Radikalen Wandlung
Radikalen Wandlung – Die meisten von uns versuchen, in dieser verwirrten und brutalen Welt sich ein privates Leben einzurichten, in dem wir glücklich und in Frieden und trotzdem mit den Dingen dieser Welt leben können. Wir glauben, dass unser tägliches Leben mit seinem Kampf, Konflikt, Schmerz; und Leid von der äußeren Welt des Elends und der Verwirrung getrennt sei.
Wir meinen, dass das Individuum, das Du, etwas anderes sei als die übrige Welt mit ihren Gräueln, ihren Kriegen und Aufständen, ihrer Ungleichheit und Ungerechtigkeit, dass all dies mit unserem besonderen, individuellen Leben nichts zu tun habe. Betrachtet man dies etwas genauer, nicht nur das eigene Leben, sondern auch die Welt, kommt man dahinter, dass das, was man ist – der Alltag, das Denken, das Fühlen -, die Außenwelt ist, die uns umgibt. Du bist die Welt, du bist der Mensch, der diese Welt des völligen Chaos mit ihrem ohnmächtigen Aufschrei des Leids gemacht hat. Die Außenwelt ist daher nichts anderes als die Welt, in der du dein privates Leben lebst.
Diese Trennung zwischen Individuum und Gesellschaft existiert in Wirklichkeit gar nicht. Wenn man sich ein eigenes Leben einrichtet, so ist der einzelne nicht verschieden von der Gemeinschaft, in der er lebt, denn er ist der Urheber dieser Gemeinschaft und der Gesellschaft. Wir müssen uns von Anfang an klar darüber sein, dass diese Trennung künstlich, ganz und gar unwirklich ist.
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Wenn du eine radikale Wandlung im Menschen, in dir selbst bewirkst, so führt das auch zu einer radikalen Wandlung in der Gesellschaftsstruktur. Wir müssen begreifen, dass der menschliche Geist mit seiner ganzen Komplexität Teil dieser Außenwelt ist. Das Du ist die Welt, und wenn du eine Revolution von Grund auf – keine kommunistische oder sozialistische, sondern eine ganz andere, innerhalb der Psyche, in deinem eigenen Wesen – herbeiführst, dann bewirkst du auch eine soziale Revolution. Sie muss inwendig beginnen, nicht außen, denn die Außenwelt ist das Resultat deines privaten, inneren Lebens.
Eine radikale Wandlung im Denken, Fühlen und Handeln wird natürlicherweise eine Änderung der Gesellschaft nach sich ziehen. Sie muss stattfinden. Die soziale Moral ist nicht moralisch. Um wirklich moralisch zu sein, muss man die Moral der Gesellschaft geradezu verleugnen. Das heißt, dass der einzelne selbst sein Wesen unter die Lupe nehmen muss; er muss sich selbst verstehen, nicht wie der Philosoph, der Priester, Analytiker oder sonst jemand ihn sieht, sondern wie er ist. Wenn wir uns selber verstehen, dann hört die Autorität des Spezialisten, sei er Psychosoziologe oder was immer, auf. Wir müssen uns das zuerst klarmachen, denn die meisten von uns sind die Sklaven der Meinungen anderer.
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Die meisten von uns lassen sich so schnell überreden und beeinflussen, vom Spezialisten, von der Autorität. Besonders wenn wir uns mit dieser unerhört wichtigen Frage der Selbsterkenntnis beschäftigen, gibt es keine Autorität, denn du musst dich verstehen und kein anderer und nicht auf das hören, was ein anderer über dich sagt.
Es ist sehr wichtig, dass wir uns begreifen, denn wie ich eben sagte, wir nehmen so leicht hin, gehorchen so leicht, wir passen uns an und fügen uns der Autorität, der Kirche, eines geistigen Führers oder eines professionellen Analytikers. Wir müssen das alles restlos über Bord werfen, denn die Autorität, die ausgeübt wurde, und der Gehorsam, den jeder von uns einem Idealbild geleistet hat, haben viel Elend in die Welt gebracht.
Die Welt ist in Nationalitäten, religiöse Gruppen, verschiedene Rassen und Vorurteile gespalten, und eine Religion widerspricht der anderen, ein Gott dem anderen. Auch wenn wir das feststellen und wissen, wie viele Übel und Konflikte diese Trennungen schaffen, so bleiben wir doch bei unserer Nationalität, unseren religiösen Begriffen, unserem Glauben, die für die Trennung zwischen Mensch und Mensch verantwortlich sind.
Leider beugen wir uns der Autorität gesellschaftlicher oder kirchlicher Traditionen, dem Diktat der autoritären Hierarchie einer organisierten Religion. Aber wir weigern uns, eine politische Tyrannei zu dulden. Wir wollen uns die Rede- und Gedankenfreiheit nicht verbieten lassen. Bedauerlicherweise üben wir nicht dieselbe Freiheit, wenn es um spirituelle Dinge geht. Dies hat in der ganzen Welt zu unsagbarem Leid und zur Trennung zwischen den Menschen geführt.
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Wenn wir uns selbst verstehen wollen – und das müssen wir, wenn wir eine Basis für unser Denken und für eine klare Wahrnehmung schaffen wollen -, müssen wir nach den Gründen fragen, warum wir dies oder jenes denken und tun, warum wir aggressiv, brutal, habgierig, dominierend und besitzergreifend sind, denn das sind die charakteristischen Dinge, die Konflikte zwischen Menschen verursachen.
Wenn wir die Sozialstruktur radikal ändern wollen, damit die Menschen frei werden, damit es keine Kriege und keine Trennung der Menschen mehr in Christen, Hindus, Moslems usw. gibt, muss der einzelne. seine eigene biologische und psychische Struktur erkennen. Während wir uns auf diese Weise selbst verstehen, findet die Änderung statt: eine natürliche, keine blutige Revolution. Alle politischen, religiösen und wirtschaftlichen Revolutionen haben die Welt in große Not und Verwirrung gestürzt. Wir sehen, was in der kommunistischen Welt passiert: Unterdrückung und Rückkehr zu einer neuen Bürgerlichkeit.
Wenn man all das wahrnimmt, Kriege, Tyrannei, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit, Hunger im Osten gegenüber äußerstem Reichtum, wenn man das nicht nur intellektuell, sondern wirklich sieht, in sich selbst und im eigenen Alltag beobachtet, dann begreift man notgedrungen, dass eine radikale Revolution im Tun und Lassen des eigenen täglichen Lebens stattfinden muss. Dazu bedarf es der Selbsterkenntnis – du musst wissen, was du bist, was dein Handeln bestimmt, warum du aggressiv, brutal, neidisch und voll von Hass bist, der in deiner Umwelt zum Ausdruck kommt. Wenn du nicht genau und intensiv spürst, wie es mit der Welt und deinem eigenen Leben bestellt ist, dann gibt es nur die Flucht in Ideologien und Theorien.
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Ideologien haben nämlich gar keine Bedeutung, gleichgültig, ob sie kommunistisch, sozialistisch, kapitalistisch oder religiös sind. Die Ideologien – das begriffliche Denken mit seiner Terminologie – hat den Menschen vom Menschen getrennt. Wir alle haben verschiedene Ideologien und begreifen nicht, wie sinnlos sie sind. Sie hindern uns daran, die Wirklichkeit zu sehen. Warum haben wir überhaupt ideologische Vorstellungen, da sie Barrieren errichten zwischen Christen, Hindus, Moslems und anderen Religionsangehörigen, und jeder hält verzweifelt fest an seinem Glauben? Warum ist das so? Wir stellen die Ideologien nie in Frage, wir nehmen sie einfach hin. Wenn du sie in Frage stellst und ihnen auf den Grund gehst, merkst du, dass sie eine Flucht vor der Wirklichkeit sind.
Nehmen wir zum Beispiel die Gewalt, die in der ganzen Welt so erschreckend zunimmt. Wir sind gewalttätig, die Menschen auf der ganzen Welt sind gewalttätig, aggressiv und brutal. Das ist eine Tatsache, ein Erbe der animalischen Welt. Wir gehen dieser Gewalttätigkeit nicht nach, wir fragen nicht, warum wir so sind, wir gelangen nicht über sie hinaus. Aber wir haben Vorstellungen darüber, Ideologien. Wir sagen, dass wir nicht Gewalt üben, sondern freundlich, sanft und zärtlich sein sollen. Das sind bloße Begriffe, die uns hindern, uns selbst in den Griff zu bekommen, wenn wir gewalttätig sind.
Wir fragen also, warum Menschen Ideale haben, und halten es für sehr ungewöhnlich, wenn wir keine haben. Ohne Prinzipien, ohne Grundsätze, ohne Ideale zu leben wird für sehr profan und materialistisch angesehen. Im Gegenteil, diejenigen von Ihnen, die Ideale, Grundsätze und Prinzipien haben, sind die gröbsten Materialisten, weil sie die Gewalt und die Tatsachen, wie sie sind, nicht anpacken. Viele von Ihnen glauben wahrscheinlich an Gott, manche vielleicht nicht. Sie nennen sich dann Atheisten, und das ist nur eine andere Form von Glauben.
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Sie fragen sich nie, warum Sie an Gott glauben; Sie nehmen ihn hin als einen Teil der Tradition und Propaganda. Sie haben also dieses Ideal und sagen: »Euer Gott und mein Gott, eure Form des Rituals und meine.« Um hinter die Wirklichkeit zu kommen, um herauszufinden, ob es einen Gott gibt, um diesen außerordentlichen Zustand zu entdecken, zu erleben, dorthin zu gelangen, muss man jede Form des Glaubens völlig ablegen.
Sonst ist der Mensch nicht frei für die Suche, und nur ein freier Geist kann fragen und beobachten und die Wirklichkeit erfahren, die kein ängstlicher Geist begreift. Warum haben wir diese vielen Ideale und Grundsätze, nach denen wir zu leben versuchen? In der modernen Zeit kümmern sich die Menschen nicht viel um solche Dinge. Man will sich amüsieren, vorwärtskommen, Erfolg haben usw. Aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass die Wurzel von allem Angst ist. Angst macht uns aggressiv und fordert die Flucht durch Ideale.
Sie läßt uns am Glauben festhalten als unserer besonderen Form der Sicherheit. Wenn ein Mensch keine Angst hat, wenn er vollständig, total lebt ohne inneren Widerspruch, die Welt mit ihren Widersprüchen in seinem Innern beobachtet, mit all ihrer Brutalität; wenn er auf diese Weise in sich geht und sich von der Angst befreit, dann kann er ohne einen einzigen Glaubenssatz, ohne einen begrifflichen Gedanken leben. Dies bestimmt unser Leben nämlich am meisten: Angst; nicht nur die Angst, eine Stellung zu verlieren oder etwas Ähnliches, sondern die Angst vor der psychischen, inneren Unsicherheit.
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Nun möchte ich etwas sehr Wichtiges sagen. Es hat viel zu bedeuten, wie man zuhört. Entweder man hört mit dem Verstand den Worten zu, man pflichtet ihnen bei oder nicht, oder man hört so zu, dass der Geist interpretieren und das Gehörte in die eigenen Vorurteile übersetzen will. Man kann auch vergleichend zuhören, das heißt, man vergleicht das, was man hört, mit dem, was man schon weiß. Jedes Zuhören dieser Art verhindert das wirkliche Zuhören.
Wenn Sie sagen: »Was Sie da reden, ist Unsinn«, dann hören Sie nicht zu. Sie und ich sind hergekommen, um gemeinsam über diese Dinge zu sprechen und zuzuhören. Wenn Sie Ihre eigenen Vorurteile, Schlußfolgerungen und endgültigen Meinungen haben, die Sie daran hindern, dem Redner zuzuhören, dann werden Sie mit einem Haufen von Worten weggehen, die nichts bedeuten.
Wenn Sie dagegen zuhören, ohne gleich dafür oder dagegen zu sein, mit einer Art von Aufmerksamkeit, wie wenn man dem Wind in den Bäumen lauscht, mit dem ganzen Wesen, mit Herz und Geist, dann werden wir uns vielleicht verständigen können. Wir werden uns sehr einfach und direkt verstehen, obwohl wir es mit einem komplexen menschlichen Problem zu tun haben. Es geht um das, was unser tägliches Leben ausmacht, um unseren Kummer, unsere Not, um Kampf und Schmerz. Und wenn wir richtig zuhören, nicht nur jetzt dem Redner, sondern auch wenn wir nach Hause kommen, dann können wir auch unserer Frau, unserem Mann; den Kindern und jedem wirklich zuhören, dann kommen wir der Wahrheit auf die Spur.
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Der Geist wird dann sehr einfach und klar; Er beobachtet und lernt, er ist nicht verwirrt und hat keine Angst. Unsere Probleme, unser Leben ist sehr komplex, und damit wir die komplexe Struktur unseres eigenen Wesens verstehen können, müssen wir uns sehr genau beobachten und herausfinden, warum wir glauben, warum wir hassen, warum wir aggressiv sind und uns in Nationalitäten spalten.
Wenn Sie also sorgfältig und mit der Art von Zuneigung, die Aufmerksamkeit ist, zuhören wollen, dann werden Sie sehen, dass das, wovon der Redner spricht, Selbsterfahrung ist. Der Redner zeichnet nur das Bild Ihres Wesens. Um dieses Bild zu beobachten, müssen Sie aufmerksam und sorgfältig sein, weder verurteilen noch rechtfertigen, noch dürfen Sie sich dessen schämen, was Sie sehen. Nur dann sehen Sie, was in Ihrem Leben wirklich vorgeht. Sehenkönnen ist etwas ganz Wunderbares. Sich selbst sehen können heißt, sich und daher die Gesellschaftsordnung und ihre Struktur radikal verändern.
In unserem Innern sind wir konfus und unordentlich. Wir haben keine innerliche Ordnung. Ich meine nicht die scheinbare Ordnung durch Nachahmung und Anpassung; das ist Unordnung, und Sie sehen selbst, dass dieses Leben fragmentarisch und zerstückelt ist. Sie sind Geschäftsmann, Sie sind ein Ehemann, Sie sind eine Ehefrau, Sie sind dies oder jenes, Ihr Leben ist Splitterhaft. Jeder Splitter hat seine eigenen Wünsche, seine eigenen Ziele und Motive, eines steht gegen das andere und führt zum Widerspruch.
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Unser Leben ist ein Widerspruch, ein Wunsch stellt sich gegen den anderen, ein Vergnügen zerrt uns in die eine Richtung, ein anderes in die andere, und so wird unser Leben widersprüchlich, konfus und unordentlich. So ist es doch, und wir müssen Ordnung schaffen, nicht nach einem Muster oder eine Theorie, sondern nach der Ordnung, die entsteht, wenn wir die Gründe der Unordnung in uns selbst beobachten. Das hat nichts mit Rhetorik oder Theorie zu tun, sondern damit, was wirklich in uns vorgeht, denn in uns ist die Welt. Wir können unser Selbst von der Welt nicht trennen.
Um beobachten zu können, muss man frei sein. Die meisten von uns sind durch die Gesellschaft, in der wir leben, und durch die Kultur, in der wir aufgewachsen sind, stark konditioniert. Unsere Gesellschaft ist das Produkt unseres Lebens, unserer Denkweise. Kultur ist das, was wir geschaffen haben. Wir haben uns von der Gesellschaft sagen lassen, was wir denken, wie wir denken, was wir glauben und wie wir uns benehmen sollen. Mit einem konditionierten Geist ist man nicht frei zu beobachten, das ist klar.
Und da wir konditioniert sind, bekommen wir Angst, wenn wir die wirkliche Lage, in der wir uns befinden, beobachten. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Die Frage ist also, ob der menschliche Geist überhaupt in der Lage ist, sich zu ent-konditionieren, um frei zu werden. Wenn Sie sagen, dass dies unmöglich sei, dann blockieren Sie sich selbst und · hindern sich daran, das Problem weiter zu untersuchen. Und wenn Sie sagen, es sei doch möglich, dann blockiert Sie auch das und hindert Sie, der Frage nachzugehen.
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Was »Konditionierung« bedeutet, ist wohl klar. Sie sind z. B. als Christen konditioniert, Sie sind in einer bestimmten Kultur aufgewachsen, die den krieg akzeptiert, einer bestimmten Lebensweise folgt usw. Das ist Ihre Konditionierung, so wie die Menschen in Indien durch ihre Kultur, ihre Religion, ihren Aberglauben und ihre Lebensweise konditioniert sind. Dieses Wort »Konditionierung« ist sehr klar und einfach und hat eine sehr tiefe Bedeutung.
Kann man sie also rückgängig machen, damit der Geist frei wird? Freiheit ist etwas unerhört Gefährliches, denn sie bedeutet für die meisten Menschen, dass sie tun können, was sie wollen. Für die meisten ist Freiheit ein Ideal, etwas ganz Fernes, das man nicht haben kann. Andere sagen wieder, dass man viel Disziplin braucht, um frei zu sein. Aber Freiheit ist nicht der letzte, sondern der allererste Schritt. Wenn du nicht frei bist, kannst du nicht den Baum, die Wolken, das glitzernde Wasser beobachten oder deine Beziehung zu deiner Frau, deinem Mann, deinem Nachbarn. Die meisten von uns wollen nicht beobachten, weil wir uns davor fürchten, was geschehen wird, wenn wir genau hinsehen.
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Wer hat denn schon wirklich seine Beziehungen beobachtet, z. B. zur Ehefrau oder zum Ehemann? Das ist ein sehr heikles Thema, denn wenn wir scharf hinsehen, merken wir, dass es ein anderes Leben gibt, auf das wir nie achten. Was wir sehen, ist das Bild, das sich einer vom anderen gemacht hat, und dieses Bild legt die Beziehung zwischen Mann und Frau fest.
Diese Beziehung zwischen Bildern halten wir also für Kontakt und für Berührung mit dem anderen. Wenn wir daher die Frage der Ent-konditionierung untersuchen, wollen wir zuerst wissen, ob das überhaupt möglich ist. Wenn es nicht möglich ist, bleiben wir ewig Sklaven. Dann erfinden wir einen Himmel und einen Gott, denn nur im Himmel können wir frei sein, aber nicht hier.
Um den Geist von seiner Konditionierung zu befreien – und ich sage, dass es möglich ist-, müssen wir bewußt werden, wie wir denken, warum wir denken und was für Gedanken wir haben. Bewußt sein, inne sein – nicht um zu urteilen, nur um zu beobachten, wie man eine Blume beobachtet. Hier steht sie vor Ihnen – es hat keinen Sinn, sie ,11 verurteilen oder zu sagen: »Ich mag sie«, oder: »Ich mag sie nicht«, Sie ist einfach da, und Sie können sie anschauen.
Wenn Sie Augen haben, werden Sie die Schönheit dieser Blume sehen. Wenn Sie auf die gleiche Weise Ihrer selbst bewusst werden, ohne zu urteilen, dann werden Sie die ganze Struktur und den Grund Ihrer Konditionierung einsehen. Wenn Sie der Sache auf den Grund gehen, werden Sie selbst darauf-kommen, dass der Geist frei sein kann.
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Dies führt uns zu einem anderen Problem. Wir sind gewohnt, die Zeit in unser Denken einzuschließen, das heißt, wir haben uns daran gewöhnt, dass Änderungen allmählich eintreten, dass man allmählich etwas erreicht, dass es Zeit braucht, bis ein Ding zu etwas anderem wird. Das bedeutet Zeit. Es gibt nicht nur die chronologische Uhrzeit, sondern auch die psychische oder innere Zeit, die sagt: »Ich ärgere mich, ich bin eifersüchtig, und ich werde es allmählich überwinden.« Das ist die Abstufung, der langsame Prozess der Wandlung, aber psychisch, innerlich gibt es kein allmählich.
Entweder man ändert sich sofort oder gar nicht. Eine allmähliche Änderung von Gewalt zu Gewaltlosigkeit bewirken wollen heißt, die ganze Zeit über die Saat der Gewalt säen. Wenn ich mir sage, dass ich, ein Mensch der Gewalt, eines Tages allmählich gewaltlos sein werde, ist Zeit im Spiel. In diesem Zeitintervall säe ich unentwegt die Saat der Gewalt; das liegt auf der Hand.
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Es geht also, wenn wir in einer zerrissenen, sich selbst zerstörenden Welt ernsthaft reden wollen, nicht nur um die Frage der Zeit, sondern um den ganzen Konflikt der Anstrengung. Vielleicht ist dies etwas schwer zu verstehen, wenn wir dieses intensive Denken und Empfinden nicht gewöhnt sind.
So ist es, und Sie können sich darauf einlassen oder nicht. Sehen Sie, wenn ein Haus in Flammen steht – unser Haus, unsere Welt -, dann redet man nicht über Theorien und fragt nicht, wer es angezündet hat (die Kommunisten, Kapitalisten, Sozialisten, die Katholiken oder Protestanten).
Es geht darum, das Feuer zu löschen und dafür zu sorgen, dass ein neues Haus gebaut wird, das nie mehr in Brand gesteckt werden kann. Dazu braucht es großen Ernst und große Intensität, nicht nur des Handelns um der Handlung oder einer guten Tat willen, des Übertritts von einer Religion zu einer anderen oder eines Begriffs zu einem anderen.
Man muss ernst sein, und das bedeutet frei sein, das Leben zu beobachten, unsere Lebensweise, unsere Beziehung zu anderen, und ganz klar zu sehen, was vorgeht. Man kann nicht beobachten, wenn zwischen einem selbst und dem Gegenstand der Beobachtung ein Zwischenraum ist. Um genau sehen zu können, muss man in enger Berührung mit dem Gegenstand sein. Man muss ihn be-greifen und spüren können, man muss sich ganz mit ihm berühren. Wenn zwischen Ihnen als dem Beobachter und dem Gegenstand der Beobachtung ein Zwischenraum ist, dann sind Sie nicht in Kontakt. Wenn Sie sich also selbst beobachten, darf es keine Trennung geben zwischen dem Beobachter und dem Selbst.
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Das ist so: Wenn ich mich betrachte, mit dieser Trennung, und sehe, dass ich eifersüchtig, zornig, gewalttätig bin, dann sind der Beobachter und sein Gegenstand zweierlei. Einerseits ist Gewalt da und andererseits der Beobachter, der sagt: »Ich bin gewalttätig.« Es sind zwei verschiedene Dinge, und diese Trennung gibt einen Konflikt. Beobachten Sie es einmal, und. Sie werden es leicht begreifen. Wenn Sie sich von der Angst trennen, müssen Sie sie bekämpfen, Sie müssen sich gegen sie wehren und ihr entfliehen. Wenn Sie aber sehen, daß Sie die Angst sind, dass der Beobachter das Beobachtete ist, dann endet der Konflikt zwischen den beiden. Und wenn der Beobachter das Beobachtete ist, endet auch die Zeit.
Was ich sagen möchte, ist dieses: Der Mensch ist einen so weiten Weg gegangen, sein Leben ist ein Schlachtfeld, nicht nur in seinem Inneren, auch äußerlich, alle seine Beziehungen sind Konflikte, in der Fabrik, im Büro, zu Hause, ein dauerndes Zerren und Ringen. Und ich sage Ihnen, dass ein solches Leben gar kein Leben ist. Sie mögen Ihre Götter und Ihre Reichtümer haben, Sie mögen außerordentlich begabt sein, aber Sie leben nicht, Sie sind keine glücklichen Menschen. Im Leben gibt es kein Glück, keine Seligkeit.
Um dieses Glücks, dieser Seligkeit teilhaftig zu werden, muss man sich selbst verstehen, und dazu braucht man die Freiheit des Sehens. Um wirklich zu sehen, darf es keine Trennung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten geben. Wenn das stattfindet, dann verschwindet dieser ganze Kampf, um etwas zu werden, etwas zu sein. Du bist, was du bist. Wenn man das beobachtet, geschieht die unmittelbare, radikale Veränderung. Das setzt der Zeit und der Allmählichkeit ein Ende.
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