Das Transzendentale aus Der Flug des Adlers

Das Transzendentale aus Der Flug des Adlers: Wir haben über das Chaos in der Welt gesprochen, die große Gewalt, die Verwirrung, nicht nur im Äußeren, sondern auch im Inneren.

Gewalt ist das Ergebnis von Angst, und wir haben uns mit der Frage der Angst beschäftigt.

Ich denke, wir sollten nun auf etwas eingehen, das den meisten von Ihnen vielleicht ein wenig fremd ist: aber es muss in Betracht gezogen und nicht einfach abgelehnt werden, indem man sagt, es sei eine Illusion, eine Einbildung und so weiter.

Im Laufe der Geschichte hat der Mensch – im Bewusstsein, dass sein Leben sehr kurz ist, voller Unfälle, Leid und unvermeidlichem Tod – immer mit der Idee namens „Gott“ gelebt. Er erkannte, wie auch wir heute, dass das Leben vergänglich ist, und er wollte etwas unermesslich Großes, Erhabenes erleben, etwas, das nicht vom Verstand oder vom Gefühl erzeugt ist; er wollte eine Welt erleben oder sich in eine Welt hineinfühlen, die ganz anders ist, eine Welt, die über das Diesseits hinausgeht, die jenseits allen Elends und aller Qualen liegt. Und er hoffte, diese transzendentale Welt durch sein Suchen ausfindig zu machen.

Wir sollten uns der Frage widmen, ob es eine absolute Wirklichkeit gibt oder nicht. Es spielt keine Rolle, welchen Namen man ihr gibt. Sie ist von einer ganz anderen Dimension.

Um in ihre Tiefe einzudringen, muss man natürlich erkennen, dass es nicht ausreicht, nur auf der verbalen Ebene zu verstehen – denn die Beschreibung ist nie das Beschriebene, das Wort ist nie die Sache.

Können wir in das Mysterium eindringen – wenn es ein Mysterium ist – in das der Mensch seit jeher einzudringen oder es einzufangen versucht, indem er es herbeiruft, festhält, anbetet, sein Anhänger wird?

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Da das Leben so ist, wie es eben ist – eher oberflächlich, leer, eine quälende Angelegenheit ohne viel Sinn – versucht man ihm eine Signifikanz zu geben, indem man einen Sinn erfindet.

Mit einem gewissen Mass an Cleverness werden die Auswirkungen von Sinn und der Zweck der Erfindung ziemlich komplex.

Und wenn man die Schönheit, die Liebe oder das Gefühl der Unermesslichkeit nicht finden kann, dann mag man zynisch werden und an nichts mehr glauben.

Es ist wohl offensichtlich, dass es ziemlich absurd, illusorisch und sinnlos ist, bloss eine Ideologie oder eine Formel zu erfinden, die versichert, dass es Gott gibt oder dass es ihn nicht gibt, während das Leben überhaupt keinen Sinn hat. Das jedenfalls trifft zu für unsere Lebensweise: das Leben hat keinen Sinn. Lassen Sie uns also keinen Sinn erfinden.

Können wir gemeinsam herausfinden, ob es eine Realität, eine Wirklichkeit gibt oder nicht, die nicht nur eine intellektuelle oder emotionale Erfindung ist, eine Flucht?

Die Menschen haben während ihrer ganzen Geschichte behauptet, es gäbe eine Realität, auf die man sich vorbereiten müsse, für die man bestimmte Dinge tun müsse. Man müsse sich um derentwillen disziplinieren, jeder Form von Versuchung widerstehen, sich selbst kontrollieren, den Sex kontrollieren und sich an ein Muster halten, das von einer religiösen Autorität, den Heiligen usw. festgelegt wurde.

Dazu gehört auch die Idee, dass man die Welt verleugnen soll, sich in ein Kloster oder eine Höhle, zurückziehen soll, wo man meditieren kann, um allein zu sein und nicht in Versuchung zu geraten.

Die Absurdität eines solchen Strebens ist offensichtlich. Es ist offensichtlich unmöglich, der Welt – dem, was ist – zu entkommen; dem Leiden, der Ablenkung und all dem, was der Mensch in der Wissenschaft zusammengetragen hat.

Ist es möglich, sich selbst zu disziplinieren, ohne Unterdrückung, Kontrolle, Flucht?

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Dazu müsste man natürlich alle Theologien und alle Glaubensvorstellungen ablegen. Denn nur, wenn man jeder Form von Glauben vollständig entsagt, gibt es keine Angst mehr.

Die Grundbedeutung des Wortes „Disziplin“ ist „lernen“. Es bedeutet nicht, sich anzupassen oder ein Schüler von jemandem zu werden. Lernen bedeutet nicht, zu imitieren oder zu unterdrücken, sondern sich dem Unbekannten zu öffnen.

Der eigentliche Akt des Lernens erfordert Disziplin. Eine Disziplin, die sich nicht aufdrängt und sich auch nicht an eine Ideologie anpasst. Es ist nicht die harte Strenge des Mönchs.

Denn ohne eine echte, tiefgründige Strenge führt unser alltägliches Verhalten nur zu Unordnung.

Es ist deshalb äusserst wichtig, eine vollendete Ordnung in sich selbst zu haben, gleich einer mathematische Ordnung, nicht relativ, nicht vergleichend, nicht durch Umwelteinflüsse hervorgebracht.

Rechtes Verhalten setzt einen geordneten Geist voraus. Ein gequälter, frustrierter Geist, der von der Umwelt und der gesellschaftlichen Moral abhängig ist, ist natürlich verwirrt. Und ein verwirrter Geist kann nicht erkennen, was wahr ist.

Wenn man sieht, dass die gesellschaftliche Moral an sich unmoralisch ist, dann sieht man auch, dass es einer ganz anderen Moral bedarf, um in sich selbst und auch außerhalb von sich selbst eine stabile Ordnung herzustellen. Diese Moral besteht im Handeln – es ist keine ideelle oder begriffliche Moral, sondern tatsächliches moralisches Verhalten.

Wenn ein verständiger Mensch dieses seltsame Mysterium erfassen will, – wenn es denn so etwas gibt –, muss er die Grundlage für sein Verhalten, auf eine Moral legen, die nicht mit der Moral der Gesellschaft identisch ist.

Eine Moral, in der es keine Angst gibt und die deshalb frei ist.

Erst dann – wenn dieses tiefe Fundament gelegt worden ist – kann der Geist herausfinden, was Meditation ist, jene Qualität der Stille, der Beobachtung, in welcher es keinen „Beobachter“ gibt.

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Wenn diese Grundlage für rechtschaffenes Verhalten nicht im eigenen Leben, im eigenen Handeln stattfindet, dann hat Meditation sehr wenig Bedeutung.

In der östlichen Welt gibt es viele Schulen, Systeme und Methoden der Meditation, die in den Westen gebracht wurden. – einschließlich Zen und Yoga.

Es ist sehr wichtig, die Idee, dass der Geist durch das Befolgen irgendeiner Methode, eines überliefertes System, ein bestimmten Musters zu dieser Realität gelangen könne, sehr deutlich zu durchschauen.

Nur dann kann man sehen, wie absurd die Sache ist, egal ob sie aus dem Osten kommt oder hier erfunden wurde.

Jede Methode impliziert Konformität, Wiederholung.

Die Methode impliziert die Idee, dass es jemanden gibt, der eine gewisse Erleuchtung erreicht hat, und einem sagt, tue dies und tue das nicht.

Und wir, die wir so begierig darauf sind, diese Realität zu gewinnen, gehorchen, passen uns an, üben, was uns gesagt wurde, Tag für Tag, wie ein Haufen von Maschinen.

Ein stumpfer, unsensibler Verstand, ein Verstand, der nicht hochintelligent ist, mag eine Methode endlos praktizieren; er wird dabei aber immer stumpfer, immer dümmer.

Seine «eigenen Erfahrungen» bewegen sich innerhalb seiner eigenen Konditionierung.

Diese Traditionen, die in früherer Zeit in Indien und in ganz Asien explodierten, beschäftigt den menschlichen Geist noch heute – endlose Bände sind darüber geschrieben worden.

Aber jede Form von Tradition – ein Überbleibsel aus der Vergangenheit – die benutzt wird, um herauszufinden, ob es eine große Realität gibt, führt offensichtlich nicht ans Ziel.

Der Geist muss frei sein von jeder Form spiritueller Tradition und Einschränkung.

Wenn der Geist nicht frei ist, verliert man die höchste Form der Erkenntniskraft vollkommen.

Was ist dann Meditation, wenn sie nicht überliefert ist?

Nicht-überlieferte Meditation kann dich niemand lehren. Es gibt keinen bestimmten Pfad von dem man sagen kann: „Dieser Pfad wird mich lehren, was Meditation ist“.

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Der einzige Sinn der Meditation liegt in der vollkommen Beruhigung des Geistes.

Die Stille des Geistes betrifft nicht nur die bewussten Ebene, sondern auch die tiefen, geheimen und verborgenen Ebenen des Bewusstseins.

Der Geist ist so vollkommen und völlig still, dass die Gedanken schweigen, anstatt in alle Richtungen umherzuwandern.

Eine der traditionellen Meditationslehrer, des traditionellen Ansatzes, über den wir hier sprechen, besagt, dass die Gedanken kontrolliert werden müssen.

Doch diese Lehre muss komplett beiseite gelassen werden. Und um dies zu bewerkstelligen, muss man sie sehr genau durchschauen, objektiv, ohne Emotionen.

Traditionelle Methoden sagen auch, dass man einen Guru, einen Lehrer, haben muss, der einem bei der Meditation hilft und sagt, was man tun soll.

Aber das Prinzip, dass jemand anderes etwas weiß und du nicht, und dass derjenige, der weiß, dich lehren wird, dir Erleuchtung geben wird, – impliziert eine Autorität von einem Meister, Guru, Retter, Sohn Gottes und so weiter.

Diese Autorität sagt dir, welcher Methode du folgen sollst – Tag für Tag – bis du schließlich ankommen wirst – wenn du Glück hast.

Das bedeutet, dass du den ganzen Tag mit dir selbst kämpfst, versuchst, dich einem Muster, einem System anzupassen, versuchst, deine eigenen Wünsche, deine eigenen Begierden, deinen eigenen Neid, deine Eifersucht, deine Ambitionen zu unterdrücken.

Und so gibt es immer Konflikt zwischen dem, was du bist, und dem, was nach dem System sein sollte. Das bedeutet Anstrengung. Ein Geist, der sich anstrengt, kann niemals ruhig sein.

Durch Anstrengung kann der Geist niemals völlig still werden.

Die Tradition sagt, dass man sich konzentrieren soll, um seine Gedanken zu kontrollieren.

Sich zu konzentrieren bedeutet lediglich, etwas abzuwehren, eine Mauer um sich herum zu errichten, sich zu schützen durch eine alles ausschließende Fokussierung auf eine Idee, ein Prinzip, ein Bild oder was auch immer.

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Die Tradition sagt, dass man all dies auf sich nehmen muss, um das zu finden, was man finden will.

Die Tradition sagt auch, du sollst keinen Sex haben sollst, sollst diese Welt nicht beachten, so wie alle Heiligen, die mehr oder weniger neurotisch sind, es immer gesagt haben.

Wenn man deutlich sieht, was alles mit diesen Verhaltensregeln verbunden ist, nicht nur als verbale und intellektuelle Vorstellung, sondern in seiner tatsächlichen Konsequenz – und man kann es nur sehen, wenn man sich nicht darauf einlässt und es objektiv betrachten kann – dann löst man sich von diesen Ideen.

Man muss das falsche Denken und Handeln vollständig ablegen, ein für alle Mal, denn nur dann wird der Geist frei und seiner eigenen Erkenntniskraft bewusst bewusst und ist nicht mehr anfällig für Illusionen.

Um im tiefsten Sinne des Wortes zu meditieren, muss man rechtschaffen, moralisch sein; gemeint ist nicht die Moral gemäss einer Vorgabe, einer formellen Praxis oder sozialen Ordnung, sondern die Moral, die sich ganz natürlich, unvermeidlich und sanft einstellt, wenn man anfängt, sich selbst zu verstehen, wenn man sich seiner Gedanken, seiner Gefühle, seiner Aktivitäten, seiner Begierden, seiner Ambitionen und so weiter bewusst ist – bewusst, ohne irgendeine Wahl zu treffen, nur beobachtend.

Aus dieser Beobachtung heraus entsteht rechtes Handeln, das nichts mit Konformität oder Handeln nach einem Ideal zu tun hat.

Wenn man alle Systeme, alle Methoden, alle Versprechungen sieht und sie objektiv betrachtet hat, ohne sie zu mögen oder abzulehnen, dann kann man sie ganz und gar aufgeben, so dass der Geist frei von der Vergangenheit ist.

Erst dann kann man herausfinden, was Meditation ist.

Ohne ein echtes Fundament kann man mit Meditation herumspielen, aber das hat keine Bedeutung.

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Es ist wie bei den Leuten, die in den Osten reisen, zu irgendeinem Meister, der ihnen sagt, wie sie sitzen sollen, wie sie atmen sollen, was sie tun sollen, dies oder jenes, und die dann zurückkommen und ein Buch schreiben – was alles reiner Unsinn ist.

Man muss sich selbst Lehrer und Schüler sein, es gibt keine Autorität, es gibt nur Verstehen.

Verstehen ist nur möglich, wenn man beobachtet, ohne das Zentrum als Beobachter zu haben.

Haben Sie jemals beobachtet, genau hingeschaut, versucht, herauszufinden, was Verstehen ist?

Verstehen ist kein intellektueller Prozess; Verstehen ist weder Intuition noch eine Gefühlssache.

Wenn man sagen kann: „Ich verstehe etwas ganz klar“, dann handelt es sich um ein Sehen aus der völligen Stille heraus.

Erst dann gibt es ein wahrhaftiges Verstehen.

Etwas zu verstehen, bedeutet das, dass der Verstand sehr still horcht, weder zustimmend noch widersprechend. Dieser Zustand ist vollständiges Hören. Erst dann gibt es ein Verstehen und dieses Verstehen manifestiert sich als Handlung.

Es ist nicht so, dass zuerst das Verstehen da ist, woraus das Handeln folgt, sondern es ist eine gleichzeitige, einheitliche Bewegung.

Meditation – dieses Wort, das durch die Tradition so schwer belastet ist – bedeutet also, ohne Anstrengung, ohne irgendeine Form von Zwang, den Geist und das Gehirn zu ihrer höchsten Kapazität zu bringen, welche Intelligenz ist, und hochsensibel sein soll.

In der Meditation schweigt das Gehirn; dieser Speicher der Vergangenheit, der sich in Millionen von Jahren entwickelt hat und der ständig und unaufhörlich aktiv ist – dieses Gehirn ist still.

Ist es überhaupt möglich, dass das Gehirn, das die ganze auf den kleinsten Reiz reagiert, wie es seiner Konditionierung entspricht, still sein kann?

Die Traditionalisten sagen, dass es durch richtiges Atmen, durch die Übung von Achtsamkeit ruhig gemacht werden kann.

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Auch hier stellt sich die Frage: „Wer“ ist die Instanz, die das Gehirn kontrolliert, übt und formt?
Ist es nicht das Denken, das sagt: „Ich bin der Beobachter und ich werde das Gehirn kontrollieren und dem Denken dadurch ein Ende setzen“?

Das Denken bringt den Denker hervor.

Ist es möglich, dass das Gehirn völlig ruhig ist?

Es ist Teil der Meditation, das herauszufinden, und nicht, sich sagen zu lassen, wie man es tun soll. Niemand kann uns sagen, wie man es tun soll.

Kann das Gehirn – das durch die Kultur, durch jede Form von Erfahrung so stark konditioniert ist und aus einer enormen Evolution ist hervorgegangen ist – kann es derart still sein?

Wenn der Geist nicht still sein kann, dann ist alles, was er sieht oder erfährt, verzerrt und wird entsprechend seiner Konditionierung übersetzt.

Welche Rolle spielt der Schlaf in der Meditation, im Leben?

Das ist eine sehr interessante Frage; wenn Sie sich selbst damit beschäftigt haben, werden Sie eine Menge herausgefunden haben.

Wie wir neulich sagten: Träume sind unnötig.

Wir sagten: Der Geist, das Gehirn, soll während des Tages vollkommen wach sein – aufmerksam auf das, was im und im Innen geschieht. Aufmerksam auf die inneren Reaktionen, welche durch die Anforderungen im Außen ausgelöst werden; aufmerksam auf die Winke des Unbewussten – und dann am Ende des Tages soll es all dies bedenken und erledigen.

Wenn man am Ende des Tages nicht alles, was geschehen ist, reflektiert, muss das Gehirn nachts, wenn man schläft, arbeiten, um Ordnung in sich selbst zu bringen – was offensichtlich ist.

Wenn man alles erledigt hat, lernt man im Schlaf etwas ganz anderes; man lernt in einer ganz anderen Dimension, und das ist Teil der Meditation.

Es wird die Grundlage für ein Verhalten gelegt, dessen Handeln Liebe ist.

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Alle Überlieferungen sind beiseite gelegt, so dass der Geist völlig frei und das Gehirn völlig ruhig ist.

Wenn ihr euch mit dieser Art der Meditation vertraut gemacht habt, werdet ihr sehen, dass das Gehirn stille werden kann, nicht durch irgendeinen Trick, nicht durch die Einnahme einer Droge, sondern durch dieses aktive und auch passive Gewahrsein während des Tages.

Wenn man am Ende des Tages Bilanz gezogen hat, über das, was geschehen ist, und somit für Ordnung gesorgt hat, dann ist das Gehirn im Schlaf ruhig und lernt mit einer anderen Dynamik.

Der ganze Körper, das Gehirn, alles ist also in Ruhe, bar jeder Form von Verzerrung.

Nur ein solcher Geist kann für die Wirklichkeit – wenn es eine solche gibt – empfänglich sein.

Diese Unermesslichkeit, das Namenlose, das Transzendentale – wenn es denn so etwas gibt – kann nicht herbeigeführt werden. Nur ein vollkommen stiller Geist kann die Falschheit oder die Wahrheit dieser Wirklichkeit erkennen.

Man mag sich fragen: «Was hat das alles mit meinem alltäglichen Leben zu tun? Ich muss ins zur Arbeit gehen, Geschirr spülen, in einem überfüllten, lärmigem Bus fahren… . Was hat Meditation mit all dem zu tun?»

Aber letzen Endes äussert sich Meditation im Verstehen des Lebens, des täglichen Lebens mit all seiner Komplexität, dem Elend, dem Kummer, der Einsamkeit, der Verzweiflung, dem Drang, berühmt und erfolgreich zu werden, der Angst, dem Neid.

All das zu verstehen ist Meditation.

Ohne Verstehen, ist der bloße Versuch, das Geheimnis zu finden, völlig hohl und wertlos.

Das ist wie wenn ein ungeordneter Geist versucht, eine mathematische Ordnung zu finden.

Meditation hat voll und ganz mit dem Leben zu tun; es ist kein Abtauchen in irgendeinen emotionalen oder ekstatischen Zustand.

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Es gibt zwar Ekstase, die nicht nur Vergnügen oder Entzücken ist; diese Ekstase stellt sich aber nur ein, wenn man diese mathematische Ordnung in sich selbst findet, und diese ist absolut.

Meditation ist der Weg des Lebens, Tag um Tag. Nur dann kann das Unvergängliche, das keine Zeit hat, in Erscheinung treten.

Frage: Wer ist der Beobachter, der sich seiner eigenen Reaktionen bewusst ist? Welche Energie, ist dabei im Spiel?

Krishnamurti: Haben Sie schon einmal etwas ohne Reaktion angeschaut?

Haben Sie einen Baum, das Gesicht einer Frau, einen Berg, eine Wolke oder das Licht auf dem Wasser betrachtet, nur um es zu sehen, ohne es in Sympathie oder Abneigung, Freude oder Schmerz zu verwandeln – einfach nur schauen?

Gibt es bei einem solchen Betrachten, wenn du ganz aufmerksam bist, einen Beobachter?

Tun Sie es, Sir, fragen Sie nicht mich – wenn Sie es tun, werden Sie es herausfinden.

Beobachten Sie die Reaktionen, ohne zu urteilen, zu bewerten, zu verzerren, seien Sie so vollkommen aufmerksam gegenüber jeder Reaktion. In dieser Aufmerksamkeit werden Sie sehen, dass es überhaupt keinen Beobachter oder Denker oder Erfahrenden gibt.

Und nun zur zweiten Frage: Um etwas in sich selbst zu verändern, um eine Transformation, eine Revolution in der Psyche herbeizuführen, welche Energie wird dafür verwendet?

Wie ist diese Energie zu bekommen?

Die Energie, die wir jetzt haben, ist gebunden in Spannungen, Widersprüchen, Konflikten.

Der Kampf zwischen zwei Wünschen, zwischen dem, was ich tun muss und dem, was ich tun sollte, verbraucht sehr viel Energie.

Aber wenn es überhaupt keinen Widerspruch gibt, dann hat man Energie im Überfluss.

Schaut euch euer eigenes Leben an, schaut es wirklich an: Es ist ein dauernder Widerspruch. Man will friedlich sein und hasst andere; man will lieben und ist eigennützig.

Dieser Widerspruch führt zu Konflikten und Kampf; dieser Kampf verschwendet Energie.

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Wenn es keine Widersprüche gibt, hat man die ausserordentliche Energie, um sich zu verwandeln.

Es stellt sich die Frage: Wie ist es möglich, ohne Widerspruch zwischen dem „Beobachter“ und dem „Beobachteten“, dem „Erfahrenden“ und der „Erfahrung“, zwischen Liebe und Hass zu sein?

Wie ist es möglich, ohne diese Dualitäten zu leben?

Es ist möglich, wenn man nur die aktuellen Fakten beobachtet – die Tatsachen, dass man hasst, gewalttätig ist – und nicht die Idee vom Gegenteil davon.

Hat man Angst, will man das Gegenteil erzeugen: Mut. Doch das ist ein Akt von Widerstand, Widerspruch. Und dies bedeutet Anstrengung und Belastung.

Aber wenn man die Angst vollständig durchdringt und sich nicht in das Gegenteil flüchtet, wenn man der Angst seine ganze Aufmerksamkeit schenkt, dann hört sie nicht nur psychologisch auf, sondern man hat auch die Energie, die man braucht, um ihr zu begegnen.

Die Traditionalisten sagen: «Um diese Energie zu haben, sollst du nicht sexuell sein, nicht weltlich. Du sollst dich konzentrieren; deinen Geist auf Gott richten, der Welt den Rücken kehren, dich nicht in Versuchung führen lassen“ All dies, um diese Energie zu haben.

Aber man ist immer noch ein menschliches Wesen voller Begierden, das innerlich vor sexuellen, biologischen Trieben brennt, das dies und jenes tun will, kontrolliert und forciert mit allem Drum und Dran – und damit seine Energie verschwendet.

Aber wenn man mit den Fakten lebt und mit nichts anderem – wenn man im Moment der Wut präsent ist und nicht damit beschäftigt, die Wut loszuwerden – wenn man sich der Wut stellt, in sie eindringt und ihr volle Aufmerksamkeit schenkt – dann wird man sehen, dass man diese Energie in Hülle und Fülle hast.

Es ist diese Energie, die den Verstand klar und das Herz offen hält, so dass Liebe im Überfluss vorhanden ist – nicht Ideen, nicht Gefühle.

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Frage: Was meinen Sie mit Ekstase, können Sie sie beschreiben? Sie sagten, Ekstase sei kein Vergnügen, Liebe sei kein Vergnügen.

Krishnamurti: Was ist Ekstase?

Wenn eine Wolke betrachtet, das Licht in dieser Wolke, dann ist das Schönheit. Schönheit ist Leidenschaft. Um die Schönheit einer Wolke oder die Schönheit des Lichts auf einem Baum zu sehen, muss Hingabe vorhanden sein, Intensität.

In dieser Intensität, dieser Hingabe gibt es keine Emotion, kein Gefühl des Gefallens oder Missfallens. Ekstase ist nicht persönlich; Ekstase ist nicht dein oder mein, so wie Liebe nicht dein oder mein ist.

Vergnügen hingegen ist deines oder meines.

Der meditativen Geist enthält seine eigene Ekstase – die nicht zu beschreiben, nicht in Worte zu fassen ist.

Frage: Wollen Sie damit sagen, dass es kein Gut und Böse gibt, dass alle Reaktionen gut sind – sagen Sie das?

Krishnamurti: Nein, Sir, das habe ich nicht gesagt.

Ich sagte, beobachten Sie Ihre Reaktion, ohne sie gut oder schlecht zu nennen.

Wenn man sie als gut oder schlecht bezeichnet, erzeugt man einen Widerspruch.

Haben Sie jemals Ihre Frau angeschaut – es tut mir leid, dass ich insistiere – ohne das Bild, das Sie von ihr haben, das Bild, das Sie sich über dreißig Jahre oder so aufgebaut haben?

Sie haben ein Bild von ihr und sie hat ein Bild von Ihnen; es sind diese Bilder, die in Beziehung zueinander stehen; Sie und ihre Frau haben keine Beziehung zueinander.

Die Bilder entstehen, wenn man in der Beziehung nicht achtsam ist – es ist die Unachtsamkeit, die Bilder hervorbringt.

Können Sie Ihre Frau betrachten, ohne sie zu beurteilen, zu bewerten, zu sagen, sie hat recht, sie hat unrecht, Sie einfach nur sehen, ohne Ihre Vorurteile einzubringen?

Wenn ja, werden Sie sehen, dass dieses Betrachten eine ganz andere Art von Handlung ergibt.

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J. Krishnamurti Flug des Adlers Kapitel 8 Paris 5. öffentlicher Vortrag 24. April 1969 ‚Das Transzendentale‘

Das Transzendentale aus Der Flug des Adlers
Das Transzendentale aus Der Flug des Adlers