Sklaven des Denkens
Sklaven des Denkens – Miteinander in Kommunikation sein ist ziemlich einfach: Wir akzeptieren bestimmte Worte mit ihrer lexikalischen Bedeutung, wir hören dem, was gesagt wird, intellektuell zu und sind dafür oder dagegen. Verbale Kommunikation ist notwendig, da wir uns sonst nicht verständigen können. Eine weitgehende Verständigung hängt jedoch von unserem guten Willen ab, das Wort zu verstehen, denn vielleicht wollen wir uns gar nicht verständigen, weil wir sonst Schwierigkeiten bekommen. Vielleicht wollen wir uns auch nur teilweise verständigen, intellektuell, ohne das Problem wirklich zu begreifen – dann werden wir nicht handeln.“Kommunikation wird zu einem interessanten Problem.
Der Sprecher will Ihnen vielleicht etwas sagen, aber Sie müssen bereit sein, nicht nur mit dem Intellekt, sondern auch mit dem Herzen und mit dem Gefühl zuzuhören – dann ist die Möglichkeit gegeben, sich wirklich und ganz zu verstehen. Doch Kommunion ist etwas ganz anderes. Es ist nichts Geheimnisvolles oder Mystisches, wie die Kirchen auf der ganzen Welt vorgeben. Kommunion mit einem anderen ist nur dann möglich, wenn wir zwischen uns eine vollständige verbale Verständigung hergestellt haben, wohl wissend, dass das Wort nicht das Ding, die Beschreibung nicht das Beschriebene ist: Dann hat das Wort Kommunion« eine tiefe, reiche und weitgreifende Bedeutung.
Wenn zwei Menschen in diesem Sinne miteinander kommunizieren, wird verbaler Ausdruck vielleicht gar nicht nötig sein, sie verständigen sich unmittelbar.“Kommunikation wird zu einem interessanten Problem. Der Sprecher will Ihnen vielleicht etwas sagen, aber Sie müssen bereit sein, nicht nur mit dem Intellekt, sondern auch mit dem Herzen und mit dem Gefühl zuzuhören – dann ist die Möglichkeit gegeben, sich wirklich und ganz zu verstehen. Doch Kommunion ist etwas ganz anderes. Es ist nichts Geheimnisvolles oder Mystisches, wie die Kirchen auf der ganzen Welt vorgeben.
Kommunion mit einem anderen ist nur dann möglich, wenn wir zwischen uns eine vollständige verbale Verständigung hergestellt haben, wohl wissend, dass das Wort nicht das Ding, die Beschreibung nicht das Beschriebene ist: Dann hat das Wort „Kommunion“ eine tiefe, reiche und weitgreifende Bedeutung. Wenn zwei Menschen in diesem Sinne miteinander kommunizieren, wird verbaler Ausdruck vielleicht gar nicht nötig sein, sie verständigen sich unmittelbar.
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Es scheint mir wichtig, dass wir in diesen Gesprächen so verfahren, dass wir miteinander so tief und weit wie möglich in Kommunikation und gleichzeitig in Kommunion treten. Das ist nur möglich, wenn Sie und der Sprecher beide guten Willens und vernünftig sind; mit einer Intensität, die mit dem ganzen Geist und dem ganzen Herzen dem Gesagten entgegenkommt ohne Meinung oder Werturteil. Kommunion gibt es schließlich nur dort, wo Zuneigung da ist. Sie haben sicher schon bemerkt, wenn zwei Menschen sich wirklich lieben (was etwas ganz Besonderes und etwas sehr Schwieriges ist), dass eine Kommunion zwischen ihnen herrscht; es bedarf keiner Worte, verstehen und handeln sind unmittelbar.
Da wir viele Lebensfragen miteinander erörtern wollen, müssen wir, wenn wir uns verstehen wollen, natürlich sowohl Kommunion als auch Kommunikation herstellen. Beides muss immer zugleich da sein, damit wir nicht mit der kritischen Vernunft zuhören. Ohne sofortigen Überprüfung, ob das Gesagte wahr oder falsch ist, ohne Zustimmung oder Ablehnung, sondern mit einem Geist, der die Freiheit hat, in Kommunikation zu treten, und gleichzeitig diese Kommunion hat. Dann können Sie und ich den Gegenstand unmittelbar sehen; dies bedeutet Wahrnehmung und Handlung finden unmittelbare Handlung statt. Das ist Kommunion zwischen zwei Menschen. Es gibt da keine Schranken, kein Widerstreben und kein Nachgeben; man ist auf subtile Weise offen für einander. Dann, meine ich, entsteht eine andere Art zu handeln.
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Unser Leben ist zersplittert und zerrissen. Man ist ein Künstler und nichts sonst. Man ist ein Fachmann auf einem bestimmten Gebiet, und über dieses weiss man alles und sonst nichts. Man ist Ehemann mit vielen Problemen am Arbeitsplatz, wo man Jurist, Ingenieur oder Geschäftsmann ist. Abends kommt man nach Hause und ist wieder der Ehemann – eine Beziehung mit einem Bruch, ein zerrissener Zustand. Unsere Kulturen sind verschieden, unsere Erziehung ist verschieden, unsere Temperamente, Neigungen, unsere Konditionierung – obwohl im Grunde die gleiche – unterscheiden sich, als Katholik, Protestant, Kommunist, Kapitalist oder als Geschäftsmann oder Wissenschaftler, als Professor und so fort.
Unser ganzes Leben ist zerstückelt; und jeder Bereich hat, wie man sieht, seine eigene Tätigkeit, seine eigenen Gewohnheiten und steht im Gegensatz zu einem anderen Bereichen. Könnte man die Tatsachen des eigenen Lebens unter die Lupe nehmen, würde man erkennen, dass man brutal, gewalttätig, boshaft ist, und trotzdem kann man zu Hause freundlich sein und niemandem etwas zuleide tun wollen.
Man hat eine bestimmte Neigung, und gleichzeitig hat man Angst; man hat Ideale und Konzepte, die dem täglichen Leben widersprechen; man hat eine Menge Glauben und Aberglauben, die sich mit dem Alltag nicht vereinbaren lassen. Wir können diese offenkundigen Tatsachen beobachten, wir alle leben in Fragmenten, in verschiedenen Tätigkeitsbereichen, und alle stehen in Widerspruch zueinander – manchmal berühren sie sich vielleicht.
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Wenn man die verschiedenen Tätigkeiten in den einzelnen Bereichen seines Lebens betrachtet, kann man nicht umhin, sich zu fragen, ob es denn möglich sei, alle zusammenzubringen, zu vereinigen und zu integrieren, damit das, was man zu Hause oder im Büro oder was auch immer tut, in sich stimmig, nicht widersprüchlich ist und daher nicht schmerzt. Das heißt:
Gibt es eine Art zu handeln, die für alle Bereiche wahrhaft ist und alle ganz erfüllt? Ich weiß nicht, ob sie über diese Frage je nachgedacht haben, ob es möglich ist, die widersprüchlichen Tätigkeiten, Wünsche, Zielsetzungen und Antriebe des Lebens zu integrieren, zu vereinigen und zu harmonisieren. Denn unser Leben, so wie wir es führen, ist eine Folge von Widersprüchen, und wo Widerspruch ist, da gibt es auch Schmerz, Kampf, Kummer und Elend.
Wir wollen gemeinsam untersuchen – und das geht Sie genauso an wie den Sprecher –, ob es ein Handeln gibt, das immer ganz, vollständig ist und sich auf alle Bereiche erstreckt. Der Gedanke, zwei widersprüchliche Handlungsweisen integrieren zu wollen, ist offensichtlich absurd. Hass und Liebe lassen sich nicht miteinander vereinbaren, ebensowenig kann man Ehrgeiz und Demut, Sanftheit, integrieren und in Harmonie bringen, noch Gewalt und Gewaltlosigkeit.
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Wenn wir den Gedanken aufgeben, die verschiedenen Widersprüche integrieren zu wollen, sehen wir uns dennoch vor die Frage gestellt, wer denn der Urheber dieser Integration ist. Wer ist es, der die widersprüchlichen Triebe, Wünsche, Forderungen, dieser gegensätzlichen Elemente vereinigen und ausgleichen will? Wer ist das? Bei den meisten von uns ist es das Denken.
Das Denken bemerkt diese Widersprüche und sagt: „Man muss sie vereinigen“, „Ich muss in all diesen Bereichen irgendwie den harmonischen Ausgleich schaffen“ – und es sieht so aus, als stünde uns nur das Denken zu Gebote. Dieses sagt sich: „Vielleicht kann ich alle diese Widersprüche, Kämpfe und Schmerzen, die ich sehe, zu einer großen Harmonie, einer großen Stille bringen.“ Aber das Denken selbst hat diese Widersprüche doch geschaffen.
Denken, diese Reaktion der Erinnerung und des angesammelten Wissens, dieses Denken ist ein Bruchstück. Das Denken ist immer bruchstückhaft, denn es ist das Resultat der Vergangenheit, und die Vergangenheit ist ein Bruchstück der gesamten Zeit. Der Gedanke an morgen, verursacht die Spaltung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Das Denken, wie immer es beschaffen ist, muss daher immer bruchstückhaft sein und eine Spaltung herbeiführen. Offensichtlich ist das Denken der „Beobachter“, der feststellt, dass ich diese verschiedenen widersprüchlichen Dinge in mir habe und nicht-bruchstückhaft handeln muss, um ganzheitlich zu leben. Daher ist es gerade der „Beobachter“, der die Zersplitterung verursacht.
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Es ist wesentlich, dass wir diese Dinge einsehen, denn das Denken ist so ungeheuer wichtig für uns, und es ist offenbar eine Notwendigkeit, dass wir rational und klar denken. Aber auch das Kriegführen, die Rüstung einer Armee, die Teilung der Welt in Machtsphären, in Nationalitäten, in organisierte Religionen – all diese Spaltungen hat das Denken produziert. Und dennoch meint das Denken, Einheit sei nötig. Und so fängt es an, politische Gruppen mit ihren Ideologien zu organisieren, oder es möchte eine Weltregierung einsetzen.
Das Denken will nun, nachdem es den inneren und äußeren Widerspruch festgestellt hat, ein organisiertes Leben einführen, in dem es keinen Widerspruch geben soll. Daraus folgt die Anpassung an ein Verhaltensmuster, ein Prinzip, eine Ideologie, der man zu gehorchen und die man zu imitieren hat. Darin liegt wiederum ein Widerspruch zwischen dem, „was ist“, und dem, „was sein sollte“. Das ist die einzige Art zu handeln, die wir kennen, ein Handeln, dessen Ursache immer das Denken und das immer widersprüchlich ist.
Bitte, hören Sie – wenn ich so sagen darf – nicht nur verbal zu, sondern verwenden Sie den Sprecher wie einen Spiegel und beobachten Sie diesen Sachverhalt in Ihrem eigenen Leben: Wir sind immer Sklaven des Denkensd, und je klüger und schlauer dieses ist, desto größer der Wert dieser Sklaverei – wenigstens in der Welt. Wer auf den Mond fliegen will, braucht organisiertes Denken; wer einen anderen umbringen will, muss blitzschnell denken können. Und das Denken ist der Erfinder der unzähligen Ideologien und hat dadurch Widerspruch, Spaltung und Trennung geschaffen. Das ist die einzige Art zu handeln, die wir kennen – als das Produkt des Denkens.
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Die Frage lautet jetzt: Gibt es eine andere Art zu handeln, die mit dem Denken rein gar nichts zu tun hat? Ein Tun, das logisch, folgerichtig, wahrhaftig, ganz ist. Denn wir wissen, dass das Denken immer alt und gar nicht in der Lage ist, ein ganz neues Tun zu fördern. Die Reaktion der Vergangenheit kann niemals neu und nie frei sein. Ist das klar?
Wenn es klar ist, dass das Denken diese Spaltung zwischen Mensch und Mensch auf der ganzen Welt geschaffen hat und dass es, und wenn es die Welt noch so klug organisiert hat, niemals imstande ist, die Menschen zur Einheit zu führen, dann müssen wir eine Handlungsweise suchen, die nicht das Produkt des Denkens ist. Wir müssen den ganzen Ablauf des Denkens vollkommen verstehen.
Warum sind wir Sklaven des Denkens? In manchen Lebensbereichen muss man intensiv, sehr klar, rational, logisch und ganzheitlich denken, sonst würden alle Wissenschaften und alles Wissen aufhören. Wir sehen also, dass das Denken auf bestimmten Stufen notwendig ist, auf anderen jedoch abträglich. Ein Geist, der von der Kultur der Gesellschaft, von seiner Erziehung und allen Tätigkeiten des täglichen Lebens konditioniert ist, neigt dazu, im Bereich des Denkens zu funktionieren. Wie finden wir nun heraus, ob es solch ein Handlen ohne Denken überhaupt gibt? Sonst müssten wir ewig in diesem Widerspruch und diesem Elend verharren.
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Denn Leben ist Handeln, und obwohl man zwischen Aktitität und Kontemplation einen Unterschied gesetzt hat, ist doch der ganze Lebensprozess ein Handeln. Ob man nun auf den Markt geht, liest oder sonst etwas tut, es ist Handlung. Gibt es ein Handeln, das immer neu und daher immer unschuldig, frisch, jung, lebendig, vital ist? Wenn ja, wie finden wir es? Ich schicke voraus, dass ich Ihnen nicht zeigen werde, wie man es findet – das würde Ihre eigene Entdeckung zerstören. Wenn ich es täte und Sie würden mir folgen, dann würden Sie das Denken, die Imitation, die Anpassung und alles Hässliche, was damit zusammenhängt, nur fortsetzen.
Wir müssen klar ins Auge fassen, wie das Denken ansetzt, was sein Ursprung ist und was es im täglichen Leben bewirkt; wir müssen sehen, wie es jedes Tun spaltet; wir müssen gegenüber den Aktivitäten des Denkens sensibel sein – das heißt, dem Denken nicht Widerstand leisten, sondern wahrnehmen, wie es operiert, und dadurch sensibel werden für seine Struktur und sein Wesen. Beobachten Sie es, nehmen Sie es wahr, seien Sie empfänglich, ohne es zu verurteilen oder überhaupt ein Urteil zu fällen – beobachten Sie. Und in diesem Beobachten, in diesem Wahrnehmen ziehen Sie keine Schlüsse, denn in dem Augenblick, wo Sie das tun, haben Sie aufgehört, offen zu sein zu sein, und bereits einen Punkt erreicht, wo Spaltung einsetzt.
Um auch nur die Farbe des Hemdes wahrnehmen zu können, das Ihr Nebenmann trägt, müssen Sie einigermaßen enpfänglich und offen sein. Die meisten von uns sind keine guten Beobachter. Wir wissen nicht einmal, wie man schaut. Wir sind unsensibel, weil wir in unsere eigenen Probleme, unsere eigenen Nöte, unsere Angst und Schuld, unsere Ansprüche, Sex und ein Dutzend anderer Dinge verstrickt sind.
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Wo ein Problem fortdauert, muss der Geist abstumpfen. Eine Implikation dieser wachen Wahrnehmung ist also, dass jedes Problem, jedes psychische Problem sofort ein Ende hat. Ist das überhaupt möglich? „Problem“ bedeutet ja, dass man mit einer Sache psychisch nicht fertig geworden ist. Wir reden hier nicht von technischen Problemen, sondern von den psychischen Problemen, die man hat und von einem Tag zum anderen schleppt, die man nie untersucht, nie in Frage stellt, die uns nie in der Tiefe berühren und aufwühlen. Kann man diesen psychischen Problemen in dem Augenblick, wo sie auftauchen, ein Ende machen?
Ansonsten wird der Geist von einem Problem nach dem anderen niedergedrückt, er wird sehr stumpf und unsensibel, und daher ist Aufmerksamkeit, wache Bereitschaft, diese scharfe Bewusstheit, die keine Wahl trifft, nicht möglich. Bewusstheit ist auch, wie wir schon sagten, die höchste Form der Sensibilität, und das ist wahre Intelligenz. Intelligenz hat gar nichts mit Wissen zu tun. Einer, der nicht ein einziges Buch liest, kann trotzdem hochintelligent sein, wenn er sich bewusst ist, was in der Welt vor sich geht, und den eigenen Gedankenabläufen und Gefühlen gegenüber äußerst sensibel ist.
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Wenn diese Empfänglichkeit, Sensibilität, vorhanden ist, wenn der Geist diese höchste Form der Intelligenz erreicht hat, was ist dann Handeln? Vollkommenes Handeln ist Intelligenz. Es ist diese tiefe Qualität des Geistes, der äußerst sensibel geworden ist , weil er die ganze Struktur und das Wesen des Denkens beobachtet hat. Stimmt das?
Ist es dem Sprecher gelungen, diesen Zustand zu vermitteln? Nicht nur verbal? Hat er es geschafft, die Tatsache, dass Denken nicht Intelligenz ist, nicht nur als Kommunikation, sondern auch als Kommunion zu vermitteln? Das Denken, das immer alt ist, kann niemals dies Qualität der Intelligenz haben, die immer neu und frisch ist, die niemals trennt, so dass ein Handeln daraus hervorgeht, das nie widersprüchlich ist.
FRAGE: Können Sie über Angst sprechen?
KRISHNAMURTI: Wenn wir das Wesen und die Struktur des Denkens nicht verstehen, werden wir Angst niemals verstehen. Das Denken bringt Angst hervor ebenso wie Vergnügen, nicht wahr? Wenn Sie etwas sehen, das Ihnen Freude macht – das Gesicht einer Frau, ein Sonnenuntergang, ein Kinderlachen –, dann denken Sie darüber nach. Aus dem Nachdenken über diese Tatsache, die Sie ein paar Sekunden lang beglückt hat, entsteht Vergnügen.
Ich sehe ein Auto, ich sehe eine Frau, ich sehe ein schönes Bild oder einen Wandteppich; was geschieht im Augenblick des Sehens? Sofern man nicht farbenblind oder sonst wie behindert ist, reagiert man natürlich. Diese Reaktion ist neurologisch unangenehm oder angenehm. Dann kommt das Denken und sagt: „Wie schön das war“, oder: „Was für ein herrliches Gefühl hatte ich“. Das Nachdenken darüber setzt das Vergnügent, das Sie nur wenige Sekunden empfanden, fort. Und mogen denken Sie über das Vergnügen nach, das Sie gestern hatten.
Oder nehmen Sie den Geschlechtsakt und die Vorstellung davon, betrachten Sie den Akt, den Genuss und das Nachdenken darüber. So produziert oder nährt das Denken ein bestimmtes Ereignis, das einen im Augenblick entzückt hat, oder setzt es fort – das ist wohl klar.
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Ebenso produziert das Denken die Angst oder setzt sie fort. Ich habe Angst davor, was morgen geschehen wird. Das Denken erzeugt das Bild dessen, was morgen geschehen kann, und hat Angst davor. Wir wollen uns an einem anderen Tag eingehender damit befassen. Heute Nachmittag geht es uns darum, das Wesen des Denkens zu verstehen.
Erst wenn wir wirklich vertraut sind – nicht mit dem Denken anderer oder dem des Sprechers – mit unserem eigenen Denken und sehen, wie es entsteht, sein Wesen, seine Subtilität, seine Struktur, seine Form und seinen Inhalt wahrnehmen, werden wir diese Frage der Angst in den Griff bekommen. Es ist möglich, der Angst ein Ende zu setzen. Es ist möglich, aber erst dann, wenn man dieses Außerordentliche, das wir vergöttern, das sogenannte Denken, verstehen.
Man muss also den Ursprung des Denkens in sich selbst entdecken, seinen Anfang (nicht vor einer Million Jahren). Wenn es einsetzt, halte inne und schau, woher es entstanden ist. Dann erhebt sich ein tieferes Problem, nämlich: ob der Geist je schweigen, vollkommen still sein kann, aller Gedanken entleert, doch außerordentlich wach.
Das ist eine unserer hauptsächlichen Aufgaben im Leben: Da wir sehen, wie viel Übel das Denken in der Welt angerichtet hat – Nationalitäten, Religionen, Kulturen, alle möglichen Arten von Brutalität, mit all den Erlösern, Kirchen, Göttern und Ideologien sind allesamt Erfindungen des begrifflichen Denkens – kann man sich davon losreißen?
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Das ist nämlich der einzige Akt wahrer Tugend, weil er völlifrei ist. Diese Freiheit schafft ihre eigene Disziplin. Man muss in sich gehen, sich erforschen, bewusst sein – nicht neurotisch, nicht beschreibend oder analytisch –, das eigene Innere beobachten, wenn es in voller Fahrt ist. Ich weiß nicht, ob Sie je Zorn in dem Augenblick beobachtet haben, wo er aukam, und ihm dann Raum gaben, damit er sich ausbreiten konnte, um alles über ihn zu erfahren.
FRAGE: Darf ich aus dem, was Sie sagten, schließen, dass es im Menschen etwas gibt, eine Qualität, die man sofort und richtig finden würde, wenn der Geist und seine Vergangenheit nicht im Wege stünden?
KRISHNAMURTI: Wie würden Sie diese Frage beantworten? Sie lautet: Gibt es etwas im Menschen, etwas Höheres, das zum Blühen kommt, wenn das Denken abnimmt? Wie beantworten Sie das? Bitte, seien Sie vorsichtig. Wenn Sie ja sagen, tun Sie es vielleicht aus einem Vorurteil oder einer Hoffnung heraus, und Ihre Hoffnung bildet sich dann etwas ein, und diese Einbildung nennen Sie Intuition.
Und wenn Sie sagen: „So etwas gibt es nicht“, sind Sie in der gleichen Lage. Beides, die glatte Behauptung, dass es so ist, und die, dass es nicht so ist, ist nicht intelligent. Das einzige, was man tun kann, ist, selbst herauszufinden, zu erforschen, zu entdecken, keine Autorität gelten zu lassen –es gibt schon zu viele Autoritäten auf der Welt, die alle ja, ja oder nein, nein sagen.
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Die Jasager haben uns ebenso an der Nase herumgeführt wie die Neinsager. Man kann die Wahrheit nur selbst finden, und wenn man sich selbst erkannt hat, entsteht die höchste Form von Meditation. Ist Selbsterkenntnis ein langsamer Prozess, nimmt er Zeit in Anspruch, Tage, Jahre? Oder gibt es die schlagartige vollkommene Selbsterkenntnis? Sehen Sie das Problem? Wenn Sie Zeit brauchen und sich allmählich, Schritt für Schritt erkennen wollen, was heißt denn das? Jede Selbsterforschung, jede Minute, muss vollständig sein, sonst schleppen Sie sie mit, und in diesem Zeitintervall entstehen andere Probleme.
Ich weiß nicht, ob Sie das alles verstehen. Entweder Sie erfahren, beobachten, erkennen sich durch Analyse (was völlig unmöglich ist, denn während Sie sich analysieren, ist der Analytiker von einem Gegenstand durch einen Zwischenraum getrennt, und darin liegt Zwiespalt, Widerstand und Schmerz), oder Sie sehen sich ganzheitlich, vollständig unmittelbar. Das letztere ist das Problem, nicht das erste, denn der analytische Prozess ist kein Weg.
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Unsere Frage lautet: Ist es möglich, sich selbst vollständig, ganz zu sehen, mit allen Winkeln und geheimen Verstecken, als ein Ganzes? Ist es möglich, die ganze Struktur des „Ich“, des „Selbst“, des „Mittelpunkts“ zu sehen, der spaltet, zu so vielem tendiert, widersprüchliche Wünsche, Ziele, Schuld und Ängste hegt? Ist es möglich, das Ganze unmittelbar zu sehen und dadurch all dem ein Ende zu setzen? Wenn man begreifen will, ob es möglich ist, die ganze Struktur des „Ich“, des „Selbst“ zu sehen, muss man die Kunst des Sehens lernen; nur sehen zu können, nur zu hören, ohne Regung, ohne Schlussfolgerung, ohne Rechtfertigung – nur hören. Haben Sie jemals irgend jemandem so zugehört?
Es bedeutet, mit dem Herzen, mit dem Verstand, mit den Nerven, mit dem ganzen Sein zuhören; nicht nur jetzt, sondern jedem Politiker der Welt, Ihrer Frau, Ihren Kindern, dem Wind in den Bäumen –zuzuhören. In diesem Zuhören ist Aufmerksamkeit, und in der Aufmerksamkeit gibt es keine Grenze. Dann brauchen Sie keine Drogen zu nehmen, um Ihr Bewusstsein zu erweitern, und all diese Scherze nicht zu treiben.
FRAGE: Können sie darauf eingehen, was Veränderung bedeutet?
KRISHNAMURTI: Ich muss mich sehr kurz fassen. Zunächst einmal ist in dieser Welt, in der modernen Welt der Technik, die Veränderung ungeheuer groß. Es gibt also die Veränderung durch die Technik. Es muss aber eine andere, eine restlose psychische und daher soziale Revolution stattfinden. Ein Mann mit zehn Kindern, der in einem Slum lebt, hat der eine Chance, seine Konditionierung und all das loszuwerden?
Nicht die geringste! Eine soziale Änderung wird es geben müssen. Aber sie bringt psychisch, innerlich zwei Probleme mit sich. Psychisch müssen wir völlig umgekrempelt werden, denn so, wie wir sind, sind wir zu gierig, zu neidisch, zu ängstlich, zu sehr Kummer beladen. Sie wissen es ja, so sieht es in unserer Psyche aus. Das muss sich ändern. Wir müssen davon völlig frei werden – völlig frei, und damit wird sich unser innerstes Wesen, unser Denken und Fühlen völlig ändern. Oder gibt es einen ewigen, zeitlosen Modus, den wir nicht kennen, den wir Änderung, Wandlung nennen? Ich will jetzt nicht darauf eingehen, es führt zu weit.
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Unser Hauptproblem ist dies: Kann man in seinem Leben eine Wandlung herbeiführen, so dass man beim Verlassen dieses Vortrag-Saales ein neuer Mensch ist, unschuldig, frisch, klar, unberührt von der Befleckung der Zeit? Nicht als eine Idee, nicht als eine Hoffnung, nicht als Ideologie, sondern in Wirklichkeit. All dies steckt im Wort „Änderung“, „Wandlung“ Es handelt sich nicht bloß um eine ökonomische, soziale Revolution, die letztlich nirgends hinführt – wir hatten kommunistische Revolutionen und verschiedene andere, sie kehren zu den gleichen alten Strukturen zurück.
Und man fragt sich, ob Wandlung von den Umständen abhängt, vom Druck der Gesellschaft, von der Zeit und der Kultur, oder ob es Wandlung geben kann ohne Zwang und ohne „Motiv“. Das ist offensichtlich die einzige echte Wandlung, und das heißt, dass man sich mit der ganzen Frage der Motive auseinandersetzen muss. Um es sehr einfach auszudrücken: Kann man der Vergangenheit sterben? Ist der Geist unschuldig und verletzlich genug?
Ich weiß nicht, ob Sie jemals versucht haben, einem bestimmten Genuss zu sterben, ihm einfach ohne Argumente ein Ende zu setzen, ohne ihn zu bekämpfen, ohne ihm Widerstand zu leisten, einfach zu sagen: „Es ist vorbei“. Haben Sie es je versucht? Wir wollen dem Kummer sterben, aber nie irgendeinem Vergnügen, einer Freude – aber Kummer und Freude gehen Hand in Hand.
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