Leid und Leidenschaft
Leid und Leidenschaft – Die Grundbedeutung des Wortes »Leiden-schaft« ist Leiden. Für die meisten von uns ist Leid etwas Furchtbares, dem man aus dem Wege gehen, etwas, das man ganz beseitigen oder aufheben muss. Wenn man es nicht aufheben kann, dann vergöttern wir es entweder, wie es das Christentum tut, oder, wie es in Asien geschieht, wir begründen es.
Man gebraucht dafür das Wort »Karma« und meint damit, das Leid sei das Resultat vergangener Handlungen. Doch das Leid begleitet uns immer, wir nehmen es vielleicht nicht zur Kenntnis, es ist uns vielleicht nicht geläufig, nicht vertraut, aber es ist vorhanden. Dieses Leid entsteht vielleicht durch Frustration, durch das Bewusstsein vollkommener Isolation, durch den Verlust eines Menschen, den man zu lieben glaubte, oder es ist das Leid einer großen ungelösten Angst.
Für die meisten von uns bringt Leid nicht »Leidenschaft«, sondern Alter, Verfall, ein tiefes Bewusstsein völliger Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Da stellt sich einem die Frage – Ihnen gewiss auch, wenn Sie mit Ernst an diese Dinge herangehen, ob es denn möglich sei, dem Leiden ein für allemal ein Ende zu setzen und einer tiefen, anhaltenden »Leidenschaft« bewusst zu werden. Leid bringt keine »Leidenschaft«. Im Gegenteil, Leid macht den Geist klein und trübt die Klarheit der Wahrnehmung. Leid ist wie eine verdunkelnde Wolke in unserem Leben – das ist eine Tatsache und keine theoretische oder psychologische Annahme.
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Wir erkennen den ganzen Vorgang des Leidens: wie wir Menschen auf der ganzen Welt gelitten haben, durch Kriege, Ungewissheit, Mangel an Beziehungen zueinander, Mangel an Liebe. Und wo es an Liebe fehlt, dreht sich alles nur um Genuss. Es gibt nicht nur dieses Leid, sondern auch – wenn man ganz genau hinschaut – das Leid der Unwissenheit. Unwissenheit kann es auch geben, wenn einer große Kenntnisse, eine gute Erziehung, hohe Bildung und die Fähigkeit hat, sich Ruf, Berühmtheit und Geld zu verschaffen.
Unwissenheit wird man nicht los, wenn man eine Menge Fakten und viel Information anhäuft – der Computer kann das viel besser als der menschliche Geist. Unwissenheit ist der völlige Mangel an Selbsterkenntnis. Die meisten von uns sind so oberflächlich, seicht, und so viel Leid und Unwissenheit ist unser Schicksal. Das ist wieder keine Übertreibung, keine Annahme, sondern eine echte Tatsache unseres täglichen Lebens. Wir wissen nichts über uns selbst, und darin liegt großes Leid.
Diese Unwissenheit erzeugt jede Form von Aberglauben, sie zementiert Angst, aus ihr werden Hoffnung und Verzweiflung und sämtliche Erfindungen und Theorien eines klugen Hirns geboren. Unwissenheit erzeugt also nicht nur Leid, sondern schafft auch große Verwirrung in uns selbst. Wenn man das beobachtet – sofern man die Welt, sich selbst und seine Beziehung zur Welt überhaupt wahrnimmt –, ist man sich dieser endlosen Kette von Leid bewusst.
Wir werden geboren mit Leid und sterben mit Leid. Wir versuchen immerzu, ihr zu entkommen. Wir meinen, dass Lust uns Leidenschaft bringt. Sie bringt vielleicht sexuelle Lust oder Leidenschaft, aber ich rede von einer Leidenschaft als einer Flamme, welche aus Selbsterkenntnis kommt. Das Ende des Leides kommt mit der Selbsterkenntnis, und aus dieser Selbsterkenntnis entsteht Leidenschaft.
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Man muss Leidenschaft haben – doch nicht als eine bestimmte Vorstellung, eine bestimmte Parole zur sozialen Revolution oder als theologischen Gottesbegriff. Denn Leidenschaft, die auf Begriffen und Parolen beruht, auf den Erfindungen eines schlauen, klugen Hirns, vergeht rasch. Ohne Leidenschaft, ohne diese Dringlichkeit und Intensität, bleibt unser Leben doch eher schäbig, bourgeois und bedeutungslos. Wenn Sie sich selbst beobachten, dann sehen Sie, dass in dem Leben, wie wir es führen, kein tiefer, bleibender, reicher Sinn liegt. Wir erfinden verschiedene Formen von Arbeit, wir erfinden Ziele und einen Lebenszweck.
Wenn Sie sehr intellektuell sind, legen Sie sich einen eigenen Sinn zurecht, mit dem Sie leben. Als Intellektueller werden Sie außerdem – wenn Sie dieses ganze Geschäft des Lebens, den Kampf, die Hässlichkeit, die Konkurrenz, die Brutalität, die endlose Qual Mitansehen – sich eine Formel ausdenken, nach der Sie leben; wenigstens versuchen Sie das. Darin ist keine Leidenschaft. Leidenschaft ist nicht blind, im Gegenteil: Sie stellt sich nur ein, wenn Selbsterkenntnis sich erweitert und vertieft.
Ich hoffe, Sie hören nicht einfach einer Folge von Worten zu. Ich hoffe, dass Sie wirklich sehen und Ihr eigenes Leben prüfen und erforschen, das Leben, das man selbst führen muss – nicht das eines anderen, nicht das Lebensprinzip eines anderen, sondern das Leben, das wir täglich führen, mit seiner Langeweile, der Routine, den endlosen Kämpfen, dem völligen Mangel an Liebe und Freundlichkeit, das Leben ohne jede Barmherzigkeit. In diesem Leben wird dauernd getötet, nicht nur Tiere, das wir essen, sondern es wird mit Worten, Gesten, Gedanken getötet.
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Aus all dem entsteht mehr Leiden – und das ist keine Vermutung, sondern das, »was ist«. Wir können dem nicht entfliehen, wir müssen es verstehen, uns darauf einlassen, uns mit den Zähnen festbeißen und der Sache auf den Grund gehen. Und das braucht sehr viel Energie. Diese Energie ist Leidenschaft, und diese Energie entsteht nicht, wenn wir dauernd im Konflikt sind. Unser Leben ist dualistisch, ein Kampf zwischen Gegensätzen. Und wenn es Gewalt und Streit zwischen Gegensätzen gibt – als Vorstellung oder Tat –, wird Energie verschwendet. Sie haben Energie, nicht wahr, wenn Sie Herz und Sinn einsetzen, um zu etwas begreifen: Diese Energie ist Leidenschaft. Nur sie kann eine neue Gesellschaft schaffen oder herbeiführen.
Wir brauchen eine neue anstelle dieser korrupten Gesellschaft. Wenn man all dies sieht, fragt man sich, was die radikale Wandlung im Menschen bewirken kann. Was kann Sie und mich so grundlegend wandeln, dass wir einen neuen Geist, ein neues Herz bekommen? Das sind nicht nur Worte. Wenn man sich sehr eindringlich damit befaßt, wird man zwangsläufig diese fundamentale Frage stellen. Auf einer bestimmten Stufe sind Organisationen unbedingt nötig – die Organisation, die Ihnen Ihre Milch und Ihre Post liefert, die Regierung, wie schlecht sie auch sei.
Doch das organisierte Denken ist viel schädlicher. Eine innere Existenz, die auf Wiederholung beruht, der innere Vollzug von bestimmten Denk – und Handlungsabläufen wird zur Routine. Das Aufhören des organisierten Denkens bedeutet nicht Unordnung. Im Gegenteil, wenn man näher zusieht, merkt man, dass der organisierte Glaube, den man Religion nennt, mit seinem Dogma, seinem Ritual überhaupt keine Religion ist.
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Jeden Sonntagmorgen zur Kirche gehen, oder was immer Sie tun, und den Rest der Woche seinen Nachbarn umbringen, Kriege anzetteln, eine Hierarchie anbeten und so den Menschen vom Menschen trennen: All das ist nicht Religion, sondern Propaganda, die eingesetzt wird, damit Sie nach einem bestimmten Schema denken und handeln. All das kommt aus der Angst, und wie kann es Religiosität geben, wo Angst herrscht?
Ich hoffe, dass Sie nicht einfach dem Redner zuhören. Das hat gar keinen Wert, weil der Redner Sie nicht lehren, Ihnen keine bestimmte Denkrichtung beibringen will, denn das wäre nur Propaganda und daher eine Lüge. Wenn Sie aber den Redner benützen können, um sich selbst zu beobachten, dann werden Sie sehen, dass ohne große Energie und daher große Leidenschaft und Intensität das Leben unweigerlich bloss zu einer Sache von Genuss, Unterhaltung und Anhäufung von Kenntnissen oder von Besitztümern wird, so wie das jetzt der Fall ist.
Eine vom Denken organisiertes Dasein, das in dauernder Wiederholung mit gelegentlicher Unterbrechung vor sich hingelebt wird, indem man jeden Tag der gleichen Routine folgt, das ist – ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt haben – unschön und jammervoll. Und wir erziehen die Jungen dazu, dass sie uns nachfolgen und unseren Fussstapfen folgen. Und die organisierte Moral, nämlich die Wohlanständigkeit und die Moral der Habsucht, der Gier, der Rivalität, Gewalt und Brutalität, die akzeptieren wir als moralisch. Wir sagen vielleicht, es sei sehr schlimm, dass wir so sind, aber wir akzeptieren es als unser Leben und unsere Moral. Unser so wohlorganisierte Geist muss zwangsläufig sehr seicht sein.
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Wenn Sie noch so viel Kenntnisse anhäufen, ist der Geist immer noch seicht, kleinlich und auf sich selbst, die eigenen Erfolge, die Familie mit ihren trivialen Beschäftigungen bezogen – wie kann ein solcher Geist Leid oder Leidenschaft kennen? Leidenschaft kommt nur im Verstehen des Leides. Wenn wir all das sehen, nicht nur intellektuell oder verbal, wenn wir sehen, dass unser Leben tatsächlich so beschaffen ist, was sollen wir tun?
Welche Antwort geben Sie? Dies ist Ihr Leben, die Hässlichkeit, das Altern mit der ganzen Hässlichkeit des Alters, die Bitterkeit, die Enttäuschungen, die völlige Hoffnungslosigkeit trivialer Gedanken, die Gier, der Neid – all dies Zeug, in dem wir leben -, wie entkommen wir dem? Das ist die Frage; nicht, ob Sie an Gott glauben oder nicht.
Schönheit kommt aus der Ordnung, nicht, wo Unordnung ist in unserem Leben. Schönheit ist nicht im Museum, in der Malerei, in Statuen, im Anhören eines Konzerts. Schönheit ist nicht in einem Gedicht oder im lieblichen Abendhimmel oder im Glanz auf dem Wasser oder im Gesicht eines schönen Menschen, noch in einem Gebäude. Schönheit ist nur dann, wenn Geist und Herz in vollkommener Harmonie sind, und diese Schönheit kann ein oberflächlicher, in der Unordnung dieser Welt verfangener Geist nicht gewinnen.
Wenn Sie mit dieser ungeheuren, höchst komplexen Sache konfrontiert sind, was sollen Sie als Mensch da tun? Wenn das Haus in Flammen steht, haben Sie nicht Zeit zu sagen: »Überlegen wir es uns«, »Stellen wir fest, wer das Haus in Brand gesteckt hat, womit, ob er schwarz oder weiß ist, oder was immer.« Wenn das Haus brennt, dann betrifft das Sie. Was werden Sie also tun?
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Es ist offenbar wesentlich, dass eine Wandlung stattfindet, nicht, nur äußerlich in der Gesellschaft, sondern auch in uns selbst. Die Wandlung in der Gesellschaft kann nur durch die innere Wandlung bewirkt werden. Bloß äußerliche Reform, sei sie noch so revolutionär, unterliegt immer der inneren Gesinnung, dem Denken und Fühlen. Das haben Sie anhand der russischen und anderen Revolutionen gesehen. Was soll man also tun? Wie würden Sie als Menschen wohl reagieren, wenn Sie dieser Herausforderung-gegenüberstehen?
Ziehen Sie sich in ein isoliertes Kloster zurück, um dort zu meditieren, eine neue Technik zu erlernen, ein Zen-Buddhist zu werden oder das Gelübde der Armut, des Zölibats und der Keuschheit zu leisten, oder treten Sie anderen religiösen Gruppen oder Sekten bei, spielen Sie mit Psychoanalyse, oder werden Sie ein Sozialreformer, der die einstürzende Gesellschaft zusammenflickt? Was werden Sie tun? Bitte, stellen Sie sich ernsthaft diese Frage. Wenn Sie sich nicht zurückziehen, nicht entfliehen können, wenn kein Lehrer, kein Guru da ist, der Ihnen hilft, keine organisierte Religion, kein Gott, denn Gott wird Ihnen gewiss nicht zu Hilfe kommen, Gott ist Ihre Erfindung – was tun Sie dann?
Was tut der Geist? Wie verhält man sich, wenn man verwirrt ist, weil so viele Spezialisten, so viel Wissen die Verwirrung geschaffen haben, weil man selbst unsicher ist und Sicherheit will? Was tut man, wenn man niemandem mehr traut? Ich hoffe, dass Sie es nicht tun – keinem Analytiker, keinem Priester und diesen Leuten. Innerlich hat man an so viele Menschen geglaubt, ihnen Liebe, Zuneigung, Verehrung, Vertrauen geschenkt, und sie haben alle versagt, sie mussten es. Wenn man diesem ungeheuren Problem also gegenübersteht und es allein lösen muss ohne Hilfe von außen, wird man entweder bitter – das ist die Frucht der modernen Zivilisation –, oder was macht man sonst?
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Warten Sie alle darauf, dass ich es Ihnen sage? Wenn Sie darauf warten, dass der Redner es Ihnen sagt, wird er zu Ihrer Autorität und Sie vertrauen ihm. Wenn Sie Ihr Vertrauen in ihn setzen, dann setzen Sie diese Autorität anstelle einer anderen, und Sie werden sich wieder verirren, Sie machen sich kaputt.
Sie können daher weder dem Redner vertrauen noch irgend jemand anderem, überhaupt keiner Autorität. Darin liegt große Schönheit, nicht Verzweiflung, nicht Bitterkeit, nicht Einsamkeit. Sie sind mit diesem Problem konfrontiert, und Sie müssen es vollständig lösen, darin liegt große Freiheit und Schönheit. Dann sind Sie die Autorität losgeworden, den Lehrer, die Lehre, die Gefolgschaft, Sie sind ein Mensch, der frei ist, zu sehen und zu verstehen. Darin ist große Freude, darin ist Schönhei. Sie haben alle Laster abgeworfen.
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Das Wort »Verantwortung« ist ein hässliches Wort. Wir gebrauchen es nur, wenn keine Liebe vorhanden ist. »Verantwortung« ist das Wort, das ein gerissener Politiker oder herrschsüchtige, rechthaberische Frauen oder Männer gebrauchen. Trotzdem sind wir verantwortlich – das ist eine Tatsache – für alles, was in der Welt geschieht, für die Hungersnot im Osten, für den Krieg, denn das ist kein Krieg der Amerikaner gegen die Vietnamesen, es ist ein Krieg, für den jeder einzelne von uns, ob wir im Osten oder im Westen leben, verantwortlich sind. Ich weiß, dass Sie nicht so empfinden.
Wenn man liebt, fühlt man sich verantwortlich; man liebt nicht deshalb, weil man sich verantwortlich fühlt. Sie tragen Verantwortung, weil Sie lieben. Freiheit setzt Verantwortung voraus, nicht für die Handlungen anderer – wie kann ich für das verantwortlich sein, was Sie tun und denken? – , sondern Verantwortung für das Handeln, das mit der Freiheit kommt. Frei zu sein ohne Verantwortung ist bedeutungslos.
Sie stehen diesem Problem gegenüber, und zwar allein. Sind Sie je allein gewesen? Allein in den Wäldern, allein in Ihrem Zimmer – oder drängt sich immer eine Horde anderer um Sie, Ihre Gefährten, Frau oder Ehemann, Ihre bedrängenden Gedanken, berufliche Probleme? All das zeigt, dass Sie nie allein sind, und dann, wenn Sie alleine sind, haben Sie Angst. Aber jetzt sind Sie mit diesem ungeheuren Problem allein.
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Keiner kann Ihnen die Antwort darauf geben. Sie sind mit diesem ungeheuren Problem konfrontiert und daher allein. Aus diesem Alleinsein kommt Verständnis, und was immer Sie tun, wird richtig sein, denn in diesem Alleinsein ist Liebe. Der innere Zustand, wenn man diesem riesigen Problem ohne Flucht ins Auge sieht, den Tatsachen des täglichen Lebens gegenübersteht, der täglichen Hässlichkeit, der täglichen Brutalität, den täglichen Worten des Ärgers, der Gereiztheit, ist Alleinsein. Dann fangen Sie an, wirklich Tatsachen zu sehen, das, »was ist«.
Erst dann ist es möglich, über sie hinauszugehen. Dann sind Sie Ihre eigene Leuchte. Das ist der wirklich religiöse Geist, nicht der, welcher zur Kirche geht, an Götter glaubt, der abergläubisch und furchtsam ist, denn ein solcher Geist ist nicht religiös. Der religiöse Geist ist der Zustand, in dem Freiheit und eine große, ausdauernde Liebe herrschen. Dann können Sie überschreiten, dann kann der Geist eine andere Dimension betreten, und dort ist Wahrheit.
Können wir die »richtige« Frage stellen? Die meisten von uns sind mit Fragen schnell zur Hand. Wir müssen Fragen stellen, denn das zeigt an, dass wir Zweifel haben, dass wir die Dinge infrage stellen und nicht einfach hinnehmen, dass wir nie »ja« sagen und gehorchen, sondern immer suchen, immer lernen wollen. Die »richtige« Frage zu stellen, ist eines der schwierigsten Dinge, die es gibt – was nicht heißen soll, dass ich Sie daran hindern will, Fragen zu stellen.
Aber das »richtige« Fragen setzt voraus, dass uns die ineinanderverzahnten Probleme des Lebens bewusst sind, dass sie uns etwas angehen, dass wir uns ihnen jedoch nicht ausliefern. Dann kann man fragen, weil man in der Tiefe nachgedacht und geforscht hat. Auf die »richtige« Frage kommt auch die »richtige« Antwort, denn das Infrage-Stellen birgt schon die Antwort.
FRAGE: Glauben Sie an Evolution? Sie haben oft gesagt, dass Verständnis unvermittelt kommt, dass der Akt des Lernens im Augenblick geschieht. Welche Rolle spielt dabei die Evolution? Negieren Sie die Evolution?
KRISHNAMURTI: Es wäre dumm, nicht wahr, wenn man die Evolution negieren wollte. Hier ist der Ochsenkarren und dort das Jet-Flugzeug, das ist Evolution. Es gibt eine Evolution vom Primaten zum sogenannten Menschen. Es gibt eine Evolution oder Entwicklung vom Nichtwissen zum Wissen. Evolution setzt Zeit voraus; aber gibt es psychisch, innerlich eine Evolution? Können Sie dieser Frage folgen? Äußerlich kann man feststellen, wie die Architektur von der primitiven Hütte zum modernen Gebäude fortgeschritten ist, die Mechanik vom zweirädrigen Karren zum Motor, zum Jet-Flugzeug, zur Landung auf dem Mond usw. Das ist so, und es steht nicht zur Debatte, ob diese Dinge sich entwickelt haben oder nicht.
Aber gibt es eigentlich eine innere Evolution? Sie sind dafür, Sie meinen es, nicht wahr? Aber gibt es sie wirklich? Sagen Sie nicht: »Es gibt sie«, oder: »Es gibt sie nicht.« Es ist sehr dumm, das nur zu behaupten; aber wirklich dahinterzukommen, ist der Beginn der Weisheit. Gibt es also eine Evolution im psychischen Bereich?
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Das heißt, wenn ich sage: »Ich werde dies werden«, oder: »Ich werde das nicht sein«, dann braucht dieses Werden oder Nichtsein Zeit, nicht wahr? »Übermorgen werde ich mich weniger ärgern«, »Ich werde freundlicher und weniger aggressiv, hilfsbereiter, weniger egoistisch und selbstsüchtig sein«, – all das setzt Zeit voraus: »Ich bin dies und werde das sein«. Ich sage, dass ich mich psychisch entwickle, aber gibt es diese Evolution tatsächlich?
Werde ich in einem Jahr anders sein? Da ich heute gewalttätig bin, ist meine ganze Natur gewalttätig. Meine Kinderstube, meine ganze Erziehung, die sozialen Einflüsse und die kulturellen Zwänge haben in mir Gewalt erzeugt. Außerdem sind Gewalt, territoriale Besitzansprüche, sexuelle Rechte und so fort mein tierisches Erbe. Kann aus dieser Gewalt Gewaltlosigkeit werden? Können Sie mir das sagen? Kann Gewalt jemals zu Gewaltlosigkeit werden? Kann Gewalt je zu Liebe werden?
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Wenn wir die Möglichkeit eines psychischen Fortschritts, einer psychischen Evolution zulassen, müssen wir auch Zeit zulassen. Doch Zeit ist das Produkt des Denkens. Wenn Sie sagen: »Heute bin ich dies« (ein Produkt des Denkens), »aber nächste Woche werde ich etwas anderes sein«, oder in Zukunft oder morgen, dann ist das offensichtlich eine Vorstellung, die vom Denken herrührt. Und das Denken, wie wir schon festgestellt haben, ist immer alt. Das Denken kann man verändern und modifizieren, man kann etwas hinzufügen oder wegnehmen, aber es bleibt immer Gedachtes, und dieses kommt aus der Erinnerung, die der Vergangenheit angehört.
Das Denken, die Vergangenheit hat die Zeit hervorgebracht, Wenn es keine psychische Zeit gibt, und es gibt sie wirklich nicht, dann sind Sie bei dem, »was ist«, nicht, »was sein sollte« als Gedanke. Nochmals, »was sein sollte« ist eine Erfindung, eine Flucht vor der Tatsache dessen, »was ist«. Weil wir nicht wissen, wie wir das, »was ist«, in den Griff bekommen, erfinden wir die Zukunft. Wenn ich wüsste, wie ich jetzt, heute mit meiner Gewalt fertigwerde, würde ich nicht über die Zukunft nachdenken.
Wenn ich wüsste, was es heißt, heute vollständig zu sterben, hätte ich keine Angst vor dem Morgen, vor dem Tod und vor dem Alter, diesen Produkten des Denkens, dieser Vorstellung von morgen. Es gibt nur eines, das, was ist. Kann ich das verstehen; kann ich es restlos verstehen und darüber hinausgehen?
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Dann gebe ich der Zeit gar nicht erst Raum, denn sie ist eine Erfindung des Denkens. Wenn ich verstehen will, »was ist«, muss ich mich mit Herz und Sinnen darum bemühen. Ich muss verstehen, was Gewalt ist. Sie ist nicht etwas, das außerhalb von mir besteht; ich bin Gewalt. Gewalt ist nicht drüben und ich hüben. Ich bin das Wesen und die Struktur der Gewalt; das heißt, dass der Beobachter identisch ist mit dem Beobachteten. Der Beobachter, der feststellt: »Ich bin gewalttätig«, hat sich von der Gewalt separiert. Wenn Sie aber sehr genau hinsehen, dann ist der »Beobachter« die Gewalt.
Wenn das eine Tatsache ist und keine Idee, dann hört der Dualismus, die Spaltung zwischen dem »Beobachter« und dem »Beobachteten« auf. Dann bin ich Gewalt. Alles, was ich tue, entspringt dieser Gewalt, und daher hört auch die Anstrengung auf. Wenn zwischen der Tatsache der Gewalt und dem »Beobachter«, der sich für etwas anderes hält, keine Trennung herrscht, dann werden Sie erkennen, dass der »Beobachter« das »Beobachtete« ist. Sie sind ein und derselbe Zustand. Wenn man das einsieht, wie verhält sich der Geist? Wenn er etwas gegen die Gewalt unternehmen will, ist das immer noch Gewalt.
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Wenn der Geist daher erkennt, dass sein ganzes Nachdenken über Gewalt Teil der Gewalt ist, dann ist sein Denken am Ende – und damit hört auch die Gewalt auf. Diese Erkenntnis ist unmittelbar, sie läßt sich nicht mit der Zeit kultivieren oder irgendwann in der Zukunft erreichen. In dieser Erkenntnis liegt also das unmittelbare Sehen; darin gibt es weder Zeit noch Fortschritt, noch Evolution.
Es ist eine augenblickliche Wahrnehmung und Handlung. Und gewiss ist es auch mit der Liebe so, nicht wahr? Liebe ist nicht ein Produkt des Denkens. Liebe, wie die Demut, kann man nicht kultivieren. Sie können Demut nicht »pflegen«, das tut nur der eitle Mensch. Und wenn er sie pflegt, das heißt, auf Demut hinarbeitet, dann ist er eitel – wie derjenige, der die Gewaltlosigkeit einübt, in der Zwischenzeit gewalttätig ist.
Liebe ist daher mit Gewissheit der innere Zustand, in dem Zeit, der »Beobachter« und das »Beobachtete« nicht existieren. Wenn wir sagen, dass wir einander lieben – und hoffentlich tun Sie das –, dann ist Intensität da, und zu gleicher Zeit, auf derselben Stufe finden Kommunikation und Kommunion statt, und diese Kommunion, dieser Zustand der Liebe, ist kein Produkt des Denkens oder der Zeit.
FRAGE: Für die meisten von uns ist das, »was ist«, eine Flucht vor einem langweiligen Job, vor der Gesellschaft, in der wir leben, vor der Reformnahrung zu Kleidung und so weiter.
KRISHNAMURTI: Wie können wir darüber hinausgehen? Ist das die Frage? Wie kommen wir darüber hinweg? Sie müssen Ihren Unterhalt verdienen, nicht wahr? In der gegebenen Sozialstruktur müssen Sie ins Büro oder in die Fabrik gehen. Entweder Sie passen sich der Struktur an, oder Sie haben die Freiheit, es zu tun oder nicht. Es ist doch so: Krieg ist das Resultat des Nationalismus, der Spaltung in den, der oben, und den, der unten ist, Krieg ist das Resultat von Ideologien und der wirtschaftlichen Ambitionen einer Nation und so fort.
Soll ich, um Kriege zu verhindern, keine Briefmarken kaufen und nicht mit Zügen fahren? Denn alles, was ich tue, fördert den Krieg; für die Nahrung, die ich einkaufe, zahle ich Steuern; die Kleider, die ich kaufe, die Bücher, die ich lese, alles führt letztlich, in der modernen Struktur der Welt zu irgendeiner Form von Gewalt. Was soll ich also tun? Keine Steuern zahlen, ein Pazifist werden? – Wie soll ich mich verhalten? Es wäre dumm von mir, keine Briefmarken zu kaufen, keine Steuern zu bezahlen usw., aber ich kann meine Stimme erheben gegen den Nationalismus, gegen die Flagge, die Spaltung der Menschen in Religionen, die christliche, die hinduistische, die mohammedanische, in Schwarze gegen Weiße.
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Es gibt nur ein einziges politisches Problem, nämlich die Einheit der Menschen. Diese Einheit wird nicht von Politikern bewirkt, denn die wollen alles beim alten lassen, gespalten, um ihre eigenen schäbigen kleinen Ambitionen durchzusetzen. Die Einheit der Menschen wird vermutlich erst zustandekommen, wenn das Herz jedes Menschen sich gewandelt hat. Die Regierung der Welt wird dann von Cornputern bewerkstelligt werden. Lachen Sie nicht, das ist der einzige Ausweg.
Soll ich also nicht ins Büro gehen, keine Kleider tragen und so weiter? Sehen Sie, wir wollen das ungeheure Problem reduzieren, indem wir kleine Dinge tun, weil wir die ganze Struktur und das Wesen des Problems nicht sehen.
FRAGE: Sie sagten, wenn der Beobachter bewusst ist, dann sei das das Höchste … ?
KRISHNAMURTI: Ich habe nicht gesagt, bitte sehr, wenn der Beobachter bewusst ist, sei das das Höchste. Ich habe nichts dergleichen gesagt. Wenn Sie den Redner zitieren wollen – hoffentlich tun Sie es nicht –, müssen Sie ihn richtig zitieren. Wir verwenden Worte wie das »Höchste«, der »Allmächtige«, die »Unermesslichkeit«, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Enthalten Sie sich dieser Vokabeln. Sie können sie erst dann mit allem Ernst, mit Intention und Schönheit verwenden, wenn Sie auf rechte Weise in dieser Welt leben, wenn Sie den Grundstein gelegt haben für das wahre Verhalten. Dann werden Sie wissen, was es bedeutet, wenn Sie dieses Wort, »das Höchste«, gebrauchen.
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FRAGE: Was soll man tun, wenn man unheilbar krank ist und ständig unter Schmerzen leidet?
KRISHNAMURTI: Wie soll ich Schmerz ertragen, die Angst vor dem Schmerz, die Angst vor dem Tod? Wenn ich körperliche Schmerzen habe, ob große oder kleine: wenn ich dieses Schmerzes bewusst bin; nicht dieser oder jener Sublimität, sondern einfach des Schmerzes bewusst, ohne zu wählen, dann habe ich zwar Schmerzen, aber ich gehe auf eine andere Weise mit ihnen um. Angst hat dann keinen Platz.
Wir haben Angst davor, an einer unheilbaren Krankheit zu sterben. Warum habe ich Angst? Habe ich Angst davor, meine Frau, meinen Ehemann, mein Haus, meine Erinnerungen, meinen Charakter, meine Arbeit, meine Bücher, die ich lesen wollte, die Bücher, die ich geschrieben habe oder schreiben möchte, zu verlassen? Ist das der Grund? Ich werde all das zurücklassen, und weil ich davor Angst habe, erschaffe ich den Himmel, eine Hoffnung – was zu noch mehr Angst führt. Kann ich daher frei sein von Angst?
Ich weiß, dass ich Schmerz ertragen muss, ein paar Drogen helfen vielleicht, aber die tiefsitzende Angst bleibt, das Tier hat sie und jeder Mensch: die Angst zu sterben. In der Angst zu sterben steckt jedoch die Angst zu leben, nicht wahr? Die Angst vor dem Leben: Was ist das für ein Leben, das wir führen, mit seiner Hässlichkeit und Brutalität?
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Es ist das einzige Leben, das wir kennen, und doch haben wir Angst, es zu verlieren. Wir fürchten uns vor dem, was wir kennen, und wir fürchten uns vor dem, was wir nicht kennen. Wir klammern uns lieber an das Bekannte, und so spalten wir unser Dasein in Leben und in Sterben. Wir wissen nicht zu leben, und wir wissen nicht zu sterben. Wenn wir ohne Konflikt, in Schönheit und Freude, mit Klarheit und Leidenschaft leben können – das geschieht erst, wenn wir allen Dingen, die wir besitzen, täglich sterben können. Dann gibt es keine Angst mehr.
