Warum können wir nicht in Frieden leben

„Warum können wir nicht in Frieden leben?“ Aus „Der Flug des Adlers“
Krishnamurti: Es scheint seltsam, dass wir keine Lebensweise finden können, in der es weder Konflikte, noch Elend, noch Verwirrung gibt, sondern eine große Fülle von Liebe und Rücksichtnahme.

Wir lesen Bücher von intellektuellen Menschen, die uns sagen, wie die Gesellschaft wirtschaftlich, sozial und moralisch organisiert sein sollte.

Dann wenden wir uns Büchern von religiösen Menschen und Theologen mit ihren spekulativen Ideen zu.

Offensichtlich scheint es für die meisten von uns sehr schwierig zu sein, eine Lebensweise zu finden, die lebendig, friedlich, voller Energie und Klarheit ist, ohne von anderen abhängig zu sein. Wir sollten eigentlich sehr reife und kultivierte Menschen sein.

Die Älteren unter uns haben zwei schreckliche Kriege, Revolutionen, Umwälzungen und jede Form von Unglück erlebt. Aber noch immer sind wir hier, an einem schönen Morgen, und reden über all diese Dinge, warten vielleicht darauf, dass man uns sagt, was wir tun sollen, dass man uns einen praktischen Weg des Lebens zeigt, dass wir jemandem folgen können, der uns einen Schlüssel zur Schönheit des Lebens und zur Größe von etwas gibt, das jenseits des Alltags liegt.

Ich frage mich – und Sie vielleicht auch – warum wir auf andere hören.

Warum können wir keine Klarheit für uns selbst in unserem eigenen Geist und Herzen finden, ohne jede Verzerrung; warum müssen wir uns mit Büchern belasten?

Können wir nicht unbeirrt, voll und ganz, mit großer Freude und wirklichem Frieden leben?

Dieser Zustand scheint mir in der Tat sehr seltsam zu sein, aber so ist es.

Haben Sie sich jemals gefragt, ob Sie ein Leben ganz ohne Anstrengung und Streit führen könnten?

Wir bemühen uns unablässig, dies zu ändern, jenes zu transformieren, dies zu unterdrücken, jenes zu akzeptieren, zu imitieren, bestimmten Formeln und Ideen zu folgen.

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Und ich frage mich, ob wir uns jemals gefragt haben, ob es möglich ist, ohne Konflikte zu leben – nicht in intellektueller Isolation oder in einer emotionalen, sentimentalen, eher schwammigen Lebensweise – sondern ohne jede Art von Anstrengung.

Denn Anstrengung, wie angenehm oder unangenehm, befriedigend oder gewinnbringend sie auch sein mag, verzerrt und pervertiert den Geist.

Er ist wie eine Maschine, die ständig mahlt, aber nie rund läuft und sich dadurch sehr schnell abnutzt.

Weiter stellt sich die Frage – und ich denke, es ist eine lohnende Frage –, ob es möglich ist, ohne Anstrengung zu leben, ohne dabei letargisch, isoliert, gleichgültig, unsensibel zu werden, ohne ein träger Mensch zu sein.

Unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod, ist ein endloser Kampf, sich anzupassen, sich zu verändern, etwas zu werden. Und dieser Kampf und Konflikt führt zu Verwirrung, stumpft den Verstand ab und unser Herz wird unsensibel.

Ist es also möglich – nicht als Idee oder als etwas Hoffnungsloses, das unser Vermögen übersteigt –, einen Weg zu finden, ohne Konflikte zu leben, nicht nur oberflächlich, sondern auch tief im sogenannten Unbewussten, in unseren eigenen Tiefen? Vielleicht können wir heute Morgen dieser Frage auf den Grund gehen.

Zunächst einmal: Warum erfinden wir Konflikte, ob sie nun angenehm oder unangenehm sin? Und ist es möglich, damit aufzuhören? Können wir damit aufhören und ein völlig anderes Leben führen, mit großer Energie, Klarheit, intellektueller Kapazität, Vernunft und einem Herzen, das im wahrsten Sinne des Wortes voller Liebe ist?

Ich denke, wir sollten unseren Verstand und unser Herz einsetzen, um das herauszufinden und uns ganz darauf einzulassen.

Offensichtlich gibt es Konflikte aufgrund von Widersprüchen in uns selbst, die sich nach außen hin in der Gesellschaft ausdrücken, in der Aktivität des „Ich“ und des „Nicht-Ich“.

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Das heißt, das „Ich“ mit all seinen Ambitionen, Trieben, Bestrebungen, Vergnügungen, Ängsten, Hass, Konkurrenz und Befürchtungen und das „Andere“, das „Nicht-Ich“.

Da ist aber auch die Idee, ohne Konflikt zu leben oder sich widersprüchlichen Wünschen, Bestrebungen und Trieben entgegenzustellen.

Wenn wir uns dieser Spannung bewusst sind, können wir sie in uns selbst sehen, die Anziehungskraft widersprüchlicher Forderungen, gegensätzlicher Überzeugungen, Ideen, Bestrebungen und Widersprüche, die zu Konflikten führen.

Ich denke, das ist ziemlich klar, wenn wir es in uns selbst beobachten.

Das Muster wiederholt sich immer wieder, nicht nur im täglichen Leben, sondern auch im sogenannten religiösen Leben – zwischen Himmel und Hölle, dem Guten und dem Bösen, dem Edlen und dem Unedlen, Liebe und Hass und so weiter.

Wenn ich vorschlagen darf, hören Sie bitte nicht nur den Worten zu, sondern beobachten Sie sich selbst ohne zu analysieren. Benutzen Sie den Sprecher als Spiegel, in dem Sie sich selbst sachlich sehen, so dass Sie sich der Funktionsweise Ihres eigenen Geistes und Herzens bewusst werden, wenn Sie in diesen Spiegel schauen.

Man kann sehen, wie jede Form von Spaltung, Trennung oder Widerspruch, innerhalb oder außerhalb von einem selbst, unweigerlich zu einem Konflikt zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit führt.

Ist es möglich, diesen Zustand zu beenden, nicht nur auf der oberflächlichen Ebene unseres Bewusstseins, in unserem täglichen Leben, sondern auch tief in den Wurzeln unseres Seins, so dass es keinen Widerspruch mehr gibt, keine gegensätzlichen Forderungen und Wünsche, keine Aktivität des dualistischen, fragmentarischen Geistes?

Man schwankt dauernd hinundher zwischen dem „Ich“ und dem „Nicht-Ich“ – dem „Ich“ mit all seinen Ambitionen, Trieben und Widersprüchen und dem „Nicht-Ich“, das das Ideal ist, die Formel, das Konzept.

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Wir versuchen immer, eine Brücke zu schlagen zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Das führt zu Widersprüchen und Konflikten, und all unsere Energien werden auf diese Weise verschwendet.

Kann der Geist aufhören zu trennen und ganz bei dem bleiben, was ist?

Gibt es im Verständnis dessen, was ist, überhaupt einen Konflikt?

Ich möchte diese Frage im Zusammenhang mit Freiheit und Angst aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Die meisten von uns wünschen sich Freiheit, obwohl wir in egozentrischer Aktivität leben und unsere Tage mit der Sorge um uns selbst, unsem Versagen und unsere Erfüllung verbringen.

Wir wollen frei sein – nicht nur politisch, was vergleichsweise einfach ist, außer in der Welt der Diktaturen – sondern auch frei von religiöser Propaganda.

Jede Religion, ob alt oder modern, ist das Werk von Propagandisten und daher gar keine Religion.

Je ernster man ist, je mehr man sich mit dem Leben beschäftigt, desto mehr sucht man nach Freiheit und hinterfragt alles, ohne etwas blind zu akzeptieren oder zu glauben.

Man will frei sein, um selbst herauszufinden, ob es so etwas wie Realität gibt, etwas Ewiges, Zeitloses oder nicht.

In jeder Beziehung gibt es diese außergewöhnliche Forderung, frei zu sei; aber diese Freiheit führt im Allgemeinen in einen Prozess der Selbstisolierung und ist daher keine wahre Freiheit.

In ebendieser Forderung nach Freiheit steckt Angst.

Denn Freiheit kann völlige, absolute Unsicherheit bedeuten, und man hat Angst davor, völlig unsicher zu sein. Unsicherheit scheint eine sehr gefährliche Sache zu sein – jedes Kind verlangt nach Sicherheit in seinen Beziehungen.

Auch wenn wir älter werden, verlangen wir weiterhin nach Sicherheit und Gewissheit in allen Beziehungen – mit Dingen, mit Menschen und mit Ideen.

Dieses Verlangen nach Sicherheit erzeugt unweigerlich Angs. Und da wir Angst haben, sind wir mehr und mehr von den Dingen abhängig, an die wir gebunden sind.

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Es stellt sich also die Frage nach Freiheit und Angst und ob es überhaupt möglich ist, frei von Angst zu sein; nicht nur physisch, sondern auch psychologisch, nicht nur oberflächlich, sondern tief in den dunklen Ecken unseres Geistes, in den geheimsten Nischen, in die noch niemand vorgedrungen ist.

Kann der Geist ganz und gar frei sein von Angst?

Liebe wird durch Angst zerstört. Das ist keine Theorie. Unruhe, Sorgen, Klammern, Besitzdenken, Herrschaft, Eifersucht, all dies geht aus Angst hervor. Es ist die Angst, die zu Gewalt führt.

Wie man in den überfüllten Städten mit ihrer explodierenden Bevölkerung beobachten kann, gibt es große Unsicherheit, Ungewissheit, Angst.

Und das ist eine Ursache für Gewalt.

Können wir ganz ohne Angst sein? So dass wir diesen Saal, wenn es Zeit ist, ohne den dunklen Schatten, den die Angst erzeugt, verlassen können?

Um die Angst zu verstehen, müssen wir nicht nur die physischen Ängste untersuchen, sondern auch das riesige Geflecht der psychologischen Ängste.

Vielleicht können wir darauf eingehen.

Die Frage ist: Wie entsteht Angst – was hält sie aufrecht, gibt ihr Dauer, und ist es möglich, sie zu beenden?

Physische Ängste sind relativ leicht zu verstehen.

Es gibt eine unmittelbare Reaktion auf physische Gefahr, und diese Reaktion ist das Ergebnis jahrhundertelanger Konditionierug. Denn ohne sie hätte es kein physisches Überleben gegeben. Das Leben wäre beendet worden.

Physisch muss man überleben, und die jahrtausendelange Tradition sag: „Sei vorsichtig“, das Gedächtnis sagt: „Sei vorsichtig, es besteht Gefahr, handle sofort!“.

Aber ist diese physische Reaktion auf Gefahr Angst?

Bitte folgen Sie dem sehr aufmerksam, denn wir befassen uns mit etwas ganz Einfachem und doch Komplexem. Wenn Sie dem nicht Ihre ganze Aufmerksamkeit widmen, können wir es nicht verstehen.

Wir fragen, ob diese physische, sensorische Reaktion auf Gefahr, die eine unmittelbare Handlung beinhaltet, Angst ist?

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Oder ist es Intelligenz und daher gar keine Angst?

Und ist Intelligenz eine Frage der Kultivierung von Tradition und Gedächtnis?

Wenn ja, warum funktioniert sie nicht vollständig, wie sie sollte, im psychologischen Bereich, wo man sich vor so vielen Dingen so schrecklich fürchtet?

Warum funktioniert dieselbe Intelligenz, die wir bei der Begegnung mit Gefahren finden, nicht auch bei psychologischen Ängsten?

Ist diese physische Intelligenz auf die psychologische Natur des Menschen anwendbar?

Das heißt, es gibt Ängste verschiedener Art, die wir alle kennen – Angst vor dem Tod, vor der Dunkelheit, davor, was die Frau oder der Mann sagen oder tun wird, oder was der Nachbar oder der Chef denken wird – das ganze Netzwerk der Ängste.

Wir befassen uns nicht mit den Einzelheiten der verschiedenen Formen der Angst; es geht uns um die Angst selbst, nicht um eine bestimmte Angst.

Wenn Angst vorhanden ist und wir uns ihrer bewusst werden, dann gibt es eine Bewegung, um ihr zu entkommen. Entweder unterdrücken wir sie, laufen vor ihr weg oder flüchten durch verschiedene Formen der Unterhaltung, einschließlich religiöser Formen, oder wir entwickeln Mut, was Widerstand gegen die Angst bedeutet.

Flucht, Unterhaltung und Mut sind allesamt verschiedene Formen des Widerstands gegen die eigentliche Tatsache der Angst.

Je größer die Angst ist, desto größer ist der Widerstand gegen sie, und so entstehen verschiedene neurotische Aktivitäten.

Da ist Angst und der Verstand – oder das „Ich“ – sagt: „Es darf keine Angst geben“. Und schon gibt es die Dualität, Spaltung.

Es gibt das „Ich“, das sich von der Angst unterscheidet, das vor der Angst flieht und ihr widersteht. Es stellt Theorien auf oder geht zum Analytiker. Und es gibt das „Nicht-Ich“.

Das „Nicht-Ich“ ist die Angst; das „Ich“ ist von dieser Angst abgetrennt.

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Es gibt also einen unmittelbaren Konflikt zwischen der Angst und dem „Ich“, das diese Angst bekämpft.

Es gibt den Beobachter und das Beobachtete.

Das Beobachtete ist die Angst und der Beobachter ist das „Ich“, das die Angst loswerden will.

Es gibt also einen Gegensatz, einen Widerspruch, eine Trennung und damit einen Konflikt zwischen der Angst und dem „Ich.

Verstehen wir uns ?

Das Problem besteht in diesem Konflikt zwischen dem „Nicht-Ich“ der Angst und dem „Ich“, das denkt, es sei anders als die Angst und sich gegen sie wehrt und versucht, sie zu überwinden, ihr zu entkommen, sie zu unterdrücken oder zu kontrollieren.

Diese Spaltung führt unweigerlich zu denselben Konflikten, wie sie zwischen zwei Nationen mit ihren Armeen, ihrer Marine und ihren getrennten souveränen Regierungen vorkommen.

Es gibt also den Beobachter und das beobachtete Ding – der Beobachter sagt: „Ich muss dieses schreckliche Ding loswerden, ich muss es beseitigen.“

Der Beobachter kämpft immer, befindet sich in einem Zustand des Konflikts.

Das ist zu unserer Gewohnheit, unserer Tradition, unserer Konditionierung geworden.

Es ist eines der schwierigsten Dinge, mit jeder Art von Gewohnheit zu brechen, weil wir gerne in Gewohnheiten leben, wie Rauchen, Trinken, sexuelle oder psychologische Gewohnheiten. Und so ist es auch mit Nationen, souveränen Regierungen, die sagen „mein Land und dein Land“, „mein Gott und dein Gott“, „mein Glaube und dein Glaube“.

Es ist unsere Tradition, zu kämpfen, der Angst zu widerstehen und damit den Konflikt zu verstärken und so der Angst mehr Leben einzuhauchen.

Wenn das klar ist, können wir zum nächsten Schritt übergehen, nämlich: Gibt es in diesem speziellen Fall einen tatsächlichen Unterschied zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten?

Der Beobachter denkt, er sei anders als der Beobachtete, was die Angst ist.

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Gibt es einen Unterschied zwischen dem Beobachter, der denkt, er sei anders als as Beobachtete – in diesem Fall die Angst ist – und dem, was er beobachtet? Oder sind sie beide gleich?

Sie sind natürlich einunddasselbe.

Der Beobachter ist das Beobachtete – wenn etwas völlig Neues geschieht, gibt es überhaupt keinen Beobachter.

Nur weil der Beobachter seine Reaktion als Angst erkennt, die er schon vorher gekannt hat, gibt es diese Trennung.

Wenn Sie sehr, sehr tief in die Materie eindringen, entdecken Sie selbst – wie ich hoffe, dass Sie das jetzt tun –, dass der Beobachter und das Beobachtete im Wesentlichen dasselbe sind.

Wenn sie also ein und dasselbe sind, löst sich der Widerspruch, das „Ich“ und das „Nicht-Ich“, vollständig auf, und damit auch jede Art von Anstrengung.

Das bedeutet aber nicht, dass man die Angst akzeptiert oder sich mit ihr identifiziert.

Es gibt die Angst, die beobachtet wird, und den Beobachter, der Teil dieser Angst ist.

Was ist also zu tun?

(Arbeiten Sie genauso hart wie der Sprecher? Wenn Sie nur die Worten hören, dann fürchte ich, dass Sie diese Frage der Angst nicht grundlegebd lösen werden).

Es gibt nur die Angst – keinen Beobachter, der die Angst beobachtet, denn der Beobachter ist die Angst.

Es gibt hier mehrere Dinge, die zu beachten sind.

Erstens: Was ist Angst und wie entsteht sie?

Wir sprechen nicht über die Folgen der Angst oderder Grund der Angst oder darüber, wie sie unser Leben mit ihrem Elend und ihrer Hässlichkeit verdunkelt.

Sondern wir fragen, was ist Angst und wie kommt sie überhaupt zustande?

Muss man sie ständig analysieren, um die endlosen Ursachen der Angst zu entdecken?

Denn wenn man analysieren will, muss man außerordentlich frei sein von allen Vorurteilen und Konditionierungen. Man muss hinschauen, beobachten.

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Wenn es hingegen auch nur die gringste Form von Verzerrung des Urteilsvermögens gibt, dann verstärkt sich diese Verzerrung, je länger man analysiert.

Die Analyse mit dem Ziel, die Angst zu beenden, führt also nicht zum Ende der Angst.

Ich hoffe, dass es hier einige Psychoanalytiker gibt!

Denn wenn man die Ursache der Angst entdeckt und entprechend handelt, wird die Ursache zur Wirkung und die Wirkung wird zur Ursache.

Zuerst besteht die Wirkung im entsprechenden Handeln – der Suche nach der Ursache. Darauf folgt das Entdecken der Ursache und das entsprechende Handeln, was wiederum eine Wirkung erzeugt.

In einer endlosen Kette werden beide zu Wirkung und Ursache.

Wenn wir das Verständnis für die Ursache der Angst und die Analyse der Angst beiseite lassen, was gibt es dann zu tun?

Wissen Sie, das ist keine Unterhaltung, aber es macht große Freude, etwas zu entdecken, es macht großen Spaß, all das zu verstehen.

Also: Wie kommt Angst zustande?

Die Basis von Angst sind Zeit und Gedanken – Zeit als gestern, heute und morgen.

Da ist die Angst, was morgen passieren wird – Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, Angst vor dem Tod; meine Frau oder mein Mann könnte weglaufen; die Krankheit und die Schmerzen, die ich vor vielen Tagen hatte, könnten wieder zurückkomme.

An dieser Stelle kommt die Zeit ins Spiel.

Die Zei als Vorstellung, was mein Nachbar morgen über mich sagen könnte. Oder die Zeit, die bis jetzt etwas vertuscht hat, was ich vor vielen Jahren getan habe. Man hat Angst vor irgendwelchen tief verborgenen Wünschen, die vielleicht nicht erfüllt werden.

Die Zeit hat also mit Angst zu tun, mit der Angst vor dem Tod, der am Ende des Lebens kommt, der vielleicht schon um die Ecke warte. Davor haen wir Angst.

Zeit hat also mit Angst und Gedanken zu tun.

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Es gibt keine Zeit, wenn es keine Gedanken gibt.

Über das nachzudenken, was gestern passiert ist, Angst zu haben, dass es morgen wieder passieren könnte – das ist es, was Zeit und Angst hervorruft.

Schaut euch das an, schaut es euch bitte selbst an – nehmt nichts an oder lehnt nichts ab; aber hört zu, findet selbst die Wahrheit heraus, nicht nur die Worte, nicht ob ihr zustimmt oder nicht, sondern geht weiter.

Um die Wahrheit herauszufinden, müssen Sie ein Gefühl haben, eine Leidenschaft für das Herausfinden, eine große Energie.

Dann werden Sie feststellen, dass Denken Angst erzeug. Denken über die Vergangenheit oder die Zukunft – die Zukunft ist die nächste Minute oder der nächste Tag oder in zehn . Denken über die Zukunft macht sie zu einem Ereignis.

Und das Denken an ein Ereignis, das gestern angenehm war, erhält dieses Vergnügen aufrecht oder gibt ihm Kontinuität, ob dieses Vergnügen nun sexuell, sensorisch, intellektuell oder psychologisch ist. Das Denken daran, das Aufbauen eines Bildes, wie es die meisten Menschen tun, gibt diesem Ereignis in der Vergangenheit durch das Denken eine Kontinuität und bringt mehr Vergnügen hervor.

Das Denken erzeugt sowohl Angst als auch Vergnügen; beides ist eine Frage der Zeit.

Das Denken erzeugt also diese zweiseitige Münze aus Vergnügen und Schmerz – und das ist Angst.

Was ist dann zu tun?

Wir huldigen dem Denkenn, das so außerordentlich wichtig geworden ist, dass wir glauben, je gerissener es ist, desto besser ist es.

In der Geschäftswelt, in der religiösen Welt oder in der Welt der Familie wird das Denken von dem Intellektuellen benutzt, der dem Gebrauch dieser Münze, der Girlande der Worte frönt.

Wie sehr verehren wir Menschen, die intellektuell, in ihrem Denken sprachgewandt sind!

Aber das Denken ist verantwortlich für die Angst und für das, was man Vergnügen nennt.

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Ich sage nicht, dass wir kein Vergnügen haben sollten.

Wir sind nicht puritanisch, wir versuchen, es zu verstehen; denn mit dem Verständnis dieses ganzen Prozesses hört die Angst auf.

Dann werden Sie sehen, dass Vergnügen etwas ganz anderes ist. Wir werden darauf eingehen, wenn wir Zeit haben.

Das Denken ist also für diese Qual verantwortlich – die eine Seite der Münze ist die Qual, die andere Seite ist das Vergnügen und sein Fortbestehen: das Verlangen nach und das Streben nach Vergnügen, einschließlich des religiösen und jeder anderen Form von Vergnügen.

Was soll das Denken dann tun?

Kann es enden?

Ist das die richtige Frage?

Und wer soll es beenden? – Ist es das „Ich“, das nicht denkt?

Aber das „Ich“ ist das Ergebnis des Denkens.

Und deshalb hat man wieder das gleiche alte Problem: das „Ich“ und das „Nicht-Ich“, das der Beobachter ist, der sagt: „Wenn ich nur das Denken beenden könnte, dann würde ich ein anderes Leben führen.“

Aber es gibt nur das Denken und keinen Beobachter, der sagt: „Ich möchte den Gedanken beenden“, denn der Beobachter ist das Produkt des Denkens.

Und wie entsteht das Deken?

Man kann sehr leicht sehen, dass es die Antwort ist auf Erinnerung, Erfahrung und Wissen, wobei das Gehirn der Sitz des Gedächtnisses ist.

Wenn man es um etwas bittet, antwortet es mit einer Reaktion, die aus Erinnerung und Wiedererkennung besteht.

Das Gehirn ist das Ergebnis von Jahrtausenden der Evolution und Konditionierung – das Denken ist immer alt, es ist nie frei, es ist die Antwort auf alle Konditionierungen.

Was ist zu tun?

Wenn das Denken erkennt, dass er unmöglich etwas gegen die Angst tun kann, weil es Angst erzeugt, dann wird es still. Dann wird jede Bewegung, die Angst erzeugt, vollständig aufgelöst.

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Und so beobachtet der Geist, einschließlich des Gehirns, dieses ganze Phänomen der Gewohnheit und des Widerspruchs und Kampfes zwischen dem „Ich“ und dem „Nicht-Ich“.

Er erkennt, dass der Beobachter das Beobachtete ist.

Und da er sieht, dass die Angst nicht einfach analysiert und beiseite geschoben werden kann, sondern dass sie immer da sein wird, sieht der Verstand auch, dass Analyse nicht der richtige Weg ist.

Dann fragt man sich wieder: Was ist der Ursprung der Angst? Wie entsteht sie?

Wir haben gesagt, dass sie durch die Zeit und das Denken entstanden ist.

Das Denken ist die Antwort des Gedächtnisses, und so erzeugt das Denken die Angst.

Und die Angst kann nicht dadurch beendet werden, dass man die Gedanken kontrolliert oder unterdrückt, oder dass man versucht, die Gedanken umzuwandeln, oder dass man sich all den Tricks hingibt, die man sich selbst vorspielt.

Wenn man dieses ganze Muster urteilslos, objektiv, in sich selbst erkennt, wenn man all diese Gedanken selbst sieht, dann sagt man: „Ich will still sein, ohne Kontrolle oder Unterdrückung“, „Ich bin still“.

Dann hat die Angst ein Ende, was das Ende des Kummers und das Verstehen von sich selbst bedeutet. Das ist Selbsterkenntnis.

Ohne Selbsterkenntnis gibt es kein Ende von Kummer und Angst.

Nur ein Geist, der frei von Angst ist, kann sich der Realität stellen.

Vielleicht möchten Sie jetzt Fragen stellen.

Man muss Fragen stellen – dieses Fragen, dieses Sich-selbst-entblößen ist hier notwendig, und auch wenn man allein in seinem Zimmer oder in seinem Garten ist, still im Bus sitzt oder spazieren geht – man muss Fragen stellen, um etwas herauszufinden.

Aber man muss die richtige Frage stellen; und im Stellen der richtigen Frage liegt auch die richtige Antwort.

Fragender: Sich selbst, seinen Schmerz und sein Leid zu akzeptieren, ist das das Richtige zu tun?

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Krishnamurti: Wie kann man akzeptieren, was man ist?

Wollen Sie damit sagen, dass Sie Ihre Hässlichkeit, Ihre Brutalität, Ihre Gewalttätigkeit, Ihre Überheblichkeit und Ihre Heuchelei akzeptieren?

Können Sie das alles akzeptieren?

Und wollen Sie sich nicht ändern? – Müssen wir das wirklich nicht alles ändern?

Wie können wir die etablierte Ordnung der Gesellschaft mit ihrer Moral, die unmoralisch ist, akzeptieren?

Ist das Leben nicht eine ständige Bewegung der Veränderung?

Wenn man lebt, gibt es keine Akzeptanz, es gibt nur Leben.

Wir leben dann mit der Bewegung des Lebens, und die Bewegung des Lebens erfordert Veränderung, psychologische Revolution, eine Mutation.

Fragesteller: Ich verstehe das nicht.

Krishnamurti: Es tut mir leid.

Als Sie das Wort „akzeptieren“ benutzten, war Ihnen vielleicht nicht klar, dass das im gewöhnlichen Englisch bedeutet, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Vielleicht würden Sie es auf Niederländisch sagen.

Fragesteller: Akzeptiere die Dinge, wie sie kommen.

Krishnamurti: Werde ich die Dinge so akzeptieren, wie sie kommen, zum Beispiel, wenn meine Frau mich verlässt?

Wenn ich Geld verliere, wenn ich meinen Job verliere, wenn ich verachtet oder beleidigt werde, akzeptiere ich diese Dinge, wie sie kommen?

Werde ich den Krieg akzeptieren?

Um die Dinge so hinzunehmen, wie sie kommen, und zwar nicht nur theoretisch, muss man sich von seinem „Ich“ befreien.

Und das ist es, worüber wir heute Morgen gesprochen haben, die Entleerung des Geistes von „ich“ und „du“ und „wir“ und „sie“.

Dann könnt ihr von Augenblick zu Augenblick leben, endlos, ohne Kampf, ohne Konflikt. Aber das ist echte Meditation, echte Aktion, nicht Konflikt, Brutalität und Gewalt.

Fragesteller: Wir müssen denken, das ist unvermeidlich.

Krishnamurti: Ja, ich verstehe, Sir.

Wollen Sie damit sagen, dass wir überhaupt nicht denken sollten?

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Um eine Arbeit zu erledigen, muss man denken, um nach Hause zu gehen, muss man denken; es gibt die verbale Kommunikation, die das Ergebnis von Gedanken ist.

Welchen Platz hat also das Denken im Leben?

Das Denken muss funktionieren, wenn Sie etwas tun.

Bitte folgen Sie mir.

Um irgendeine technische Aufgabe zu erfüllen, um so zu funktionieren wie der Computer – wenn auch nicht so effizient –, ist Denken erforderlich.

Klar zu denken, objektiv, ohne Emotionen, ohne Vorurteile, ohne Meinungen – dieses Denken ist notwendig, um klar zu handeln.

Aber wir wissen auch, dass Denken Angst erzeugt, und genau diese Angst wird uns daran hindern, effizient zu handeln.

Kann man also angstfrei handeln, wenn Denken gefragt ist, und still sein, wenn es nicht gefragt ist?

Verstehen Sie das?

Kann man einen Verstand und ein Herz haben, das diesen ganzen Prozess von Angst, Vergnügen, Gedanken und Stille des Geistes versteht?

Kann man gedankenvoll handeln, wenn es nötig ist, und keine Gedanken verwenden, wenn es nicht nötig ist?

Das ist doch eigentlich ganz einfach, oder?

Das heißt, kann der Geist so vollkommen aufmerksam sein, dass er, wenn er wach ist, denkt und handelt, wenn es nötig ist, und bei dieser Handlung wach bleibt, ohne einzuschlafen oder mechanisch zu arbeiten?

Die Frage ist also nicht, ob wir denken müssen oder nicht, sondern wie wir wach bleiben können.

Um wach zu bleiben, muss man dieses tiefe Verständnis von Gedanken, Angst, Liebe, Hass und Einsamkeit haben; man muss sich ganz auf diese Art zu leben einlassen, so wie man ist, aber auch ganz verstehen.

Man kann es nur tief verstehen, wenn der Geist völlig wach ist, ohne jede Verzerrung.

Fragesteller: Wollen Sie damit sagen, dass man angesichts der Gefahr nur aus der Erfahrung heraus reagiert?

Krishnamurti: Tun Sie das nicht?

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Wenn Sie ein gefährliches Tier sehen, reagieren Sie dann nicht aus der Erinnerung, aus der Erfahrung heraus? – Vielleicht nicht aus Ihrer persönlichen Erfahrung, sondern aus dem rassischen Erbe, das Ihnen sagt: Sei vorsichtig.

Fragesteller: Das ist es, was ich meint.

Krishnamurti: Aber warum handeln wir nicht ebenso effizient, wenn wir die Gefahr des Nationalismus, des Krieges, der getrennten Regierungen mit ihrer Macht und ihren Armeen sehen?

Das sind die gefährlichsten Dinge; warum reagieren wir nicht, warum sagen wir nicht: „Lasst uns das alles ändern“? Das bedeutet, dass man sich selbst ändert – das bekannte Wesen; dass man keiner Nation, keiner Flagge, keinem Land und keiner Religion angehört, so dass man ein freies menschliches Wesen ist.

Aber das tun wir nicht.

Wir reagieren auf physische Gefahren, aber nicht auf psychologische Gefahren, die viel verheerender sind.

Wir akzeptieren die Dinge, wie sie sind, oder wir lehnen uns gegen sie auf, um eine phantasievolle Utopie zu schaffen, was auf dasselbe hinausläuft.

Die Gefahr im Innern zu sehen und die Gefahr im Äußeren zu sehen, ist dasselbe, nämlich wach zu bleiben – was bedeutet, intelligent und sensibel zu sein.

39 Amsterdam, 10. Mai 1969

J. Krishnamurti Flug des Adlers Kapitel 5 Amsterdam 3. Öffentlicher Vortrag 10. Mai 1969 „Warum können wir nicht in Frieden leben?

J. Krishnamurti Flight of the Eagle Chapter 5 Amsterdam 3rd Public Talk 10th May 1969 `Why can’t we live in Peace?‘

Warum können wir nicht in Frieden leben?
Warum können wir nicht in Frieden leben