Große Wachheit

Große Wachheit – Wir haben viele Probleme, nicht nur hierzulande, sondern auf der ganzen Welt, und sie scheinen schlimmer zu werden. Man sieht, dass eine Änderung nötig ist – auf wirtschaftlicher, sozialer, individueller, kommunaler Ebene usw. Man sieht ausserdem, dass die Dinge nur schlimmer werden, je mehr man verändert. Es muss, das ist klar, eine radikale innere Revolution stattfinden, eine totale psychische Mutation, und dazu scheinen wir nicht imstande zu sein. Wir haben so viele Sachverständige, die uns raten, dies oder jenes zu tun, und die Intellektuellen, die unzählige Artikel schreiben und als unsre Führer gelten. Ich fürchte jedoch, dass keiner wirklich aufmerksam ist. Wir sind entweder dafür oder dagegen, wir suchen uns die Häppchen heraus, die wir mögen, in der Hoffnung, dass diese trostlose Gesellschaft sich schon irgendwie ändern wird.

Zu allererst möchte ich die Feststellung machen, dass ich kein Sachverständiger irgendwelcher Art bin. Ich vertrete nicht Indien und seine Philosophie, seine Götter, seine Meditationsweisen, seine Gurus und dergleichen. Wir sind Menschen, Sie und ich, und wir wollen etwas herausbekommen: nicht nur, wie man sich in der Welt, in der Gesellschaft, in der wir leben, verhalten soll, sondern wir wollen auch selbst herausfinden, worum es eigentlich geht, was Meditation ist und wie man den Geist so leer macht, dass er verletzlich, unschuldig und frisch ist.

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Außerdem wollen wir untersuchen, ob es möglich ist, von unseren Konditionierungen so völlig frei zu werden, dass wir das Leben ganz anders, mit einem neuen Gefühl betrachten können, in dem aller Widerspruch, alles Streben ein Ende hat. Wenn wir uns all diese Probleme bewusst gemacht haben, dann wollen wir wissen, wie man die Menschheit vereinen kann, so dass es eine Regierung gibt (nicht von Politikern, was natürlich unmöglich wäre), unter der man anders handeln und leben kann, so dass diese Spaltung in Hindu, Moslem, Christ, Katholik, Schwarzer, Chinese verschwindet.

Vor uns liegt ein immenses und komplexes Problem. Es ist nicht außerhalb, sondern teil von uns, denn wir sind es, die Nationalisten, Katholiken, Protestanten, Kommunisten, Sozialisten usw. sind, in Bruchstücke geteilt. Jeder von uns akzeptiert eines davon und lebt nach der Ideologie dieses Bruchstücks, im Gegensatz zu anderen Bruchstücken, anderen Ideen.

Wir sind Menschen, unser Leben hat viele Bürden, und wir möchten wissen, was der Tod ist und ob es etwas jenseits des messenden Verstandes gibt, nicht einen mystischen Unsinn, nicht irgendeine Erfindung eines angeberischen kleinen Hirns. Wir möchten außerdem selbst herausfinden, ob es einen zeitlosen Zustand, ob es eine solche Dimension in uns gibt.

Während dieser Gespräche werden wir etwas lernen – nicht von mir, der Redner ist ohne Bedeutung: Wir werden die Freude entdecken, den verschlungenen Pfaden unseres Inneren zu folgen. Entdecken heißt lernen, und lernen ist eine Freude, nicht etwas, das weh tut. Eine solche Freude setzt Energie frei, und diese Energie brauchen Sie, um noch viel weiter und tiefer zu gehen.

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Bitte hören Sie nicht nur einer Rede zu, einer Menge von Worten und Ideen. Die Beschreibung ist nie das Beschriebene, aber leider bleiben wir meistens in der Beschreibung stecken und meinen dann, wir hätten das Ganze gefunden. Wir müssen daran denken, dass das Wort nicht das Ding ist. Wenn das einigermaßen klar ist, dann können wir beginnen zu lernen. Lernen ist eines der schwierigsten Dinge, die es gibt. Im Lernen aus Büchern und in der Wiederholung des Gelernten aus einem Buch ist keine Freude, kein Leben. Unsere Erziehung beruht auf diesem Prinzip.

Der Computer übertrifft den intellektuell geschulten Menschen mit seinem großen Wissen und seinen Ideen bei weitem, aber das nennen wir nicht lernen. Lernen setzt Entdeckung voraus, von einem Augenblick zum nächsten, so dass jede Entdeckung über uns selbst eine gewisse Begeisterung und Freude, eine Energie und den Drang mit sich bringt, mehr zu erfahren. All das gehört zur Liebe der Entdeckung und ihrer Wonne.

Wir wollen also nicht einfach eine Beschreibung hinnehmen, sondern darüber hinausgehen und tiefer eindringen, da wir erkennen, wie wichtig es ist, uns selbst zu erfahren. Das ist Selbsterkenntnis, das Kennenlernen unserer Lebensweise, unserer Motive, unserer Ansprüche, Bindungen, Verzweiflungen, Qualen usw. – zu lernen. Auf diese Art sind wir Menschen, die etwas entdecken, nicht Menschen aus zweiter Hand, die das wiederholen, was andere gesagt haben, und sei es noch so klug, logisch oder vernünftig. Ein solches Lernen ist keine Analyse, sondern direkte Wahrnehmung. Man kann unmöglich beobachten und direkt wahrnehmen mit Informationen aus zweiter Hand über sich selbst. Solche Informationen werden »die Autorität«.

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Wir wollen uns keinen analytischen Prozess erlauben, und das wird ziemlich schwierig. Zum analytischen Prozess gehört Zeit: Ich muss mich betrachten, mich analysieren, die Ursache meiner besonderen Ansprüche, Neurosen und Schwierigkeiten feststellen. Durch diesen Prozess hoffe ich, die Ursache zu finden und dadurch den Geist sowohl von dieser Ursache als auch von ihrer Wirkung zu befreien. Was wir vorhaben, verlangt Ernst und Aufmerksamkeit. Es geht nicht darum, dafür oder dagegen zu sein oder willkürliche Schlüsse zu ziehen. Wir wollen untersuchen und lernen, und das ist kein akkumulierender Prozess. Wenn man mit seinem angesammelten Wissen etwas untersucht, dann ist es unmöglich, etwas Frisches und Neues zu entdecken, weil man alles im Sinne dieser Anhäufung übersetzt und diesen ganzen Vorgang der Beziehungen und des Lebens nie mit frischen Augen und ganzheitlich betrachtet.

Man könnte fragen, worin der Unterschied besteht zwischen dem analytischen Vorgang, der professionellen Analyse, die Monate und Jahre in Anspruch nimmt, und dem, wovon wir hier reden. Das eine setzt Dauer und Zeit voraus, die schrittweise Untersuchung Ihres Ichs durch einen anderen, wobei der Analytiker ebenso konditioniert ist wie wir. Diese besondere Methode oder diesen Weg des Selbstverständnisses verfolgen wir nicht. Es gibt noch eine ganz andere Weise, an dieses Problem der Selbsterkenntnis heranzugehen. Ohne Selbsterkenntnis fehlt Ihnen die raison d’etre, und Ihre Beziehung zu einem anderen Menschen ist lediglich die Beziehung zwischen Bildern.

Um eine radikale Revolution in der Gesellschaft herbeizuführen – und diese muss es geben, aber nicht als eine ökonomische oder soziale, keine demokratische oder republikanische Revolution, sondern eine mit anderer Struktur und Beschaffenheit –, muss eine tiefgreifende und grundsätzliche Revolution im Inneren stattfinden.

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Die Gesellschaft, die wir geschaffen haben, sind wir. Sie ist nicht etwas Groteskes, das durch Druck und Zeit entstanden ist. Sie ist das, was wir sind, unsere Gier, unser Neid, unsere Verzweiflungen, unser aggressiver Konkurrenzgeist, unsere Ängste, unser Bedürfnis nach Sicherheit – all das hat unsere Gesellschaft geschaffen. Wenn wir sie ändern wollen, müssen wir uns ändern. Wenn wir nur ein paar Äste des Baumes, den wir Gesellschaft nennen, abhauen, wie der Politiker, der Ökonom usw. es tut, verändert das uns nicht. Wir sind die Gesellschaft; sie unterscheidet sich nicht von uns. Wir sind die Welt, die wir in so viele Fragmente gespalten haben.

Das Leben ist für diejenigen da, die wahrhaft ernst sind, nicht für die Oberflächlichen, nicht für die, die hin und wieder, gelegentlich ernst sind, sondern die es konsequent, mit voller Absicht sind. Wenn wir also ernst sind, dann erkennen wir, dass es keine Gemeinschaft und kein Individuum gibt, sondern nur den Menschen, der von der Gesellschaft, von der Kultur, in der er lebt, konditioniert ist; und diese Kultur und Gesellschaft ist vom Menschen gemacht.

Daher hat die Frage: »Was nützt es, wenn ich mich ändere, welchen Einfluss hat meine Verändrung auf die Gesellschaft ?« keinen Wert. Dagegen hätte es Wert, einen Weg zu finden, wie man sich unmittelbar ändern kann, so dass unser Geist unschuldig und frisch wird, so dass das Morgen mit seinen Qualen, und Ängsten überhaupt keinen Sinn mehr hat. (Ich gebrauche Worte wie »Weg« nicht gerne, da die Bedeutung von Methode, Zeit, Ende usw. darin liegt. Aber wir müssen sie verwenden; wir werden sie später zergliedern.)

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Eine grundlegende Frage lautet daher: Können wir, die wir in dieser stumpfsinnigen, närrischen, verrückten Welt leben, die wir uns nicht in ein Zen-Kloster oder dergleichen zurückziehen, sondern in dieser Welt mit ihrer Turbulenz, mit ihren Kriegen, mit ihren Schikanen leben, wo die Politiker um ihrer persönlichen Stellung und Macht willen Drähte ziehen, können wir hier ein gänzlich anderes Leben führen, in dem Liebe ist? Liebe ist nicht Genuss, Liebe ist nicht Begehren. Sie entsteht nur, wenn wir den Genuss, die Lust verstehen; und darauf können wir hier nicht‘ eingehen.

Wir haben es also mit dem Menschen zu tun, nicht mit dem Individuum. »Das Individuum« gibt es überhaupt nicht – höchstens als die örtlich begrenzte Wesenheit mit ihrem Aberglauben und ihrer Konditionierung, aber sie ist ein Teil des Menschen. Es geht uns darum, den Menschen von seiner Konditionierung zu befreien, von der Gesellschaft, in der er lebt und die ihn entwürdigt, die ständig Krieg führt, die Zwietracht, Hass und Gewalt züchtet. Unsere Frage lautet: Können wir uns ändern, nicht allmählich, nicht irgendwann? Denn wenn man Zeit braucht, gibt es nur Verfall, nur ein Verwelken.

Wir wollen gemeinsam untersuchen, ob Sie und ich uns schlagartig von Grund auf ändern und eine ganz neuartige Dimension betreten können, und dazu gehört Meditation. Die Meditation erfordert einen hohen Grad von Intelligenz, Sensibilität und die Fähigkeit zu Liebe und Schönheit, nicht bloß das Befolgen eines Systems, das ein Guru erfunden hat. Um all das geht es, wenn wir Leben und Tod untersuchen.

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Dass man nur dann untersuchen kann, wenn man Freiheit hat, liegt auf der Hand. Man kann dabei nicht Vorurteile, feste Schlüsse, Meinungen, Urteile und Wertbegriffe haben. Wer etwas entdecken will, muss die Freiheit haben zu sehen. Die Dinge sehen, wie sie tatsächlich in uns sind – ohne eine Entschuldigung zu suchen, ohne zu rechtfertigen, zu lügen oder uns etwas vor zumachen – das gehört zum Schwierigsten. Eines der Hauptprobleme ist die Beobachtung und das sich-selbst-Sehen – wirklich zu sehen. Ich meine, darauf sollten wir eingehen: Was ist Sehen?

Wenn Sie einen Baum ansehen – ich weiß nicht, ob Sie das in New York jemals tun –, sehen Sie ihn dann wirklich an, oder haben Sie ein Bild, eine Vorstellung von dem Baum, so dass es eigentlich das Bild ist, das ihn sieht? Nicht Sie selbst sind es, der den Baum unmittelbar sieht. Wenn Sie nämlich eine Wolke, die Sterne am Abend oder das wunderbare Licht der untergehenden Sonne betrachten, dann haben Sie schon ein Urteil darüber. Sie haben bereits gesagt: »Wie schön das ist«, und diese Äußerung hindert Sie schon am Sehen. Sie möchten es einem anderen mitteilen, aber diese Mitteilung im Augenblick des Sehens hindert Sie daran, mit den Dingen Ihrer Betrachtung wirklich in Berührung zu sein. Wenn Sie ein Bild vom Redner haben, etwa aufgrund einer Werbung, dann sehen Sie ihn durch dieses Bild, das Sie von ihm haben, und nicht wirklich. Und Sie hören nicht wirklich zu.

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Sie sehen und hören durch einen Filter von Worten und Bildern, und das hindert Sie, eigentlich wahrzunehmen, »was ist«, Das ist einer der Hauptpunkte in all unseren Gesprächen – wie man beobachtet. Können wir ohne die Anhäufung von Wissen und Erfahrung, also ohne Vergangenheit, schauen? Schauen ist immer gegenwärtig. Wenn man die Gegenwart mit den Erinnerungen der Vergangenheit betrachtet – und sämtliche Erinnerungen gehören wie das Wissen der Vergangenheit an – dann betrachten man das Neue mit getrübten Augen, denen die Erfahrung des Alten die Sicht verstellt.

Das ist also das erste, möchte ich sagen, was wir lernen müssen: Unsere Frau, unseren Mann ohne das Bild zu sehen, das wir über viele Jahre hin uns von ihr oder von ihm gemacht haben. Und das ist außerordentlich schwer. Unser Leben ist eine Folge von Erfahrungen. Wir haben Tausende von Erfahrungen gemacht, und aus ihnen wurde Wissen. Sie haben ihre Spur im Geist hinterlassen, sogar die Gehirnzellen sind mit diesen Erinnerungen geladen, und wenn wir unsere Frau, einen Freund, die Wolken oder das Licht der aufgehenden Sonne betrachten, dann sehen wir mit der Erinnerung von Erfahrungen, und daher gehört dieses Sehen der Vergangenheit an. Wir schauen mit den Augen der Vergangenheit, und daher können wir das Leben, wie es in der Gegenwart ist, nicht verstehen.

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Sehen verlangt große Aufmerksamkeit. Ich möchte. mich ohne Schablone sehen, aber ich muss feststellen, dass ich stark konditioniert bin. Ich bin bereits ein Sklave des Spezialisten, meine ganze Erziehung ist vom Spezialisten dirigiert und kontrolliert worden. Wenn ich mich kennenlernen, mich selbst betrachten will, wie ich wirklich bin, dann kann ich das nicht ohne Freiheit: von Urteilen, Erklärungen: Rechtfertigungen. Das jedoch ist nicht möglich, weil ich so stark konditioniert bin – vom Analytiker, von der Gesellschaft und der Kultur, in der ich lebe, usw. Ich betrachte mich mit dem Wissen der Vergangenheit, und daher sehe ich mich überhaupt nicht. Ist es also möglich, dieses ganze Wissen abzulegen (technisches, praktisches Wissen ist notwendig) und die Anhäufung von Erfahrung, Urteilen und Meinungen, durch die wir sehen und die eine Änderung verhindern?

Es herrscht immer eine Spaltung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten. Beziehung ist direkter Kontakt, geistig, körperlich usw.; direkt, nicht durch eine Folge von Bildern, Schlüssen oder Ideologien. Ist es denn möglich, völlig frei zu sein, frei von Ihrer Konditionierung als Christ, Kommunist, Katholik oder was immer? Ansonsten können Sie nicht schauen. Was immer Sie anschauen, wird in das übersetzt, was Sie schon wissen. Dann wird Änderung zu einem Kampf der Anpassung an vergangene Konditionierung. Denn innerer und äußerer Konflikt findet zwischen zwei Dingen statt, dem begrifflichen Denken und der Wirklichkeit.

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Die ganze Kunst des Sehens und Lernens, die Freude und Energie als Resultat dieses Sehens ist also eine ungeheure innerliche Herausforderung. Kann der Geist, der so stark von Illustrierten, vom Radio, von so vielen Einflüssen konditioniert ist, kann er das durchbrechen? Und zwar nicht allmählich, sondern augenblicklich. Dazu ist Aufmerksamkeit nötig, Hingabe von Geist und Herz, um sich selbst zu erkennen. Das ist wichtig vor allem, und es verlangt nicht Konzentration, sondern Aufmerksamkeit.

Wenn eine radikale Änderung in Ihrem Inneren vorgeht, dann wird das unweigerlich auch zu einer radikalen Änderung in der korrupten Gesellschaft führen, in der wir leben. Wer sich selbst verstehen will, muss frei werden von der Konditionierung des Gestern und seiner Projizierung, die das Morgen ist. Das Heute ist für die meisten von uns nur ein Durchgang zwischen diesen beiden. Aufmerksamkeit erfordert Bewusstheit, sensibles sich-bewusst-sein. Sie können nicht sensibel bewusst sein, wenn Sie Beschlüsse fassen, dass gemäß einer Ideologie dies sein muss und das nicht sein darf.

Die Menschen, die nach Prinzipien und Ideologien leben, sind äußerst unsensibel, denn sie leben in der Zukunft und wollen, dass die Gegenwart sich anpasst. Die Ideologie wird zur »Autorität«, ob sie nun kommunistisch, sozialistisch oder kapitalistisch ist usw. Können wir uns also von Idealen, von Schlüssen befreien? – Bitte, gehen Sie dem nach, untersuchen Sie, warum wir diese Ideale, dieses begriffliche Denken haben, die Utopien und die ganzen religiösen Systeme, die auf der ganzen Welt die Menschheit gespalten haben. Sie alle beruhen auf ideologischen Begriffen, und es ist klar, wie idiotisch und sinnlos sie sind. Trotzdem lassen wir sie uns gefallen – warum nur? Begriffe – alles Denken ist in Begriffen, nicht wahr?

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Ich denke an etwas, das mir Lust oder Schmerz verursacht hat, und indem ich daran denke und mir wünsche, dass es so sein möge oder nicht, und mich dabei in der Schablone bewege, die ich mir gemacht habe, denke ich in Begriffen. Und man fragt sich: Warum lebe ich in der Zukunft oder in der Vergangenheit? Warum sehe ich mit dem ganzen angehäuften Wissen, das ich bin, das Worte, Gedächtnis ist und nichts sonst? Warum lebe ich der sogenannten Tradition oder Kultur gemäß usw.? Die meisten von uns sind sich gar nicht bewusst, dass wir konditioniert sind.

Einer ist ein Katholik und durch die Propaganda von zweitausend Jahren konditioniert (für mich ist das etwas Ungeheuerliches!), ein anderer durch »Worte« als Protestant, als Hindu, als Moslem, und so geht es weiter auf der ganzen Welt. Wir wachsen darin auf, wir nehmen die Konditionierung an, aber wir leben nicht nach ihren Geboten. Wir akzeptieren die verbale Feststellung, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, und doch lieben wir ihn offensichtlich nicht. Wir treten ihn, wir bringen ihn um, im Büro, auf dem Schlachtfeld und so fort.

Wir sind gespalten in Christen, Moslems, Hindus, ein System gegen das andere. Unser Verstand weiß, dass diese Spaltungen der Menschheit unendliches Elend gebracht haben, religiöse Kriege usw., und dennoch machen wir so weiter. Warum? Bitte, beobachten Sie das – warum? Was würde geschehen, wenn wir überhaupt keine Ideologien hätten? Wären wir dann Materialisten? Ich fürchte, das sind wir schon, sehr sogar, obwohl wir Ideologien haben. Sie sind nur ein Spielzeug, für unser Leben bedeuten sie nichts. Was aber sehr wohl etwas bedeutet, ist dieser dauernde Kampf von Ehrgeiz, Gier, Neid usw. Das hat Wirklichkeit, nicht, ob Sie an Gott oder dies oder jenes glauben.

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Solange sich an unserem wirklichen Leben im Alltag nichts Grundlegendes geändert hat, meinen wir es nicht ernst. Die Situation braucht aber Leute, die ernst machen, nicht Menschen mit einer Macke und innerer Zersplitterung. Wissen wir um unsere Konditionierung? Sie ist immerhin die ganze Psyche, sie bedingt unsere Lebensweise, was wir denken, tun und empfinden – von der Psyche her. (Liebe kommt nicht aus unserer Konditionierung, aber sie kann konditioniert werden, wenn wir sie in unseren Genuss übertragen.) Was soll ich also tun? Ich weiß, dass ich als Hindu usw. konditioniert bin, und ich weiß außerdem, dass Entkonditionierung keine Frage der Zeit ist, nichts, was ich allmählich erreichen werde. Während ich »allmählich« sage, säe ich nämlich die Saat des Elends für andere und für mich selbst, denn es ist doch stumpfsinnig, eine Ideologie der Gewaltlosigkeit zu haben und dabei die ganze Zeit Gewalt zu üben.

Man propagiert vielleicht die Gewaltlosigkeit als ein politisches Werkzeug, aber warum macht man ein Ideal aus ihr? Es geschieht aus Tradition, man hat sie als Teil des Lebens akzeptiert, wie man es akzeptiert hat, Fleisch zu essen oder in den Krieg zu ziehen und die Fahne zu salutieren. Man akzeptiert, und das ist zur Gewohnheit geworden. Können wir diese Gewohnheit in unser Bewusstsein nehmen, inne sein, dass man konditioniert ist, dass man unzählige Gewohnheiten kultiviert hat, sie einfach nur anschauen? Schauen Sie in Freiheit hin, damit darin die Gewohnheit sich voll entfaltet – loten Sie ihre ganze Bedeutung aus. Wenn Sie eine Gewohnheit verurteilen, würgen Sie sie ab. Wenn Sie sagen: »Ich darf diese Gewohnheit nicht haben«, bleiben Sie in ihr stecken. Sie haben Kontrolle ausgeübt, und so erfahren Sie nichts über sie.

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Kann man bewusst sein ohne Zeit? Kann ich dieser Konditionierung, dieser Gewohnheit, dieser geltenden Norm, der Tradition bewusst sein, ohne mir zu sagen: »Ich werde sie langsam ablegen, Schicht um Schicht abtragen?« Können wir so ganzheitlich schauen, ohne Zersplitterung? Können wir etwas so vollständig in den Blick fassen, dass es keine Spaltung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten gibt? In dieser Spaltung nämlich, in diesem Zwischenraum, in diesem Intervall liegt das ganze Problem.

Sehen Sie, wir leben mit Widerstand und Konflikt – das ist alles, was wir kennen; und der Widerstand erzeugt eine gewisse Art der Energie, ebenso der Konflikt. Wo aber Konflikt und Widerstand sind, ist der Geist zerrissen, gequält, unklar, verwirrt. Konflikt – sowohl innerer als auch äußerer, in allen Beziehungen – ist offensichtlich von Übel, er zerstört. Solange jedoch die Spaltung zwischen Beobachter und Beobachtetem, dem Denker und dem Gedachten existiert, muss es Konflikt geben. Wenn Sie sagen, ich liebe einen Menschen, ist darin nicht auch eine Spaltung? In dieser Spaltung ist Eifersucht, der Wille, den anderen zu besitzen, zu beherrschen, Aggressivität. Sie kennen das ja. Und das erzeugt Konflikt. Ist es also möglich, so zu sehen, dass die Spaltung zwischen diesen beiden, dem Beobachter und dem Beobachteten, ein Ende hat? Das ist Meditation.

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Warum es diese Spaltung überhaupt gibt, bedarf einer gründlichen Untersuchung, einer gründlichen Selbsterforschung. Ein Grund liegt darin, dass wir falsch erzogen sind, denn wir haben Ideale, wir passen uns einem Muster an, der sogenannten Anständigkeit und dergleichen. Die Entdeckung, warum sie existiert – nicht manchmal, sondern immer, im Bus, im Auto, im Gespräch mit einem anderen macht ungeheure Freude. Dann ist der Beobachter das Beobachtete – und er ist noch mehr. Das heißt nicht, dass Sie der Baum werden, wenn Sie ihn beobachten – um Himmelswillen! Es wäre stupide, sich mit dem Baum zu identifizieren. Aber wenn diese Spaltung aufhört, dann sind Sie in einer ganz anderen Dimension – sie ist keine Spaltung, keine Hoffnung. Wenn man wirklich sieht, wie diese Spaltung verschwindet, gibt es weder den Beobachter noch das Beobachtete, sondern nur die Beobachtung. Dazu muss es Frieden und Freiheit geben, die Freiheit von Angst.

Ich glaube, wir sollten jetzt aufhören. Gibt es irgendwelche Fragen zum Thema unseres Gesprächs?

FRAGE: Wie können wir uns von der Angst befreien?

KRISHNAMURTI: Das würde eine lange Antwort erfordern. Wir wollen uns das nächstemal damit beschäftigen.

FRAGE: (Unverständlich)

KRISHNAMURTI: Ich habe gesagt, dass zur Beobachtung Sehen nötig ist, nicht wahr? Es kann nur dann Sehen geben, wenn der Geist die Freiheit hat, zu sehen und über das, was er sieht, etwas zu erfahren. Lernen ist entdecken und darin liegt etwas ungeheuer Freudiges. Diese Freude gibt Ihnen Energie. Sehen Sie, das Mönchtum auf der ganzen Welt hat z.B. das Gelübde der Keuschheit und Armut abgelegt in dem Glauben, dass es dadurch große Energie gewinnen würde, um das christliche Leben oder was auch immer zu führen.

Das geschieht, aber der Mönch ist geschlechtlich, er ist ehrgeizig, er ist ein Affe wie wir alle, und er kämpft innerlich. Dieser Kampf in seinem Inneren ist verschwendete Energie. Er eifert dem Vorbild nach, das die Kirche oder die Tradition aufgestellt hat, und dieses Streben ist eine Form des Widerstands. Wenn man Widerstand leistet, muss ein Kampf stattfinden; und das setzt keine Energie frei. Wir reden von etwas ganz anderem.

Die meisten von uns haben sehr wenig Energie, weil wir unser Leben mit Kampf verbringen. Am Arbeitsplatz und zu Hause lassen wir uns von unserem Ehrgeiz treiben, es herrscht dauernder Konflikt, eine Meinung gegen die andere usw. Es kommt zwar eine gewisse Form von Energie aus dem Konflikt, aber sie ist äußerst destruktiv, wie man auf der Welt sehen kann. In jedem Büro herrscht Konkurrenzgeist, der, auch wenn er eine solche Energie hervorbringt, eine Gesellschaft erzeugt, in der es die Oberen und die Unteren gibt, also Kampf.

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Wenn man sich die Frage stellt: Muss das Leben so sein? – dieser Kampf zwischen meiner Frau und meinem Nachbarn, Kampf, Kampf – gibt es denn nicht eine andere Form von Energie, die nicht dem Schmerz, Leiden, Wirrwarr, der Sorge, Angst und Schuld entspringt? Es gibt sie, wenn man lernen und wirklich das sehen kann, »was ist«. Dieses kann man nicht sehen ohne Freiheit, und deshalb müssen wir uns unserer Konditionierung bewusst werden.

Das ist ziemlich einfach zu tun, während man dies oder jenes denkt. Wenn Sie Zeit – im chronologischen Sinn – darauf verwenden können, wenn Sie nur fünf Minuten pro Tag aufwenden, um zu sehenwas in ihnen vorgeht, werden Sie eine Menge lernen. Sie brauchen zu keinem Analytiker zu gehen, wenn Sie nicht sehr neurotisch sind – dann sind Sie allerdings in der Klemme. Die meisten von uns sind jedoch einigermaßen ausgeglichen, vielleicht nicht ganz. Es macht Ihren Geist außerordentlich sensibel, dieses mangelnden Gleichgewichts gewahr zu sein – so wie Sie sich dieses Saales heim Hereinkommen gewahr waren, der Proportionen, der Höhe, des Lichts, der Stühle, der Menschen darin, der Farbe ihrer Mäntel, Jacken und sonstiger Kleidung, der vershiedenen Farben und Ihrer Reaktion auf diese Farben. Auf diese Weise können sie sich selbst betrachten, und Sie finden darin die ganze Geschichte, das ganze Wissen. Bücher tun nichts mehr zur Sache.

FRAGE: Meine Frage lautet: Ein Mann verbringt acht Stunden pro Tag mit Haare schneiden oder vierzig Jahre seines Lebens in einem Büro – das wird sehr langweilig. Was soll er tun?

KRISHNAMURTI: Stellen Sie sich vor, dass ein Mann vierzig Jahre in einem Büro verbringt – ich weiß nicht, warum er das tut! (Gelächter) Junge Menschen revoltieren gegen all das – als Manager oder als Büroangestellter zu landen – meine Güte, sie müssen revoltieren! Machen Sie sich die Langeweile bewusst, warum man sich langweilt, gehen Sie dem nach und stellen Sie fest, warum man kein Friseur mehr sein oder nicht mehr darum kämpfen will, an die Spitze des Haufens zu kommen. Man will vielleicht keins dieser Dinge, sondern ein wirklicher Mensch sein, keine Maschine.

Doch stellen Sie das selbst fest, lassen Sie es sich nicht von den Zeitungen usw. sagen, untersuchen Sie das ganze Problem der Langeweile. Langeweile zieht Zerstreuung an, ob Sie nun in die Kirche gehen, um sich zu unterhalten, oder zum Fußballspiel, es bleibt sich gleich. Stellen Sie fest, was Zerstreuung bedeutet, und was es heißt, damit aufzuhören. Lassen Sie sich so vital darauf ein, dass Sie von Langeweile gereinigt werden.

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FRAGE: Ich habe ein Anliegen, das ich mitteilen möchte. Alle Bewusstheit auf der Welt kann nicht eine gegenseitige Beziehung schaffen. Ich sehe, dass die Bischöfe immer ihren Segen zur Ehe und zum Familienleben geben. Etwas in mir wehrt sich immer wieder gegen eine Anschauung, die nichts Wesentliches in gegenseitiger Beziehung sieht. Ich finde es wesentlich, dass wir gegenseitige Beziehungen haben.

KRISHNAMURTI: Einverstanden. Wenn Sie keine Beziehung haben, hören Sie auf zu existieren, nicht wahr? Das Leben ist Beziehung. Wir müssen also herausfinden, was Beziehung ist; ich weiß, dass wir in Beziehung sein müssen, und ich weiß, dass die meisten von uns es nicht sind – wir leben in Isolation. Wir können verheiratet sein und Kinder haben und dennoch in uns isoliert sein und daher keine Beziehung zu einem anderen haben. Wenn wir näher hinschauen, dann entdecken wir, was Beziehung wirklich ist und was nur so genannt wird. Was wir Beziehung nennen, ist die Beziehung zwischen zwei Bildern, meinem Bild von ihr und dem ihren von mir. Diese Bilder sind das Resultat und die Erinnerung an die Verletzungen, das Nörgeln, das Tyrannisieren usw.

Das nennen wir dann Beziehung. Können wir aber eine Beziehung ohne all das haben? Das heißt, wir stellen die Frage, ob Liebe immer ein Konflikt sein muss. Ist Liebe eine Idee? Ist sie eine Form von Genuss, den wir Liebe genannt haben? Um dieses Problem zu verstehen – wir kehren wieder zur Hauptsache zurück –, muss ich begreifen, warum ich Bilder errichte. Meine Frau hat mich beleidigt, mich beschimpft, warum hängt mir die Erinnerung daran nach? Warum kann ich dem nicht sterben – es sterben lassen, während sie es tut, nicht nachher? Ist das möglich? Niemals diese Beleidigungen, Erfahrungen, Schelte sammeln, aufbewahren. Das heißt, dass man im Augenblick, wenn sie beleidigend ist, der Worte und ihrer Bedeutung bewusst ist und sich in diesem Augenblick, nicht hinterher, voll auf sie einlässt – das verlangt große Sensibilität, große Wachheit.

Große Wachheit
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