Die Ganzheit des Lebens
Die Ganzheit des Lebens aus „Der Flug des Adlers“ – Krishnamurti: Man fragt sich, warum es den Menschen überall auf der Welt an Leidenschaft fehlt. (Anm. d. Red.: Leidenschaft wird definiert als „Gefühl intensiver Begeisterung für oder zwingendes Verlangen nach etwas“).
Sie gieren nach Macht, Position und verschiedenen Formen der Unterhaltung, sowohl sexueller als auch religiöser Art, und haben andere Formen sinnlicher Begierden.
Aber offenbar haben nur wenige eine tiefe Leidenschaft für das Verstehen des gesamten Lebensprozesses und stecken deshalb nicht ihre ganze Energie in fragmentarische Aktivitäten.
Der Bankmanager ist enorm an seinen Bankgeschäften interessiert, der Künstler und der Wissenschaftler sind ihren eigenen speziellen Interessen zugetan, aber offenbar ist es eines der schwierigsten Dinge, eine beständige, intensive Leidenschaft zu haben, die sich dem Verständnis der Ganzheit des Lebens widmet.
Wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, was das totale Verstehen des Lebens, des Liebens und des Sterbens ausmacht, brauchen wir nicht nur intellektuelle Fähigkeiten und ein starkes Gefühl, sondern viel mehr als das.
Wir brauchen eine große Energie, die nur die Leidenschaft geben kann.
Da es sich um ein enormes, komplexes, subtiles und sehr tiefgründiges Problem handelt, müssen wir unsere ganze Aufmerksamkeit – die ja Leidenschaft ist – darauf verwenden, zu sehen und herauszufinden, ob es eine Lebensweise gibt, die sich völlig von der unterscheidet, die wir jetzt leben.
Um dies zu verstehen, muss man sich mit mehreren Fragen beschäftigen: Man muss den Prozess des Bewusstseins erforschen, indem man sowohl die Oberfläche als auch die tiefen Schichten des eigenen Geistes untersucht, und man muss auch die betrachten, was natürliche Ordnung bedeutet; nicht nur äußerlich, in der Gesellschaft, sondern in sich selbst.
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Man muss den Sinn des Lebens erforschen. Das heisst, dem Leben nicht nur eine intellektuelle Bedeutung geben, sondern schauen, was das Leben als Ganzes ist.
Und man muss sich auch mit der Frage auseinandersetzen, was Liebe ist und was es bedeutet, zu sterben.
All das muss man im Bewusstsein und in den tiefen, verborgenen Nischen des eigenen Geistes untersuchen.
Man muss sich fragen, was Ordnung ist, was Leben wirklich bedeutet und ob man ein Leben in völliger, totaler Zuneigung, Mitgefühl, Zärtlichkeit und Liebe leben kann. Man muss auch für sich selbst herausfinden, was dieses außergewöhnliche Ding namens Tod bedeutet.
Das sind keine Einzelteile, sondern die gesamte Bewegung, die Ganzheit des Lebens.
Wir können dies nicht verstehen, wenn wir es in Leben, Lieben und Sterben aufteilen – es ist alles eine Bewegung.
Um den gesamten Prozess zu verstehen, muss Energie vorhanden sein, nicht nur intellektuelle Energie, sondern starke Gefühlsenergie. Das bedeutet, eine fundamentale Leidenschaft zu haben, die ständig in einem brennt ohne seKundäre Motive.
Und da unser Verstand zersplittert ist, ist es notwendig, sich mit der Frage des Bewussten und des Unbewussten zu befassen, denn dort beginnt jede Trennung – das „Ich“ und das „Nicht-Ich“, das „Du“ und „Ich“, das „Wir“ und „Sie“.
Solange diese Trennung besteht – zwischen Nationen, Familien, Religionen mit ihren spezifischen Besitzansprüchen – ist das Leben zwangsläufig in sich gespalten.
Dann gibt es das alltägliche Leben mit seiner Langeweile und Routine und dem, was wir Liebe nennen, umhüllt von Eifersucht, Besitzdenken, Abhängigkeit und Herrschaft; und es gibt Angst und die Unausweichlichkeit des Todes.
Könnten wir dieser Frage ernsthaft nachgehen – nicht nur theoretisch oder verbal, sondern wirklich, indem wir in uns selbst hineinschauen und fragen, warum es diese Spaltung gibt, die so viel Elend, Verwirrung und Konflikte hervorbringt?
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Man kann in sich selbst sehr deutlich die Aktivität des oberflächlichen Verstandes mit seiner Sorge um den Lebensunterhalt und seinem technischen, wissenschaftlichen, gewinnsüchtigen Wissen beobachten.
Man kann sehen, wie man im Büro konkurriert, und wie der Geist mit oberflächlichen Aktivitäten beschäftigt ist
Aber es gibt die verborgenen Teile, die nicht erforscht werden, weil wir nicht wissen, wie wir sie erforschen sollen.
Wenn wir sie dem Licht der Klarheit und des Verständnisses aussetzen wollen, lesen wir entweder Bücher, die uns alles darüber erzählen, oder wir gehen zu einem Analytiker oder Philosophen.
Aber wir wissen nicht, wie wir die Dinge selber anschauen sollen. Obwohl wir vielleicht die äußeren, oberflächliche Aktivität des Geistes zu beobachten vermögen, sind wir offenbar nicht in der Lage, in die tiefe, verborgene Höhle zu schauen, in der die gesamte Vergangenheit ruht.
Kann der bewusste Verstand mit seinen Forderungen und Behauptungen in die tieferen Schichten des eigenen Seins blicken?
Ich weiß nicht, ob Sie es jemals versucht haben, aber wenn Sie es getan haben und ausreichend hartnäckig und ernsthaft gewesen sind, haben Sie vielleicht das enormen Ausmass an Vergangenem gefunden, das dort versteckt ist, das ganze ethnische Erbe, die religiösen Einflüsse.
Jede beiläufig geäusserte Meinung gründet auf dieser Sammlung von Vergangenem und stützt sich im Wesentlichen auf altes Wissen und verflossene Erfahrungen mit ihren verschiedenen Formen von Schlussfolgerungen und Ansichten.
Kann der Geist all dies durchschauen, verstehen und darüber hinausgehen, so dass es überhaupt keine Trennung mehr gibt?
Das ist wichtig, denn wir sind so darauf konditioniert, das Leben auf eine fragmentarische Weise zu betrachten.
Und solange diese Aufsplitterung anhält, gibt es den Drang nach Leistung – „ich“ will leisten, erreichen, wetteifern, vorwärts kommen.
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Es ist diese Aufsplitterung des Lebens, die uns sowohl individualistisch als auch kollektiv werden lässt, egozentrisch und doch mit dem Bedürfnis, uns mit etwas Größerem zu identifizieren. Dabei bleibt die Trennung aber bestehen.
Es ist diese tiefe Spaltung des Bewusstseins, der gesamten Struktur und des Wesens unseres Seins, die zu Zersplitterung unserer Aktivitäten, Gedanken und Gefühle führt.
Auch das, was wir Lieben und Sterben nennen, sind Produkte dieser Spaltung.
Ist es möglich, die Bewegung der Vergangenheit, die das Unbewusste ausmacht, zu beobachten?
(Vorausgesetzt man kann das Wort „unbewusst“ verwenden, ohne ihm eine besondere psychoanalytische Bedeutung zu geben.)
Das tiefe Unbewusste, aus dem wir handeln. ist die Vergangenheit.
Das Resultat ist die Zeit mit der Unterteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
All dies mag ziemlich kompliziert klingen, ist es aber nicht. Es ist wirklich ganz einfach, wenn man in sich selbst hineinschaut, sich selbst in Aktion beobachtet, die Wirkungsweise seiner Meinungen, Gedanken und Schlussfolgerungen beobachtet.
Wenn Sie sich selbst kritisch betrachten, können Sie sehen, dass Ihre Handlungen generell rauf irgendeiner Schlussfolgerung aus der Vergangenheit beruhen, auf einer Formel oder einem Muster, das sich als Ideal in die Zukunft projiziert. Das Handel richtet sich nach einem Ideal.
Die Vergangenheit ist also immer am Werk; der Verstand und das Herz sind schwer beladen mit mit Motiven, Schlussfolgerungen Erinnerungen. Diese prägen unser Leben und erzeugen die Zersplitterung.
Man muss sich die Frage stellen, ob der bewusste Verstand das Unbewusste so vollständig durchschauen kann, dass man den gesamten Inhalt, die Vergangenheit, verstehen kan.
Das erfordert eine kritische Fähigkeit – aber keine rechthaberische Kritik. Man muss beobachten, genau hinschauen, ohne Vorurteil. Wenn man wirklich wach ist, dann löst sich die Spaltung des einheitlichen Bewusstseins auf. Dieser erwachte Zustand ist nur möglich, wenn kritische Selbstwahrnehmung vorhanden ist.
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Beobachten bedeutet also, kritisch zu sein – nicht kritisch auf der Basis von Bewertungen und Meinungen, sondern kritisch wachsam zu sein.
Sobald Kritik persönlich ist, von Angst oder irgendeiner Form von Vorurteil geprägt ist, hört das wirklich kritische Schauen auf und wird bloss bruchstückhaft.
Uns geht es jetzt um das Verständnis des Gesamtprozesses, der Ganzheit des Lebens, nicht um ein bestimmtes Fragment.
Wir fragen nicht, was wir in Bezug auf ein bestimmtes Problem tun sollen, in Bezug auf eine soziale Aktivität, die unabhängig vom gesamten Lebensprozess ist. Wir versuchen herauszufinden, was das Verstehen der Realität beinhaltet und ob es eine solche Realität, eine solche Unermesslichkeit, Ewigkeit tatsächlich gibt.
Es ist diese ganze, totale Wahrnehmung – nicht die fragmentarische Wahrnehmung –, um die es uns geht. Das Verstehen der gesamten Lebensbewegung als eine einzige, einheitliche Bewegung ist nur möglich, wenn sich die eigenen Konzepte, Prinzipien, Ideen und Abgrenzungen in Form von „Ich“ und „Nicht-Ich“ in der Ganzheit des Bewusstseins auflösen.
Wenn das klar ist – und ich hoffe, dass dem so ist –, dann können wir damit fortfahren, herauszufinden, was Leben ist.
Wir betrachten das Leben als einen positives Handlungsprozess. Unser Tun, Denken, die ewige Betriebsamkeit, die Konflikte und Ängste, Trauer, Schuldgefühle, Ehrgeiz, Konkurrenzkampf, Lust am Vergnügen mitsamt seinen Tücken, all dies nennen wir Leben.
Dazu gehören auch die gelegentlichen Freuden, die Momente von Mitgefühl und Großzügigkeit frei von Motiven oder Hintergedanken, sowie die seltenen Momente von Glückseligkeit oder Ekstase, die weder Vergangenheit noch Zukunft kennen.
Aber unser Alltag besteht aus dem Gang ins Büro, aus Ärger, Hass, Herablassung und Feindseligkeit. Diesen Alltag akzeptieren wir als völlig normal.
Doch diese Normalität als positiv zurückzuweisen, ist das einzig wahre Positive.
Dieses sogenannte normale Leben – das hässlich, einsam, ängstlich, brutal und gewalttätig und ohne Kenntnis des wirklichen Lebens ist – abzulehnen, ist die positivste Handlung.
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Sind wir miteinander im Gespräch?
Wissen Sie, die konventionelle Moral völlig zu verleugnen, bedeutet, hochmoralisch zu sein. Denn das, was wir soziale Moral nennen, die Moral der Anständigkeit, ist völlig unmoralisch; wir sind wettbewerbsorientiert, gierig, neidisch, suchen unseren eigenen Weg. – Sie wissen ja, wie wir uns verhalten.
Ich spreche von gesellschaftlicher Moral. Religiöse Menschen sprechen von einer religiösen Moral, aber ihr Leben, ihre ganze Haltung, die hierarchische Struktur der religiösen Organisation und des Glaubens, ist unmoralisch.
Dies abzulehnen ist nicht dasselbe, wie eine negative Reaktion. Reaktion ist eine Form der Ablehnung aus persönlichem Widerstand. Aber wenn man es ablehnt, weil man es durchschaut, dann ist das die höchste Form der Moral.
Genauso ist es, wenn man die gesellschaftliche Moral ablehnt, wenn man die Art und Weise, wie wir leben, zurückweist – unser kleinliches, unbedeutendes Leben, unser oberflächliches Denken und Dasein, die oberflächliche Zufriedenheit mit den angehäuften Dingen. Zu all dem nein zu sagen, nicht als Reaktion, sondern weil man die völlige Dummheit und die zerstörerische Natur dieser Art zu leben erkennt, die man allgemein für das Leben halten, das ist ein Akt höchster Moral.
Das Falsche als das Falsche zu sehen ist wahres Sehen.
Was ist dann Liebe?
Ist Liebe Vergnügen?
Ist Liebe Begehren?
Ist Liebe Anhaften, Abhängigkeit, Besitz der Person, die man liebt und beherrscht?
Sagt die Liebe: „Das ist meins und nicht deins, mein Eigentum, meine sexuellen Rechte“, womit natürlich Eifersucht, Hass, Wut und Gewalt verbunden sind?
Und noch einmal: Die Liebe wurde als Teil der religiösen Konditionierung in heilig und profan unterteilt. Ist das wirkliche Liebe?
Kann man lieben und einen Anspruch stellen?
Können Sie Ihren Mann lieben, kann er sagen, dass er Sie liebt, wenn er Ansprüche stellt?
Kann es Liebe geben, wenn es Wettstreit und das Streben Überlegenheit gibt? Diese beiden Verhaltensweisen können niemals zusammenpassen.
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All das nicht nur intellektuell oder verbal abzulehnen, Eifersucht, Neid, Wettbewerb oder Ansprüche aus dem eigenen Wesen zu tilgen, das ist doch Liebe.
Der eifersüchtige Mann oder die dominierende Frau weiß nicht, was Liebe bedeutet. Sie mögen darüber reden, sie mögen miteinander schlafen, einander besitzen, voneinander abhängig sein aus dem Bedürfnis nach Trost, Sicherheit oder aus Angst vor Einsamkeit; aber das ist sicherlich nicht Liebe.
Wenn Menschen, die sagen, dass sie ihre Kinder lieben, es auch so meinen würden, gäbe es dann Krieg?
Und gäbe es eine Teilung der Nationalitäten? Gäbe es diese Trennungen?
Was wir Liebe nennen fördert Unterdrückung, Hoffnungslosigkeit, und Schuldgefühle.
Diese Art von Liebe wird im Allgemeinen mit sexuellem Vergnügen gleichgesetzt.
Ich bin nicht puritanisch oder prüde, ich sage nicht, dass es kein Vergnügen geben darf.
Wenn man eine Wolke, den Himmel oder ein schönes Gesicht betrachten, ist das eine Wonne.
Wenn man eine Blume anschaut, sieht man Schönheit; ich lehne die Schönheit nicht ab.
Schönheit stammt nicht aus dem Vergnügen des Denkens, aber es ist das Denken, das Schönheit zum Vergnügen macht.
Ebenso: Wenn wir lieben und es zum Sex kommt, macht das Denken daraus ein Vergnügen, ein Bild des Erlebten mit der Erwartung, es in der Zukunft wieder zu erleben.
In dieser Wiederholung liegt das Vergnügen, das nicht dasselbe wie Schönheit. ist
Schönheit, Zärtlichkeit und die gesamte Bedeutung der Liebe schließen Sex nicht aus.
Aber jetzt, wo alles erlaubt ist, scheint die Welt plötzlich den Sex entdeckt zu haben und er ist außerordentlich wichtig geworden.
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Wahrscheinlich ist das der einzige Ausweg, den der Mensch zur Zeit hat, die einzige Freiheit. Überall sonst wird er herumgeschubst, schikaniert, intellektuell und emotional verletzt. Er ist in jeder Hinsicht ein Sklave. Er ist gebrochen und die einzige Zeit, in der er frei sein kann, findet er in der sexuellen Erfahrung.
In dieser Freiheit erlebt er eine gewisse Freude, und er wünscht sich die Wiederholung dieser Freude.
Wenn man all das betrachtet, wo bleibt da die Liebe?
Nur ein liebevoller Geist und ein liebendes Herz können den ganzen Fluss des Lebens sehen.
Ein Mensch, der eine solche Liebe besitzt, ist moralisch und gut, und was er tut, ist schön.
Und wo kommt die Ordnung ins Spiel, wo wir doch wissen, dass unser Leben so verworren, so ungeordnet ist.
Wir alle wünschen Ordnung, nicht nur im Haus, indem wir die Dinge an ihrem richtigen Platz anordnen, sondern wir wollen auch Ordnung im Außen, in der Gesellschaft, wo es so viel soziale Ungerechtigkeit gibt.
Wir wollen auch innerlich Ordnung – es muss eine Ordnung geben, eine tiefe, mathematische Ordnung.
Soll diese Ordnung dadurch hergestellt werden, dass wir uns an ein Muster halten, das wir für Ordnung halten?
Dann müssten wir das Muster mit der Realität vergleichen, was automatisch einen Konflikt erzeugt.
Wenn ein Geist darum kämpft, tugendhaft, moralisch und ethisch zu sein, wehrt er sich gleichzeitig dagegen und genau in diesem Konflikt liegt die Verwirrung.
Konflikt bedeutet Unordnung und kann daher keine Tugend sein, nicht wahr?
Tugend ist das eigentliche Wesen der Ordnung – auch wenn wir dieses Wort in der modernen Welt nicht gerne verwenden.
Diese Art von Tugend wird nicht durch den Konflikt des Denkens hervorgebracht, sondern entsteht nur, wenn man die Verwirrung kritisch betrachtet, mit wacher Intelligenz und Selbstkenntnis.
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So entsteht vollständige Ordnung der höchsten Form, was gleichbedeutend ist mit Tugend.
Diese Ordnung, diese Tugend kann nur entstehen, wo es Liebe gibt.
Dann ist da noch die Frage des Sterbens. Wir hben diese sorgfältig von uns weggeschoben als etwas, das in der Zukunft geschehen wird – die Zukunft kann fünfzig Jahre entfernt sein oder morgen.
Wir haben Angst vor dem Ende, vor dem physischen Ende und vor der Trennung von den Dingen, die wir besitzen, für die wir gearbeitet, die wir erlebt haben – Ehefrau, Ehemann, das Haus, die Möbel, der kleine Garten, die Bücher und die Gedichte, die wir geschrieben haben oder zu schreiben hofften.
Wir haben Angst, all das loszulassen, denn wir sind die Möbel, wir sind das Bild, das wir besitzen. Wenn wir die Fähigkeit haben, Geige zu spielen, sind wir diese Geige.
Wir haben uns mit diesen Dingen identifiziert – wir sind all das und nichts anderes. Haben Sie das jemals so gesehen?
Sie sind das Haus, inklusive der Fensterläden, dem Schlafzimmer, den Möbeln, die Sie jahrelang sorgfältig poliert haben.
Man sind das, was man besitzt.
Wenn man den Besitz wegnimmt, ist man nichts.
Und das ist es, wovor wir Angst haben – davor, nichts zu sein.
Ist es nicht seltsam, dass man vierzig Jahre lang ins Büro geht, und wenn man damit aufhört, bekommt man Herzprobleme und stirbt?
Sie sind das Büro, die Akten, der Manager oder der Angestellte oder was auch immer Ihre Position ist. Sie sind das und nichts anderes.
Und Sie haben viele Vorstellungen von Gott, vom Guten, von der Wahrheit, davon, wie die Gesellschaft sein sollte. Das ist alles.
Und das erzeugt Leid.
Selbst zu erkennen, dass dass man das ist, bringt großen Schmerz, aber noch grösseres Leid bringt die Tatsache, dass man es nicht erkennt.
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Dies zu erkennen und zu realisieren, was es bedeutet, kommt dem Sterben gleich.
Der Tod ist unvermeidlich, alle Organismen müssen zu einem Ende kommen.
Aber wir haben Angst, die Vergangenheit loszulassen.
Wir sind die Vergangenheit, wir sind die Zeit, das Leid und die Verzweiflung. Manchmal gibt es eine Empfindung von Schönheit, ein Aufblühen des Guten oder tiefer Zärtlichkeit. Aber das ist etwas Vorübergehendes, nicht Dauerhaftes.
Und da wir Angst vor dem Tod haben, sagen wir: „Ich möchte nochmal leben.“ Was bedeutet, dass wir den Kampf, den Konflikt, das Elend, das Besitzen von Dingen, die angesammelten Erfahrungen fortsetzen.
Das, was man bist, möchte man gerne reinkarniert sehen; aber man ist alles, auch das Durcheinander, die Verwirrung, die Unordnung.
Reinkarnation bedeutet auch, dass man in ein anderes Leben geboren wird. Deshalb ist es wichtig, was man jetzt, heute, tut, und nicht, wie man leben wird, wenn man ins nächste Leben geboren wird – falls es so etwas gibt.
Wenn man wiedergeboren wird, kommt es darauf an, wie man heute lebt, denn heute wird die Saat der Schönheit und die Saat des Leidens gesät.
Aber diejenigen, die so sehr an die Reinkarnation glauben, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Wenn sie sich um ihr Tun kümmern würden, dann würden sie sich nicht um das Morgen kümmern, denn das Gute liegt in der Aufmerksamkeit für das Heute.
Sterben ist Teil des Lebens. Sterben bedeutet, loslassen, abgeben.
Man kann nicht lieben, ohne zu sterben. Alles, was nicht Liebe ist, muss sterben. Alle die Ideale, die Projektionen der eigenen Ansprüche, die ganze Vergangenheit, alle Erfahrungen müssen sterben, damit man weiß, was Liebe ist und was echtes Leben bedeutet.
Leben, Lieben und Sterben sind also ein und dasselbe, nämlich ganz und gar im Jetzt zu leben.
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Dann gibt es ein Handeln, das nicht widersprüchlich ist und Schmerz und Leid mit sich bringt; ein Leben, Lieben und Sterben, in dem man aktiv handelt.
Dieses Handeln schafft Ordnung. Wenn man so lebt, was unbedingt nötig ist, – nicht in gelegentlichen Momenten, sondern jeden Tag, jede Minute – dann entsteht soziale Ordnung. Dann gibt es Einheit unter den Menschen und die Regierungen werden mit Hilfe von Computern geführt, nicht von Politikern mit ihren persönlichen Ambitionen und Konditionierungen.
Leben heißt also, zu lieben und zu sterben.
Frage: Kann man sofort frei sein und ohne Konflikte leben oder braucht es Zeit?
Krishnamurti: Kann man sofort ohne die Vergangenheit leben oder braucht es Zeit, die Vergangenheit loszuwerden?
Braucht man Zeit, um die Vergangenheit loszuwerden, und hindert einen das daran, sofort zu leben? Das ist die Frage.
Die Vergangenheit ist wie eine versteckte Höhle, wie ein Keller, in dem man seinen Wein aufbewahrt – wenn man Wein hat.
Braucht man Zeit, um sich von ihr zu befreien?
Was bedeutet es, sich Zeit zu nehmen? – Das ist das, was wir gewohnt sind.
Ich sage mir: „Ich werde mir Zeit nehmen, Tugend ist etwas, das man sich aneignen muss, das man Tag für Tag üben muss. So werde ich meinen Hass, meine Gewalt loswerden, allmählich, langsam.“ Das ist es, woran wir gewöhnt sind, das ist unsere Konditionierung.
Und so fragen wir uns, ob es möglich ist, die ganze Vergangenheit allmählich abzulegen – was Zeit erfordert.
Das heißt, wenn ich gewalttätig bin, sage ich: „Ich werde das allmählich loswerden“.
Was bedeutet das – „allmählich“, „Schritt für Schritt» hier?
Nichts anderes, als dass ich in der Zwischenzeit gewalttätig bin.
Die Vorstellung, die Gewalt allmählich loszuwerden, ist eine Form der Heuchelei.
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Wenn ich gewalttätig bin, kann ich das natürlich nicht allmählich loswerden, ich muss es sofort beenden.
Kann ich psychologische Dinge sofort beenden?
Das kann ich nicht, wenn ich die Idee akzeptiere, mich allmählich von der Vergangenheit zu befreien.
Aber es kommt darauf an, die Tatsache so zu sehen, wie sie jetzt ist, ohne jede Verzerrung.
Wenn ich eifersüchtig und neidisch bin, muss ich dies durch eine vollständige und nicht nur partielle Betrachtung erkennen.
Ich betrachte meine Eifersucht – warum bin ich eifersüchtig?
Weil ich einsam bin, weil die Person, von der ich abhängig war, mich verlassen hat und ich plötzlich mit meiner Leere, mit meiner Isolation konfrontiert bin, und ich habe Angst davor, deshalb bin ich von ihr abhängig.
Und wenn sich jemand abwendet, bin ich wütend und eifersüchtig.
Tatsache ist, dass ich einsam bin, ich brauche Gesellschaft, ich brauche jemanden, der nicht nur für mich kocht, der mich tröstet, der mir sexuelles Vergnügen bereitet und all das, sondern weil ich grundlegend allein bin.
Und deshalb bin ich eifersüchtig.
Kann ich diese Einsamkeit sofort verstehen?
Ich kann sie nur verstehen, wenn ich sie beobachte, wenn ich nicht vor ihr weglaufe – wenn ich sie anschauen kann, sie kritisch betrachten kann, mit erwachter Intelligenz, keine Ausreden mache, nicht versuche, die Leere zu füllen oder einen neuen Partner zu finden.
Um dies anzuschauen, muss ich frei sein. Und in dem Moment, wo ich frei bin zu schauen, bin ich frei von Eifersucht.
Die Wahrnehmung, die totale Beobachtung der Eifersucht und die Freiheit von ihr ist also keine Frage der Zeit, sondern der vollständigen Aufmerksamkeit, des kritischen Gewahrseins, des wahlfreien, unmittelbaren Beobachtens aller Dinge.
Dann ist die Freiheit da. Nicht in der Zukunft, sondern jetzt. Freiheit von dem, was wir Eifersucht nennen.
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Das gilt auch für Gewalt, Wut oder jede andere Angewohnheit, ob man raucht, trinkt oder sexuelle Gewohnheiten hat.
Wenn wir unser Denken sehr aufmerksam beobachten, ganz und gar mit Herz und Verstand, sind wir uns seines gesamten Inhalts auf intelligente Weise bewusst.
Wenn dieses Gewahrsein einmal funktioniert, dann kann alles, was auftaucht – Zorn, Eifersucht, Gewalt, Brutalität, alle Schattierungen von Doppeldeutigkeit, Feindseligkeit – sofort und vollständig gesehen werden und das, was da war, hört auf zu sein.
Darin liegt die Freiheit.
Die Vergangenheit ist also nicht durch die Zeit wegzuwischen. Die Zeit ist nicht der Weg zur Freiheit.
Ist die Vorstellung von Allmählichkeit nicht eine Form der Trägheit, der Unfähigkeit, die Vergangenheit sofort zu bewältigen, wenn sie auftaucht?
Wenn man die erstaunliche Fähigkeit hat, klar zu sehen, was auftaucht, und wenn man seinen Geist und sein Herz ganz diesem Sehen hingibt, dann endet die Vergangenheit sofort.
Zeit und Gedanken führen also nicht zum Ende die Vergangenheit, denn Zeit und Gedanken sind die Vergangenheit.
Frage: Ist das Denken eine Bewegung des Geistes und ist Gewahrsein die Funktion eines unbewegten Geistes?
Krishnamurti: Wie wir neulich sagten, ist das Denken die Antwort des Gedächtnisses, wie bei einem Computer, in den man alle möglichen Informationen eingespeist hat.
Und wenn man nach der Antwort fragt, antwortet das, was im Computer gespeichert ist.
Genauso funktioniert der denkende Geist, das Gehirn, der Speicher der Vergangenheit, das Gedächtnis. Wenn dieses herausgefordert wird, antwortet es mit Gedanken, die seinem gespeicherten Wissen, seiner Erfahrung, seiner Konditionierung und so weiter entsprechen.
Das Denken ist also die Bewegung oder vielmehr ein Teil der Bewegung des Geistes und des Gehirns.
Der Fragesteller möchte wissen, ob Gewahrsein die Funktion eines stillen Geistes ist.
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Können Sie irgendetwas beobachten – einen Baum, Ihre Frau, Ihren Nachbarn, den Politiker, den Priester, ein schönes Gesicht –, ohne dass sich der Geist bewegt?
Die Bilder Ihrer Frau, Ihres Mannes, Ihres Nachbarn, das Wissen um die Wolke oder das Vergnügen, all das mischt sich ein, nicht wahr?
Wenn es eine Einmischung gibt durch ein Bild irgendeiner Art, sei es subtil oder offensichtlich, dann gibt es kein reines Beobachten, kein wirkliches, vollständiges Gewahrsein, sondern nur eingeschränktes Gewahrsein.
Um klar zu sehen, darf sich kein Bild zwischen den Beobachter und das Beobachtete schieben.
Wenn Sie einen Baum betrachten, können Sie ihn ohne das botanische Wissen über diesen Baum oder das Wissen um Ihren Gefallen daran oder Ihre Ansprüche an ihn betrachten?
Können Sie ihn so vollständig betrachten, so dass der Raum zwischen Ihnen – dem Beobachter – und dem Baum verschwindet?
Das bedeutet nicht, dass Sie der Baum werden!
Aber wenn dieser Raum verschwindet, verschwindet der Beobachter und es bleibt nur das, was beobachtet wird.
In dieser Beobachtung gibt es eine Wahrnehmung, das Vorhandene mit außerordentlicher Vitalität sieht, seine Farbe, seine Form, die Schönheit des Blattes, des Stamms. Wenn es kein Ich-Zentrum gibt, das beobachtet, dann ist man in engem Kontakt mit dem, was man sieht.
Es gibt eine Bewegung des Denkens, die Teil des Gehirns und des Geistes ist, die notwenig ist, wenn es eine Problemstellung gibt, die durch Denken beantwortet werden muss.
Aber um etwas Neues zu entdecken, etwas, das noch nie betrachtet wurde, braucht es diese intensive Aufmerksamkeit ohne jegliche Bewegung geben.
Das ist nichts Mysteriöses oder Okkultes, das man jahrelang üben muss – so etwas ist reiner Blödsinn. Es geschieht dann, wenn man zwischen zwei Gedanken schaut.
Wissen Sie, wie der Mensch den Düsenantrieb entdeckt hat?
Wie ist das passiert?
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Man wusste alles über den Verbrennungsmotor, und suchte nach einer anderen Methode für den Antrieb. Um zu suchen, muss man still sein. Denn wenn man das ganze Wissen über den Verbrennungsmotor mit sich herumträgt, findet man nur das, was man bereits gelernt hat.
Doch das, was man gelernt hat, muss ruhen, muss stillgelegt sein – nur dann kann man etwas Neues entdecken.
Genauso müssen Sie, wenn sie Ihre Frau, Ihren Mann, den Baum, den Nachbarn, das ganze soziale Gefüge, welches ein grosses Durcheinander ist, wirklich sehen wollen, in der Stille eine neue Sichtweise und damit eine neue Art zu leben und zu handeln finden.
Frage: Wie können wir die Kraft finden, ohne Theorien und Ideale zu leben?
Krishnamurti: Wie haben wir die Kraft, mit ihnen zu leben?
Woher haben wir diese außergewöhnliche Energie, mit Formeln, Idealen, Theorien zu leben?
Wir leben mit diesen Formeln – woher haben wir die Energie?
Diese Energie wird in Konflikten verschwendet.
Das Ideal ist dort drüben und ich bin hier und versuche, nach diesem Ideal zu leben.
Es gibt also eine Spaltung, einen Konflikt, und das ist Energieverschwendung.
Wenn man die Energieverschwendung erkennt, wenn man erkennt, wie absurd es ist, Ideale, Formeln, Konzepte zu haben, die alle zu einem ständigen Konflikt führen, wenn das erkannt ist, dann hat man die Energie, ohne sie zu leben.
Dann hat man Energie im Überfluss, denn dann gibt es überhaupt keine Verschwendung durch Konflikte mehr.
Aber wir haben Angst, so zu leben, weil wir so konditioniert sind.
Wir akzeptieren diese Struktur von Formeln und Idealen, so wie es andere auch getan haben.
Wir leben mit ihnen, wir akzeptieren den Konflikt als Lebensweise.
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Aber wenn wir all das sehen, wenn wir nicht verbal, nicht theoretisch, nicht intellektuell, sondern mit unserem ganzen Wesen die Absurdität dieser Lebensweise spüren, dann haben wir die Fülle der Energie, die entsteht, wenn es überhaupt keinen Konflikt gibt.
Dann gibt es nur noch die Tatsache und sonst nichts.
Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass man gierig besitzergreifend und dominierend ist, während das Streben nach dem Ideal, dass man nicht gierig sein sollte keine Tatsache ist, sondern reine Energieverschwendung.
Das ist man der vorhandenen Tatsache seine ganze Aufmerksamkeit schenkt, dann man die Energie, sie aufzulösen, und kannst frei leben, ohne jedes Ideal, ohne jedes Prinzip, ohne jeden Glauben.
Und das bedeutet zu lieben und das Sterben von allem, was in der Vergangenheit war.
Amsterdam, 11. Mai 1969
- Leben
- 1982-Natur des Verstandes-1-Wurzeln psychologischer Störung-Jiddu Krishnamurti-Rupert Sheldrake
