Der Tod

Der Tod – A. W. Anderson: Wir begannen, über die Beziehung des Bewusstseins zum Tod zu sprechen, zum Tod, der zusammen mit dem Leben eine einzige totale Bewegung ist. Zum Schluss haben wir sogar das Thema Reinkarnation berührt …

Krishnamurti: Ein Punkt bei der Frage des Todes ist, dass wir schon vor dem Wort selbst soviel Angst haben. Niemand spricht darüber. Es gehört nicht zur alltäglichen Unterhaltung. Es ist etwas, das vermieden werden muss, etwas das unausweichlich ist. Also weisen wir es um Gottes willen so weit wie möglich von uns fort. Das ist das Allerabsurdeste.

Was wir jetzt besprechen, ist das Verstehen des Todes, seine Beziehung zum Leben und zu dem, was wir Liebe nennen. Man kann unmöglich die Unermesslichkeit – und es ist Unermesslichkeit – dessen, was man Tod nennt, verstehen, wenn es nicht wirkliche Freiheit von Angst gibt. Darum haben wir kürzlich über das Problem Angst gesprochen. Ohne dass sich der Geist nicht selbst wirklich von Angst befreit, gibt es keine Möglichkeit, die außerordentliche Schönheit, Kraft und Vitalität des Todes zu verstehen.

A. W. Anderson: Das ist eine sehr bemerkenswerte Art, es auszudrücken – die Vitalität des Todes. Normalerweise betrachten wir ihn als die totale Negation des Lebens.

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Krishnamurti: Als Negation des Lebens, das ist richtig. Wenn wir nun also die Frage des Todes untersuchen, dann darf keinerlei Angst in uns existieren. Dann kann ich weiterforschen. Dann kann ich herausfinden, was Tod bedeutet. Wir haben die Reinkarnation ganz kurz angesprochen, den Glauben, an dem der Osten festhält, und der keine Realität im täglichen Leben hat. Es ist, als ginge man jeden Sonntag zur Kirche und wäre die restlichen sechs Tage der Woche boshaft. Wenn jemand, der wirklich ernsthaft und wirklich aufmerksam ist, diese Frage des Todes erforscht, muss er seine Bedeutung, seine Qualität und nicht das Enden verstehen. Und das werden wir jetzt ein wenig untersuchen.

Die alten Ägypter, die Pharaonen verschiedener Dynastien, haben sich auf den Tod vorbereitet. Sie sagten, wir werden den Fluss mit all unseren Gütern, all unseren Triumphwagen, all unserem Besitz und unserem Eigentum überqueren. Und darum waren ihre Höhlen und ihre Gräber mit allen notwendigen Dingen des täglichen Lebens, Getreide usw. gefüllt. Das Leben war also nur der Weg zum Sterben. Das ist die eine Art, es zu sehen. Die andere ist die Reinkarnation, die Anschauungsweise der Inder, der Asiaten. Und es gibt die christliche Idee der Wiedererweckung. Man wird wieder geboren und vom Erzengel Gabriel zur Belohnung in den Himmel getragen.

Was aber ist Tatsache? Dieses sind alles Theorien, Vermutungen, Glaube und Nicht-Tatsachen. Ich meine, jemand – angenommen als Jesus geboren – entsteigt körperlich wiedererstanden seinem Grab. Es ist einfach ein Glaube. Es gab keine Kameras. Zehn Leute behaupteten, es gesehen zu haben. Es ist etwas, das sich einige einbildeten. Da ist also dieses Leben und die Vorbereitung auf den Tod, wie bei den alten Ägyptern. Dann ist da die Reinkarnation. Und dann gibt es die Wiederauferstehung.

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Wenn man aber keine Angst hat, was ist dann der Tod? Was ist es, das stirbt, abgesehen vom Organismus? Wenn Sie sehr sorgsam damit umgehen, mag der Organismus für 80, 90 oder 100 Jahre Bestand haben. Wenn Sie keine Krankheit, keine Unfälle haben, wenn sie vernünftig, gesund leben, werden Sie vielleicht 100 oder 110 Jahre überdauern. Und was dann? Sie leben 100 Jahre – wofür? Für diese Art von Leben – Kampf, Hader, Zank, Verbitterung, Ärger, Eifersucht, Oberflächlichkeit, ein bedeutungsloses Dasein. So wie wir jetzt leben, ist es ein bedeutungsloses Dasein.

Was stirbt also? Und wovor habe ich Angst? Was ist es, das uns vor dem Tod Angst macht? Das Verlieren von dem, was wir kennen? Meine Frau verlieren? Mein Haus verlieren? Die Dinge verlieren, die ich erworben und angeschafft habe? Den Inhalt meines Bewusstseins verlieren?

Meine Frage lautet also: Kann der Inhalt des Bewusstseins vollkommen ausgeräumt werden? Verstehen Sie, was Leben bedeutet? Wenn der Inhalt vollkommen ausgeräumt ist, bedeutet das Sterben Leben, das heißt, keinerlei Bindung. Es ist kein brutales Abschneiden, sondern das Verstehen von Bindung, von Abhängigkeit, von Besitz, von Macht, von Stellung, von Angst. Das Leerwerden von all diesem ist der wirkliche Tod. Und darum bedeutet das Leeren des Bewusstseins, dass das Bewusstsein, welches seine eigene Begrenzung durch seinen Inhalt geschaffen hat, zu einem Ende kommt. Ich frage mich, ob Ihnen das klar ist?

A. W. Anderson: Ja, ich habe Ihnen sehr aufmerksam zugehört, und es scheint mir eine grundlegende Beziehung zwischen Geburt und Tod zu geben. Aber die beiden werden nicht auf der tiefen Ebene begriffen, über die Sie gerade zu sprechen beginnen, wenn sie als zwei Momente in einem Kreislauf betrachtet werden.

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Krishnamurti: So ist es. Der Tod wird also zu etwas Lebendigem, wenn der Inhalt des Bewusstseins, das seine eigene Grenze, seine eigene Begrenzung schafft, zu einem Ende kommt. Das ist keine Theorie, keine Spekulation, kein intellektuelles Begreifen, sondern das wirkliche Wahrnehmen von Bindung – lassen Sie uns das als ein Beispiel benutzen: An irgend etwas gebunden sein, an Besitz, Mann, Frau, das Buch, das ich geschrieben habe, oder das Wissen, das ich erworben habe. Bindung und der Kampf darum, ungebunden zu sein, denn Bindung bringt Schmerz. Darum sage ich mir, ich muss ungebunden sein, und der Kampf beginnt. Und das ist der ganze Inhalt meines Bewusstseins, dieser Kampf, den wir eben beschrieben haben.



Der Tod – Teil 2

Kann nun dieser Inhalt sich selbst ausräumen oder durch einen Akt der Wahrnehmung ausgeräumt werden? Kann dieser ganze Inhalt einschließlich seines unbewussten Anteils beobachtet werden? Ich kann bewusst den Inhalt meines Bewusstseins wahrnehmen, mein Haus, meinen Besitz, meine Frau, meine Kinder, meinen Job, die Dinge, die ich erworben, die ich erlernt habe. Ich kann all diese Dinge bewusst wahrnehmen. Es gibt aber auch einen verborgenen Inhalt in den tiefsten Winkeln meines Bewusstseins, der rassisch, kollektiv, anerzogen ist, all die Dinge, die ich unbewusst angesammelt habe, die Einflüsse, der Druck, die Anspannungen des Lebens in einer Welt, die korrupt ist. All das ist eingesickert, all das hat sich darin angesammelt.

A. W. Anderson: Sowohl persönlich als auch unpersönlich. Das schließt sowohl das ein, was die Tiefenpsychologen das kollektive Unbewusste nennen, wie auch das persönliche Bewusstsein.

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Krishnamurti: Das Kollektive auch. Kann das nun alles enthüllt werden? Denn das ist sehr wichtig. Denn wenn der Verstand wirklich die volle Bedeutung des Todes verstehen und begreifen will, seine ungeheure Größe, die hohe Qualität eines Geistes, der sagt: »Ja, das ist beendet«, dann gibt ihm das eine enorme Vitalität und Energie.

Meine Frage lautet also: Kann der Geist den gesamten Inhalt vollständig wahrnehmen, den versteckten wie den offenliegenden, den kollektiven, den persönlichen, den rassischen, den flüchtigen – das Ganze? Wir behaupten gewöhnlich, es sei durch Analyse möglich. Ich habe gesagt: Analyse ist Paralyse, ist Lähmung. Denn jede Analyse muss perfekt, muss abgeschlossen sein. Und man hat Angst, sie könne nicht abgeschlossen sein. Und wenn man sie nicht vollständig abgeschlossen hat, nimmt man sie als Erinnerung mit, die dann den nächsten Zwischenfall analysiert. Jede Analyse bringt daher ihre eigene Unvollständigkeit mit sich. Darum ist sie völlig lähmend.

A. W. Anderson: Mich berührt sehr, dass eine sehr klare Beziehung zwischen dem Tod, wie wir ihn normalerweise betrachten, und dem besteht, was Sie über die endlose Folge von analytischen Handlungen sagten. Wir betrachten den Tod als Endpunkt einer Linie. Wir denken lateral. Im Gegensatz dazu sagten Sie, man müsse dies vertikal sehen. Und wenn wir den Tod nun aus dieser neuen Perspektive betrachten, sehen wir den Tod nicht länger nur als einen Moment des Endens. Es findet hier ein totaler qualitativer Wandel statt. Es kommt nicht etwas zu einem Ende, das wir bedauern müssen, als hätten wir etwas Wertvolles verloren.

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Krishnamurti: Ja, ich verlasse meine Frau und meine Kinder und meinen Besitz, mein Bankkonto. Wenn man sich sehr tief gehend damit befasst, dann gibt es diesen Inhalt, der mein erworbenes, ererbtes, aufgebürdetes, beeinflusstes Bewusstsein ist, mit allem an Propaganda, Bindung, Lösung, Angst, Furcht, Vergnügen und auch den versteckten Dingen. Ich sehe, da Analyse in Wirklichkeit Paralyse ist – dies ist nicht eine intellektuelle Vermutung, sondern es ist wirklich eine unvollständige Handlung –, kann sie niemals eine vollständige Handlung hervorbringen. Schließlich bedeutet das Wort Analyse Zerlegung. Deshalb lehne ich sie vollständig ab. Ich werde nicht analysieren, denn ich sehe die Dummheit, den lähmenden Prozess darin.

Was soll ich also tun? Denn das ist die Tradition: Selbstbetrachtung oder Analyse durch mich selbst oder einen Fachmann, was jetzt in Mode ist. Wenn der Verstand also die Wahrheit darin erkennt, und darum die Analyse wegfällt, was soll der Verstand dann mit dem Inhalt tun? Wir kennen den Inhalt. Wir müssen das nicht ausführlich beschreiben. Was muss man also tun? Er muss ausgeräumt werden, sonst ist es nur ein Weitermachen. Analyse umfasst den Analysierenden und das Analysierte. Ich analysiere meinen Ärger.

Wer ist der Analysierende? Er ist ein Teil des Fragments, das Ärger ist. Der Analysierende behauptet also, vom Analysierten getrennt zu sein. Wenn ich aber die Wahrheit erkenne, dass nämlich der Analysierende das Analysierte ist, dann findet eine vollkommen andere Handlung statt. Dann gibt es keinen Konflikt zwischen dem Analysierenden und dem Analysierten. Dann gibt es sofortiges Handeln, eine Wahrnehmung, die das »was ist« beendet und darüber hinausgeht. Schließlich ist der Beobachter das Wissen. Analyse beinhaltet den Analysierenden und das Analysierte. Der Analysierende ist das Analysierte. Und ebenso beinhaltet die Analyse Zeit, Dauer. Ich brauche Zeit, um aufzudecken, auszugraben, und es wird mich für den Rest meines Lebens beschäftigen.

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Der wahrnehmende Verstand legt die Analyse vollkommen ab. Nicht, weil sie sich nicht lohnt, nicht weil sie mich nicht dorthin führt, wohin ich möchte, sondern weil ich sehe, dass das Bewusstsein sich unmöglich seines Inhalts entledigen kann, wenn der Verstand sich ihm auf dieser Schiene nähert. Der Analysierende und die Zeit: Ich sehe die völlige Sinnlosigkeit der Tatsache, dass ich nach vierzig Jahren immer noch analysiere.

Aber der Verstand muss seinen Inhalt erkennen, muss seiner vollkommen gewahr sein, nicht nur einiger Bruchstücke. Wie ist das nun möglich? Denn das ist in Beziehung zum Tod sehr wichtig. Denn der Inhalt meines Bewusstseins ist Bewusstsein. Dieses Bewusstsein bin ich, mein Ego, mein Reden von »ich und du«, »wir und sie« – ganz gleich ob »sie« nun die Kommunisten, die Katholiken, die Protestanten oder die Hindus sind – »wir und sie«.



Der Tod – Teil 3

Es ist also sehr wichtig herauszufinden, ob es möglich ist, dass das Bewusstsein sich seines Inhalts entledigt, und herauszufinden, was das Sterben des Ich bedeutet. Denn das ist das »Ich«. Ich, der ich so gearbeitet habe, der ich ein rechtschaffenes oder ein nichtrechtschaffenes Leben gelebt habe, der soviel getan hat, Böses oder Gutes, der ich mich so abgemüht habe mich zu bessern, der ich so nett gewesen bin, so sanft, so ärgerlich, so bitter.

Und wenn Sie sagen, leeren Sie Ihr Bewusstsein, heißt das, dass Sie mich bitten, all dem zu sterben. Da berühren Sie die Wurzel der Angst selbst, die Wurzel des Entsetzens vor dem Nichtsein. Das ist es. Und ich möchte dieses Ich unsterblich machen. Ich tue das, indem ich ein berühmtes Buch schreibe, oder indem ich male, durch irgendwelche Werke, durch gute Taten, durch Bauten oder sonstwas. Ich mache mich unsterblich.

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A. W. Anderson: Das hat einen sehr schädlichen Effekt innerhalb der Familie, denn wir müssen einen Sohn haben, um den Namen rechtzeitig unsterblich zu machen.

Krishnamurti: Darum wird die Familie zur Gefahr. Sehen Sie, was wir getan haben. Die alten Ägypter machten sich unsterblich, machten ihr Leben unsterblich durch den Gedanken, sie könnten bis in alle Ewigkeit weiterleben wie bisher, und die Räuber kommen und reißen alles in Stücke. Tutanchamun ist nur noch eine Maske, eine goldene Maske und eine Mumie.

Der Mensch hat also durch Werke Unsterblichkeit gesucht, hat auf alle mögliche Weise versucht zu finden, was unsterblich ist, nämlich das, was jenseits des Sterbens liegt.

A. W. Anderson: Es ist sehr bemerkenswert, dass das Wort »unsterblich« selbst eine Verneinung ist. Es sagt nicht, was es ist.

Krishnamurti: Wir werden herausfinden, was es ist. Dieses ist etwas sehr, sehr Ernstes: Es ist kein Spiel zwischen zwei Menschen, die eine Diskussion genießen. Es ist etwas außerordentlich Wichtiges. Was also ist Unsterblichkeit? Nicht das Buch, nicht das Gemälde, das ich gemacht habe, nicht die Reise auf den Mond und das Aufrichten irgendeiner idiotischen Flagge dort, nicht ein rechtschaffenes Leben zu führen oder ein nichtrechtschaffenes. Was ist also Unsterblichkeit? Kathedralen sind wunderschön, aber dann kommt ein Erdbeben, und weg sind sie.

Michelangelo meißelte aus Marmor etwas Wunderbares, dann kommt ein Feuer und vernichtet es, oder aber irgendein Geistesgestörter kommt mit einem Hammer und zerstört es. Also ist Unsterblichkeit in nichts davon, weil es zerstörbar ist. Jede Statue, jedes Gedicht, jedes Gemälde wird zu etwas Totem.

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Dann fragt man also, was ist Unsterblichkeit? Sie ist nicht in dem Gebäude. Erkennen Sie das. Sie ist nicht in der Kathedrale, sie ist nicht in dem Erlöser, den man erfunden hat, den das Denken erfunden hat, nicht in den Göttern, die der Mensch nach seiner eigenen Vorstellung geschaffen hat. Was ist dann Unsterblichkeit? Denn sie steht in Beziehung zu Bewusstsein und Tod. Wenn ich das nicht herausfinde, ist der Tod ein Schrecken.

Ich habe versucht, mich unsterblich zu machen, unsterblich zu werden durch die Vorstellung, es gebe Brahman, gebe einen Gott, gebe die Ewigkeit, gebe etwas Namenloses, und ich werde alles tun, mich ihm zu nähern. Darum werde ich ein rechtschaffenes Leben führen. Darum werde ich beten, ich werde betteln, ich werde gehorchen, ich werde ein Leben in Armut führen, in Keuschheit, um diese unsterbliche Wirklichkeit bei mir zu haben. Aber ich weiß, dass das alles dem Denken entsprungen ist. Ich sehe also, dass das Denken und seine Produkte die Kinder unfruchtbarer Frauen sind.

Sehen Sie, was stattfindet. Was ist dann Unsterblichkeit? Die Schönheit in der Kirche – ich habe sie nicht gebaut –, die Schönheit in der Kathedrale, die Schönheit in dem Gedicht, die Schönheit in der Skulptur, die Schönheit selbst, nicht der Gegenstand der Schönheit. Sie selbst. Sie ist unsterblich. Und ich kann es nicht begreifen, der Verstand kann es nicht begreifen, denn Schönheit befindet sich nicht im Bereich des Bewusstseins.

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A. W. Anderson: Wieder stellt das, was Sie gesagt haben, alles auf den Kopf. Wir denken, wenn etwas Schönes stirbt, das wir geschätzt haben, sterbe die Schönheit in gewisser Weise mit dem Vergänglichen. Eigentlich habe ich das Gefühl, durch den Tod dieser Schönheit beraubt zu sein, zu der Zugang zu haben ich als mein Privileg betrachtete. Ich glaube, sie sei zunichte geworden, nicht einfach nur verloren, denn was verloren ist, ist dazu bestimmt, wiedergefunden zu werden. Aber zunichte werden bedeutet, vollkommen ausgelöscht zu werden. Und daher sitzt der Glaube sehr tief, außerordentlich tief in Bezug auf das, was wir mit zunichtewerden meinen.

Tatsächlich wird das Wort nicht sehr oft benutzt, es ist ein sehr abschreckendes Wort. Wir sprechen stets davon, etwas zu verlieren, kaum jemals sagen wir, etwas werde zunichte. Nun zurück zu dem, was ich über das Auf-den-Kopf-Stellen sagte. Mir kam folgendes Bild als Metapher in den Sinn – ich hoffe, es ist nicht eines der Bilder, über die wir gerade gesprochen haben – nämlich: dass Schönheit lieber loslässt, als eingekerkert zu werden und null und nichtig zu werden, wenn etwas zugrunde geht. In gewisser Hinsicht hat Schönheit das, was sie zum Ausdruck bringt, losgelassen. Das ist das Gegenteil dessen, was man gewöhnlich denkt. Und sie hat sich genau zur rechten Zeit gelöst. Das ist es, was so wunderbar ist.

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Krishnamurti: Das ist richtig. Es wird also gedacht, Unsterblichkeit sei innerhalb des Bereiches der Zeit. Und der Tod liegt dann ebenso im Bereich der Zeit, denn ich habe durch das Denken die zeitlichen Dinge geschaffen. Und der Tod ist das Ende oder der Beginn eines Zustandes, der zeitlos ist. Davor habe ich Angst. Ich will also alles im Bereich der Zeit erhalten. Und das ist es, was wir unsterblich nennen – die Statue, das Gedicht, die Kirche, die Kathedrale. Ich sehe auch, dass all das Schaden nimmt, durch einen Unfall oder ein Erdbeben zerstört werden kann, und dann ist alles weg.



Der Tod – Teil 4

Unsterblichkeit befindet sich also nicht innerhalb des Bereiches von Zeit. Und Zeit ist Denken. Also muss alles, was das Denken schafft, im Bereich der Zeit liegen. Und doch versucht das Denken Unsterblichkeit zu erreichen, was seine eigene Unsterblichkeit ist und die der Dinge, die es geschaffen hat. Das Problem ist dann also: Kann der Verstand all das erkennen, es sehen? Und sich nicht nur vorstellen, dass er es sieht?

Der Verstand muss, wenn er dies alles wahrnimmt, wenn er wachsam ist, wenn er während unserer Diskussion fortwährend aufmerksam war, unausweichlich ohne irgendeine Anstrengung den gesamten Inhalt enthüllt sehen. Es ist wie das Lesen einer Landkarte. Sie breiten sie aus und schauen. Wenn Sie jedoch in eine bestimmte Richtung gehen wollen, schauen Sie auch nicht die ganze Landkarte an. Dann sagen Sie, ich möchte von hier nach dort gehen, die Richtung ist dort, soundsoviele Kilometer, den Rest schauen Sie gar nicht erst an.

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Worauf wir hinweisen ist: Wählen Sie keine Richtung, schauen Sie einfach. Schauen Sie ohne Absicht, ohne Wahl auf den Inhalt Ihres Bewusstseins. Nehmen Sie ihn wahr, ohne sich um Beurteilung zu bemühen. Nehmen Sie diese außergewöhnliche Landkarte wahr, ohne zu wählen. Denn dieses Gewahrsein ohne jede Absicht gibt Ihnen diese ungeheure Energie, darüber hinauszugehen. Und Sie benötigen Energie, um darüber hinauszugehen.

A. W. Anderson: Das lässt mich wieder an den Begriff der Reinkarnation denken, über die wir früher gesprochen haben. Ich sehe die dämonische Wurzel darin.

Krishnamurti: Reinkarniere im nächsten Leben. Niemand sagt: Inkarniere jetzt. Sie können nur jetzt inkarnieren, wenn Sie dem Inhalt Ihres Bewusstseins sterben. Sie können wiedergeboren, vollkommen regeneriert werden, wenn Sie diesem Inhalt sterben. Was geschieht also? Als Mensch weiß ich nicht, wie das Bewusstsein zu leeren ist. Ich bin nicht einmal daran interessiert. Ich habe nur Angst. Ich ängstige mich zu Tode. Und so bewahre ich etwas, und ich sterbe, werde verbrannt oder beerdigt. Der Inhalt besteht weiter. Wie wir schon sagten, ist mein Inhalt auch Ihr Inhalt, er unterscheidet sich nicht wesentlich. Leicht verändert, leicht verstärkt und mit besonderen Tendenzen, die von Ihrer prägenden Umgebung abhängen, ist es im wesentlichen dasselbe Bewusstsein.

Wenn der Mensch dieses Bewusstsein nicht leert, besteht dieses Bewusstsein weiter wie ein Fluss – das Ansammeln, das Anhäufen, alles geht weiter. Und aus diesem Fluss heraus äußert oder manifestiert sich jener, den wir verloren haben. Spiritistische Medien sagen in Séancen: Dein Bruder, dein Onkel, deine Frau ist hier. Was ist geschehen? Sie haben sich aus diesem Strom heraus manifestiert. Aus diesem Strom, der das kontinuierliche Bewusstsein ist, das aus Ringen, Schmerz, Unglücklichsein und all dem besteht.

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Ein Mensch, der das Bewusstsein beobachtet, anschaut und leert, gehört in keiner Hinsicht mehr zu diesem Fluss. Dann lebt er in jedem Moment aufs neue, denn er stirbt in jedem Moment: Das »Ich« kann nichts mehr ansammeln, das sich ausdrücken muss. Er stirbt jede Minute. Er lebt jede Minute und stirbt jede Minute. Darum gibt es darin – wie soll ich sagen –, es gibt keinen Inhalt. Es ist wie eine enorme aktive Energie.

A. W. Anderson: Dies gibt dem, was wir mit dem Leben nach dem Tode bezeichnen eine vollkommen andere Bedeutung. Einerseits gibt es diese Fortdauer des ungeordneten Inhalts des Bewusstseins, …

Krishnamurti: Es ist völlig ungeordnet, das ist richtig.

A. W. Anderson: … das in seinem Wesen qualitativ nicht wesentlich betroffen wird, nur weil jemand für immer aufgehört hat zu atmen. Nein. Es ist unterwegs und darum bewirkt der Versuch, der so oft nach dem Tod eines Menschen unternommen wird, mit dem Bewusstseinsfluss in Kontakt zu kommen, nur seine Verstärkung innerhalb des eigenen persönlichen Lebens. Und es tut dem weiterbestehenden Bewusstseinsinhalt etwas Schreckliches an, da man ihm weitere Nahrung gibt.

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Krishnamurti: Das ist richtig. Mich besuchte jemand, dessen Frau gestorben war. Und er glaubte wirklich, sie zu lieben. Er sagte also: »Ich muss meine Frau wiedersehen. Können Sie mir helfen?« Ich antwortete: »Welche Frau möchten Sie sehen? Diejenige, die gekocht hat? Diejenige, die die Kinder geboren hat? Diejenige, mit der Sie geschlafen haben? Diejenige, die mit Ihnen gezankt hat? Diejenige, die Sie unterdrückt, geängstigt hat?« Er sagte: »Ich möchte keine von denen sehen.

Ich möchte das Gute von ihr sehen.« Die Vorstellung des Guten, die er sich von ihr gemacht hat, nicht die hässlichen Dinge oder das, was er für hässlich hält, sondern die Idee des Guten, das er in ihr gesehen hat, das ist das Bild, das er gern treffen möchte. Ich sagte: »Seien Sie nicht kindisch.

Sie sind vollkommen unreif, denn dass Sie mit ihr geschlafen haben, dass Sie mit ihr böse waren, all das wollen Sie nicht. Sie wollen nur das Bild, das Sie von ihrer Güte haben.« Und wissen Sie, er fing an zu weinen, zum ersten Male weinte er richtig. Hinterher sagte er: »Ich habe geweint, als sie starb, aber das waren Tränen des Selbstmitleids, meine Verlassenheit, mein Gefühl, etwas zu vermissen. Jetzt weine ich, weil ich erkenne, was ich getan habe.«

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Der Tod – Teil 5

Um also den Tod zu verstehen, darf es keine Angst geben. Die Angst und der Schrecken des Todes existieren nur, wenn der Inhalt des Bewusstseins nicht verstanden ist. Und dieser Inhalt ist das Ich. Und das Ich ist der Stuhl, ist alles, woran ich gebunden bin. Es ist so dumm. Und ich habe Angst, die Familie oder das Bankkonto zu verlieren. Wenn man also in dieser Angelegenheit nicht wirklich zutiefst ernsthaft ist, kann man im eigentlichen Sinne des Wortes jetzt nicht inkarnieren. Und darum liegt die Unsterblichkeit im Buch, in der Statue, in der Kathedrale, in den Dingen, die wir zusammengesetzt haben, die wir durch das Denken zusammengesetzt haben. Das ist alles im Bereich der Zeit.

A. W. Anderson: Mir fiel gerade ein, was wir Plato durch den dauernden Versuch einer wissenschaftlichen Analyse seiner Texte angetan haben. Plato sagte ohne Umschweife, die Aufgabe eines Philosophen – nämlich eines Menschen, dem es um einen radikalen Wandel und eine Wiedergeburt geht wie sie mit Weisheit verbunden ist – sei die Praxis des Sterbens. Mit dieser Praxis ist wohl weder eine Routine noch Wiederholung gemeint, sondern ein Nichtnachlassen. Es ist möglich, aus der Praxis des Sterbens heraus in den Schrecken und den dämonischen Fluss der Zeit zu fallen. Im Tun jedoch ist das Ganze eine fortwährende Bewegung …

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Krishnamurti: Also steht die Zeit still: Sehen Sie die Schönheit darin. Und es ist diese Schönheit, die unsterblich ist, nicht die Dinge, die das Denken geschaffen hat. Also ist Leben Sterben. Und Liebe ist im Grunde genommen das Sterben des Ich. Sie ist nicht das, wovon das Denken behauptet, es sei Liebe, wie Sex und Vergnügen. Der Zeit sterben ist Liebe. Leben, Liebe und Tod sind also eins, nicht gespalten, nicht getrennt, nicht entzweit, nicht im Bereich der Zeit, sondern ein lebendiges, bewegliches, unteilbares Ganzes. Und das ist unsterblich.

Die meisten von uns sind falsch erzogen worden. Von Kindheit an sind wir nicht zur Ernsthaftigkeit erzogen worden. Von Kindheit an hat man uns die Kultivierung des Denkens nahegebracht, die Ausdrucksformen und den Glanz des Denkens. Unsere ganze Philosophie, unsere Bücher, alles basiert darauf. Und wenn Sie sagen: »Stirb all dem«, erzeugen Sie den Schrecken vor dem Nichtwissen. Dieses Wissen gibt mir doch Sicherheit. Dann wird das Wissen zum Bereich meiner Sicherheit. Und Sie fordern mich auf, das alles aufzugeben, all dem zu sterben. Und ich sage, Sie sind wahnsinnig. Wie kann ich all dem sterben, es ist ein Teil von mir.

A. W. Anderson: Es gibt einen sehr schönen Zen-Spruch, der sich hierauf zu beziehen scheint, wenn er richtig verstanden wird. Er handelt davon, mit geöffneten Händen vom Kliff zu springen. Die Hände greifen immer nach der Vergangenheit oder recken sich der Zukunft entgegen, und wir kommen niemals von diesem horizontalen Gleis weg.

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Krishnamurti: Dann stellt sich die Frage, was bedeutet es, in der Gegenwart zu leben? Tod ist Zukunft. Und ich habe vierzig Jahre lang gelebt und all das angesammelt. Was also ist die Gegenwart? Die Gegenwart ist der Tod des Bewusstseinsinhalts. Es liegt ungeheure Schönheit darin. Denn es bedeutet keinen Konflikt, kein Morgen. Wenn Sie jemandem, der liebt, jemandem, der sich morgen seines Mannes oder seiner Frau erfreuen will, sagen, dass es kein Morgen gibt, wird er sagen, worüber reden Sie eigentlich?

Darum: Können wir unsere Kinder, unsere Schüler lehren, vollkommen anders zu leben – zu leben, zu verstehen und zu handeln mit einem Verständnis für den Inhalt des Bewusstseins und für die Schönheit, die in all diesem liegt? Wenn Sie die Schönheit darin erkennen, findet es statt. Es ist nicht das Ergebnis eines Denkvorgangs. Es ist nicht das Ergebnis menschlichen Denkens, Denkens, Denkens. Es ist die tatsächliche Wahrnehmung dessen, »was ist«.

A. W. Anderson: Es ist erstaunlich, dass es sich an der Wurzel um dieselbe Energie handelt. Es betrifft doch nicht eine andere Energie, die Gott genannt wird.

Krishnamurti: Nein, das brächte etwas von außen Wirkendes herein. Es ist dieselbe verschwendete, verstreute Energie, die nicht länger verschwendet und verstreut wird.

A. W. Anderson: Daher erfolgt ein totaler Wandel. Die Transformation eines jeden Individuums ist total.

Krishnamurti: Und sie findet nicht innerhalb des Bereiches von Zeit und Wissen statt. Sie sehen, wie sie zueinander in Beziehung stehen.

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A. W. Anderson: Es scheint mir nicht in der Verantwortung des einen gegenüber dem anderen zu liegen, etwas zu tun. Wir beginnen zusammen zu schauen, nur ganz ruhig zu schauen. Und diese Aktivität ist nicht geplant – sie erblüht, um Ihr schönes Wort zu gebrauchen. Es bedarf keines Kunstgriffes, keiner Anleitung. Sie wächst irgendwie aus sich selbst heraus. Die Einheit von Tod, Leben und Liebe war eine wundervolle Offenbarung. Ich hoffe, dass wir dieses im Zusammenhang mit Erziehung in unserem nächsten Gespräch noch weiterverfolgen können.

Der Tod
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