Der Anfang der Liebe

Und ohne den Beobachter zu sehen, das heißt also ohne die Vergangenheit, ohne die Erinnerung, ohne all die gesammelten Hoffnungen und Ängste, die Freude und den Genuss, den Kummer und die Verzweiflung – auf solche Weise zu sehen, ist der Anfang der Liebe.


Es wäre für mich interessant zu erfahren, warum die meisten von Ihnen hier sind. Vielleicht sind Sie aus Neugier gekommen, oder Sie haben den echten Wunsch zu hören, was ein Mann aus dem Osten zu sagen hat. Zunächst muss klargestellt werden, dass der Sprecher in keiner Weise Indien, indisches Denken, indische Philosophie oder den »geheimnisvollen Orient« repräsentiert.

Ich meine, es ist wichtig, dass wir eine gewisse Kommunikation zwischen uns herstellen. Heutzutage wird viel von Kommunikation geredet; und man macht viel Aufhebens davon. Es ist sicher eine einfache Sache, sich mit einem anderen zu verständigen, in Kommunikation zu treten. Das Schwierige ist nur, dass leider jeder von uns das Gesagte übersetzt, vergleicht, beurteilt – wir hören nicht einmal zu! Wenn wir jedoch aufmerksam und ernsthaft zuhören, dann ist Kommunikation leicht.

Es braucht nur einer etwas zu sagen, und sei es noch so merkwürdig, und wenn Sie überhaupt den ernsten Wunsch haben zu erfahren, dann hören Sie mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu, mit einer gewissen Zuneigung, nicht nur mit dem kritischen Verstand – der natürlich auch dazugehört –, sondern man geht dem Gesagten in jeder Einzelheit nach. Wer auf diese Weise untersuchen und aufmerksam zuhören will, muss frei sein – frei vom Image, der Tradition, dem Ruf, den der Sprecher unglücklicherweise hat, so dass Sie in der Lage sind, direkt und unmittelbar zuzuhören, um zu verstehen. Wenn Sie jedoch bestimmten Denkgeleisen, bestimmten gewohnheitsmässigen Tendenzen, Schlüssen und Vorurteilen folgen wollen, dann ist es mit der Kommunikation natürlich aus.

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Es scheint mir von Anfang an sehr wichtig, dass Sie nicht nur erfahren, was der Sprecher zu sagen hat, sondern auch, wie Sie zuhören. Wenn Sie mit der Tendenz zuhören, aus dem Gesagten bestimmte Schlüsse zu ziehen, und es mit dem vergleichen, was Sie schon wissen, dann wird das, was der Redner zu sagen hat, lediglich eine Sache der Zustimmung oder Ablehnung, ein Gegenstand für verstandesmäßge Prüfung oder intellektuelles Amüsement.

Wenn wir daher während dieser Gespräche eine richtige Beziehung, eine richtige Kommunikation zwischen Ihnen und dem Sprecher herstellen können, dann haben wir vielleicht eine Chance, tief und mit Ernst in diese ganze komplexe Frage des Lebens einzudringen und zu erfahren, ob es für so stark konditionierte Menschen überhaupt möglich ist oder nicht, sich zu ändern, eine innere Revolution im eigenen Gemüt herbeizuführen. Darum geht es vor allem, nicht um eine orientalische Philosophie oder ein Denkkonzept, das wir uns vorstellen, das zu verschiedenen Schlussfolgerungen führt und alte Ideen durch neue ersetzt.

Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich meine, dass es sehr wichtig ist, die Kunst des Zuhörens zu lernen. Wir hören nicht zu, und wenn wir es tun, dann durch einen Filter von Worten, Begriffen und Schlussfolgerungen, eingefärbt nach unserer eigenen Erfahrung. Dieser Filter hindert uns am Zuhören, dieser grossen und anscheinend ganz vernachläßigten Kunst: so innig, so vollständig, so eingehend zuzuhören, dass wir nicht nur in Kommunikation miteinander, sondern darüber hinaus in einer Art Kommunion sind, wie zwei Freunde, die sich aufrichtig und ernst um etwas bemühen. Kommunion ist etwas ganz anderes als Kommunikation.

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Für das erstere müssen wir nicht nur wissen, was Worte bedeuten, und uns dabei voll bewusst sein, dass das Wort nie das Ding, die Beschreibung nie das Beschriebene ist, sondern wir müssen zugleich in dem geistigen Zustand sein, dessen Eigenschaften, Aufmerksamkeit und Sorgfalt, ein gewisses inniges Sorge-tragen sind. Das kann sich nur ereignen, wenn wir beide sehr ernst sind.

Das Leben verlangt großen Ernst, nicht nur flüchtige, gelegentliche Aufmerksamkeit, sondern dauerndes Wachen und Auf-der-Hut-sein, denn unsere Probleme sind immens und außerordentlich komplex. Nur ein sehr ernster, der wahrhaften Suche fähiger, freier Geist kann die Lösung unserer Probleme finden; und das wollen wir jetzt versuchen. Wir wollen uns nicht nur auf der verbalen, sondern auf einer anderen Ebene miteinander verständigen; wir wollen miteinander in Kommunion sein, und das ist viel wichtiger als die bloß verbale Kommunikation.

Wenn wir also während dieser Gespräche mit klaren Augen dieses ungeheuer komplexe Geschäft des Lebens betrachten können, mit jungen, frischen und unschuldigen Augen, dann gewinnen unsere Probleme vielleicht eine ganz andere Bedeutung. Wie ich vorhin sagte, dürfen wir nicht nur auf die Worte hören, sondern müssen auch erkennen, dass das Wort nie das Ding und die Beschreibung nie das Beschriebene ist. Um auf diese Weise zuhören zu können, muss es Freiheit geben; Freiheit von Schlussfolgerungen, Vorurteilen, Bildern und Symbolen, damit wir beide in der Lage sind, direkt, unmittelbar, intensiv die Probleme unseres täglichen Lebens und unseres ganzen Dasein zu betrachten, damit wir herausfinden, ob es überhaupt einen Sinn hat.

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Man kann auf der ganzen Welt beobachten, dass alle Menschen, gleich, welcher Hautfarbe, welchen Glaubens, welcher Nationalität, ihre Probleme haben; in ihren Beziehungen zueinander, durch das Leben in einer so korrupten Gesellschaft; die die Menschheit über Jahrhunderte hin errichtet hat. Der Mensch ist selbst für diese Struktur verantwortlich, denn diese Gesellschaft ist das Produkt seiner Hoffnungen und Ansprüche, seiner Gewalt, seiner Ängste und Ambitionen, und in dieser Struktur sind wir Menschen gefangen. Zwischen ihr und dem Menschen gibt es keinen Unterschied.

Die eigentliche Frage lautet also, ob wir Menschen, wie wir jetzt sind und wie wir in dieser komplexen, korrupten Gesellschaft mit ihren Kriegen, Kämpfen, Ambitionen und ihrem Wettstreit leben, in uns selbst eine radikale Wandlung herbeiführen können, nicht allmählich, d. h. mit der Zeit, im Laufe vieler Tage und Jahre, sondern ob es möglich ist, uns augenblicklich zu wandeln, ohne den Zeitfaktor gelten-zulassen.

Offenbar ist der Mensch eingeschworen auf Kriege, auf Gewalt, und diese Gewalt herrscht in der ganzen Welt, obwohl man in Asien und besonders in Indien, wo Ideologien sprießen wie Pilze auf feuchtem Boden, sehr viel von Gewaltlosigkeit redet. Aber wir Menschen sind auf Gewalt eingeschworen, auf eine Lebensweise, die zu Krieg führt und die durch Religionen und Nationalitäten in Glaubensrichtungen, Dogmen, Rituale und außerordentliche Vorurteile gespalten ist.

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Der Mensch hat sich auf diese merkwürdige Art zu leben eingelassen. Zurecht verurteilt er den einen Krieg, ist aber gewillt, an einem anderen teilzunehmen. Er selbst ist gewalttätig, brutal und aggressiv, und die Anthropologen behaupten, das sei sein tierisches Erbteil. Aber was die Anthropologen und Spezialisten meinen, hat wenig Bedeutung, denn wir können unsere Gewalttätigkeit selbst erforschen, wie brutal wir zueinander sind, nicht nur mit Worten, sondern auch in unseren Gedanken und Gesten. Jahrtausendelang haben wir eine Lebensweise akzeptiert, die unweigerlich zum Krieg, zu Massakern führen muss, und wir vermochten nicht, dies zu ändern. Die Politiker haben es versucht, doch immer vergebens.

Wir sind gewöhnliche Menschen, keine Spezialisten oder Experten, wir leben in dieser Gesellschaft, konditioniert durch unser Milieu. Wir akzeptieren eine Lebensweise, die korrupt ist, in der es keine Liebe, nicht ein einziges Wort des Erbarmens gibt. Können wir Menschen, so wie wir nun einmal sind, daher überhaupt eine radikale Veränderung in uns selbst zuwege bringen und, mehr noch, in den Zustand treten, den der Mensch immer gesucht hat, dem er den Namen Gott, oder welchen Namen immer (Namen sind nicht wichtig), gegeben hat?

Können Menschen überhaupt dahin gelangen oder nur die wenigen Auserwählten? Wir müssen uns zuerst fragen, wie es mit der Religiosität in der heutigen Welt steht und ob es möglich ist, diese Qualität Liebe zu finden. Das Wort, wie wir wissen, ist so häßlich belastet. Wie das Wort »Gott« ist es in aller Munde, der Theologe gebraucht es, der Krämer, der Politiker, der Mann für seine Frau, das Mädchen für ihren Freund und so weiter.

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Wenn man aber das Wort unter die Lupe nimmt, dann sieht man, wie viel Leid und Elend, wie viel Konflikte und Torturen es heraufbeschworen hat; aus ihm entspringen auch Neid, Eifersucht und Furcht. Kann man sich von all dem befreien, damit eine Art von Liebe entstehen kann, die nicht korrupt ist und vom Denken nicht verunstaltet wird?

Das sind also einige unserer Probleme:

  1. Die Beziehung zwischen Mensch und Mensch und die Frage, ob er jemals mit sich selbst und seinem Nachbarn in Frieden leben kann;
  2. ob es eine Wirklichkeit gibt, die nicht vom Denken konstruiert ist;
  3. ob es eine solche Art von Liebe, Barmherzigkeit und Zuneigung gibt, die nie von Eifersucht berührt, nie von Furcht, Angst und Schuld befleckt wird. Kann der konditionierte, festgefahrene Mensch sich jemals ganz befreien und in dieser Freiheit die Entdeckung machen, ob es eine letzte Wirklichkeit gibt oder nicht?

Wenn wir diese Frage nicht untersuchen, die Wahrheit nicht selbst aufspüren, dann wird unser Leben unweigerlich etwas Mechanisches, ein andauernder, sinnloser Kampf.

Ich bin sicher, dass wir uns dessen bewusst sind. Wenigstens die Ernsteren unter uns müssen sich die Frage gestellt haben, ob man seine Konditionierung loswerden kann, so dass man dem Leben auf eine ganz neue Weise gegenübersteht, nicht mehr als Christ oder Buddhist, Moslem oder Hindu, mit all diesen absurden Spaltungen. Kann ein so konditionierter Geist je frei und unschuldig und daher verletzlich sein?

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Die Hauptschwierigkeit liegt darin, dass der Mensch ein zersplittertes Leben führt, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich: Er ist ein Wissenschaftler, ein Arzt, ein Soldat, ein Priester, ein Theologe, ein Experte oder Fachmann auf dem einen oder anderen Gebiet. Innerlich ist sein Leben zerstückelt, in Splittern. Sein Geist, sein Verstand ist manchmal listig und klug, brutal und aggressiv und ein anderes Mal freundlich, sanft und liebevoll. Er versucht, moralisch zu sein (obgleich die Moral der Gesellschaft völlig unmoralisch ist), und seine vielen, widerstreitenden Begierden sind die Ursache dieser inneren und äußeren Zersplitterung und Widersprüchlichkeit.

Der Mensch versucht immer, die Kluft zu überbrücken und eine Integration herbeizuführen. Das ist natürlich absurd, denn es kann keine Integration geben. Wenn Sie dieses Wort hinterfragen, dann müssen Sie notgedrungen auch die Frage stellen, wer diese Integration bewirken soll. Der die vielen Fragmente integrieren soll, ist doch selbst ein Teil von ihnen und kann daher unmöglich ihre Integration bewirken.

Wenn man das klar erkennt – nämlich dass diese Fragmente nie zusammengefügt, nie ein Ganzes werden können, weil das Wesen, der Beobachter, der sie zusammenfügen will, selbst dieser Zersplitterung unterliegt –, dann müssen wir offensichtlich anders vorgehen. D. h. wir müssen den Widerspruch, die Fragmente, die widerstreitenden Wünsche und Begierden sehen, beobachten und feststellen, ob es nicht möglich ist, sie zu überschreiten; und in diesem Überschreiten liegt die radikale Revolution. Dann ist der Geist nicht mehr zerrissen, nicht mehr gequält; er ist nicht mehr in Konflikt mit sich selbst und deshalb mit seinem Nachbarn, von nebenan, in Russland oder Vietnam.

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Könnten wir diese Tatsache doch betrachten, denn wir haben es nur mit Tatsachen zu tun, nicht mit Mutmaßungen oder Idealen. Ideale haben keine Bedeutung; sie sind sinnlos, die Erfindung eines superschlauen Hirns, wenn es ein Problem wie das der Gewalt nicht lösen kann. Also erfindet es Gewaltlosigkeit als ein Ideal. Die Unfähigkeit, das Problem der Gewalt zu lösen und die Schöpfung des Ideals der Gewaltlosigkeit – das heißt, irgendwann in der Zukunft sanft zu sein – bringt wieder einen Konflikt hervor, wieder einen Kampf und einen Zustand des Widerspruchs.

Es ist also wichtig, die Tatsache ins Auge zu fassen, dass wir Menschen außerordentlich gewalttätig sind, dass unsere Kultur, die Gesellschaft, in der wir leben, unsere ganze Lebensweise mit ihrer Gier, ihrem Neid, ihrem Wettkampf unweigerlich diese Gewalt hervorbringt. Noch wichtiger ist, sich dieser Gewalt im eigenen Inneren bewusst zu sein; sich bewusst zu sein, was ist; nicht, was sein sollte, denn dieses ist eine Fiktion, ein Mythos, eine romantische Vorstellung, die von allen Religionen und Idealisten in jedem Zeitalter gezüchtet und ausgebeutet wurde.

Was nützt mir das Ideal der Gewaltlosigkeit, wenn ich voller Gewalt bin? Bitte, hören Sie still und aufmerksam zu, lehnen Sie das Gesagte nicht automatisch ab! Vielleicht sind Sie große Idealisten und setzen sich für eine gute Sache ein, oder Sie haben sich einem Schlagwort verpflichtet und plötzlich tritt Ihnen ein Sprecher entgegen, der Ihnen höflich, aber bestimmt sagt, dass das alles Unfug ist. Es ist daher angebracht, dass man zuhört, um die Wahrheit herauszufinden, und dazu muss man sein besonderes Schlagwort, seine Theorie oder seinen Mythos beiseite lassen.

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Es ist deutlich zu sehen, wie die Ideale die Menschheit gespalten haben – das christliche Ideal, das hinduistische Ideal, das kommunistische Ideal –, und je nach ihren Glaubenssätzen zerfallen sie wiederum in unzählige Sekten, Protestanten, Katholiken usw. Der Mensch lässt sich also von Idealen festnageln, er ist ihr Sklave und daher unfähig zu beobachten, was ist. Er denkt immer an das, was sein sollte.

Die erste Aufgabe besteht also darin zu beobachten, was ist, und das heißt, sich selbst zu kennen, wie man wirklich ist, nicht, wie man sein sollte. Das wäre ein kindisches Spiel, ein unreifer Kampf ohne Sinn – sondern Gewalt anschauen und beobachten. Kann man sie anschauen, und wie tut man es? Das ist eine sehr schwierige Frage, denn zuerst müssen wir uns einige Faktoren klar vor Augen führen: Erstens müssen wir ohne Identifikation beobachten, ohne das Wort, ohne Zwischenraum zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Gegenstand. Wir müssen ohne Bild, ohne den Gedanken hinschauen, so dass wir die Dinge sehen, wie sie wirklich sind.

Das ist sehr wichtig, denn wenn wir nicht schauen, nicht beobachten können, was wir sind, dann werden wir unweigerlich zwischen dem, was wir sehen, und dem Sehenden einen Konflikt erzeugen. Ich beobachte, dass ich im täglichen Handeln gewalttätig bin, in Rede, Geste und Gedanken, sowohl zu Hause als auch im Büro. Ich kann aber nur dann meine Gewalttätigkeit beobachten, wenn ich keinen Versuch mache, ihr zu entfliehen oder sie zu umgehen. Doch ich entfliehe ihr notgedrungen, wenn ich zu einem Ideal Zuflucht nehme, das mir befiehlt, keine Gewalt zu üben. Ein solches Ideal wäre sinnlos.

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Es ist also wichtig, dass wir überhaupt Ernsthaftigkeit aufbringen, um das Wesen und die Struktur der Gewalt in uns selbst zu beobachten und herauszufinden, warum wir Gewalt üben. Die bloße Feststellung der Gründe setzt der Gewalt kein Ende, auch die Analyse nicht, und sei sie noch so scharfsinnig und subtil. Noch kann man Gewalt überwinden, indem man an Gewaltlosigkeit denkt. Gewalt ist nur ein Wort, und die Beschreibung dieser Gewalt ist offensichtlich nicht das Faktum. Sie sind diese Art des Beobachtens und Untersuchens vielleicht nicht gewöhnt, Sie überlassen das vielleicht lieber den Sachverständigen und folgen ihnen blindlings, und dadurch schaffen Sie eine Autorität, die zu etwas Schrecklichem wird.

Wenn Sie aber frei sein wollen von Gewalt, die so tief in uns sitzt, müssen Sie erst sich selbst kennenlernen. Das können Sie nur, Wenn Sie sich beobachten – nicht nach Jung oder Freud oder einem anderen Fachmann, denn dann erfahren Sie nur das, was sie Ihnen bereits gesagt haben, und dabei lernen Sie gar nichts. Wenn Sie sich wirklich kennenlernen wollen, müssen Sie auf die bequeme Autorität der anderen verzichten und beobachten.

Dieses Beobachten ist eine komplexe Angelegenheit; es ist schwierig. Erstens, gibt es einen Unterschied zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Gegenstand? Ich beobachte, dass ich gewalttätig bin, nicht nur an der Oberfläche und bewusst, sondern tief im Inneren; in meinem ganzen Wesen ist Gewalt. Ich beobachte sie in meiner Rede, meinem Gang, meinen Gesten und meinem ehrgeizigen Streben nach Erfolg. Besonders in diesem Land wird der Erfolg in den Himmel gehoben; man muss um jeden Preis erfolgreich sein, aber im Erfolg liegt viel Gewalt, Aggression und Brutalität.

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Ich sehe also, dass ich gewalttätig bin. Ist diese Person, die das beobachtet, unterschieden, getrennt von der Gewalt, die sie beobachtet? Das ist offensichtlich nicht der Fall. Was geschieht also? Was geschieht, wenn der Beobachter erkennt, dass er selbst die Gewalt ist, die er beobachtet? Was soll er tun, um von dieser Gewalt frei zu sein?

Ich versuche nicht, Sie zu analysieren. Das ist etwas ganz anderes und hat nichts mit unserem Gesprächsthema zu tun. Gehen wir Schritt für Schritt vor! Wenn der Beobachter selbst erkennt, dass er das Beobachtete ist, die Gewalt ist, dass sie nichts von ihm Getrenntes ist, das er ändern oder kontrollieren kann, dann existiert die Spaltung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten nicht mehr. Der Beobachter hat die Ursache des Konflikts und des Widerspruchs in sich mit einem Schlag beseitigt. Dennoch bleibt die Tatsache der Gewalt bestehen. – Ich bin von Natur aus immer noch gewalttätig, und es ist glatter Unsinn zu behaupten, dass ein Teil meines Wesens sanft und liebevoll und der andere gewalttätig sei.

Gewalt heißt Spaltung, Widerspruch, Konflikt, Trennung und Mangel an Liebe. Aber ich habe jetzt die Hauptsache eingesehen, nämlich dass der Beobachter das Beobachtete ist und daher nicht mehr im Konflikt mit ihm steht.

Ich bin die Welt, und die Welt ist ich; ich bin die Gemeinschaft und die Gemeinschaft ist ich. Um eine radikale Änderung in der Gesellschaft und in sich selbst herbeizuführen, muss der Beobachter sich einer ungeheuren Wandlung unterziehen, das heißt, er muss erkennen, dass der Beobachter und das Beobachtete eins sind. Kann ich mit meinem Geist mein Bild der Gewalt und meine eigennützigen Interessen daran beobachten? Denn das ganze Bild, das ich mir über mich selbst und die Gewalt gemacht habe, muss verschwinden, damit ein freies Beobachten möglich wird.

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Auch danach bleibt die Tatsache bestehen, dass ich gewalttätig bin, auch wenn ich sage, dass ich und die Gewalt eins sind. Was soll ich also tun? Wenn ich beobachte, dass ich gewalttätig bin und sehr klar sehe, dass der Beobachter die Gewalt ist, dann begreife ich, dass ich gar nichts tun kann, denn jede Handlung, ob positiv oder negativ, ist immer noch Teil dieser Gewalt.

Drücken wir es anders aus. Hier ist das große Problem der Egozentrik: Wir sind ungeheuer selbstsüchtig, außerordentlich selbstbezogen. Wir geben uns vielleicht große Mühe, anderen zu helfen, aber ganz tief im Inneren ist die Wurzel dieses egozentrischen Tuns. Es ist wie ein Baum, dessen Hauptwurzel tausend Verästelungen hat, und was immer der Geist tut oder unterlässt, nährt diese Wurzel. Bitte, denken Sie an das, was wir früher sagten: Die Beschreibung ist nie das Beschriebene.

Wir sehen daher die Notwendigkeit ein, in direktem Kontakt mit der Tatsache dieses egozentrischen Handelns zu stehen, das sich unentwegt in jedem von uns abspielt, die Handlung der Trennung, Isolierung, Spaltung und Zersplitterung. Was immer man tut, hat teil an dieser Handlung; und daher fragt man sich, ob es eine andere Art des Handelns geben kann. Aber schon die Fragestellung ist ein Teil dieser Zersplitterung. Dann begreift man, dass man die Gewalt in vollkommener Stille betrachten muss.

Bitte, stimmen Sie mir nicht einfach zu. Es geht hier nicht um Zustimmung oder Ablehnung, sondern um Ihre eigene Wahrnehmung. Der Sprecher ist gar nicht wichtig; wichtig ist für Sie allein, diese Dinge selbst zu erfahren, damit Sie frei sind und nicht Menschen aus zweiter Hand. Sie müssen schauen, um zu erkennen, ob es möglich ist oder nicht, von Gewalt, Stolz und Arroganz frei zu sein und so zu einer ganz anderen Eigenschaft vorzustoßen.

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Dazu müssen Sie unmittelbar schauen und selbst die Erfahrung machen; nur dann ist es Ihre eigene und nicht die eines anderen, nicht etwa, was jemand Ihnen gesagt hat, denn es gibt hier keinen Lehrer und keinen Anhänger.

Leider ist in den letzten Jahren mit dem Wort »Guru« hierzulande sehr herumgeworfen worden. Auf Sanskrit bedeutet das Wort »einer, der zeigt«, wie ein Wegweiser am Straßenrand. Man betet diesen Pfeiler jedoch nicht an und behängt ihn nicht mit Girlanden. Auch folgt man ihm nicht auf Schritt und Tritt und führt die geheimnisvollen Befehle aus, die ein Guru angeblich erteilt. Er ist nur ein Wegweiser am Straßenrand. Du liest ihn und gehst weiter.

Wir müssen also unser eigener Lehrer und Schüler sein. Es gibt außerhalb keinen Lehrer, keinen Heiland und keinen Meister. Wir müssen uns selbst ändern, und daher müssen wir lernen, uns zu beobachten und zu kennen. Dieses Kennenlernen ist faszinierend und eine fröhliche Sache. Es bedeutet, die Gewaltsamkeit kennenzulernen, die zur Struktur des Lebens gehört. Der Geist muss frei sein, um lernen zu können. Er kann nichts über Gewalt lernen, wenn wir darüber schon ein Wissen angehäuft haben. Wissen und Lernen sind zwei verschiedene Dinge. Der Arzt, der Wissenschaftler, der Ingenieur haben ein Wissen angesammelt, und mit jeder neuen Entdeckung fügen sie noch etwas hinzu, und daher wird ihr Wissen wie ein Warenlager, eine Tradition, aber das ist kein Lernen.

Lernen kann man nur in einem Zustand dauernder Bewegung. Es findet nur in der aktiven Gegenwart statt. Lernen ist eine Bewegung, ob man nun auf einer Hochschule oder etwas über sich selbst lernt. Man lernt, indem man voranschreitet, nicht indem man etwas gelernt hat und das Gelernte dann anwendet. Das hat mit Lernen nichts zu tun; es ist lediglich eine Anhäufung von Wissen.

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Im wirklichen Lernen ist Freude. Man ist nicht verzweifelt über das, was man sieht, weil man es mit keinem Ideal vergleicht, mit etwas, das sein sollte. Nur das ist da, was ist. Und um das zu beobachten, ist das Lernen ohne Grenzen. Alles ist in dir selbst, – wie der Sprecher brauchen Sie keine Bücher zu lesen –, denn der Mensch ist so alt wie die Berge und noch älter. Er ist ein Lebewesen und ein Lebewesen darf man nicht konditionieren. Aber wir haben es konditioniert und deshalb ist unser Leben eine solche Qual, ein solch sinnloser Kampf geworden.

Vielleicht wollen sie jetzt Fragen stellen. Sie wissen, um eine Frage zu stellen, muss man alles in Zweifel ziehen, auch das, was der Sprecher sagt. Er hat keinerlei Autorität, und Sie sollen skeptisch sein. Freilich muss man dabei wissen, wann man die Zügel schießen lassen kann, damit man nicht immer skeptisch ist. Es versteht sich, dass Sie Fragen stellen müssen, aber es sollen die richtigen sein, und das ist sehr schwierig. Das heißt nicht, dass ich Sie hindern will, Fragen zu stellen! Es ist sehr wichtig, eine wirklich außergewöhnliche Frage zu stellen, eine, die Sie ganz fordert, eine Frage, die für Sie, nicht für den Sprecher oder für jemand anderen wahr ist.

Diese Art von Frage müssen Sie allerdings stellen, aber gleichzeitig dürfen Sie nie von einem anderen eine Antwort erwarten, denn niemand kann Ihre Frage beantworten. Nur Narren geben Ratschläge. Stellen Sie also bitte eine ernsthafte Frage, keine irrelevante ohne Tiefe oder Sinn!



FRAGE: Sie haben von Stille gesprochen, und manchmal ist mein Geist still, aber was ist das für eine Stille, von der Sie reden?

KRISHNAMURTI: Der Sprecher kann Ihnen sagen, was diese Stille ist, aber wenn es nicht Ihre eigene ist, hat das wenig Sinn. Stille ist unbedingt erforderlich um zu schauen, zuzuhören und zu beobachten. Wenn Ihr Geist schwätzt – und das tut unser Geist immerzu–, wie können Sie dann zuhören? Wie können Sie dann einen Baum, eine Wolke, einen Vogel ohne diese Stille betrachten? Wenn Sie einen Baum oder das Licht auf einer Wolke anschauen wollen, muss Ihr Geist natürlich still sein, aber man kann ihn nicht dazu zwingen, nur weil man die Schönheit eines Baumes sehen will.

Es ist sehr wichtig, ohne ein vorgefasstes Bild zu sehen, und Sie müssen still sein, um Ihren Mann oder Ihre Frau ohne das Bild zu sehen. Sie haben jedoch aufgehört, still zu sein, wenn Sie das Bild Ihres Mannes oder Ihrer Frau mit sich herumtragen. Nur in Stille können Sie lernen. Und Liebe ist vollkommen still.

Diese Liebe ist unbekannt, weil der Gedanke, der Lust und Angst züchtet, immer einen Schatten über alles wirft. Diese Stille ist Teil der Meditation (wir wollen uns jetzt nicht damit beschäftigen, weil es zu weit führt), aber wenn wir nicht verstehen, was Meditation ist, ihre Schönheit, ihre Ekstase und ihr Segen, hat das Leben keinen Sinn. Meditation ist nicht etwas vom Leben Getrenntes, auch kein Trick, den man in einem Kloster – im Zen oder irgend einer anderen Religion – lernt. Denn Meditation ist eine Lebensweise und ein Teil dieser ungeheuren Stille, von der wir reden. Vielleicht können wir während dieser drei öffentlichen Gespräche über Meditation diskutieren und darüber, was Liebe ist und was Tod ist.



FRAGE: Können wir über Beobachtung diskutieren ohne den Beobachter?

KRISHNAMURTI: Was ist der Beobachter? Finden Sie das heraus, bitte! Gehen wir es zusammen an! Hören Sie nicht nur zu, akzeptieren Sie nicht und lehnen Sie nicht ab, sondern unternehmen wir diese Reise gemeinsam. Was ist der Beobachter?

Der Beobachter ist:

  • die Erfahrung, ob es nun die Erfahrung von gestern oder von tausend gestrigen Tagen ist.
  • das angesammelte Wissen, das Gedächtnis.
  • ihrem Wesen nach die Tradition, die Vergangenheit, die tote Asche von tausend Gestern.
  • derjenige, der sagt: »Ich bin gekränkt, ich bin böse, ich bin beleidigt worden, das ist mein Ansicht, das ist meine Meinung«, der, welcher denkt und sich in Schlagworten verstrickt hat; all dies ist der Beobachter.

Der Beobachter ist also in seinem Wesen die Vergangenheit. Können Sie schauen und beobachten ohne die Vergangenheit? Können Sie einen Baum beobachten? Beginnen wir mit etwas Einfachem! Können Sie einen Baum ohne die Vergangenheit beobachten? Können Sie einen Baum, eine Wolke, einen Vogel von außen beobachten, ohne die Vergangenheit, das heißt ohne das Wort, ohne Ihr Wissen, ohne all die Vorstellungsbilder, die Sie von einem Baum, von der Wolke, von dem Vogel haben?

Können Sie also ohne die Vergangenheit sehen? Es ist verhältnismäßig leicht, einen vertrauten Gegenstand ohne die Vergangenheit, ohne das Gestern zu betrachten, aber können Sie Ihre Frau oder Ihren Mann ohne das Bild der Vergangenheit sehen, ohne die Verletzungen und das Nörgeln, die Kämpfe und die Brutalität, die Freuden, die Genüsse und die verschiedenen Formen der versteckten und unausgesprochenen Forderungen, Hoffnungen und Ängste? Können Sie ohne all dies sehen, so dass Sie mit frischen Augen schauen? Es ist eine ziemlich mühsame Aufgabe, denn es verlangt Aufmerksamkeit, es verlangt die Freude des Lernens.

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Wir Menschen haben keine Beziehung zueinander, zu unseren Ehemännern oder Frauen, auch wenn wir noch so intim sind, auch wenn wir noch so oft miteinander geschlafen haben. Wir haben Bilder; die Beziehung ist zwischen zwei Bildern, nicht zwischen Menschen, denn Menschen sind Lebewesen, und es ist sehr gefährlich und ungewiss, zu einem Lebewesen eine Beziehung einzugehen.

Denn vor allem wollen wir Sicherheit in unserer Beziehung haben. Deshalb sagen wir, ich kenne meine Frau oder meinen Mann, meinen Nachbarn oder meinen Freund. Und ohne den Beobachter zu sehen, das heißt also ohne die Vergangenheit, ohne die Erinnerung, ohne all die gesammelten Hoffnungen und Ängste, die Freude und den Genuss, den Kummer und die Verzweiflung – auf solche Weise zu sehen, ist der Anfang der Liebe.

Der Anfang der Liebe
Der Anfang der Liebe