alteLasten

Die Lasten von gestern

Altlasten

Das Leben, das wir im allgemeinen führen, kennt kaum ein Alleinsein. Selbst wenn wir allein sind, wird es bedrängt von so vielen Einflüssen, so vielem Wissen, so vielen Erinnerungen und Erfahrungen, von so viel Angst, Elend und Konflikt, dass unser Geist immer stumpfer, immer gefühlloser wird und in eine monotone Routine verfällt. Sind wir jemals allein? Oder tragen wir alle Lasten von gestern mit uns herum?

Die zwei Mönche

Es gibt eine recht hübsche Geschichte von zwei Mönchen, die von Dorf zu Dorf wandern und dabei einem jungen Mädchen begegnen, das am Flußufer sitzt und weint. Einer der Mönche geht zu ihr und sagt: „Schwester, worüber weinst Du?“ Sie antwortet: „Sehen Sie das Haus dort drüben auf der anderen Seite des Flusses? Ich kam heute am frühen Morgen herüber und hatte keine Mühe, den Fluß zu durchwaten; aber nun ist das Wasser angestiegen, und ich kann nicht mehr zurück; es ist kein Boot da.“ „Oh“, sagt der Mönch, „das ist gar kein Problem“, und er hebt das Mädchen auf, trägt es über den Fluß und läßt es auf der anderen Seite zurück. Die beiden Mönche gehen zusammen weiter.

Nach einigen Stunden sagt der andere Mönch: „Bruder, wir haben ein Gelübde abgelegt, niemals eine Frau zu berühren. Was Du getan hast, ist eine furchtbare Sünde. War es nicht ein Vergnügen für Dich, ein aufregendes Ereignis, eine Frau zu berühren?“ Der andere Mönch erwidert: „Bereits vor zwei Stunden habe ich sie hinter mir gelassen, Du aber trägst sie immer noch mit Dir herum.“

Genau das tun wir. Wir schleppen ständig unsere Lasten mit uns herum; wir geben sie nie preis, wir lassen sie nie hinter uns. Nur wenn wir einem Problem unsere volle Aufmerksamkeit zuwenden und es augenblicklich lösen – es nicht auf den nächsten Tag, auf die nächste Minute mit hinübernehmen –, dann ist innere Abgeschiedenheit da. Dann sind wir, selbst wenn wir in einem überfüllten Hause leben oder in einem Bus sitzen, innerlich allein. Und dieses Alleinsein weist auf einen frischen Geist hin, einen unbelasteten Geist.

Innere Einsamkeit

Es ist sehr wichtig, innere Abgeschiedenheit, inneren Raum zu haben; denn das bedeutet, in der Freiheit zu leben, unbelastet zu sein, zu wirken, schwerelos zu sein. Schließlich kann Güte nur im weiten Raum zur Blüte kommen, ebenso wie sich Tugend nur in der Freiheit entfalten kann. Wir mögen politische Freiheit haben, aber innerlich sind wir nicht frei, und darum haben wir keine innere Weite. Keine Tugend, nichts Wertvolles kann ohne diesen weiten Raum in uns wirken oder wachsen. Raum und Schweigen sind notwendig, denn nur, wenn der Geist allein ist, unbeeinflußt, ungedrillt, nicht durch die unendliche Vielfalt der Erfahrungen gebunden, kann er etwas völlig Neuem begegnen.

Ein stiller Geist

Man kann es deutlich sehen, dass nur in einem stillen Geist Klarheit möglich ist. Der ganze Zweck der Meditation im Osten liegt darin, einen solchen Zustand hervorzubringen, das heißt, die Gedanken zu beherrschen. Das gleiche geschieht, wenn man, um den Geist zu beruhigen, ständig ein Gebet wiederholt, wobei man hofft, in diesem Zustand die eigenen Probleme verstehen zu können. Aber solange man nicht die Grundlage schafft, das heißt, frei ist von der Furcht, frei von Sorgen, von der Angst und den vielen Fallen, die man sich selbst stellt, sehe ich keine Möglichkeit für den Menschen, wirklich still zu sein. Es gehört zu den schwierigsten Dingen, das verständlich zu machen.

Kommunikation

Verständigung zwischen uns bedeutet, dass Sie nicht nur die Worte verstehen müssen, die ich gebrauche, sondern dass wir beide, Sie und ich, zur gleichen Zeit – nicht einen Augenblick später oder einen Augenblick früher – intensiv beteiligt und fähig sind, einander auf der gleichen Ebene zu begegnen.

Und eine solche Verständigung ist nicht möglich, wenn Sie das, was Sie lesen, nach Ihrem eigenen Wissen und Gefallen oder nach Ihren Ansichten interpretieren, oder wenn Sie sich sehr anstrengen müssen, um es zu begreifen.

Sicherheit

Der ständige Kampf, etwas zu erreichen, zu erlangen, zu erwerben, scheint mir eines der größten Hindernisse im Leben zu sein. Wir werden von Kindheit an darin geschult, zu erwerben und ein Ziel zu erreichen. Die Gehirnzellen selbst entwickeln diese Leistungs-Schablone in dem Verlangen nach physischer Sicherheit; aber psychologische Sicherheit ist nicht im Bereich der Leistung nicht zu finden.

Wir verlangen nach Sicherheit in allen unseren Beziehungen, in allen Lebenslagen und Tätigkeiten. Doch wie wir gesehen haben, gibt es so etwas wie Sicherheit in Wirklichkeit nicht.

Wenn man selbst entdeckt, dass es in keiner menschlichen Beziehung Sicherheit gibt, wenn man erkennt, dass im psychologischen Bereich nichts beständig ist, vermittelt das eine völlig andere Einstellung zum Leben. Es ist natürlich notwendig, äußere Sicherheit zu haben – Obdach, Kleidung, Nahrung –, aber diese äußere Sicherheit wird durch das Verlangen nach innerer Sicherheit zerstört.

Raum und Stille

Raum und Stille sind notwendig, um über die Begrenzung des Bewusstseins hinauszugelangen. Aber wie kann ein Mensch still sein, der aus Eigennutz unaufhörlich tätig ist? Man kann den Geist disziplinieren, ihn kontrollieren, ihn formen; aber eine solche Marter macht ihn nicht ruhig, sondern stumpft ihn nur ab. Es ist offensichtlich, dass das bloße Streben nach dem Idealzustand eines ruhigen Geistes wertlos ist, denn je mehr man ihn zwingt, umso begrenzter und träger wird er. Zwang und Kontrolle in jeder Form, wie zum Beispiel Unterdrückung, erzeugt nur Konflikte. Also sind Kontrolle und äußere Disziplin nicht der Weg, aber auch ein undiszipliniertes Leben hat keinen Wert.

Unser Leben verläuft äußerlich meist diszipliniert, weil die Gesellschaft, die Familie, das eigene Leid, die eigene Erfahrung es erfordern, weil wir uns bestimmten ideologischen oder faktischen Mustern anpassen. Diese Form der Disziplin stumpft jedes Gefühl ab. Disziplin muß frei sein von Kontrolle, ohne Unterdrückung, ohne jede Art von Furcht. Wie kann man zu dieser Disziplin kommen?

Freiheit

Es ist nicht zuerst Disziplin da und dann Freiheit; Freiheit steht am Anfang und nicht am Ende. Diese Freiheit zu erfassen, die frei ist von den Normen der Disziplin, ist selbst Disziplin. Im Lernen liegt Disziplin (schliesslich bedeutet das Wort Disziplin seinem Ursprung nach Lernen); der Akt des Lernens an sich führt zur Klarheit. Es ist größte Aufmerksamkeit erforderlich, um Dinge wie Kontrolle, Unterdrückung und Ausreden ihrem Wesen und ihrer Struktur nach ganz zu verstehen. Man muss sich keine Disziplin auferlegen, um das zu erforschen, vielmehr bringt das Erforschen selbst seine eigene Disziplin hervor, in der es keine Unterdrückung gibt.

Inneren Autorität

Um die Autorität abzulehnen – wir sprechen von der psychologischen Autorität, nicht von der des Gesetzes –, um die Autorität aller religiösen Organisationen, der Tradition und Erfahrung abzulehnen, muß man erkennen, warum man normalerweise gehorcht; man muß es aufmerksam untersuchen. Das kann man nur, wenn man frei ist von Schuldzuweisung, Rechtfertigung, von Meinungen oder Bestätigung.

Wir können nicht die Autorität anerkennen und sie gleichzeitig untersuchen – das ist unmöglich. Um das psychologische Gefüge der Autorität in uns zu untersuchen, müssen wir Freiheit haben. Wenn wir sie richtig untersuchen, lehnen wir die wir ihre ganze Struktur ab; und wenn wir das tun, ist diese Ablehnung die Einsicht eines Geistes, der frei von Autorität ist. Alles In Frage zu stellen, was als wertvoll betrachtet wurde, zum Beispiel äußere Disziplin, Führerschaft, Idealismus, bedeutet, es zu untersuchen; dann ist schon der Akt des Untersuchens nicht nur Disziplin, sondern das Gegenteil davon. Die Absage ist eine positive Handlung. Wir lehnen also alle diese ab, die zur Herbeifühung der Stille für wichtig gehalten werden.

Innere Stille

So sehen wir also, dass Kontrolle nicht zur inneren Ruhe führt und dass der Geist auch nicht still ist, wenn ihn ein Objekt so fesselt, dass er sich darin verliert. Das ist ebenso, wie wenn man einem Kind ein interessantes Spielzeug gibt; es wird ruhig. Aber nehmen Sie ihm das Spielzeug wieder fort, dann treibt es wieder den alten Unfug. Wir haben alle unsere Spielzeuge, die uns ganz in Anspruch nehmen, so dass wir glauben, wir seien still. Wenn sich der Mensch aber einer bestimmten Art von Tätigkeit widmet – einer wissenschaftlichen, literarischen Arbeit oder was es sonst sein mag -, dann absorbiert ihn das Spielzeug nur, in Wirklichkeit ist er aber überhaupt nicht still.

Was ist diese Stille?

Die einzige Stille, die wir kennen, ist die Stille, die eintritt, wenn die Geräusche aufhören, wenn die Gedanken aufhören – aber das ist keine wahre Stille. Stille ist etwas ganz anderes – der Schönheit gleich oder der Liebe. Diese Stille ist nicht das Ergebnis eines ruhigen Geistes, es ist nicht das Produkt der Gehirnzellen, die das Ganze durchschaut haben und sagen: „Um Gottes willen, sei still“ Dann erzeugen die Gehirnzellen Schweigen, aber das ist keine Stille. Stille ist auch nicht die Frucht von Aufmerksamkeit, bei der der Beobachter das Beobachtete ist; dann gibt es zwar keine Reibung, aber das ist nicht Stille.

Sie warten darauf, dass ich Ihnen beschreibe, was diese Stille ist, so dass Sie es vergleichen, interpretieren, mitnehmen und begraben können. Es kann nicht beschrieben werden.

Nur das Bekannte kann beschrieben werden, und Freiheit vom Bekannten kann nur entstehen, wenn wir uns jeden Tag vom Bekannten loslösen, von den Kränkungen, den Schmeicheleien, von allen Bildern, die wir uns gemacht haben, von allen Erfahrungen – uns jeglichen Tag davon lösen, so dass

die Gehirnzellen selbst frisch, jung, unbedingt werden. Aber diese Art von Bedingungslosigkeit, Frische, Zartheit und Güte bringt keine Liebe hervor; sie hat nicht die Qualität wahrer Schönheit oder Stille.

Es geht viel tiefer

Die Stille, die nicht mit der Abwesenheit von Geräuschen gleichzusetzen ist, ist nur ein kleiner Anfang. Es ist so, als ob man durch eine schmale Öffnung zu einem ungeheuer weiten, ausgedehnten Ozean gelangt, in einen unermeßlichen zeitlosen Zustand. Aber das können Sie nicht verstehen, solange Sie nicht die gesamte Struktur des Bewusstseins und die Bedeutung von Freude, Leid und Verzweiflung verstanden haben und die Gehirnzellen still geworden sind. Dann vielleicht mögen Sie auf jenes Mysterium treffen, das Ihnen niemand enthüllen kann und das durch nichts zerstört werden kann. Ein lebendiger Geist ist ein stiller Geist, ein lebendiger Geist ist ohne Zentrum und daher frei von Raum und Zeit. Solch ein Geist ist unbegrenzt, und das ist die einzige Wahrheit, das ist die einzige Wirklichkeit.

Einbruch in die Freiheit

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