Fragmentiert

Fragmentiert: Mir scheint, dass eines unserer Hauptprobleme darin besteht, wie wir ein ganzheitliches, vollkommenes Handeln in unser Leben bringen können. Unser jetziges Leben ist zerstückelt, fragmentarisch; wir sind Wissenschaftler, Ingenieure und so fort. Wir sind technisch spezialisiert – und inwendig sind wir auch zerteilt – im einen Augenblick sind wir Pazifisten, dann sind wir aggressiv und brutal, und ein anderes Mal sind wir sanft und still.

In unserem Leben herrscht also äußerlich wie innerlich eine dauernde Kluft, eine dauernde Zersplitterung, ein Zerstückeln des Lebens, das Verwirrung und Schmerz mit sich bringt, da es widersprüchlich ist. Wir werden von einem Wunsch angezogen, von einem Vergnügen, das einem anderen widerspricht und so fort. Soviel lässt sich erkennen; man kann es beobachten, wenn man sich wirklich dafür interessiert. Diese Zersplitterung ist da, sie findet statt. Jeder Splitter ist aktiv und handelt für sich.

Man fragt sich, ob es überhaupt möglich ist – nicht theoretisch, sondern wirklich – ein Leben zu führen, das immer ganz und immer unzerstückelt ist, so dass, was immer man tut, die Handlung vollkommen ist, nicht zerbrochen, nicht widersprüchlich, opponierend oder widerstrebend. Ich meine, dieser Frage kann man nicht ausweichen, wenn man die Bruchstückhaftigkeit des Lebens betrachtet.

Ich hoffe, dass die Frage Ihnen klar ist. Man ist in verschiedene Richtungen gezogen und ein starkes Gefühl der Vergeblichkeit, der Unfähigkeit, mit der Ganzheit des Lebens fertigzuwerden, stellt sich ein. Man ist z.B. ein Politiker einer bestimmten Partei, ein Kommunist, Sozialist, ein Katholik, Protestant, jeder mit seinem bestimmten Glauben, und man fragt sich, ob man ein wirklich ganzes Leben leben kann (das Wort „integriert“ möchte ich nicht gebrauchen, weil es sich um keine Integration handelt), ein ungebrochenes Leben, das dauernd blüht ohne Unterbrechung, ohne Zersplitterung, ohne Kluft.

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Wenn das klar ist, lautet die nächste Frage: Was kann man tun? Das Leben ist zwischen Büro, Familie, Ehrgeiz und allem übrigen zerrissen. Es ist in Stücke gegangen. Kann man also ein so ganzheitliches Leben führen, dass es gar keinen Widerspruch in ihm gibt? Ich spreche von einem Leben, das weder spirituell noch mondän, weder religiös noch profan ist. Das ist eine Herausforderung, und welche Antwort geben Sie darauf?

Worin besteht der Widerspruch? Ich sehe ein zerrissenes Leben. Ich bin freundlich zu Hause und brutal im Büro; ich bin gespalten. Zuerst muss man ergründen, was diese Spaltung verursacht. Warum bin ich bald das eine, bald etwas vollkommen anderes? Was bewirkt diese Zerstückelung, diese Spaltung? Wie finden Sie es heraus? Wie gehen Sie dabei vor – wir sprechen miteinander wie Freunde, es gibt hier keinen Lehrer und keinen Schüler –, man muss sich selbst Lehrer und Schüler sein. Wir haben hier also weder Lehrer noch Schüler, noch irgendeine Autorität. Wie finden wir also die Ursache dieser Zerstückelung?

FRAGE: Wir möchten zuerst Ihre Meinung hören.

KRISHNAMURTI: Der Herr sagt, er möchte erst meine Meinung hören. Es geht uns hier nicht um Meinungen. Meinungen sind völlig wertlos. Sie können das den Politikern und den Intellektuellen überlassen. Hier ist aber etwas, das Sie herausfinden müssen. Sie müssen es herausfinden, nicht ich, und ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen. Wir können es miteinander erforschen, aber wenn Sie darauf warten, dass ich es Ihnen sage, macht es keinen Spass.

FRAGE: Wie erkenne ich die Zerstückelung, wenn ich das Ganze nicht kenne?

KRISHNAMURTI: Ich bin zersplittert, das ist einfach so – ich gehe ins Büro, und dort bin ich brutal, neidisch, boshaft und suche anderen zuvorzukommen. Und zu Hause bin ich sehr ruhig und sanft, lasse mich von meiner Frau tyrannisieren oder ich tyrannisiere sie und so fort. Das ist Zersplitterung. Wir fragen, warum gibt es sie und was ist der Grund?

FRAGE: Wir leben in Gegensätzen, aber warum?

KRISHNAMURTI: Die Frage lautet: Wir leben in Gegensätzen, aber warum?

FRAGE: Weil keine Liebe da ist.

KRISHNAMURTI: Das ist keine Antwort, wenn Sie sagen: „Weil keine Liebe da ist“. Wir untersuchen die Frage, und wenn Sie diese Antwort geben, können Sie nicht weiter in die Frage eindringen. Wir wollen erforschen, warum wir in der Dualität leben, warum wir dauernd von einem Standpunkt zum anderen pendeln zwischen Gegensätzen, warum wir in einem solchen Engpass von Gegensätzen leben.



FRAGE: Wir können die Umstände unseres Lebens nicht bestimmen.

KRISHNAMURTI: Das ist richtig, aber das steht nicht zur Debatte.

FRAGE: Wir suchen Befriedigung.

KRISHNAMURTI: Nein, nicht Befriedigung. Darf ich etwas vorschlagen? Bevor Sie wie jetzt eine Meinung von sich geben, überlegen Sie, warum man in diesem Zustand lebt, woran das liegt.

FRAGE: Es gibt die Dualität.

KRISHNAMURTI: Dualität – aber warum? Sie geben eine neue Serie von Antworten, aber Sie wissen es nicht wirklich. Bitte raten Sie nicht, sonst verlieren wir uns. Raten Sie nicht; probieren Sie nicht aufs Geratewohl verschiedene Dinge aus. Wenn Sie sagen: „Ich weiß es wirklich nicht“, wie wir schon gehört haben, dann geben Sie zu, dass Sie den Grund nicht wissen. Das ist die einzig richtige Einstellung, nicht wahr? Ich weiß es wirklich nicht. Das wäre eine vernünftige Feststellung. Ich weiß wirklich nicht, warum ich in der Dualität lebe. Ich weiß es also nicht, wie kann ich aber dahinterkommen?

FRAGE: (Verschiedene undeutliche Zwischenrufe)

KRISHNAMURTI: Wollen Sie die Flinte ins Korn werfen? Wenn Sie nicht wissen, was machen Sie? Setzen wir hier an. Ich weiß nicht, Sie wissen nicht, warum wir in diesem Widerspruch leben. Wenn Sie sagen: „Ich weiß es nicht“, wie gehen Sie dann vor? Wie kommen Sie darauf? Warten Sie, bitte langsam. Kommen Sie durch Nachdenken darauf? Was verstehen Sie unter Nachdenken? Das Problem analysieren?

Warten Sie, warten Sie! Das Problem bedingt Trennung, Widerspruch, Zersplitterung. Ich habe es analysiert, und ich sehe, wie mein Leben zersplittert. Und ich frage, warum? Und jemand sagt zu mir: „Denken Sie nach, nehmen Sie das Denken zu Hilfe.“ Denken! Was heißt Denken? Bevor ich mich darauf einlasse, muss ich der Frage nachgehen, was das Denken ist. Das Denken ist offensichtlich eine Reaktion der Vergangenheit.

FRAGE: Einer der Gründe ist Angst.

KRISHNAMURTI: Nein; Sie stellen etwas fest und blockieren sich. Sie wollen die Sache nicht untersuchen und erforschen; stellen Sie also nichts fest. Ein Herr sagte dort, dass das Mittel der Analyse das Denken sei. Aber wird das Denken wirklich dahinterkommen? Wir halten es für möglich und meinen deshalb: „Ich will herausfinden“, was das Denken ist.“ Was ist es also? Bitte, raten Sie nicht nur, sehen Sie hin.

Was ist das Denken? Wenn ich Sie frage, wo Sie wohnen, antworten Sie prompt, denn Sie wissen die Straße, die Hausnummer und so fort. Zwischen der Frage und der Antwort liegt kein Intervall. Wenn ich Ihnen aber eine etwas kompliziertere Frage stelle, liegt ein Intervall zwischen der Frage und der Antwort. Was geschieht in diesem Intervall?



FRAGE: Geistige Aktivität, das heißt Denken.

KRISHNAMURTI: Was spielt sich da ab? Ich frage Sie, wie weit New York von hier entfernt ist, und Sie wissen es nicht, oder man hat es Ihnen gesagt, und Sie haben es vergessen. Was geschieht dann? Ich weiß es nicht und strenge mein Gedächtnis an. Das Denken durchsucht den Vorrat an Erinnerungen. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Entfernung so und so viele Kilometer beträgt, ich erkundige mich, und schließlich beantworte ich die Frage. Sie beträgt so und so viele Kilometer. Das nennen wir Denken.

Die Frage wird gestellt, dann kommt ein zeitliches Intervall, in dem wir uns erkundigen, analysieren, fragen, abschätzen, erwarten. Das nennen wir geistige Aktivität, ob sie nun vernünftig ist oder nicht. Wenn ich jetzt eine Frage stelle, die Sie nicht beantworten können, was geschieht? Sie können Ihr Gedächtnis nicht zu Hilfe rufen. Sie können nicht sagen: „Ich erkundige mich.“ Niemand kann es ihnen sagen. Was geschieht dann?

FRAGE: Man nimmt die Vorstellung oder Intuition zu Hilfe.

KRISHNAMURTI: Vorstellung? Ich kann mir nicht etwas vorstellen, das ich nicht weiß. Intuition? Das ist vielleicht nur ein Rätselraten. Folgen Sie mir Schritt für Schritt, Sie werden selbst daraufkommen. Ich stelle eine Ihnen vertraute Frage, und Sie antworten prompt. Ich stelle eine andere, etwas komplexere und schwierigere Frage, und Sie brauchen Zeit. In diesem Zeitintervall überlegen, denken, beobachten, schauen und fragen Sie. Ich frage Sie jetzt, was dieser Zersplitterung, von der wir reden, zugrundeliegt, und Sie wissen es nicht. Wenn Sie es wüssten, dann gemäß Ihrer Erinnerung, nicht wahr? Die ehrlichste Antwort wäre also: „Ich weiß es wirklich nicht.“

Einen Augenblick bitte, haben Sie Geduld. Wenn ich nicht weiß, was tue ich dann? Ich kann zu keinem Professor gehen und ihn fragen. Ich kann in keinem Buch nachschlagen. Es steht in keinem Buch. Und ich muss dahinterkommen, weil es eine sehr ernste Frage ist; denn wenn ich diese ganze zersplitterte Geschäftigkeit des Lebens ändern kann, dann werde ich völlig anders leben. Als ein menschliches Wesen muss ich also die Antwort finden. Vielleicht errate ich sie, vielleicht ist sie falsch, aber finden muss ich sie. Wie gehe ich dabei vor?

FRAGE: Wir vergleichen.

KRISHNAMURTI: Nein, das ist immer noch Denken.



FRAGE: Das Leben hört vielleicht auf, zersplittert zu sein.

KRISHNAMURTI: Das ist zu simpel; möglicherweise hört es auf, aber das geschieht nie.

FRAGE: Ich weiß nicht, wie ich vorgehen soll.

KRISHNAMURTI: Wenn Sie sagen, dass Sie es nicht wissen, sind Sie dann immer noch am Denken? Ich weiß es nicht, ich möchte dahinterkommen, und niemand kann es mir sagen. Und ich werde es mir von niemandem sagen lassen, denn die Leute haben vielleicht ganz und gar unrecht – meistens ist es so. Ich glaube niemandem, denn alle, die mein Vertrauen hatten, die Priester, die Philosophen, der Politiker, der Kommunist, der Sozialist, haben versagt. So muss ich selbst dahinterkommen; und was ich herausfinde, muss unter allen Umständen wahr sein. Ich frage also niemanden und weiß nicht, warum ich ein so zersplittertes Leben lebe. Ich will es aber wissen. Wie finden Sie das heraus? Das ist meine Frage.

FRAGE: (Unhörbar)

KRISHNAMURTI: Es geht nicht darum, wie wir uns selbst betrachten sollen, sondern darum, was man tun soll, wenn man die Antwort zu einer lebenswichtigen Frage nicht weiß. Gibt man es auf? Wenn Sie einen riesigen Hunger haben, geben Sie nicht auf. Und wenn diese Frage etwas so Ernstes ist wie Hunger, geben Sie dann auf und sagen: „Ich weiß es nicht, es ist mir egal?“ Es ist eine ungeheuer wichtige Frage.

FRAGE: Das klingt sehr materialistisch.

KRISHNAMURTI: . Materialistisch? Nein, das ist nicht materialistisch. Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen.

FRAGE: Mein Hirn ist ein Lagerhaus der Erinnerung.

KRISHNAMURTI: Jawohl, mein Hirn ist ein Lagerhaus der Erinnerung, der Erfahrung, der Kenntnisse, aber dieses Hirn weiß jetzt keine Antwort. Ich habe dieses Hirn vorher gebraucht, um die gewöhnliche Antwort zu finden, und habe mich auf andere verlassen und so fort, aber jetzt versagt es. Was soll ich also tun? Ich war ein Kommunist, ein Sozialist, ein Gläubiger, und ich habe jede Art von Zersplitterung durchgemacht, eine nach der anderen, und stelle fest: „Was für eine stupide Art zu leben!“ Und trotzdem mache ich weiter. Ich will herausfinden, warum. Ich lebe ein Leben der Zersplitterung, in Scherben und Trümmern, und ich kann niemanden nach einer Antwort fragen. Ich will daraufkommen. Was soll ich tun?



FRAGE: Man muss meditieren.

KRISHNAMURTI: Warten Sie, das ist es ja, was wir eben tun. Wir meditieren jetzt, aber Sie verweigern sich diesem … ich verwende das Wort nicht.

FRAGE: Wir müssen uns selbst prüfen. Uns fehlt die innere Harmonie.

KRISHNAMURTI: Nein, wir haben uns geprüft. Die „fehlende innere Harmonie“ ist keine Antwort.

FRAGE: Wir suchen göttliche Inspiration.

KRISHNAMURTI: Moment einmal. Wenn ich aber nicht gläubig bin, dann kann ich sie nicht suchen. Inspiration! Sie glauben daran, weil Sie konditioniert sind, als Katholik, Hindu oder Buddhist, deshalb suchen Sie diese Inspiration. Wir meditieren und wollen diese Frage sorgfältig erforschen, Schritt für Schritt. Sie werden sie lösen. Ich wollte dieses Wort „Meditation“ eigentlich gar nicht verwenden, es ist sehr schwierig. Es bedeutet etwas ganz anderes als das, was man für gewöhnlich darunter versteht. Wir wollen es aber diesmal gebrauchen, damit wir dieses ungeheure Problem verstehen.

FRAGE: Ich lebe jetzt mit ihm.

KRISHNAMURTI: Sie leben jetzt mit ihm (Gelächter). Sehen Sie, eine unserer Schwierigkeiten liegt darin, dass Sie diese Art der Untersuchung nicht gewöhnt sind; Sie lernen erst zu beobachten. Wir möchten beobachten, wie in unserem Leben alles zersplittert ist. Wir haben verschiedene Wünsche, von denen einer dem anderen widerstrebt, verschiedene Vergnügen. Einmal sind wir friedlich, das andere Mal schüren wir den Krieg, einmal sind wir aggressiv, dann wieder freundlich und so fort. Wir glauben, wir glauben nicht; Verzweiflung und Hoffnung wechseln sich ab; wir leben in Widersprüchen und Gegensätzen. Ich frage mich, warum? Warum lebe ich so?

Wir leben ein zwiespältiges Leben, wir sagen das eine und tun etwas anderes, wir denken das eine und sagen etwas anderes. In diesem Widerspruch, in dieser Dualität leben wir, und ich frage, warum? Ich kann niemanden fragen, weil das Leben eines jeden zersplittert ist. Ich nehme an, man würde mir sagen: „Du bist eben so konditioniert, Gott ist daran schuld, die Gesellschaft oder dies und jenes.“ Ich kann mich also an niemanden wenden und muss es selbst ergründen.

Was ich finde, muss wahr, absolut wahr sein. Aber wie finde ich es? Ich weiß es wirklich nicht, und ich habe mein Leben lang das Denken als Mittel benützt, um zu erkennen – Denken, Fragen, Gedächtnis, Wissen und Erfahrung. Hier kann ich mich auf mein Wissen nicht verlassen, denn es weiß nichts. Es sagt mir: „Das ist die individuelle Lebensweise.“ Es gibt also keinen Verlass auf Wissen, Erfahrung oder die Meinung der Leute. Ich lasse das alles gänzlich fahren. Was tue ich jetzt, wie finde ich die Wahrheit?

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Wie sehe ich jetzt die Zersplitterung an? Ich kenne die richtige Antwort nicht, aber es muss sie geben. Was geschieht jetzt mit meinem Verstand? Lassen Sie mich die Frage anders formulieren. Die meisten von Ihnen sind wahrscheinlich so konditioniert, dass Sie an Gott glauben, und das nennen Sie „spirituell“ sein. Aber wenn Sie wirklich untersuchen wollen, ob es einen Gott gibt – wenn Sie nicht nachplappern, nicht einfach glauben und beipflichten wollen –, dann müssen Sie jeden anerzogenen Glauben fahren lassen, nicht wahr? Sie dürfen keine Angst davor haben, Fragen zu stellen und ihr Leben dafür einzusetzen.

Wie sieht es in dem Geist aus, der jede Autorität abgeworfen und es aufgegeben hat, einen anderen zu fragen, der das Wissen verwarf, weil Wissen immer der Vergangenheit angehört? Diese Frage kann nicht mit Hilfe der Vergangenheit, sondern nur jetzt beantwortet werden, und ich darf keine Angst davor haben. Vielleicht gibt es gar keine Antwort, vielleicht muss man eben mit dem Widerspruch leben. Ich darf keine Angst vor der Autorität haben, einschließlich der meiner eigenen Erfahrungen, meiner Kenntnisse und der Kenntnisse anderer – die Frage muss in aller Freiheit gestellt werden. Wie sieht der Geist aus, der die Freiheit des Schauens hat?

FRAGE: Bitte wiederholen Sie die Frage!

KRISHNAMURTI: Ich kann die Frage nicht wiederholen, aber ich will sie anders stellen. Sehen Sie, ich habe mich mein Leben lang auf andere verlassen, auf die Meinung der Leute, die Lehre der Kirche, auf verschiedene Autoritäten, und hier ist nun ein Problem, das keine Autorität lösen kann. Ich habe auch kein Vertrauen zu irgendeiner Autorität, weil sie mich immer auf den falschen Weg führte. Wie sieht es also in mir aus, wenn ich nicht mehr akzeptiere, was andere sagen?

Welche Gefühle, welche Ahnungen habe ich? Auch sie können nämlich sehr trügerisch sein. Ich habe keine Angst, denn es macht mir nichts aus zu leiden. Dies ist meine Lebensweise, und ich nehme sie an. Ich fürchte mich also nicht und frage mich: Wie sieht es in mir aus, wenn ich keine Angst habe, keine Autorität akzeptiere und keine höhere Antwort aus göttlicher Intuition erwarte? All dem verweigere ich mich. Ich sage mir, damit ist Schluss. Wie sieht es in meinem Gemüt aus, wenn ich das getan habe?



FRAGE: Es ist von jedem Einfluss, jeder Konditionierung und Angst frei.

KRISHNAMURTI: Warten Sie, denn wenn es so ist, dann gibt es keinen Widerspruch. Wenn es keine Dualität gibt, dann ist die Antwort da. Bitte, antworten Sie mir nicht, sehen Sie es an. Sie leben dann in einer anderen Dimension. Eine Antwort auf eine Grundfrage des Lebens wie diese finden heißt also, keine Angst haben, nicht erwarten, dass einer Ihnen die Antwort gibt, sich nicht fürchten, wie immer die Antwort ausfällt.

Können Sie das? Wenn nicht, dann müssen Sie das dualistische Leben führen, ein widersprüchliches, schmerzhaftes, kummervolles Leben.

Sehen Sie, leider haben wir es nicht gern, wenn wir so in die Enge getrieben werden. Man möchte einen einfachen Ausweg, einen leichten Fluchtweg. Die Frage lautet also, warum leben wir so, da wir jetzt sehr klar erkennen, was dieses dualistische Leben mit sich bringt, und da wir außerdem wissen, dass man sich ganz davon lösen kann, wenn man keine Angst hat. Was wollen Sie tun? Das Spiel weiterspielen?

Wissen Sie, was Meditation ist? Ich fürchte, Sie wissen es nicht. Oder Sie haben in einem Buch etwas darüber gelesen, und das ist schade. Es gibt die wirkliche Meditation, und sie ist das, wovon wir jetzt reden: unseren Geist von allem Bekannten, wie Angst, freizumachen. Möchten Sie jetzt von etwas anderem sprechen?



FRAGE: Sie erwähnten gestern die Frage von Russland und der Tschechoslowakei. Glauben Sie nicht, dass wir alle vernichtet werden, wenn die Großmächte nicht aufhören, einander zu hassen, sich den Weltmarkt streitig zu machen usw.?

KRISHNAMURTI: Wie wollen Sie Russland oder Amerika daran hindern, sich zur Verteidigung zu rüsten, wie sie es nennen? Möchten Sie mir das sagen? Russland mit seinen drei Millionen Bewaffneten und Amerika mit soundsoviel Millionen, wie können Sie es verhindern? Es stehen ungeheure persönliche Interessen auf dem Spiel, in der Armee, bei den Offizieren, im Pentagon, im Kreml. Meinen Sie wirklich, der Admiral oder General würde alles aufgeben, weil Friede auf Erden herrschen muss? Was sagen Sie dazu? Was wollen Sie tun?

Bitte, gehen Sie der Frage bis auf den Grund, wenn Sie nicht zu müde sind. Wie stellen wir es an, dass diese Spaltung in der Welt ein Ende hat? Zwei Großmächte, Supermächte mit ihren Einflusssphären – bedenken Sie, was sie für Rüstung investiert haben! Was werden Sie tun? Diese Spaltung wird so lange existieren, als die Bürger dieser und anderer Länder patriotisch sind und nationalistisch empfinden.

Wenn wir die Russen hassen und die Amerikaner lieben, wenn wir mit Nationalgefühl sagen: „Mein Land kommt zuerst und alles andere nachher“, und wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Großmächte den Kriegen ein Ende machen, dann müssen wir bei uns selbst beginnen. Oder nicht? Die Minderheit, die wenigen, die stark empfinden, diese Minderheit ist immer vorwärtsgegangen und hat die Lage der Welt verändert.

Wir sind aber nicht bereit zu der Minderheit zu gehören. Denn das ist sehr komplex, es läßt sich nicht im Handumdrehen machen. Der Sprecher ist z.B. persönlich kein Hindu – es ist etwas Schreckliches und Hässliches, sich selbst einen Hindu zu nennen. Aber hier habe ich einen indischen Pass, weil ich sonst nicht reisen könnte. Und wenn man das Flugzeug, die Bahn, eine Briefmarke benützt, dann unterstützt man den Krieg. So ist es doch, nicht wahr?

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Wenn Sie Steuern zahlen, unterstützen Sie den Krieg. Was wollen Sie also tun? Werden Sie keine Steuern zahlen, nicht reisen, keine Briefmarken kaufen? Ich kenne Leute; die das getan haben, die nicht reisen und daher Ihre Tätigkeit auf ein sehr enges Feld beschränken. Es ist aber absurd, keine Steuern zu bezahlen, weil man sonst eingesperrt wird. Es wäre absurd, keine Briefmarken zu kaufen, weil man dann keine Briefe schreiben könnte, und so fort.

Aber nehmen wir zweitrangige Dinge, wie Briefmarken und Steuern usw. nicht so wichtig, sondern wenden wir uns der Hauptsache zu, nämlich nicht nationalistisch oder patriotisch gesinnt zu sein, keinem Rassen- oder sonstigem Vorurteil unserer chaotischen Verhältnisse zu erliegen. Dazu braucht es sehr viel Intelligenz. Den Nationalismus ablegen zu wollen, bedeutet nichts, aber um sich mit diesem ganzen Problem auseinanderzusetzen, muss man sehr intelligent sein, das heißt: sehr sensibel gegenüber allen Fragen sein.

FRAGE: In welcher Lage sind Sie, in welcher bin ich, wenn das Land oder die Armee mich zu den Waffen ruft, mich zum Militär einzieht, und wenn es gegen meine Überzeugung ist zu töten?

KRISHNAMURTI: Wollen Sie mir eine Falle stellen? (Gelächter) Wenn es Ihnen wirklich ernst damit ist, dass Sie nicht töten wollen, wenn das nicht nur Worte sind, sondern eine echte Überzeugung, dann müssen Sie friedlich leben, nicht wahr? Töten Sie keine Tiere. Töten Sie nicht, um zu essen. Töten Sie nicht mit Worten. Sagen Sie nicht: „Das ist ein schrecklicher Mensch, das ist ein dummer Mensch.“

Sie töten mit Worten, mit Gesten, mit Gedanken, im Büro, in der Kirche, überall töten Sie. Wenn Sie also wirklich nicht töten wollen, müssen Sie beginnen, ein wirklich friedliches Leben zu führen. Aber das tun Sie nicht. Sie hören sich das alles nur an. Sie pflichten mit Worten bei oder hören schweigend zu, aber wenn Sie nach Hause gehen, machen Sie alles von vorne. Deshalb unterstützen Sie den Krieg.



FRAGE: Viele junge Menschen in Amerika protestieren, und ich bin sicher, dass es auch in Russland welche tun.

KRISHNAMURTI: Ich weiß nicht, ob Sie den Artikel von einem der bedeutendsten russischen Wissenschaftler gelesen haben, der gegen sehr vieles protestiert, was die Sowjetregierung tut. Das geschieht in der ganzen Welt, nicht nur in Russland oder Amerika. In Indien verlangt die öffentliche Meinung eine nationalistische Gesinnung, und wenn ich in Indien darüber spreche, dass man kein Nationalist sein soll, sagt man mir: „Geh und rede in anderen Ländern, nicht hier.“

Sind Sie müde … ? Sie sind zu sehr bei der Sache, um nein zu sagen. Denn was wir hier besprechen, ist sehr ernst, und ein ernsthafter Geist kann nicht einfach sagen: „Ich bin müde“, er muss ungemein aktiv sein. Es geht darum, dass Sie sich Ihres zersplitterten Lebens nicht bewusst sind. Sie können es nur wahrnehmen, wenn Sie Ihrem Leben gegenüber, der Weise, in der Sie leben, sehr aufmerksam sind. Und was heißt Aufmerksamkeit? Darum geht es doch: aufmerken, achtgeben. Wann setzt der geistige Prozess ein?

Was meinen wir – nicht das soldatische „Habt acht“ –, was verstehen wir unter aufmerksam, achtsam sein? Wann merken Sie auf? Sie merken nur dann auf, wenn sie Geist und Herz und Ihr ganzes Wesen an etwas hingeben. Wenn ich das Weinen dieses Kindes höre, und es ist ein Widerstand in mir gegen das weinende Kind, gegen den Lärm, bin ich unaufmerksam. Verstehen Sie? Wirklich aufmerksam sein heißt, dass Ihre Nerven, Ihr Körper, Ihr Herz und Ihre ganzes Gemüt achtgeben auf etwas, dessen Sie innewerden wollen. Und das tun wir nie. Ich weiß nicht, ob Sie das je wirklich getan haben, ob Sie jemals aufmerksam gewesen sind, z. B. gegen diesen Baum. Was bedeutet das?

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Aufmerksam sein heißt nicht, den Baum beschreiben oder sich in einer verbalen Aussage über ihn ergehen: Wenn ich das Wort „Zypresse“ gebrauche, lenkt mich das ab, nicht wahr? Es hindert mich daran, meine völlige Aufmerksamkeit dem Anblick des Baumes zu schenken. Aufmerksam sein heißt, intellektuell, gefühlsmäßig, mit den Nerven, den Augen, den Ohren, mit allen Sinnen aufmerken. Achtgeben, schauen. Wir haben das nie getan, weil wir in Bruchstücken leben. Nur wenn unser Leben in eine große Krise geraten ist, sind wir vielleicht einige Sekunden lang aufmerksam, dann gehen wir wieder weg und flüchten uns davor.

Wer es wirklich ernst meint und herausfinden will, ob es eine Wirklichkeit, Gott oder wie immer man es nennen mag, gibt, befragt keine Autorität, keinen Priester oder Glauben; das ist alles kindisch und unreif. Man muss seine ganze Aufmerksamkeit der Sache zuwenden. Man kann nicht ganz aufmerksam sein, wenn man Angst davor hat, seinen Job zu verlieren, während man sucht.

Man kann die Wahrheit nicht mit voller Aufmerksamkeit suchen, wenn man sich auf einen Glauben, auf eine, Gewohnheit oder auf die Meinung der Leute verläßt. Das muss man fallen lassen. Keine Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, einer Gruppe, einer Kultur hilft einem bei der Suche. Das heißt, man muss völlig allein sein, innerlich allein. Dann wird man finden. Wer aber in diesem tiefen Sinn nicht aufmerksam ist, der kann der Wirklichkeit nicht auf die Spur kommen.

FRAGE: Haben Sie diesen geistigen Zustand erreicht?

KRISHNAMURTI: Warum stellen Sie diese Frage? Ich weiche ihr nicht aus, ich werde sie beantworten. Warum stellen Sie diese Frage?



FRAGE: Weil es eine schwierige Frage ist.

KRISHNAMURTI: Ich halte sie nicht für schwierig. Warten Sie, ich gebe Ihnen eine Antwort. Erstens, wenn ich ja sage, dann ist das wertlos, nicht wahr? Für Sie wird diese Antwort keinen Wert haben, denn was haben Sie davon, wenn ich ja sage? Sie akzeptieren das oder nicht. Sie denken sich vielleicht: „Der arme Kerl, er ist leicht verrückt“, oder: „Er meint es ernst, vielleicht stimmt es.“ Meine Feststellung, dass dieser Zustand vorhanden ist, hat also keinen Wert für einen anderen.

Wert hat die Frage, ob Sie ihn finden können; Sie und kein anderer. Und wenn Sie sagen, dass es schwer ist, wenn Sie das Wort „schwierig“ überhaupt verwenden, dann behindern Sie sich selbst. Wenn wir das Leben hinnehmen, wie es ist, mit seinem Elend, seinem Kummer, mit seinem Konflikt und so viel Not, wenn wir das hinnehmen, dann gibt es keine Antwort, so ist das Leben nun einmal. Wenn wir das nicht hinnehmen, wenn wir uns weigern, mit den Wölfen zu heulen, zur Gruppe zu gehören, dann beginnen wir, anders zu leben. Das ist unumgänglich nötig, um die Wahrheit zu finden – und um ganz anders zu leben.

FRAGE: Kann man Aufmerksamkeit üben?

KRISHNAMURTI: Übung heißt Wiederholung, etwas immer wieder tun. Ist das Aufmerksamkeit? Das ist mechanisch, nicht wahr? Es gibt also zweierlei: Unaufmerksamkeit und Aufmerksamkeit. Die meisten von uns sind unaufmerksam, und wir stellen fest, dass es wichtig ist, nicht unaufmerksam, sondern aufmerksam zu sein. Dann wollen Sie anfangen, es zu üben.

Wenn Sie aber sagen: „Schau her, ich gebe acht, wie unaufmerksam ich bin“, wissen Sie denn, was es heißt, unaufmerksam zu sein? Wir nehmen die Dinge hin, wie sie sind, unser Leben, unsere Lebensweise, die hässlichen Gefühle, ja, alles, „was ist“, Aufmerksam werden bedeutet, der Unaufmerksamkeit bewusst werden, nicht, aufmerksam werden zu wollen, denn das bringt wieder Konflikt und Kampf. Wenn man Aufmerksamkeit daher übt, wird sie mechanisch, und das ist keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn man dagegen aufmerksam und der Unaufmerksamkeit bewusst ist, dann entsteht die Achtsamkeit.

Reicht das für heute Vormittag? Sehen Sie, ich habe mir Mühe gegeben, dieses Gespräch dauert nun schon anderthalb Stunden. Der Redner hat sich bemüht, er hat gearbeitet. Aber Sie haben nicht gearbeitet, Sie haben nur oberflächlich zugehört. Sie haben zugehört, als ob es eine Unterhaltung wäre, wie wenn man ins Kino geht, und Sie sagen: „Ich bin dagegen, ich bin dafür, es ist ein nettes Stück, es war nicht nett“ usw. Aber wenn Sie, und das wäre Ihre Sache gewesen, sich ebenso angestrengt hätten wie der Redner, dann würden Sie jetzt, nach anderthalb Stunden sagen: „Um Himmels willen, bitte hören wir auf!“

Gespräche in Claremont College, Kalifornien

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Fragmentiert
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