ein.

Gibt es ein tieferes, breiteres Verständnis von Beziehungen durch Kritik?

Es spielt keine Rolle, ob Kritik konstruktiv oder destruktiv ist – das ist sicherlich irrelevant.

Deshalb lautet die Frage: “Was ist der notwendige Geistes- und Herzzustand, um eine Beziehung zu verstehen?”

Was ist der Prozess des Verstehens?

Wie verstehen wir etwas?

Wie verstehen Sie Ihr Kind, wenn Sie sich für Ihr Kind interessieren?

Sie beobachten, nicht wahr?

Sie beobachten es beim Spielen, Sie studieren es in seinen verschiedenen Stimmungen; Sie projizieren Ihre Meinung nicht auf es. Sie sagen nicht, es sollte dies oder jenes sein. Sie sind aufmerksam wach, aktiv gewahr, nicht wahr?

Dann beginnen Sie vielleicht, das Kind zu verstehen. Wenn Sie ständig kritisieren, ständig Ihre eigene Persönlichkeit, Ihre Eigenheiten, Ihre Meinungen einbringen, entscheiden, wie es sein sollte oder nicht sein sollte, und all das andere, dann schaffen Sie offensichtlich ein Hindernis in dieser Beziehung. Leider kritisieren die meisten von uns, um zu formen, um sich einzumischen; es bereitet uns ein gewisses Vergnügen, eine gewisse Befriedigung, etwas zu formen – die Beziehung zu einem Ehemann, einem Kind oder wer auch immer es sein mag.

Man spürt darin ein Gefühl der Macht, man ist der Chef, und darin liegt eine ungeheure Befriedigung.

Natürlich gibt es in diesem ganzen Prozess kein Verständnis für Beziehung. Es gibt lediglich Auferlegung, das Bestreben, einen anderen nach dem speziellen Modell Ihrer Eigenart, Ihrer Bedürfnisse, ihrer Wünsche zu formen. All das verhindert das Verständnis von Beziehung; nicht wahr?

Selbstkritik

Dann gibt es Selbstkritik. Sich selbst gegenüber kritisch zu sein, sich selbst zu kritisieren, zu verurteilen oder zu rechtfertigen – bringt das Verständnis für sich selbst?

Wenn ich beginne, mich selbst zu kritisieren, begrenze ich dann nicht den Prozess des Verstehens, des Erforschens?

Entfaltet die Introspektion, eine Form der Selbstkritik, das Selbst?

Was macht die Entfaltung des Selbst möglich?

Ständig analytisch, ängstlich, kritisch zu sein – das trägt sicher nicht zur Entfaltung bei. Was die Entfaltung des Selbst bewirkt, so dass man beginnt, es zu verstehen, ist das ständige Gewahrsein desselben ohne jede Verurteilung, ohne jegliche Identifikation.

Es muss eine gewisse Spontaneität vorhanden sein; man kann sie nicht ständig analysieren, disziplinieren, formen. Diese Spontaneität ist wesentlich für das Verständnis.

Wenn ich nur begrenze, kontrolliere, verdamme, dann stoppe ich die Bewegung des Denkens und Fühlens, nicht wahr?

Es ist durch Bewegung des Denkens und Fühlens, wodurch man sich selbst entdeckt – nicht durch bloße Kontrolle. Wenn man entdeckt, dann ist es wichtig, herauszufinden, wie man sich verhalten soll. Wenn ich nach einer Idee, nach einem Standard, nach einem Ideal handle, dann zwinge ich das Selbst in ein bestimmtes Muster. Darin gibt es kein Verstehen, es gibt kein Transzendieren. Wenn ich das Selbst ohne jede Verurteilung, ohne Identifikation beobachten kann, dann ist es möglich, darüber hinauszugehen. Deshalb ist dieser ganze Prozess der Annäherung an ein Ideal so völlig falsch.

Ideale sind hausgemachte Götter

Ideale sind hausgemachte Götter, und sich einem selbst projizierten Bild anzupassen, ist sicher keine Befreiung.

So kann es nur dann Verständnis geben, wenn der Geist schweigend gewahr ist, beobachtet – was mühsam ist, weil wir Gefallen darin finden, aktiv zu sein, unruhig zu sein, kritisch zu sein, zu verurteilen, zu rechtfertigen. Das ist unsere ganze Seinsstruktur. Und durch diesen Filter von Ideen, Vorurteilen, Standpunkten, Erfahrungen, Erinnerungen versuchen wir zu verstehen.

Ist es möglich, sich von all diesen Filtern zu befreien und so direkt zu verstehen?

Zweifellos tun wir das, wenn das Problem sehr intensiv ist; wir durchlaufen nicht durch all diese Modalitäten – wir nähern uns dem Problem direkt. Das Verständnis der Beziehung kommt nur, wenn dieser Prozess der Selbstkritik verstanden wird und der Geist still ist. Wenn Sie mir zuhören und versuchen, mit nicht allzu großer Anstrengung dem zu folgen, was ich Ihnen vermitteln möchte, dann gibt es die Möglichkeit, dass wir uns gegenseitig verstehen.

Wenn Sie aber die ganze Zeit kritisieren, Ihre Meinung ins Spiel bringen, das, was Sie aus Büchern gelernt haben, was Ihnen jemand anders erzählt hat und so weiter und so fort, dann sind Sie und ich nicht verbunden, weil dieser Filter zwischen uns ist.

Wenn wir beide versuchen, den Sachverhalt des Problems herauszufinden, der im Problem selbst liegt, wenn wir beide bestrebt sind, dem auf den Grund zu gehen, die Wahrheit zu finden, herauszufinden, was der Kern ist – dann sind wir in Beziehung. Dann ist Ihr Verstand sowohl wach als auch passiv und aufmerksam, um zu sehen, was wahr ist daran.

Ihr Verstand muss außergewöhnlich schnell sein.

Deshalb muss Ihr Verstand außerordentlich schnell sein und darf nicht an irgendeine Idee oder ein Ideal, an irgendein Urteil, irgendeine Meinung gebunden sein, die Sie durch Ihre besonderen Erfahrungen gefestigt haben.

Verstehen kommt mit Sicherheit dann, wenn die flinke Beweglichkeit des Geistes vorhanden ist, der passiv gewahr ist. Dann ist er aufnahmefähig, dann ist er sensibel. Ein Geist ist nicht sensibel, wenn er mit Ideen, Vorurteilen und Meinungen besetzt ist, egal ob dafür oder dagegen.

Um eine Beziehung zu verstehen, muss passives Gewahrsein vorhanden sein – das die Beziehung nicht zerstört. Im Gegenteil, es macht die Beziehung viel lebendiger, viel bedeutsamer. Dann gibt es in dieser Beziehung die Möglichkeit echter Zuneigung; es gibt eine Wärme, ein Gefühl der Nähe, das nicht nur eine Sentimentalität oder eine Empfindung ist. Wenn wir uns allem so nähern oder in dieser Beziehung zu allem stehen können, dann werden unsere Probleme leicht gelöst – die Probleme des Eigentums, die Probleme des Besitzes, denn wir sind das, was wir besitzen.

Der Mensch, der Geld besitzt, ist das Geld.

Der Mensch, der sich mit seinem Besitz identifiziert, ist das Eigentum oder das Haus oder die Möbel.

Ähnlich verhält es sich mit Ideen oder mit Menschen; wenn es Besitztum gibt, gibt es keine Beziehung. Die meisten von uns besitzen, weil wir nichts anderes haben, ausser dem, was wir besitzen.

Wir sind leere Hüllen, wenn wir nicht besitzen, wenn wir unser Leben nicht mit Möbeln, mit Musik, mit Wissen, mit diesem oder jenem füllen. Diese Hülle macht viel Lärm und diesen Lärm nennen wir Leben; und damit sind wir zufrieden.

Wenn es eine Störung gibt, ein Abbruch davon, dann fällt man in Kummer und Leid, denn dann entdeckt man sich plötzlich so, wie man ist – eine leere Hülle, ohne viel Sinn.

Sich des gesamten Inhalts einer Beziehung bewusst zu sein, ist ein Tun, und aus diesem Tun ergibt sich die Möglichkeit einer wahren Beziehung, die Möglichkeit, deren große Tiefe, deren große Bedeutung zu entdecken und zu wissen, was Liebe ist.

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