„Können Sie in den nächsten 10 Minuten den Geräuschen um Sie herum lauschen, ohne sie zu benennen? Können Sie zuhören, ohne der Zuhörer zu sein?“
Wenn Sie in der Lage sind, diesen Zustand zu erfahren, haben Sie den Zustand des „Wahllose Wahrnehmung“ erlebt.
Wahllose Wahrnehmung
…ist vielleicht der praktischste und doch am meisten missverstandene Aspekt von J. Krishnamurtis Lehren. Es handelt sich nicht um einen mystischen Zustand, sondern um eine konkrete Art, dem täglichen Leben zu begegnen.
Warum „wahllos“? (Die Falle des Wählers)
Im Allgemeinen denken wir, dass Bewusstsein bedeutet, Entscheidungen zu treffen: „Ich werde mich auf das Gute konzentrieren“, „Ich werde das Schlechte ignorieren“, „Ich werde mich entscheiden, glücklich zu sein“. Krishnamurti weist darauf hin, dass Entscheidungen das Ergebnis von Konditionierung sind.
- Der Mechanismus: Wenn Sie sagen: „Ich mag dies“ und „Ich mag das nicht“, gehen Sie von der Vergangenheit aus (Ihren Erinnerungen, Ihrer Erziehung, Ihren Verletzungen).
- The Conflict: In dem Moment, in dem Sie wählen, schaffen Sie eine Trennung. Du wirst zum „Wähler“ (dem Wesen, das urteilt), der sich von der Sache, die du beurteilst, abgrenzt. Diese Trennung ist die Wurzel des Konflikts.
- The Shift: „Wahlfreies Gewahrsein“ bedeutet, ohne diese Einmischung zu beobachten. Es ist ein Zustand hoher Sensibilität, in dem man wahrnimmt, „was ist“, ohne es sofort als angenehm oder unangenehm zu bezeichnen.
Wahrnehmung vs. Konzentration
Dies ist der wichtigste Unterschied, den ein Schüler verstehen muss. Die meisten spirituellen Praktiken lehren Konzentration. Krishnamurti lehrt Gewahrsein.
- Das Ergebnis: Konzentration ermüdet den Geist, Achtsamkeit energetisiert ihn. Konzentration isoliert; Gewahrsein vereinigt.
- Konzentration (Ausschluss): Wenn Sie sich konzentrieren, konzentrieren Sie sich auf eine Sache und schließen alles andere aus. Sie bauen eine Mauer gegen Ablenkung auf. Dies ist ein Akt des Willens und stärkt das „Ego“, das die Konzentration vornimmt.
- Bewusstsein (Inklusion): Gewahrsein kennt keine Grenzen und keinen Ausschluss. Wahlfrei bewusst zu sein bedeutet, den Verkehr draußen zu hören, den Schmerz im Rücken zu spüren, den Husten des Nachbarn zu bemerken und die eigene Gereiztheit zu beobachten – alles zur gleichen Zeit, ohne sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren.
Wie man übt (Die „Nicht-Methode“)
- Beginnen Sie mit dem Externen (Empfindlichkeit)
Beginnen Sie nicht mit dem Versuch, Ihre komplexen Gedanken zu beobachten, sondern mit der physischen Welt. Betrachten Sie einen Baum oder eine Blume.
Die Übung: Betrachten Sie diesen Baum ohne das Wort „Baum“. Ohne ihn zu benennen, ohne ihn als „schön“ oder „hässlich“ zu klassifizieren. Schauen Sie einfach. Wenn der Verstand schweigt, erzeugt die visuelle Intensität einen Funken des Bewusstseins.
- Nach innen gehen (Der Spiegel der Beziehung)
Die Beziehung ist der Spiegel, in dem wir uns selbst sehen.
Die Übung: Wenn Sie mit einem Kollegen oder einem Familienmitglied sprechen, hören Sie ohne den „Bildschirm der Vergangenheit“ zu. Normalerweise bereiten Sie, während jemand spricht, bereits Ihre Antwort vor oder urteilen über ihn. Hören Sie damit auf. Hören Sie ganz zu. Bei diesem vollständigen Zuhören gibt es kein „Du“, das urteilt – es gibt nur die Beobachtung.
- Beobachtung der Reaktion (Die Lücke)
Wenn eine starke Emotion auftaucht (Wut, Eifersucht, Angst):
Die Praxis: Beobachten Sie einfach die Wut. Beobachten Sie, wie er in der Magengrube beginnt, wie er in die Kehle aufsteigt, wie er nach Worten sucht. Beobachten Sie ihn wie einen Film. Verurteilen Sie ihn nicht, rechtfertigen Sie ihn nicht. Schauen Sie einfach zu.
Der Irrtum: Sagen Sie nicht: „Ich darf nicht wütend sein.“ Das ist eine Wahl/Unterdrückung.
Integration mit früheren Arbeiten
- Verbindung zu „Freiheit vom Bekannten“: Dieses Thema ist die praktische Anwendung von Kapitel 1 (Der Beobachter ist der Beobachter). Im wahllosen Gewahrsein verschwindet der Beobachter; es gibt nur den Zustand des Beobachtens.
- Verbindung zu „Die erste und letzte Freiheit“: Dies ist die Antwort auf die Kapitel über „Angst“ und „Langeweile“. Angst kann nicht überleben, wenn sie im Licht des wahllosen Gewahrseins gehalten wird, denn Angst ist auf die Dunkelheit des Vermeidens angewiesen, um zu existieren.
