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Totale Revolution

In diesem ganzen Buch haben wir uns damit beschäftigt, wie wir in uns und damit in unserem Leben eine totale Revolution hervorbringen können, die nichts mit der bestehenden Gesellschaftsordnung zu tun hat.

Gesellschaft

Die heutige Gesellschaft ist etwas Erschreckendes mit ihren endlosen Aggressionskriegen, ganz gleich, ob diese Aggression defensiv oder offensiv ist. Was uns nottut, ist etwas völlig Neues – eine Revolution, eine Mutation in der Psyche.

Das alte Denken kann unmöglich die Probleme der menschlichen Beziehungen lösen. Das alte Denken ist asiatisch, europäisch, amerikanisch oder afrikanisch. So fragen wir uns, ob es möglich ist, eine Mutation unmittelbar in den Gehirnzellen hervorzubringen.

Wir wollen uns jetzt, da wir uns besser verstehen, noch einmal fragen, ob es für einen Menschen, der ein normales Alltagsleben in dieser brutalen, gewalttätigen, unbarmherzigen Welt führt – einer Welt, die immer tüchtiger wird und daher immer unbarmherziger –, ob es für ihn möglich ist, eine Revolution zu vollbringen – nicht nur in seinen äußeren Beziehungen, sondern in dem Gesamtbereich seines Denkens und Fühlens, seiner Handlungen und Reaktionen.

Jeden Tag sehen oder lesen wir von schrecklichen Dingen, die in der Welt als Auswirkungen menschlicher Gewalttätigkeit geschehen. Sie mögen sagen: „Ich kann dagegen nichts tun“, oder: „Wie kann ich die Welt beeinflussen?“ Ich glaube, dass Sie die Welt ungeheuer beeinflussen können, wenn Sie innerlich nicht gewalttätig sind, wenn Sie täglich wirklich ein friedvolles Leben führen, ein Leben, das ohne Wettkampf, Ehrgeiz, Neid ist, ein Leben, das keine Feindschaft erzeugt.

Selbstzentriertheit

Kleine Flammen können zum lodernden Feuer werden. Durch unser egozentrisches Tun, durch unsere Vorurteile, unseren Haß, unseren Nationalismus haben wir die Welt zu ihrem jetzigen chaotischen Zustand entwürdigt; und wenn wir sagen, dass wir nichts dagegen tun können, nehmen wir die Unordnung in uns selbst als unvermeidlich hin. Wir haben die Welt in Fragmente zersplittert, und wenn wir selbst zerbrochen und zersplittert sind, zerbricht auch unsere Beziehungen zur Welt. Wenn wir aber, wenn wir handeln, ganzheitlich und vollkommen handeln, dann erfährt unser Verhältnis zur Welt eine gewaltige Revolution. 

Totale Revolution

Schließlich muß jede Bewegung, die einen Wert hat, jede Handlung, die von tiefer Bedeutung ist, bei uns selbst beginnen. Zuerst muß ich mich verwandeln, ich muß sehen, welcher Art meine Beziehung zur Welt ist – und in diesem Sehen liegt das Tun. Dadurch verleihe ich als Mensch, der in dieser Welt lebt, dem Leben eine ganz andere Qualität, und diese Qualität, so scheint es mir, ist die Qualität des religiösen Geistes.

Religiöser Geist

Der religiöse Geist ist etwas völlig anderes als der Geist, der an Religion glaubt. Man kann nicht religiös sein und trotzdem Hindu, Muslim, Christ oder Buddhist sein. Ein religiöser Geist sucht überhaupt nicht, er kann nicht mit der Wahrheit experimentieren.

Wahrheit ist nicht etwas, das von Ihrem Wohlbefinden oder Schmerz diktiert wird, oder von Ihrer Konditionierung als Hindu oder welcher Religion Sie auch immer angehören. Der religiöse Geist ist ein Geisteszustand, in dem es keine Angst und daher auch keinen Glauben gibt, sondern nur das, was ist – was tatsächlich ist.

Der religiöse Geist ist in jenem Zustand der Stille, den wir bereits untersucht haben, der nicht durch das Denken hervorgebracht wird, sondern das Ergebnis des Gewahrseins ist, das heißt der Meditation, in der der Meditierende gänzlich abwesend ist.

Energie ist Handeln

In dieser Stille liegt eine Energie, in der es keinen Konflikt gibt. Energie ist Aktion und Bewegung. Handeln ist Bewegung, und alles Handeln ist Energie. Begehren ist Energie. Fühlen ist Energie. Denken ist Energie. Alles Lebendige ist Energie. Alles Leben ist Energie. Wenn man diese Energie ohne jeden Widerstand, ohne jede Reibung, ohne jeden Konflikt fliessen lässt, dann ist sie grenzenlos, ohne Ende.

Wenn es keine Reibung gibt, gibt es für die Energie keine Grenzen. Es ist die Reibung, die der Energie Grenzen setzt. Wenn der Mensch das einmal eingesehen hat, warum verursacht dann immerfort Hemmnisse in der Energie? Warum erzeugt er Reibung in dieser Bewegung, die wir Leben nennen? Ist reine Energie, grenzenlose Energie, für ihn nur eine Idee? Hat sie keine Wirklichkeit?

Wir brauchen Energien nicht nur, um eine totale Wandlung in uns hervorzubringen, sondern auch, um zu untersuche, zu schauen, zu handeln. Und solange es in irgendeiner unserer Beziehungen Misshelligheiten irgendwelcher Art gibt, sei es zwischen Eheleuten, zwischen Mensch und Mensch, zwischen einer Gemeinschaft und einer anderen, einem Land und einem anderen oder einer Ideologie und einer anderen – solange es innere Reibung oder äußeren Konflikt in irgendeiner Form gibt, sie mögen noch so subtil sein –, dann ist das Energieverschwendung

Zeit

So lange ein Zeitintervall zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten besteht, erzeugt es Reibung und damit Energieverschwendung. Die Energie erreicht ihre maximale Sammlung, wenn der Beobachter und das Beobachtete eins sind, dann gibt es überhaupt kein Zeitintervall mehr. Dann ist die vorhandene Energie ohne Motiv und wird zur reinen Handlung, weil dann kein »Ich« existiert.

Wir brauchen eine gewaltige Energie, um die Verwirrung zu verstehen, in der wir leben, und das Gefühl, „ich muß verstehen“, bringt die Vitalität mit sich,dies herauszufinden. Aber das Herausfinden, das Suchen, schließt Zeit ein, und wie wir gesehen haben, ist es nicht der richtige Weg, wenn wir den Geist allmählich von seiner Beschränkung und Voreingenommenheit befreien wollen. Zeit ist nicht der Weg. Ob wir alt oder jung sind, es ist nur jetzt, im gegenwärtigen Augenblick, dass der gesamte Lebensprozess in eine andere Dimension gehoben werden kann.

Das Gegenteil von dem zu suchen, was wir sind, ist auch nicht der Weg, und auch nicht die künstliche Disziplin, die uns ein System, ein Lehrer, ein Philosoph oder ein Priester aufzwingt – all das ist so einfältig.

Wenn wir dies erkennen, fragen wir uns, ob es möglich ist, diese heftige Konditionierung von Jahrhunderten sofort zu durchbrechen, ohne in eine andere Voreingenommenheit zu geraten –frei zu sein, so dass der Geist völlig frisch, feinfühlig, lebendig, bewusst, stark, leistungsfähig sein kann. Das ist unser Problem. Es gibt kein anderes; denn wenn der Geist neu und unverbraucht ist, kann er jedes Problem angehen. Das ist die einzige Frage, die wir uns stellen müssen.

Sag es mir

Aber wir stellen sie nicht. Wir wollen, dass man es uns sagt. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten in der Struktur unser Psyche dass wir alle dieses Verlangen haben, weil wir das Ergebnis der zehntausendjährigen Propaganda sind. Wir wollen, dass unser Denken durch einen anderen bestätigt und bekräftigt wird, während eine Frage zu stellen bedeutet, sich selbst zu befragen.

Was ich sage, hat wenig Wert. Sie werden es in dem Augenblick vergessen, in dem Sie dieses Buch schließen, oder Sie werden sich bestimmter Satzstellen erinnern und sie wiederholen, oder Sie werden das, was Sie hier gelesen haben, mit einem anderen Buch vergleichen – aber Sie werden sich nicht Ihrem eigenen Leben stellen.

Anschauen

Und darauf allein kommt es an – auf Ihr Leben, auf Sie, auf Ihre Kleinlichkeit, Ihre Oberflächlichkeit, Ihre Brutalität, Ihre Gewalt, Ihre Gier, Ihren Ehrgeiz, Ihre täglichen Schmerzen und ewigen Kümmernisse – das alles müssen Sie verstehen, und niemand auf Erden oder im Himmel kann Ihnen das abnehmen; Sie müssen es selbst tun.

Wenn Sie alles sehen, was in Ihrem täglichen Leben, bei Ihren täglichen Aktivitäten vor sich geht – wenn Sie einen Stift in die Hand nehmen, wenn Sie sprechen, wenn Sie Auto fahren oder wenn Sie allein im Wald spazieren gehen – können Sie sich mit einem Atemzug, mit einem Blick ganz einfach so erkennen, wie Sie sind?

Wenn man sich selbst so kennt, wie man ist, dann versteht man die ganze Struktur des menschlichen Strebens, seine Täuschungen, seine Heucheleien, seine Suche. Um dies zu tun, muss man während des ganzen Daseins ungeheuer ehrlich zu sich selbst sein. Wenn man gemäss Prinzipien handeln, ist man unehrlich; denn wenn man gemäss dem handelt, was man meint, sein zu mässen, ist man nicht das, was man ist.

Ideale

Es ist etwas Brutales, Ideale zu haben. Wenn man Ideale, Überzeugungen oder Prinzipien hat, kann man sich selbst unmöglich direkt anschauen.

Können Sie also vollkommen negativ oder vollkommen ruhig sein, ohne zu denken oder sich zu fürchten, und dennoch voll leidenschaftlichen Lebens sein?

Der Geisteszustand, der nicht mehr in der Lage ist zu streben, ist der wahre religiöse Geist, und in diesem Geisteszustand kann man auf das stoßen, was man Wahrheit oder Realität oder Glückseligkeit oder Gott oder Schönheit oder Liebe nennt.

Es ist nicht zu haben

Diese Sache, das, worauf es ankommt, kann nicht herbeigerufen werden. Verstehen Sie bitte diese sehr einfache Tatsache. Man kann es nicht einladen, man kann nicht danach suchen, denn der Verstand ist zu töricht, zu klein, die Emotionen zu banal, die Lebensart zu verwirrt, um dieses Gewaltige, dieses Unermeßliche ins eigene kleine Haus einzuladen, diese kleine Ecke des Lebens, die mit Füßen getreten und so schändlich behandelt worden ist. Man kann es nicht hereinbitten. Um es einzuladen, muss man es kennen, und man kann es nicht kennen.

Es spielt keine Rolle, wer es sagt, in dem Moment, in dem jemand sagt: „Ich weiß“ weiß er es nicht. In dem Moment, wo man sagt, man hat es gefunden, hat man es nicht gefunden. Wenn man sagt, man hat es erlebt, hat man es nie erlebt.

Man fragt sich nun, ob es möglich ist, auf dieses Etwas zu treffen, ohne es einzuladen, ohne es zu erwarten, ohne es zu suchen, ohne danach zu forschen – es einfach geschehen zu lassen, so wie ein erfrischenden Windhauch, der hereinströmt, wenn man das Fenster offen lässt.

Man kann den Wind nicht hereinbitten, aber man muss das Fenster offen lassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man in einem Zustand der Erwartung ist, was eine andere Form der Täuschung ist. Es bedeutet nicht, dass man sich absichtlich öffnen muss, um es zu empfangen, was eine andere Art des Denkens ist.

Haben Sie sich nie gefragt, warum es uns Menschen an dieser Eigenschaft mangelt? Wir zeugen Kinder, haben Sex und Zärtlichkeit, die Fähigkeit, an etwas gemeinsam in kameradschaftlicher, freundschaftlicher Verbundenheit teilzuhaben – warum aber haben wir das Eine nicht?

Woran liegt es?

Haben Sie sich je überlegt, in aller Ruhe, bei einem Spaziergang durch eine schmutzige Straße oder in einem Bus sitzend oder im Urlaub am Meer oder in einem Wald voller Vögel, Bäume, Bäche und wilden Tieren – sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, sich zu fragen, warum der Mensch, der seit Millionen von Jahren lebt, dieses Eine nicht erlangt hat, diese ungewöhnliche, nie welkende Blume?

Wie kommt es, dass wir Menschen, die wir so fähig, so klug, so schlau, so wetteifernd sind, die wir über eine so wunderbare Technologie verfügen, die wir in den Himmel, unter die Erde und unter das Meer gehen und außergewöhnliche elektronische Gehirne erfinden – warum haben wir nicht dieses Eine, das zählt? Ich weiß nicht, ob Sie sich jemals ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt haben, warum Ihr Herz leer ist.

Wie würde Ihre Antwort lauten, wenn Sie sich die Frage stellen würden – Ihre direkte Antwort, ohne jede Zweideutigkeit oder Wortklauberei? Ihre Antwort würde der Kraft und der Eindringlichkeit entsprechen, mit der Sie diese Frage stellen. Aber Sie sind weder intensiv noch ist es dringend für Sie, und darum besitzen Sie keine Energie – Energie bedeutet Leidenschaft. Ohne Leidenschaft kann man keine Wahrheit finden; Leidenschaft, die voller Ungestüm ist, Leidenschaft ohne verstecktes Verlangen. Leidenschaft ist eine ziemlich beängstigende Sache, denn wenn man voller Leidenschaft ist, weiss man nicht, wohin sie einen bringen wird.

Angst

So ist Angst vielleicht die Ursache, warum Sie nicht die Kraft dieser Leidenschaft besitzen, die es Ihnen ermöglicht herauszufinden, warum Ihnen Liebe dieser Art fehlt, warum diese Flamme nicht in Ihrem Herzen brennt. Wenn Sie Ihren Geist und Ihr Herz genau geprüft haben, werden Sie wissen, warum Sie sie nicht haben. Wenn Sie mit Leidenschaft dabei sind herauszufinden, warum Sie sie nicht besitzen, werden Sie erfahren, dass sie da ist!

Nur durch die vollständige Aufgabe der Selbstgefälligkeit, die die höchste Form der Leidenschaft ist, entsteht das, was Liebe ist. Wie Demut kann man Liebe nicht kultivieren.

Demut

Demut stellt sich ein, wenn der Eigendünkel vollkommen aufhört – dann ist man sich seiner Demut nicht mehr bewußt. Ein Mensch, der zu wissen glaubt, was Demut ist, ist ein eitler Mensch.

Wenn man mit Geist und Herz, mit Nerven und Augen, mit seinem ganzen Wesen dabei ist, den Weg des Lebens zu finden, um zu sehen, was tatsächlich ist, und dann darüber hinausgeht und sich von der gegenwärtigen Lebensart vollständig, ganz und gar lossagt, dann entsteht in dieser Lossagung vom Häßlichen, Brutalen das andere. Man ist sich dessen aber nicht bewusst.

Ein Mensch, der sich seines Schweigens bewusst ist, der „weiß“, dass er liebt, kennt weder wahre Liebe noch wahre Stille ist.

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