Liebe und Sex und Vergnügen
Liebe und Sex und Vergnügen ist Thema eines Dialogs zwischen J. Krishnamurti und Dr. A. W. Anderson. Bitte richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf das, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Beobachten Sie den Prozess des Dialogs und wie 2 intelligente Wesen miteinander und nicht gegeneinander sprechen. Das ist Konversation, das ist Kommunikation und nicht das Krähen zweier Hähne, die sich gegenseitig ihre aufgeblähten Egos vorführen.
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A. W. Anderson: In unserem letzten Gespräch haben wir über Religion in Beziehung zur Transformation eines jeden Menschen gesprochen, einer Transformation, die nicht von Wissen oder Zeit abhängt, und Sie sprachen über die Bedeutung von wahrer Religion, über ihre Beziehung zum Akt der Aufmerksamkeit und darüber, wie dieser Akt der Aufmerksamkeit einfach zunichte wird, wenn die ganze persönliche Geschichte mit ihren Verletzungen noch vorhanden ist. Er kann nicht Zustandekommen. Vielleicht könnten wir jetzt das Thema Liebe untersuchen.
Krishnamurti: Wenn Sie das Wort »untersuchen« benutzen, verwenden Sie es dann intellektuell, untersuchen Sie mit dem Intellekt? Oder suchen Sie in Beziehung zum Wort und sehen darin den Spiegel, der uns selbst enthüllen wird? Das bedeutet, dass das Wort der Spiegel ist, in dem ich als Mensch beobachte. Das Wort »untersuchen« bedeutet wirklich, mich selbst in dem Spiegel des Wortes, das Sie benutzt haben, zu beobachten. Das Wort wird dann also die Sache. Es bleibt nicht nur das Wort selbst.
Und darum ist es keine intellektuelle, keine theoretische Untersuchung. Das »Untersuchen« bedeutet auch, dass der Verstand sehr ernsthaft sein muss, nicht in dem bloßen Wunsch gefangen ist, etwas zu erreichen – zu wissen, wie man die Liebe seines Nachbarn erlangt.
Also glaube ich, wenn wir das Wort »Liebe« erforschen, seine Bedeutung und Wichtigkeit untersuchen, müssen wir damit sehr, sehr ernsthaft umgehen, weil dieses Wort so vage gebraucht wird, es ist so korrupt geworden – als Liebe zu Gott, Liebe zur Ehefrau, Liebe zum Besitz, Liebe zum Land, Liebe zum Lesen oder zum Kino. Und eine unserer Schwierigkeiten ist, dass moderne Erziehung uns nicht ernsthaft macht. Wir werden Spezialisten – ein erstklassiger Doktor, ein erstklassiger Chirurg, ein erstklassiger Physiker. Aber der Spezialist wird auf diese Weise zu einer Bedrohung.
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Erziehung heißt, wie wir schon früher sagten, ermutigen, bewirken, dass der menschliche Verstand ernsthaft ist, ernsthaft, um herauszufinden, was es bedeutet zu leben und nicht nur ein Spezialist zu werden. Wenn man das nun alles versteht, was ist dann Liebe? Ist Liebe Vergnügen? Ist Liebe der Ausdruck für Verlangen? Ist Liebe erfüllter sexueller Appetit? Ist Liebe die Jagd nach einem erwünschten Ziel? Die Identifizierung mit einer Familie, mit einer Frau, mit einem Mann? Ist Liebe etwas, das kultiviert werden kann, das man zum Wachsen bringen kann, wenn man keine Liebe hat?
Denke ich also darüber nach, tue alle möglichen Dinge, so dass ich weiß, wie ich meinen Nachbarn lieben kann? Ist Liebe also Vergnügen? Es sieht so aus. Das ist es, was wir Liebe nennen. Liebe zu Gott. Ich weiß nicht, was Gott ist, und doch soll ich ihn lieben. Und darum übertrage ich mein weltliches Vergnügen an Gegenständen und an Sex auf eine höhere Ebene, die ich Gott nenne. Es ist immer noch Vergnügen. Was ist also Vergnügen im Zusammenhang mit Liebe? Was ist Sicherfreuen im Zusammenhang mit Liebe? Was ist Freude, das unbewusste Gefühl der Freude? In dem Moment, in dem ich Freude erkenne, ist sie vorbei.
Und in welchem Zusammenhang stehen Freude, Erfreuen und Vergnügen mit Liebe? Wenn wir das nicht verstehen, können wir nicht verstehen, was Liebe ist. Sehen wir, was geschieht. Liebe ist mit Sex, mit sexueller Liebe, mit »Liebe machen« identifiziert worden. Es ist eine schreckliche Sache. Der Ausdruck versetzt mir einen Schock, »Liebe machen«, als ob das Liebe wäre. Die westliche Zivilisation hat dies durch Kinos, Bücher, durch Pornographie, durch alle Arten von Werbung über die ganze Welt verbreitet. Der Sinn für Liebe wird gleichgesetzt mit Sex, der im Grunde nur Vergnügen ist.
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Kann also der Verstand – wir müssen wieder auf diesen Punkt zurückkommen –, kann der Verstand das Wesen des Vergnügens und seine Beziehung zur Liebe verstehen? Kann der Verstand, der dem Vergnügen nachjagt, ein ehrgeiziger Verstand, ein wetteifernder Verstand, ein Verstand, der sagt: »Ich muss etwas aus meinem Leben machen, ich muss mich selbst und andere belohnen, ich muss konkurrieren«, kann ein solcher Verstand lieben? Er kann sexuell lieben. Aber ist die sexuelle Liebe das einzige? Warum haben wir aus dem Sex eine so enorme Angelegenheit gemacht? Ganze Bände sind darüber geschrieben worden. Ohne dieses sehr, sehr tief zu ergründen, ist es nicht möglich, das andere zu verstehen.
Wir können endlos theoretisch darüber reden, was Liebe ist, und was Liebe nicht ist. Wenn wir jedoch das Wort Liebe als einen Spiegel benutzen, um zu sehen, was innerlich geschieht, muss ich unausweichlich die Frage stellen, ob es nicht doch Vergnügen in einer seiner vielfältigen Formen ist? Kann ein Mann in leitender Position, die er durch Energie, durch Aggression, durch Täuschung, durch Unbarmherzigkeit erreicht hat, kann solch ein Mann wissen, was Liebe ist? Kann der Priester, der andauernd von Gott redet, der den Ehrgeiz hat, Bischof oder Erzbischof zu werden, oder was auch immer – vielleicht möchte er neben Jesus sitzen –, kann dieser Priester wissen, was Liebe ist? Kann also dieser Priester, der darüber spricht, wissen, was Liebe ist?
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Unsere ganze soziale, moralische Struktur ist unmoralisch. Das hat etwas Erschreckendes. Und niemand will es ändern. Im Gegenteil, sie sagen, lasst uns so weitermachen, gebt ihr einen neuen Anstrich, in anderen, etwas angenehmeren Farben. Wenn also jemand wirklich interessiert ist herauszufinden, was Liebe ist, muss er den Stellenwert des Vergnügens erkennen, ob es nun intellektuelles Vergnügen ist, oder das Vergnügen am Erwerb von Wissen, das Erlangen einer Machtstellung, und muss das alles negieren.
Wie kann ein Verstand, der trainiert, konditioniert und in dieser verrotteten sozialen Prägung gestützt worden ist, wie kann er sich selbst befreien, bevor er von Liebe spricht? Er muss sich erst davon befreien, sonst spricht man nur von Liebe, und es ist eben nur ein weiteres Wort, das keine Bedeutung hat.
A. W. Anderson: Wir scheinen besonders in der westlichen Kultur sehr sexgebunden zu sein. Einerseits fürchten wir uns davor, unglücklich zu sein, wenn wir sexuell nicht erfolgreich sind. Doch auf der anderen Seite konzentriert sich die klinische Psychologie während ihrer gesamten Geschichte genau auf das Krankhafte der Sexualität. Als sei sie fähig, uns durch Forschung davon zu befreien. Die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Aktivitäten, dem Wunsch erfolgreich zu sein auf der einen Seite, und der Notwendigkeit zu studieren, was an diesem Trieb falsch sei auf der anderen Seite, schafft Lähmung.
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Krishnamurti: Sie sehen also, dass der Sex überall auf der Welt so außerordentlich wichtig geworden ist. In Asien verschleiern sie es. Sie sprechen dort nicht darüber. Wenn Sie dort über Sex sprechen, ist das etwas Schlimmes. Hier spricht man pausenlos darüber. Aber dort spricht man über gewisse Dinge nicht. Man kann im Schlafzimmer darüber reden, oder vielleicht noch nicht einmal dort. Man tut es eben einfach nicht. Wenn ich in Indien spreche, bringe ich das Thema auf. Sie sind dann ein bisschen geschockt, denn ein religiöser Mann sollte sich nicht mit solchen Dingen befassen.
Er sollte nicht darüber reden. Warum ist Sex so wichtig geworden? Sehen Sie, letzten Endes ist Liebe die totale Abwesenheit des »Ich«, meines Ego, meiner Ambitionen, meiner Gier, vollkommene Verneinung all dessen, Verneinung, nicht brutales Leugnen, nicht chirurgische Eingriffe, sondern das Verstehen all dessen. Wenn das »Ich« nicht ist, ist das andere. Ganz offensichtlich. Es ist so einfach. Wissen Sie, mir wurde erzählt, dass das Zeichen der Christen, das Kreuz, ein sehr, sehr altes vorchristliches Symbol sei. Es bedeute, das »Ich« auszustreichen.
A. W. Anderson: Das habe ich nie gehört.
Krishnamurti: Streiche das Ich aus. Wenn wir also die Frage der Liebe erforschen, müssen wir das Vergnügen untersuchen, das Vergnügen in all seinen Variationen und seine Beziehung zur Liebe, die man nicht herbeiführen kann. Die Welt hat aus dem Sex eine riesengroße Angelegenheit gemacht. Und überall auf der Welt haben ihn die Priester geleugnet. Sie werden niemals eine Frau ansehen, obwohl sie innerlich vor Lust brennen. Sie schließen die Augen. Und sie sagen, dass nur ein enthaltsam lebender Mensch als Vollkommener zu Gott kommen kann. Sehen Sie die Absurdität einer solchen Behauptung. Demnach ist jeder, der jenseits der vorgegebenen Normen Sex ausübt, für immer verdammt. Die ganze Idee von der Jungfrau Maria, die eine Farce ist.
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Warum also haben wir den Sex zu einer so phantastischen, romantischen und sentimentalen Angelegenheit gemacht? Ist es, weil wir intellektuell verkrüppelt sind? Wir sind Menschen aus zweiter Hand. Ich wiederhole, was Plato, Aristoteles, Buddha oder irgend jemand gesagt hat, daher ist mein Geist intellektuell gesehen drittklassig.
Er ist niemals frei. So bin ich intellektuell betrachtet ein Sklave, und emotional werde ich romantisch, sentimental. Und die einzige Ausflucht ist Sex. Dabei bin ich frei. Wenn die Frau oder der Mann zustimmt, wenn sie zueinander passen, dann ist es die einzige Tür, durch die ich gehen kann und die es mir ermöglicht zu sagen: Um Gottes willen, wenigstens hier bin ich frei. Im Büro werde ich schikaniert, in der Fabrik drehe ich nur die Räder.
Also ist es meine einzige Zuflucht. Für den armen Bauern und Dorfbewohner in Indien ist es das einzige, was sie haben und Religion wird als etwas anderes angesehen: »Ich gebe zu, wir sollten keusch leben, wir sollten dies und das, aber lasst uns um Gottes willen bei unseren Vergnügungen, bei unserem Sex in Ruhe.« So sieht es also aus: Wir sind intellektuell, moralisch und spirituell verkrüppelte, degenerierte Menschen, und Sex ist das einzige, was uns etwas Befreiung, etwas Freiheit gibt.
Auf anderen Gebieten haben wir keine Freiheit. Ich muss jeden Tag ins Büro oder in die Fabrik gehen, muss dreimal in der Woche ins Kino gehen oder irgend etwas tun, was immer es auch sei, und wenigstens hier bin ich ein Mann, bin ich eine Frau. Also habe ich Sex zu einer enormen Angelegenheit gemacht. Und wenn ich nicht sexuell interessiert bin, muss ich herausfinden, warum ich es nicht bin. Ich verbringe Jahre damit, es herauszufinden. Ganze Bücher werden darüber geschrieben. Es ist widerlich und dumm geworden.
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Und ebenso müssen wir im Zusammenhang damit herausfinden, was Keuschheit ist. Jede Religion hat bislang verlangt, enthaltsam zu bleiben. Die Christen sprechen von der Heiligen Jungfrau, und die Buddhisten haben auch irgend so eine Geschichte über den Buddha, weil sie nicht wollen, dass Sex mit Religion in Verbindung gebracht wird. Und dennoch brennen Priester vor Verlangen. Also wird von ihnen gefordert, keusch zu leben. Und sie legen das Gelübde des Zölibats ab.
Und was ist Keuschheit? Ist sie da drinnen, in ihrem Herzen, in ihrem Geist? Oder bezieht sie sich lediglich auf den Akt? Was ist nun der Zölibat? Ist die Handlung oder der Geist keusch? Der Geist ist keusch, was einen außerordentlich einfachen Geist bedeutet – aber nicht einfach im Sinne von Strenge und im Sinne rücksichtsloser Anerkennung eines Prinzips –, einen Geist, der sich kein Bild von der Frau, von dem Mann oder der Handlung macht, keine dieser Vorstellungen macht.
A. W. Anderson: Das ist sehr wesentlich. Ich weiß, dass ich in unseren Gesprächen immer wieder Dinge erwähne, die ich gelesen und studiert habe, weil ich damit den größten Teil meines Lebens beschäftigt war. Und was mich so tief berührt, wenn ich Ihnen zuhöre, ist, dass so viele Dinge, die im Laufe von Jahrhunderten gesagt und geschrieben wurden, eigentlich in dem Sinne hätten verstanden werden sollen, wie Sie sie darstellen. In der Tradition der christlichen Theologie heißt es sogar, dass der Fall des Menschen mit der Vorstellung begann. Und dennoch scheint mir dieses nicht korrekt verstanden worden zu sein. Denn wäre es das, befänden wir uns nicht in diesem immensen Konflikt.
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Krishnamurti: Die Christen haben zuerst die Sünde und all das erfunden. Kann also der Geist keusch sein? Und nicht: Kann der Geist das Gelübde auf den Zölibat ablegen trotz glühenden Verlangens. Neulich sprachen wir über Verlangen. Wir brennen vor Verlangen. All unsere Drüsen sind voll davon. Keuschheit bedeutet also einen Geist, der an keiner Verletzung trägt, der kein Bild, keinerlei Vorstellung von sich selbst und seinem Verlangen hat. Kann solch ein Geist in dieser Welt existieren? Andernfalls gibt es keine Liebe. Ich kann endlos über Liebe zu Jesus, Liebe zu diesem, Liebe zu jenem sprechen, aber es wird so schäbig.
Ist Liebe also Vergnügen? Ich kann nur sagen, dass sie es nicht ist, wenn ich verstanden habe, was Vergnügen ist, und nicht nur verbal verstanden, sondern tiefinnerlich, seine Natur gesehen habe, seine Brutalität, seine trennende Wirkung. Denn Vergnügen ist immer trennend. Sich-Erfreuen und Freude schaffen niemals Uneinigkeit. Nur das Vergnügen schafft Uneinigkeit. Hören sie einem Araber zu, wenn er über Öl spricht, es ist sein ganzer Stolz. Sie sehen es ihm an, und Sie sehen es den Ministern, den Politikern an, diese Arroganz, diese Macht.
Und gleichzeitig sprechen sie von Liebe, von Liebe zu meinem Land, und meine Liebe wird dich töten. Wir müssen auch dieses Töten verstehen. Die westliche Zivilisation hat das Töten zu einer perfekten Kunst, und den Krieg zu einer Wissenschaft gemacht. Sie haben es die ganze Welt gelehrt. Und wahrscheinlich sind die Christen nach den Muslims die größten Mörder. Ich glaube, die ersten aufrichtigen religiösen Buddhisten waren wirkliche Nicht-Mörder. Sie sagten: Töte nicht.
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Ich muss Ihnen diese reizende Geschichte erzählen. Ich war vor einigen Jahren in Ceylon, und ein buddhistisches Paar besuchte mich. Sie sagten, sie seien praktizierende Buddhisten, sie würden nicht töten, aber sie äßen Fleisch. Ich fragte: »Wie meinen Sie das?« Er antwortete: »Wir wechseln unsere Schlachter, darum sind wir nicht verantwortlich, und wir mögen Fleisch.« Ich fragte: »Ist das Ihre Frage an mich?« Er antwortete: »Nein, überhaupt nicht. Unser Problem ist: Sollten wir ein befruchtetes Ei essen, es erhält doch Leben?«
Wenn wir also über Liebe sprechen, müssen wir auch über Gewalt und Töten sprechen. Wir töten, wir haben die Erde zerstört, wir haben die Erde verschmutzt. Wir haben Tier- und Vogelarten ausgelöscht, wir töten Seehundbabies, haben Sie das im Fernsehen gesehen? Wie kann ein Mensch so etwas tun? Damit irgendeine Frau diesen Pelz anziehen kann. Und der Mörder kommt nach Hause und sagt: »Ich liebe meine Frau.«
Wir werden zum Töten erzogen. All die Generale bereiten endlos Methoden vor, um andere zu töten. Das ist unsere Zivilisation. Und kann ein Mann, der ehrgeizig ist, lieben? Nein. Darum Schluss mit dem Ehrgeiz. Aber die Menschen werden damit nicht Schluss machen, denn sie wollen beides. Also, töte nicht, unter gar keinen Umständen, töte kein Tier, um zu essen. Ich habe niemals in meinem Leben Fleisch gegessen, ich weiß nicht, wie es schmeckt. Nicht, dass ich darauf stolz wäre oder so etwas, aber ich könnte es nicht. Töten ist zu einer Industrie geworden. Tiere töten, um Menschen zu füttern.
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A. W. Anderson: Während Sie über Keuschheit sprachen, kam mir in den Sinn, dass ein keuscher, ein unschuldiger Geist ein ungespaltener Geist sein müsste. Das Ausmaß dessen, was Sie ansprachen, ist wirklich bestürzend, und ich würde gern für einen Moment dabei bleiben. Ich habe sehr aufmerksam zugehört. Ihr radikaler Rat, dieses zu beenden, ist in sich selbst so extrem, dass er eine Art von Ernsthaftigkeit erfordert, deren Bedeutung wir nicht wirklich verstehen. Die Beziehung zwischen Ernsthaftigkeit und Liebe ist mir hier zu Bewusstsein gekommen.
Krishnamurti: Ja, wenn ich ernsthaft bin, werde ich niemals töten, und Liebe ist dann zu wirklichem Mitgefühl geworden. Leidenschaft für alles bedeutet Mitgefühl für alles. Nehmen wir einmal an, meine Schwester – ich habe keine –, meine Schwester würde angegriffen, ein Mann versuchte, sie zu vergewaltigen. Ich würde augenblicklich handeln. Weil ich liebe, weil ich Mitgefühl habe, dieses Mitgefühl schafft Intelligenz, und diese Intelligenz handelt in dem Moment.
Wenn Sie mich jedoch fragen, was würden Sie tun, wenn Ihre Schwester angegriffen würde, müsste ich sagen, ich weiß es nicht. Ich werde es dann wissen. Neulich sah ich im Fernsehen eine enorme Interkontinentalrakete auf dem Roten Platz, die blind töten würde, wenn sie abgeschossen würde. Und die Amerikaner haben sie, die Inder haben sie, die Franzosen haben sie.
Kann also der Geist von diesem Drang zu töten frei sein? Was bedeutet, kann der Geist frei von Verletzung sein? Solange es Verletzungen gibt, tut er alle möglichen neurotischen Dinge. Ist Vergnügen Liebe? Ist Verlangen Liebe? Aber wir haben das Vergnügen, das Verlangen zu Liebe gemacht. Ich verlange nach Gott. Ich muss etwas über Gott lernen. Sie kennen das alles. Gott ist meine Erfindung, meine Vorstellung, aus meinen Gedanken heraus habe ich diese Vorstellung geschaffen und daher bewege ich mich im Kreise.
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Ich muss also wissen, was Freude ist. Ist ein Sich-Erfreuen ein Sich-Vergnügen? Wenn ich mich an einem guten Essen erfreue oder an einem Sonnenuntergang, oder ich sehe einen wunderschönen Baum oder eine Frau oder sonst etwas, und das endet nicht im selben Moment, dann wird das zum Vergnügen. Wenn das Denken diese Freude in den nächsten Tag mit hinübernehmen und wiederholt haben möchte, dann wird sie zum Vergnügen, dann ist sie keine Freude mehr. Ich freue mich und damit ist es zu Ende.
A. W. Anderson: William Blake hat auf sehr schöne Weise darauf hingewiesen. Und natürlich wurde er als Verrückter angesehen. In einer seiner Strophen heißt es: »Wer die Freude im Fluge küsst, lebt im Sonnenaufgang der Ewigkeit.« Es ist die Freude, die er im Fluge küsst, die Freude, und nicht das Vergnügen. Und was Sie gesagt haben ist, wenn man sie nicht fliegen lässt, sie festhält, fällt man aus diesem Akt der Freude in die …
Krishnamurti: … Jagd nach dem Vergnügen.
A. W. Anderson: Eine endlose, sich wiederholende und am Ende traurige, langweilige Angelegenheit.
Krishnamurti: Und ich denke, genau das passiert in diesem Land, ebenso wie in Europa und Indien, aber hauptsächlich in diesem Land. Das Verlangen nach sofortiger Erfüllung, das Prinzip der Jagd nach dem Vergnügen, Unterhaltung um jeden Preis, Fußball oder sonstwas: Unterhaltung muss sein. Sowie ich Gefahr sehe, handle ich. Ich sehe, dass das Fortführen der Gedanken beim Vergnügen gefährlich ist; ich sehe die Gefahr darin und beende es daher sofort. Wenn ich die Gefahr nicht sehe, mache ich weiter. Wenn ich die Gefahr der Nationalität nicht erkenne – ich benutze das hier als sehr einfaches Beispiel, dann mache ich weiter, mordend, trennend, im Streben nach meiner Sicherheit. Aber wenn ich die Gefahr erkenne, hat das ein Ende.
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A. W. Anderson: Könnten wir hier Liebe mit Erziehung in Verbindung bringen? Ich denke an den Studenten, der zum Lehrer kommt und sagt: »Ich muss einfach mein Leben ändern.« Das heißt, manchmal trifft man einen Studenten, der es bis obenhin satt hat, wie wir sagen. Die erste Frage, die er normalerweise an uns stellt, lautet: »Was muss ich tun?« Das ist natürlich eine Falle, denn sie suchen nach einer Methode, wenn sie das sagen. Ich erkenne das jetzt mit viel größerer Klarheit als vorher. Hier sprechen wir nicht über eine Methode.
Krishnamurti: Die Methode ist das Ende. Lassen Sie uns zuerst die Frage stellen. Sie lautet: Was habe ich in dieser Welt zu tun? Welches ist mein Platz in dieser Welt? Zunächst einmal: Die Welt ist ich, ich bin die Welt. Das ist eine absolute Tatsache. Und was soll ich tun? Die Welt ist korrupt, unmoralisch, mörderisch. Es gibt keine Liebe, es gibt Aberglauben. Verstand und Hand sind Idole geworden. Es gibt Krieg. Das ist die Welt. Welche Beziehung habe ich zu ihr? Meine Beziehung zur Welt existiert nur, wenn ich das alles bin. Wenn ich das alles nicht bin, habe ich keinerlei Beziehung zu ihr. Für mich ist die Welt korrupt, auf Töten eingestellt. Und ich werde nicht töten.
Was für eine Beziehung habe ich zu dem Mann, der ein Seehundbaby tötet? Mein Gott, sage ich, wie können Sie so etwas tun? Ich möchte deswegen weinen und ich tue es. Wie kann man diesen Mann erziehen oder eine Gesellschaft, die so etwas geschehen lässt? Sehen Sie, was geschieht, sehen Sie, was geschieht. Vor allem sind wir ernsthaft, wirklich ernsthaft. Zweitens haben wir das Töten, die Korruption beendet. Also stehen wir allein – allein, nicht isoliert. Denn wenn der Geist all das nicht ist, dann ist er allein.
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Er hat sich nicht zurückgezogen, er hat sich nicht selbst abgeschnitten, er hat sich keinen Elfenbeinturm gebaut, er lebt nicht in Illusionen. Er sagt: Das ist falsch, das ist korrupt, ich werde das nicht anrühren, psychisch, meine ich. Ich werde diese Falschheit und diese Korruptheit innerlich, psychisch, nicht berühren. Darum ist mein Geist vollkommen allein. Daher ist er rein, wenn er allein ist. Und Reinheit kann in Millionen Stücke geschnitten werden und bleibt dennoch immer rein. Es ist nicht meine Reinheit, oder Ihre Reinheit, es ist Reinheit. So wie reines Wasser reines Wasser bleibt.
Sie sehen also, was bei unserem Gespräch herausgekommen ist, ist sehr interessant. Die Sache ist – wir haben Angst allein zu sein, was bedeutet, wir fürchten isoliert zu sein. Aber durch jede Handlung isoliert der Mensch sich selbst, das heißt, sein Ehrgeiz isoliert ihn. Wenn er nationalistisch ist, isoliert er sich. Wenn er von »meiner Familie« spricht, isoliert er sich. »Ich will mich vervollkommnen« ist wiederum Selbstisolierung. Wenn Sie das alles negieren, nicht gewaltsam, sondern die Dummheit darin sehen, dann sind Sie allein. Und darin liegt unendliche Schönheit. Und diese Schönheit können Sie überall verbreiten, dennoch bleibt sie allein. Das ist das Wesen der Leidenschaft.
Aber Leidenschaft ist kein Wort, sie geschieht, sie kommt mit der Intelligenz. Im selben Moment, in dem meine Schwester angegriffen wird, wird mir diese Intelligenz diktieren, was zu tun ist. Aber es ist nicht intelligent, wenn man fragt: »Was tust du, wenn …« Solch eine Frage und auch eine Antwort darauf ist unintelligent. Es ist nicht intelligent zu sagen: »Ich werde mich darauf vorbereiten, all diese Menschen zu töten, die meine Feinde sind.« Die bewaffneten Streitkräfte aller souveränen Regierungen bereiten sich darauf vor.
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Liebe ist also etwas, das wirklich unberührt rein ist. Unberührtheit ist das Wesen des Alleinseins und daher niemals verletzt.
A. W. Anderson: Es ist interessant, dass man in dieser einen Handlung weder sich selbst noch einen anderen verletzt. Es ist die totale Enthaltung von Verletzung.
Krishnamurti: Einen Moment. Ich habe Ihnen all mein Geld gegeben, weil ich Ihnen vertraue. Aber Sie wollen es mir nicht zurückgeben. Ich sage: »Bitte, geben Sie mir ein bisschen davon.« Aber Sie tun es nicht. Was soll ich tun? Was ist jetzt eine intelligente Handlung? Die Handlung aus Zuneigung, aus Leidenschaft, was wird sie bewirken? Verstehen Sie meine Frage? Ein Freund von mir befand sich während des zweiten Weltkrieges in der Schweiz. Er hatte sehr viel Geld. Und er hatte einen sehr guten, langjährigen Freund aus seiner Kindheit.
Er erklärte seinem Freund, dass er das Land wegen des Krieges sofort zu verlassen habe. Er nahm also all sein Geld und bat seinen Freund: »Bitte bewahre es für mich auf, ich komme zurück, wenn der Krieg vorbei ist.« Nach dem Krieg kam er zurück und bat um sein Geld. Der Freund antwortete: »Welches Geld?« Verstehen Sie, Sir? Was sollte er also tun? Nicht theoretisch. Stellen Sie sich vor, Sie seien in dieser Lage. Sie vertrauen mir etwas an und ich sage: »Ganz recht, Sie haben es mir gegeben, aber jetzt können Sie es in den Schornstein schreiben.« Was ist Ihre Verantwortung? Gehen Sie einfach weg?
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A. W. Anderson: Nein. Wenn es ein Mittel gäbe, es zurückzubekommen, dann würde man sofort etwas tun. Die Intelligenz würde übernehmen.
Krishnamurti: Das ist es, was ich sage. Liebe ist nicht Vergebung – verstehen Sie? Ich vergebe und gehe weg. Liebe ist Intelligenz. Und Intelligenz bedeutet Empfindsamkeit, einer Situation gegenüber empfindsam sein. Und wenn Sie Empfindsam sind, wird Ihnen die Situation sagen, was zu tun ist. Wenn Sie unempfindsam sind, wenn Sie bereits entschieden haben, was Sie tun wollen, wenn Sie schon verletzt sind durch das, was geschehen ist, dann findet eine unempfindsame Handlung statt. Darum müssen wir erforschen, was Bewusstsein ist. Wir werden das an einem anderen Tag tun: Was ist Bewusstsein und was ist Gewissen, und was ist es, das uns sagt, was zu tun oder nicht zu tun ist?
A. W. Anderson: Bewusstsein und Beziehung sind Themen, die ich gern mit Ihnen zusammen ergründen würde. Ich hoffe, dass wir in unserem nächsten Gespräch dazu Gelegenheit haben werden.
Krishnamurti: Wir müssen auch die Frage von Leben, Liebe und dieser immensen Angelegenheit, die wir Tod nennen, diskutieren. Stehen sie in einer Wechselbeziehung zueinander oder sind sie getrennt? Ist Liebe von Existenz, von Leben zu trennen?
