Dies Problem der Liebe

Dies Problem der Liebe

Dies Problem der Liebe – Teil 1

Eine kleine Ente kam wie ein Schiff unter Segel auf dem breiten Kanal angeschwommen, ganz allein und voll von quakender Wichtigtuerei. Der Kanal wand sich durch die Stadt; es waren keine anderen Enten in Sicht, aber diese eine machte genug Lärm für eine ganze Schar. Die paar Menschen, die sie hörten, schenkten ihr keine Beachtung, aber das machte ihr nichts aus. Sie fürchtete sich nicht, fühlte sich vielmehr außerordentlich wichtig auf dem Kanal, als ob er ihr gehöre. Jenseits der Stadt war liebliches, grünes Weideland mit fetten, schwarz-weißen Kühen. Am Horizont türmten sich Wolkenmassen auf, und der Himmel schien tief hinunter bis auf die Erde zu reichen; er hatte das besondere Licht, wie es nur diesem Teil der Welt zu eigen ist. Das Land war so flach wie die Hand, und die Straße stieg nur ein klein wenig über den Brücken an, die die Kanäle überquerten. Es war ein lieblicher Abend, die Sonne ging über der Nordsee unter, und die Wolken färbten sich in den Tönen der untergehenden Sonne. Große Lichtstreifen schossen blau und rosig über den Himmel.

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Sie war die Gattin eines sehr bekannten Regierungsbeamten, der beinahe, doch nicht ganz an der Spitze stand. Sie war gut gekleidet, kultiviert und verbreitete eine Atmosphäre von Reichtum und Macht; auch hatte sie die Zuversicht eines Menschen, der gewohnt ist, dass ihm Gehorsam erwiesen und seine Befehle ausgeführt werden. Aus dem einen und anderen, was sie erzählte, ging klar hervor, dass ihr Mann hohe Intelligenz und sie die Triebkraft besaß. Sie waren zusammen aufgestiegen, aber gerade als ihnen noch viel größere Macht und höhere Stellung zufallen sollten, war er hoffnungslos krank geworden. An diesem Punkte ihrer Erzählung war sie kaum imstande fortzufahren, Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie war mit selbstsicherem Lächeln hereingekommen, das aber schnell verschwand; jetzt lehnte sie sich zurück und schwieg eine Weile, dann fuhr sie fort.

»Ich habe einige Ihrer Vorträge gelesen und einen oder zwei besucht. Während ich Ihnen zuhörte, bedeuteten Ihre Worte sehr viel für mich. Aber diese Dinge entschlüpfen einem leicht wieder, und jetzt, da ich wirklich große Sorgen habe, bin ich gekommen, um mit Ihnen zu sprechen. Ich bin sicher, dass Sie verstehen, was geschehen ist. Mein Mann ist todkrank, und alles, wofür wir gelebt und gearbeitet haben, bricht zusammen. Die Partei wird ja mit ihrer Arbeit fortfahren, aber … Obgleich wir Ärzte und Krankenschwestern haben, wollte ich meinen Mann doch selber pflegen und habe monatelang kaum geschlafen. Ich kann es nicht ertragen, ihn zu verlieren, aber die Ärzte haben wenig Hoffnung für seine Heilung. Ohne Unterlass denke ich über all das nach und bin selber fast krank vor Angst. Wir haben keine Kinder, wie Sie wissen, und haben einander so sehr viel bedeutet. Und jetzt …«

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Wollen Sie wirklich ernsthaft darüber sprechen und auf alles eingehen?

»Ich bin so verzweifelt und verwirrt, dass ich kaum noch ernsthaft denken kann, aber ich muss zu einer gewissen Klarheit in mir selber kommen.«

Lieben Sie Ihren Mann, oder lieben Sie die Dinge, die Sie durch Ihren Mann erreicht haben?

»Ich liebe …« Sie war zu stark betroffen, um weiter zu sprechen.

Bitte halten Sie die Frage nicht für grausam; Sie werden aber die wahre Antwort darauf finden müssen, sonst werden Sie nur noch mehr leiden. Wenn Sie die Wahrheit in der Frage enthüllen können, werden Sie vielleicht auch entdecken, was Liebe ist.

»In meinem gegenwärtigen Zustand kann ich es unmöglich durchdenken.«

Ist Ihnen das Problem der Liebe nie durch den Kopf gegangen?

»Vielleicht früher einmal, aber ich habe mich immer schnell dem entzogen. Ich hatte stets so viel zu tun, ehe er krank wurde, und jetzt ist natürlich alles Denken schmerzhaft. Liebte ich ihn wegen der hohen Stellung und Macht, die ihn begleitete, oder liebte ich ihn schlechtweg? Da spreche ich schon von ihm, als ob er nicht mehr da ist! Ich weiß tatsächlich nicht, wie ich ihn liebe, denn ich bin augenblicklich zu verwirrt und mein Gehirn arbeitet nicht. Gern würde ich noch einmal wiederkommen, wenn ich darf, vielleicht wenn ich das Unvermeidliche hingenommen habe.«

Erlauben Sie mir, darauf hinzuweisen, dass hinnehmen auch eine Art sterben ist.

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