Masken
Wir posieren, wir setzen Masken auf, und allmählich wird die Pose, die Maske zur täglichen Gewohnheit, die die vielen Selbste des Widerspruchs, der Gier, des Hasses und so weiter verdeckt. Das Ideal ist eine Pose, eine Maske, die die Tatsache, das Eigentliche, verdeckt.
Ich weiß nicht, ob Sie diese Hügel betrachtet haben, übersät mit Häusern, so friedlich anzusehen und schön. Sie wurden nicht vom Verstand erbaut, sie sind einfach zufällig da. Und Sie kommen hierher, um sich etwas erzählen, sich informieren, überreden und mit bestimmten Ideen indoktrinieren zu lassen. Sie möchten überredet werden, aber ich fürchte, ich werde nichts dergleichen tun. Vor unserem Treffen sind Sie ganz still und unnatürlich dagesessen. Irgend jemand muss Ihnen gesagt haben: »Seid still, schwätzt nicht, das ist eine ernsthafte Versammlung«, und Sie wurden prompt still.
Von dem Haus, wo ich wohne, hörte ich vorher den Lärm, und nachdem jemand zu Ihnen sagte: »Ihr müsst still sein«, verstummten Sie alle plötzlich. Das ist schrecklich! Sie wollen, dass man Ihnen etwas anschafft. Wenn Sie wirklich ernst wären, dann wären Sie natürlich eine Weile still, ohne dass einer die Weisung geben müsste, still zuhalten, nicht zu klatschen, nicht dies oder jenes zu tun. Wenn wir natürlich und ernst sind, dann sind wir instinktiv still in Anbetracht dieser Hügel und der lieblichen Wolken, der Weite und des blauen Himmels.
Bitte lassen Sie sich nicht überreden, lassen Sie sich keine Ansprache halten, wünschen Sie nicht, dass einer Ihnen neue Ideen einrichtet. Lassen Sie uns miteinander ein Gespräch führen, wie zwei Freunde, die sich treffen und ernsthaft die Probleme untersuchen wollen, die ein jeder hat. Diese beiden Freunde wollen sich nicht gegenseitig von einem Standpunkt überzeugen, noch wollen sie dem anderen einreden, dass nur er recht hat.
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Wir müssen das klarstellen, dass Sie frei diskutieren und sagen können, was Sie wollen. Sie können frei beobachten, nicht nur die Hügel und die Wolken und den blauen Himmel, sondern Sie können sich auch selbst freimütig betrachten, sonst werden Sie zu Heuchlern. Sie denken das andere, empfinden das andere und setzen eine Maske des Schweigens, der Ernsthaftigkeit oder verschiedener Allüren auf, die Sie gar nicht empfinden.
Ich möchte bestimmte Probleme anschneiden, und wenn auch Sie Lust dazu haben, dann könnten wir sie vielleicht gemeinsam erforschen, nicht nur ihre Schönheit, sondern auch das Komplizierte an ihnen, und wenn möglich lösen. Dazu sind wir hier. Zuerst möchte ich noch einmal sagen: Wir lassen uns so leicht überreden, wir gehorchen so leicht, passen uns so leicht an. Das ist eine unserer Konditionierungen durch die Gesellschaft, die religiösen Sanktionen und sozialen Hemmungen, so dass wir gar nicht wissen, welche Probleme oder welche Gefühle wir eigentlich haben oder wie man klar denkt.
Dessen bewusst zu werden, was wir wirklich sind, nicht, was andere Leute uns sagen, was die Gesellschaft oder die Kirchen auf der ganzen Welt den Menschen weisgemacht haben, sondern all das loswerden, die verschiedenen Masken und Deckmäntel, die man uns aufgezwungen hat, abwerfen – unserer selbst bewusst werden, so wie wir sind. Das ist eine unserer Aufgaben.
Wissen Sie, was ich mit »bewusst sein« meine? Es ist ein gewöhnliches Wort, das so viel bedeutet wie etwas wahrnehmen, sehen, alles außerhalb der eigenen Person beobachten, diese Blätter im Wind, die Berge, ihre Konturen, diese schäbigen Häuser, diese hässlichen Straßen, die sich in die Berge graben, gerade dieses Äußere beobachten.
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Bitte versuchen Sie das, wenn wir fortfahren. Nehmen Sie die Farben wahr, die Gestalt der Wolken, die Zypresse, diese beiden Zypressen hier, die Farbe des Laubes und diese blauen und gelben Schmetterlinge. All dies beobachten, die Menschen, die neben einem sitzen, die Mäntel, die Kleidung der Damen, die Farben und die eigene Reaktion auf alles.
Das Äußere wahrnehmen, der äusseren Dinge bewusst sein und dann nach Möglichkeit der eigenen Reaktion auf all diese Dinge bewusst sein, warum einem dies gefällt und das andere nicht, warum diese bestimmte Farbe oder dieser bestimmte Berg einem zusagt, die Rundung und Formation dieser Berge, die eigenen Reaktionen wahrnehmen. Und dann dahinterkommen, warum Sie so reagieren, es nur beobachten, nicht sagen: »Das ist richtig oder falsch«, nichts beurteilen oder verurteilen, nur die eigenen Reaktionen betrachen.
Das ist nicht sonderlich schwer, denn wenn man einen Baum oder diese Hügel betrachtet, kann man ohne Urteil wahrnehmen, weil sie einen persönlich nicht tief berühren. Wenn man sich aber selbst und die eigenen Reaktionen betrachtet, dann ist das eine sehr persönliche, subjektive und intime Angelegenheit, und daher kann man nicht ganz »objektiv« sehen.
Das ist eines unserer Probleme: die Umwelt zu betrachten, die Politiker, das Absurde und Dumme an ihnen, ihre Versprechungen, ihre persönlichen Ambitionen, alles Äußere zu beobachten und dann sich selbst und seine Reaktionen wahrzunehmen, und zwar ohne zu urteilen. Das ist ziemlich schwierig. Wenn man nämlich etwas anschaut, z.B. einen dieser Bäume, so gibt man diesem Baum instinktiv einen Namen, nicht wahr? Man sagt: »Das ist eine Zypresse, das ist ein Orangenbaum oder eine Bananenstaude.« Das bloße Benennen der Dinge, die man sieht, hindert einen daran, sie zu sehen.
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Der Name, das bloße Wort lenkt von der Beobachtung ab. Wenn wir das Wort »Zypresse« gebrauchen, so betrachten wir den Baum durch dieses Wort. Wir sehen den Baum durch das Bild, das wir uns zurechtgelegt haben, und werden dadurch gehindert, ihn wirklich zu sehen. Wenn man in gleicher Weise versucht, sich selbst ohne Bild zu sehen, dann ist das sehr seltsam und tief beunruhigend. Sich selbst sehen, wenn man böse ist oder eifersüchtig, dieses Gefühl betrachten, ohne ihm einen Namen zu geben oder einer Kategorie zuzuordnen.
Denn wenn man es in eine Kategorie steckt oder es benennt, dann betrachtet man den gegenwärtigen Gefühlszustand durch die Erinnerung der Vergangenheit. Man sieht daher nicht eigentlich das Gefühl, sondern durch die angehäuften Erinnerungen ähnlicher Gefühle hindurch.
Wir sind nie wirklich in Kontakt mit dem Baum oder mit uns selbst. Das Wort, d. h. das Symbol, die Beschreibung, ist nicht das beschriebene Ding. Das Wort »Baum« ist nicht der wirkliche Baum, und wir verfangen uns leicht in dem Wort. Das Wort hindert uns daran, dem Baum wirklich nahezukommen. Und wenn wir uns selbst betrachten (wenn das je vorkommt) und wenn wir sagen: »Das ist richtig oder falsch, ich bin mit Recht eifersüchtig oder neidisch«, dann verhindern diese Worte die eigentliche Berührung mit dem Gefühl, und daher kommt die Spaltung zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Gegenstand. Ich ärgere mich; das Wort Ärger ist schon eine Verurteilung.
Wenn ich also sage: »Ich ärgere mich«, dann habe ich mich von dem Gefühl separiert, das ich Ärger genannt habe. Aus dieser Spaltung erwachsen alle Komplikationen.
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Wenn ich nämlich sage: »Ich ärgere mich«, dann habe ich meinen Ärger veräußerlicht, und das führt zur Spaltung zwischen dem Beobachter und dem, was er beobachtet. In dieser Spaltung verurteile ich den Ärger. Habe ich mich auf diese Weise separiert, verurteile oder rechtfertige ich, und entsteht daraus ein Konflikt. Man versucht, ihn zu unterdrücken oder zu rechtfertigen. Diese Spaltung ist also verantwortlich für den Konflikt im Geist des Menschen. Solange es einen Konflikt, irgend eine Form von Widerstreit gibt, ist der Geist verkrüppelt.
Diese Verkrüppelung ausschalten, frei sein von Konflikt heißt, keine Spaltung zwischen dem Beobachter und dem Gegenstand der Beobachtung zulassen. Daher kann der Geist die Dinge ohne die Entfernung durch die Zeit sehen. Wenn Sie zum Beispiel über einen Monarchisten oder einen Spanier sprechen oder darüber, was die Spanier in Mittelamerika getan haben, wenn Sie sich darüber aufregen oder es rechtfertigen, wenn Sie der Beobachter sind und der Spanier der Beobachtete, dann verhindern sowohl Ihre als auch seine Ideologie, dass Sie sich ohne diese Trennung begegnen.
Manche Leute haben LSD und verschiedene andere Drogen genommen. Das habe ich nie getan, weil es mir zu unreif und kindisch vorgekommen wäre, aber wenn man sich mit vielen Leuten unterhält, die Drogen genommen haben, dann war ihre aktuelle Erfahrung die, dass der Raum zwischen dem Beobachter und dem Gegenstand der Beobachtung schwand. Daher sieht man den Raum mit einer erstaunlichen Klarheit, man sieht die Farbe wie nie zuvor, man bewegt sich chemisch in anderen Dimensionen. Deshalb ist das ja so populär. Es gibt einem Schwung, das Gefühl von ungeheurer Vitalität und intensiverer Wahrnehmung. Was man sieht, ist viel schärfer, viel intensiver, die Farben sind unerhört.
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Weil kein Konflikt da ist, gibt es keine Spaltung, sondern unmittelbare Wahrnehmung. Wenn man auf die gleiche Weise sich selbst klar sehen kann ohne die Spaltung in den Beobachter oder Denker und die beobachteten Gedanken, dann sieht man, was wirklich ist, und in diesem Zustand verschwindet jeder Konflikt.
Wenn man das vermöchte, dann würde man für sich die Entdeckung machen, dass Erkenntnis kein mentaler Vorgang, keine intellektuelle, verbale Äußerung ist. Wollen wir jetzt darüber diskutieren und dann zu etwas anderem übergehen?
FRAGE: Identifizieren Sie sich mit dem Baum? Identifizieren Sie sich subjektiv mit Ärger usw.?
KRISHNAMURTI: Was meinen wir denn mit diesem Wort »identifizieren?« Sich mit etwas identifizieren: mit Indien, mit den Ereignissen in Indien, der Armut, der Korruption und Missherrschaft, mit dem jammervollen Zustand dieses armen Landes, mich mit all dem zu identifizieren, so wie Sie sich mit diesem Land oder mit dem Christentum oder was auch immer identifizieren? Zunächst einmal, warum wollen wir uns denn mit irgend etwas identifizieren? Es ist sehr wichtig, dass wir darüber reden. Warum wollen wir uns mit »meiner Frau«, »meinem Haus«, »meinem Land«, »meinem Gott« oder sonst etwas identifizieren? Warum?
Wenn ich mich nicht mit meinem Land identifiziere, was passiert dann? Ich fühle mich ziemlich verloren, nicht wahr? Ich fühle mich einsam, als Außenseiter, ich habe Angst, ich stehe draußen, ich verliere vielleicht meinen Job. Daher identifiziere ich mich mit meinem Land, und das gibt mir eine gewisse Vitalität, eine bestimmte Widerstandskraft, und ich fühle mich zur Herde gehörig. Es ist sehr schwer, allein zu sein, denn das ruft viele Probleme hervor. So geht es zu, wenn man sich äußerlich mit etwas identifiziert, und in Wirklichkeit ist das ein innerer Vollzug des Identifizierens, um sicher zu sein. Diese Sicherheit gibt einem eine gewisse Befriedigung.
Wenn ich jetzt diesen Baum beobachte, ist das Identifikation mit dem Baum? Ich bin offensichtlich nicht dieser Baum, das wäre zu stumpfsinnig. Ich bin nicht dieses Schwein, das dort vorübergeht. Ich beobachte, ich schaue zu, und der Raum zwischen dem Beobachter und dem Gegenstand der Beobachtung verschwindet, und ich habe eine viel innigere Anschauung des Dinges. Ich sehe es besser, mit mehr Energie, Vitalität und Intensität. Das heißt nicht, dass ich mich mit ihm identifiziere.
FRAGE: Gibt es Stufen der Bewusstheit?
KRISHNAMURTI: Nein. Entweder Sie sind sich dieses Baumes bewusst oder nicht. Sehen Sie, wir verleihen diesem Wort so außerordentlich viel Bedeutung. Ich bin mir dieses Baumes »bewusst«. Er ist dort und ich bin hier. Ich nehme diesen Baum nur wahr, wenn ich ihm meine Aufmerksamkeit zuwende. Aber ich kann ihn auch flüchtig anschauen oder daran vorbeigehen. Lassen Sie uns ganz einfach von diesen Dingen reden. Ich beobachte den Politiker, seine Versprechen, seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, sein Machtstreben:
Er glaubt nichts von dem, was er sagt, es geht ihm nur um ihn selbst. Ich beobachte ihn und erkenne, was er ist. Wenn ich sein möchte wie er, ein Politiker, dann identifiziere ich mich mit ihm. Da die meisten von uns im Herzen Politiker sind, fällt uns das Identifizieren leicht. Wenn ich aber die Absurdität, die Tricks, die Albernheit seiner Worte erkenne, dann gibt es keine Beziehung.
FRAGE: … der Beobachter und der Gegenstand der Beobachtung sind eins.
KRISHNAMURTI: Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, wenn der Raum zwischen dem Beobachter und dem Gegenstand der Beobachtung schwindet, entsteht eine ganz andere Dimension. Ich kann nicht der Baum werden, ich bin viel zu intelligent, um dieser Baum zu werden. Diese Frage ist schwierig. Sie haben ganz recht, darauf zurückzukommen, denn wir machen tatsächlich nicht die Erfahrung, wir haben nicht das Gefühl, dass der Beobachter und sein Gegenstand eins sind.
FRAGE: Wenn ich weder rechtfertige noch verurteile, dann schwindet der Raum.
KRISHNAMURTI: Wir wollen es noch direkter sagen, dann können Sie es vielleicht besser, unmittelbarer erkennen. Wenn man verheiratet ist und eine Frau oder einen Mann hat, dann identifiziert man sich mit der Frau oder dem Mann. Man identifiziert sich mit dieser Person, und was geschieht? Wenn Sie sich mit Ihrer Frau identifizieren, werden Sie dann Ihre Frau?
FRAGE: … man wird ihr Sklave.
KRISHNAMURTI: Das weiß ich nicht – das wissen Sie besser als ich. (Gelächter) Bitte beobachten Sie doch genauer. Sagen Sie nicht einfach: »Ich werde zum Sklaven, sie beherrscht mich, sie ist dies oder das«, sondern beobachten Sie erst. Warum identifiziere ich mich mit meiner Frau oder mit meinem Mann? Was bedeutet das?
FRAGE: Man tut es wegen der Sicherheit oder weil es einem Spaß macht.
KRISHNAMURTI: Überlegen Sie es sich einen Augenblick, Sie werden dahinterkommen. Gehen Sie selbst der Frage nach. Wenn ich mir sage: »Das ist mein Haus«, dann habe ich mich mit dem Haus identifiziert. Es ist das meine, es gehört rechtlich mir. Aber warum bestehe ich so sehr auf dieser Identifikation? Das ist mein Haus. Wenn ich das sage, dann ist das Haus viel wichtiger als ich. Die Möbel in dem Haus sind meine Möbel. Sie sind viel wichtiger als ich. Alle Besitztümer sind also viel wichtiger als der Besitzer. So sind wir nämlich. Es ist mein Pferd und der Mensch, der auf ihm reitet, ist viel kleiner als das Pferd sowohl an Statur als auch an Würde.
Unsere Frage lautet also, wenn ich mich mit meiner Frau oder meinem Haus identifiziere, dann tue ich es, weil … aber ich darf es Ihnen nicht sagen … sagen Sie mir, warum ich es tue.
FRAGE: Wir sind offenbar wichtiger.
KRISHNAMURTI: Nein, nein, sehen Sie genauer hin. Ich habe eben gesagt, wenn Sie etwas besitzen, und das ist eine Form der Identifizierung, dann wird das, was Sie besitzen, viel wichtiger. Nein? Dann sagen Sie es mir bitte – ich habe vielleicht unrecht. Wenn wir uns mit Güte identifizieren, wie sie irgendein Mensch vielleicht hat, dann bestätige ich mit dieser Identifizierung, dass mir Güte mangelt, und ich möchte sie haben. Ist das so? Warum identifiziere ich mich dann nicht mit ihr, wenn sie nörgelt? Man identifiziert sich mit dem sogenannten Guten und nicht mit dem sogenannten Schlechten.
FRAGE: Ich versuche dieses Gefühl zu fixieren …
KRISHNAMURTI: Sehen Sie, das alles deutet auf Unfreiheit, nicht wahr? »Meine Familie«, »mein Haus«, »mein Land«, »mein Gott«, »mein Glaube« – es ist offenbar ein Zustand der Gefangenschaft, wenn ich mich mit etwas identifiziere, er verhindert das freie Schauen. Wenn der Spanier sich mit seiner Regierung identifiziert, dann kann er unmöglich sehen, was in Mittelamerika passiert ist. Und ich kann nicht sehen, was meine Frau ist, wenn ich mich mit ihr identifiziere. Das heißt, dass ich nicht frei bin, und zwar nicht im Sinne von nicht frei von ihr, sondern dass ich den Zustand der Freiheit nicht in mir habe.
FRAGE: Worin besteht die Wirklichkeit von Zeit und Raum?
KRISHNAMURTI: Manche Philosophen meinen, dass sie eine Einbildung seien. Wir können uns damit befassen, wenn wir mit dieser Frage des Beobachtens fertig sind.
FRAGE: Was hindert uns daran, diese Freiheit zu haben?
KRISHNAMURTI: Ich glaube, dass uns nichts hindert außer wir selbst.
FRAGE: … die Dinge benennen …
KRISHNAMURTI: Ganz recht, wir reagieren automatisch auf die Dinge, wenn wir ihnen sofort einen Namen geben. Wie können wir das verhindern? Sie können es nicht. Sie müssen sich darüber klar werden, wie sehr Sie konditioniert sind, wenn Sie einem dunkelhäutigen Menschen oder einem rosafarbenen Menschen begegnen. Wie sie auch ausfällt, Ihre Reaktion ist unvermittelt, denn Ihre Kultur, Ihre Erziehung hat Sie so sehr konditioniert. In Indien findet diese Konditionierung nicht wie hier seit zweitausend Jahren, sondern seit gut zehntausend Jahren statt. Sie ist enorm, so viele Jahrhunderte alt. Sich von ihr zu befreien, ist nicht eine Frage der Zeit. Wir können uns darüber hinwegsetzen, ihr ein Ende machen; wenn wir ihre Absurdität begreifen, ist Schluss damit.
FRAGE: Können wir das Problem der Zeit erörtern?
KRISHNAMURTI: Wir können uns also über die Zeit hinwegsetzen, aber ist das von Dauer? Wollen wir uns jetzt dem Problem Zeit zuwenden, das Sie vorhin angeschnitten haben, Zeit und Raum? Wie wir gehört haben, können wir uns unmittelbar über die Zeit hinwegsetzen, aber das ist wohl nicht von Dauer. Dieses »Dauern« ist eine Frage der Zeit, denn Zeit ist Dauer, nicht wahr? Das heißt, ich kann unvermittelt nicht-ärgerlich sein, aber dieser Zustand hält nicht an. In der nächsten Minute ärgere ich mich vielleicht wieder. Wir müssen also begreifen, was Zeit ist; nicht, was die Philosophen darüber sagen, denn ich weiß nicht, was sie sagen. Zum Glück lese ich keine Bücher.
Was ist also die Zeit? Es gibt die Uhrzeit, die chronologische Zeit, die Zeit, die man braucht, um von hier zu Ihrem Haus zu gehen. Das Haus ist ein fixierter Gegenstand, und die Zeit, die man braucht, um diese Entfernung zurückzulegen, ist meßbar. Es gibt also eine Uhrzeit. Auch gestern, heute und morgen sind chronologische Zeitangaben. Gestern war ich in London, heute bin ich hier, morgen bin ich in New York. Auch damit wird eine mit der Uhr messbare, zeitliche Entfernung zurückgelegt, das ist klar. Ich bin kein Philosoph, entschuldigen Sie mich bitte. (Gelächter) Gibt es noch eine andere Zeit?
FRAGE: Die Zeit, die wir mit dem Leben verbringen?
KRISHNAMURTI: Wie meinen Sie das? Die Tage, die Sie mit Leben zubringen? Die Zeit des Alterns, Sterbens, die einen Zeitraum umfasst und dann endet? Gibt es noch eine andere als die chronologische Zeit?
FRAGE: Die psychische Zeit.
KRISHNAMURTI: Es gibt eine sogenannte psychische Zeit. Es gibt also zwei Zeiten, die Zeit von gestern, heute und morgen, die Entfernung zwischen hier und Ihrem Haus, das ist die eine Art von Zeit. Man braucht Zeit, um eine Sprache zu lernen, viele Worte zu sammeln und sie auswendig zu lernen. Eine Technik, ein Handwerk zu erlernen, all das braucht chronologische Zeit. Daneben gibt es die psychische Zeit, die der Geist erfunden hat, wenn er sagt: »Ich werde Präsident werden, morgen werde ich gut sein, ich werde es zu etwas bringen, ich werde Erfolg haben, ich werde wohlhabender sein, ich werde Vollkommenheit erlangen, ich werde dies oder jenes sein.«
Zwischen dem Ziel und der Gegenwart liegt Zeit. Das Ziel, das ich mir gesteckt habe, braucht Zeit – ich muss kämpfen, mich anstrengen, ich muss ehrgeizig, brutal sein und jeden anderen aus dem Feld schlagen. Dies alles sind Projektionen des Geistes, dessen, was er erreichen will. Sie erzeugen die psychische Zeit. Diese beiden Arten gibt es also, die chronologische und die psychische Zeit.
FRAGE: Unterscheiden sie sich denn? Ich werde Präsident oder ich lerne Italienisch, und dazu brauche ich etwa sechs Monate oder sechs Jahre.
KRISHNAMURTI: Ja, es braucht Zeit. Ich erkenne diese beiden Zustände, den chronologischen und psychischen. Ist die psychische Zeit aber wirklich, oder ist sie eine Illusion? Gibt es die psychische Zeit überhaupt?
Behaupten wir nichts; sagen wir nicht, sie ist eine Illusion oder sie ist es nicht, sie ist dies oder das, seien wir nicht so absurd. Hier sind zwei Fakten: das eine, ich bin dies und möchte jenes sein, ob es nun etwas Großes oder Kleines ist, auch das braucht Raum und Zeit. Das andere ist die Zurücklegung einer Entfernung von hier zum Haus, und das nimmt Zeit in Anspruch. Ich sage mir, beide sind wirklich in dem Sinn, dass ich ein Ziel habe, mächtig, reich und berühmt sein möchte und darum kämpfe.
Berühmt zu werden braucht Zeit, denn mein Bild des Ruhmes ist in der Ferne, und diese Entfernung in der Zeit muss ich zurücklegen. Noch bin ich nicht dieses Bild, aber ich werde es in der Zukunft sein. Ich bin noch nicht bei dem Haus, ich bin hier und brauche Zeit. Und nun will ich berühmt sein.
Psychisch gesprochen ist das meine Projektion, das Bild, das ich mir vom Ruhm gemacht habe. Ich projiziere dieses Bild, weil ich den Vergleich zu anderen berühmten Leuten gezogen habe und so sein möchte wie sie. Das bedeutet Kampf, Konkurrenz, Rücksichtslosigkeit. Ich möchte etwas Wirkliches, nicht wahr? Ich will es haben, und ich kämpfe darum. Ich frage nicht, warum ich mir dieses Bild gemacht habe. Ich frage nicht, was es bedeutet, dieses Bild zu erreichen. Ich sage einfach: »Ich muss dieses Bild sein.« Darin ist also viel Konflikt, Schmerz, Leiden und Brutalität.
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Das ist meine Konditionierung, denn von Kindheit an hat man mir gesagt, dass ich dies oder jenes sein, meine Prüfungen bestehen und ein großer Mensch sein müsse, dass ich ein Kaufmann, ein Rechtsanwalt, ein Professor oder sonst etwas werden muss.
Daher habe ich mir dieses Bild gemacht und nicht danach gefragt, warum. Wenn ich einsehe, wie absurd das ist, wenn ich die Vergeblichkeit, den Schmerz, die Qual und Angst und alles, was dazugehört, einsehe, dann mache ich mir das Bild nicht mehr; ich schaffe es ab.
FRAGE: Zwei psychische Zustände: Ich bin niemand, und morgen bin ich wer.
KRISHNAMURTI: Dieses »morgen« ist in meinem Geist. Ich warte darauf, dass dieses Morgen eintritt. Es gibt also Zeit (oder ich glaube es wenigstens). Ich werde berühmt sein. Die Worte »werde sein« deuten auf die Zukunft. Ich frage mich daher, gibt es überhaupt ein Morgen? Morgen existiert nur, wenn ich etwas sein will.
FRAGE: Kann ich mich von der psychischen Zeit befreien?
KRISHNAMURTI: Ich zeige es Ihnen. Kann sich der Mensch von der psychischen Zeit befreien? Sie müssen das selbst herausfinden, Sie können es. Wenn ich berühmt werden will, komme ich von der Zeit nicht los. Wenn ich sage, ich bin nichts, und möchte jemand werden, dann bin ich ein Sklave der Zeit. Jetzt bin ich niemand, warum soll ich jemand sein? – Ich bin niemand.
FRAGE: (Unhörbar)
KRISHNAMURTI: Nein, der Jemand hat ein größeres Auto, ein größeres Haus. Halten wir die Worte auseinander. Ich bin ein Niemand, aber ich möchte jemand sein. Darin liegt der ganze zeitliche Ablauf. Wenn ich gar niemand sein will, gibt es dann psychische Zeit? Ich bin, was ich bin. Wenn ich mich aber in etwas verwandeln möchte, dann beginnt die Zeit. Aber ich muss mich wandeln, ich kann nicht das bleiben, was ich bin.
Bitte, folgen Sie mir Schritt für Schritt. Ich bin niemand und möchte jemand sein. Das bedingt Zeit, Schmerz und alles übrige. Diesen Anspruch, jemand sein zu wollen, diese Art der Verwandlung werfe ich über Bord als absurd, unintelligent, unreif. Daher sage ich, ich bin niemand. Wenn ich so bleibe, gibt es nichts. Ich bin niemand, an mir ist nichts. Aber diese Eigenschaft muss sich auch verwandeln.
Diese armen Menschen in den Hütten dort (wie halten Sie es nur mit diesen Hütten aus!), dieser arme Kerl in seiner Hütte, er ist ein Niemand. Er kann nicht jemand werden, weil er keine Bildung hat, er ist dies und er ist jenes. Aber auch er will jemand werden, weil er sieht, dass das Haus des Nachbarn größer ist. Das Jemand-sein-Wollen kommt also durch den Vergleich. Kann der Geist jeden Vergleich ausschalten? Dann sage ich nicht mehr: »Ich bin jemand.«
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Warum soll ich in die Zukunft projizieren? Ich möchte Italienisch lernen, und das tue ich. Es wird eine Zeit brauchen, und ich werde daran arbeiten. Ich muss am 23. dieses Monats in New York sein. Ich mache meine Pläne und werde mein Flugticket kaufen. Das ist keine Projektion, kein Bild, sondern ich muss praktisch sein, um dorthin zu kommen. Ich könnte aber sagen: »Ich fahre nach New York, und das wird viel aufregender sein, als hier zu leben usw.« Kann der Geist das Vergleichen einstellen und daher – aber Sie sehen nicht, wie schön das ist – gar keine Zeit haben?
Wenn Sie jeden Wunsch abstellen, sind Sie völlig verändert. Wenn der Mensch, der in der schmutzigen Hütte wohnt, sagt: »Alles Vergleichen hat aufgehört«, ist er draußen, aus der Hütte.
FRAGE: Wie?
KRISHNAMURTI: Er wird intelligenter arbeiten.
FRAGE: Warum sollte er arbeiten, wenn er nicht das größere Nachbarhaus gesehen hätte?
KRISHNAMURTI: Genau. Wenn kein Vergleich stattfindet, was geschieht? Das ist die erste Frage. Was geschieht wirklich, wenn man nicht vergleicht?
FRAGE: Man blockiert sich nicht mehr selbst.
KRISHNAMURTI: Lassen Sie uns beginnen. Warum vergleichen Sie? In der Schule fängt es an, wenn der Lehrer Ihnen sagt, dass Sie nicht so gut sind wie Ihr Mitschüler. Der ganze Prozess der Prüfungen und Noten usw. ist ein Vergleich. Das ist Ihre Konditionierung. Sie sehen, wie der arme Junge Präsident wird. Das ist eine riesige Reklame, und Sie sagen: »Was für eine herrliche Gesellschaft des freien Wettbewerbs!« Wir behalten diese Konditionierung bei, weil sie, manchmal profitabel, manchmal schmerzhaft ist; aber sie ist unheilbar. Wir stellen nie die Frage, warum wir vergleichen. Bitte stellen Sie sie jetzt und gehen Sie ihr auf den Grund. Warum vergleichen wir?
FRAGE: Man fühlt sich unzulänglich.
KRISHNAMURTI: Greifen wir das auf – wenn Sie sich unzulänglich fühlen, vergleichen Sie. Aber woher wissen Sie, dass Sie unzulänglich sind, wenn Sie nicht vergleichen? Überlegen Sie das einmal. Vergleichen wir, weil wir unzulänglich sind? Vergleichen wir, weil es ein Teil unserer Konditionierung ist? Jede Zeitung sagt Ihnen, dieser oder jener Soundso ist mächtig und Sie sind nichts. Daher nehmen wir den Vergleich als die Norm, als den unvermeidlichen Daseinsprozeß hin. Ich tue das nicht. Warum soll ich Vergleiche ziehen? Wenn ich das nicht tue, bin ich dann ein Niemand? Ich vergleiche nur mit etwas Höherem und fühle mich deshalb unterlegen. Und wenn ich keinen Vergleich ziehe, bin ich …
FRAGE: Einmalig?
KRISHNAMURTI: Nein, mit Einmaligkeit hat das nichts zu tun. Woher weiß ich, dass ich einmalig bin? Weil ich mich mit den Leuten verglichen habe, die es nicht sind?
Sehen Sie, ich vergleiche zwei Sorten Tuch, wenn ich einen Mantel kaufe. Schwarz und weiß, ich vergleiche beides. Ich vergleiche dieses Land und sage: »Es ist sehr heiß hier»; aber ich kann das auch sagen, ohne zu vergleichen. Wenn ich dieses Land mit einem kühleren vergleiche, leiste ich der Hitze Widerstand, und dann wird sie unerträglich. Kann man den Vergleich ausschalten, psychisch, in Bezug auf »großes« Haus, »kleines« Haus, »größerer« Teppich … ?
FRAGE: Was ist der Mechanismus des Vergleichens?
KRISHNAMURTI: Es ist klar, warum wir vergleichen; erstens, weil wir konditioniert sind, und außerdem, weil das Vergleichen uns das Gefühl gibt, dass wir handeln. Wir sagen uns, wenn ich nicht vergleiche, wenn ich nicht werde wie Herr Huber, mein Gott, was wird dann aus mir? Wir sind in das System des Vergleichens hineingeboren, und entweder sagt es uns: »Du musst ein Geschäftsführer werden und Millionen haben«, oder: »Du musst ein Heiliger werden und darfst nichts besitzen.«
FRAGE: Kann man zufrieden sein mit dem, was man ist, und sich nicht um den Nachbarn kümmern?
KRISHNAMURTI: Kümmern Sie sich denn wirklich um den Nachbarn? Um den, der weiter unten steht? Tun Sie das? Offensichtlich nicht. Und Sie sind unzufrieden mit dem, was Sie sind. Sobald Sie die Worte »zufrieden« und »unzufrieden« gebrauchen, ziehen Sie einen Vergleich. Also werden Sie Worte wie »besser« oder »desto mehr« nicht mehr in den Mund nehmen. Denn Sie sehen, dass Zeit, psychische Zeit nur dann existiert, wenn ein Zustand des Vergleichens herrscht, und dieser schließt Unzufriedenheit, Minderwertigkeitsgefühle, Leistungsstreben und den Wunsch, etwas darzustellen, ein.
Und wenn Sie sagen: »Ich bin niemand«, so ist auch das ein vergleichendes Wort, denn sonst würden Sie es nicht gebrauchen. Daher existiert die psychische Zeit, wenn der Geist Vergleiche zieht und psychisch misst. Kann ich, kann der Geist ohne dieses Messen existieren – wirklich existieren, leben, nicht einfach schlafen, sondern ungeheuer aktiv und bis in seine Tiefen hinein lebendig sein? Das ist nur möglich, wenn kein Vergleichen herrscht.
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Die psychische Zeit existiert nur, wenn verglichen wird, wenn eine Entfernung zurückzulegen ist zwischen dem, »was ist«, und dem, »was sein sollte«. Das ist der Wunsch, jemand zu werden oder niemand zu werden, und das braucht psychische Zeit und eine zurückgelegte Entfernung. So fragt man: »Gibt es psychisch gesehen ein Morgen?« Und darauf können Sie keine Antwort geben. Gibt es ein Morgen – dieses »Morgen« entstand, weil ich einen Augenblick völliger Freiheit erlebte, das vollkommene Gefühl von etwas, und es ist verschwunden.
Ich würde es gerne festhalten und bewahren. Dieses Bewahren ist eine Form von Habgier. Wir kämpfen darum, seiner wieder habhaft zu werden. Auch das bedeutet psychische Zeit. Wenn Sie ein Erlebnis der Freude, des Genießens haben, erleben Sie es ganz, und verlangen Sie nicht, dass es dauert, denn dann verfangen Sie sich in der Zeit.
Gibt es also ein Morgen? Das heißt, das Morgen liegt vor mir, und ich erlebe heute ein großes Glücksgefühl und möchte wissen, ob es dauern wird. Wie kann ich es bewahren, so dass es immerfort dauert? Die Erinnerung an diese Freude gibt dir den Wunsch ein, dass diese Erinnerung anhalten möge, und wenn sie anhält, verbaust du dir den Weg zu einer neuen Erfahrung. Das ist sehr einfach.
FRAGE: (Spanisch)
KRISHNAMURTI: Ich glaube, Sie haben gefragt: Wie kann ich »Widerstand« verstehen? Was verstehen Sie unter dem Wort »widerstehen?« Gehen wir zuerst auf das Wort ein, stellen wir fest, was es bedeutet; nicht, was Sie oder jemand anderer dazu »meint«. Widerstand leisten braucht Zeit; widerstehen, etwas in den Weg legen, von sich wegschieben. Widerstehen: Ich widerstehe dem Regen, ich widerstehe der Sonne, ich kann sie nicht leiden, ich leiste der Versuchung Widerstand, ich widerstehe ihr. Ich möchte ein größeres Haus und sage: »Wie dumm, dass ich es nicht haben kann.« So widerstehe ich, rebelliere gegen etwas, das ich haben oder nicht haben will. Warum widerstehe ich überhaupt?
Bitte legen Sie sich diese Frage vor: » Warum leiste ich Widerstand?« Es ist mein Leben lang so gewesen, ich habe mich gegen etwas gewehrt und etwas anderes hingenommen; das kann ich nicht leiden, etwas anderes schon. So habe ich mich mit einer Mauer umgeben, und diese Mauer ist »ich«, und dieses Ich ist in seinem Wesen Widerstand. Warum leiste ich also Widerstand?
Ich widerstehe. Ich widerstehe der Versuchung. Was ich wissen möchte, ist jedoch dieses: Warum gibt es überhaupt Widerstand? Warum kann ich nicht etwas anschauen und es verstehen – warum soll ich ihm Widerstand leisten? Ich widerstehe nur dem, was ich nicht verstehe. Ich widerstehe, um einen bestimmten Zustand festzuhalten. Gestern war ich glücklich, und ich widerstehe allem, was mich hindern will, wieder diese Erfahrung zu machen.
Wenn ich alles mit Klarheit betrachten könnte, dann gäbe es keinen Widerstand, nicht wahr? Wenn ich mit Klarheit den Lauf der modernen oder der alten Welt betrachte, so wollen alle jemand oder niemand sein; wenn ich das mit allem Drum und Dran sehe, dem Schmerz, der Hässlichkeit, Brutalität, Niederlage und all seiner Bitterkeit; wenn ich alles verstehe, dann ist es vorbei – ich widerstrebe nichts mehr.
FRAGE: Wir kommen von einer Konditionierung in die andere …
KRISHNAMURTI: Ja, ist die Freiheit von einer Konditionierung nicht die Form einer anderen? Wenn ich meine Konditionierung verstehe oder mir ihrer bewusst bin, ohne zu wünschen und zu wählen, falle ich dann in eine andere? Daran erkenne ich jede Form der Konditionierung, wo immer sie herrührt, ich erkenne und verstehe sie, ich betrachte sie und gehe ihr auf den Grund. Wissen Sie, das ist wie mit den Leuten, die von einer Religion zur anderen, von einer Sekte zur anderen gehen und meinen, dass sie ungeheuer religiös werden. Aber das ist kindisch.
