Das ist Angst

Das ist Angst – Teil 1
A. W. Anderson: Während unseres letzten Gespräches hatten wir begonnen, über das Problem der Angst zu sprechen. Vielleicht können wir es näher untersuchen?

Krishnamurti: Ich frage mich, wie wir an diese Frage herangehen können, denn es ist ein weltweites Problem. Jeder, oder sagen wir, fast jeder hat Angst vor etwas – sei es die Angst vor dem Tod, Angst vor der Einsamkeit, Angst, nicht geliebt zu werden, Angst, nicht berühmt oder erfolgreich zu werden, und auch die Angst, keine physische Sicherheit zu haben. Es gibt so viele unterschiedliche Formen der Angst. Um sich mit diesem Problem wirklich sehr tiefgehend zu befassen, müssen wir fragen, ob der Geist einschließlich des Gehirns wirklich von Grund auf frei von Angst sein kann.

Denn Angst ist, wie ich beobachtet habe, etwas Furchtbares. Sie verdunkelt die Welt, sie zerstört alles. Und ich glaube nicht, dass wir die Angst, die eines der Prinzipien des Lebens ist, diskutieren können, ohne auch die Bedeutung des Vergnügens zu erforschen. Es sind die zwei Seiten ein und derselben Münze. Betrachten wir also zuerst die Angst. Da gibt es sowohl bewusste als auch unbewusste Ängste. Ängste, die wir beobachten können, die abgestellt werden können und Ängste, die tief verwurzelt sind, in den entlegenen Bereichen unseres Bewusstseins.

A. W. Anderson: Auf der unbewussten Ebene.

Krishnamurti: In den tieferen Ebenen. Wir müssen also beide berücksichtigen, nicht nur die offensichtlichen äußeren Ängste, sondern auch die tiefsitzenden unentdeckten Ängste, die Ängste, die uns vererbt worden sind, traditionelle Ängste und ebenso Ängste, die der Verstand selbst geschaffen und kultiviert hat, Ängste vor physischer Unsicherheit, vor dem Verlust eines Jobs, einer Position, überhaupt davor, etwas zu verlieren und die positiven Ängste, nämlich etwas nicht zu bekommen.

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Wenn wir also diese Frage erörtern, wie sollen wir, Sie und ich, an sie herangehen? Nehmen wir zuerst die äußeren, die offensichtlichen physischen Ängste, und von dort ausgehend befassen wir uns dann mit den inneren. So decken wir das gesamte Feld ab, nicht nur Einzelfälle wie die Angst einer alten Dame, eines alten oder eines jungen Mannes, sondern wir befassen uns mit dem gesamten Problem der Angst, nehmen uns nicht nur ein Blatt oder einen kleinen Zweig der Angst vor, sondern die ganze Bewegung der Angst.

Äußerlich, physisch ist es klar, dass wir Sicherheit, physische Sicherheit, haben müssen. Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf sind absolut notwendig, nicht nur für die Amerikaner, sondern für die ganze Menschheit. Es ist nicht gut zu sagen: »Wir sind in Sicherheit, zum Teufel mit dem Rest der Welt.« Die Welt sind Sie, und Sie sind die Welt! Sie können sich nicht isolieren und sagen: »Hauptsache, ich bin sicher. Was scheren mich die anderen.« Das führt zu Trennung, Konflikt und Krieg. Physische Sicherheit ist für das Gehirn notwendig.

Das habe ich bei mir selbst und bei anderen beobachtet. Ich bin zwar kein Gehirnspezialist oder Neurologe, aber ich habe beobachtet: Das Gehirn kann nur in völliger Sicherheit funktionieren. Dann funktioniert es effizient und gesund, nicht neurotisch, und seine Aktivität ist nicht unausgeglichen. Das Gehirn braucht Sicherheit, genau wie ein Kind Sicherheit braucht. Wir versagen ihm diese, indem wir uns absondern: Als Amerikaner, als Russen, als Inder, als Chinesen. Nationale Trennung hat diese Sicherheit durch Kriege zerstört: Eine Tatsache, und doch sehen wir sie nicht. Die herrschenden Regierungen zerstören mit ihren Armeen und ihrer Marine die Sicherheit.

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Wir wollen darauf hinaus, wie dumm der Verstand ist. Er will Sicherheit, er muss Sicherheit haben und tut dennoch alles, um diese Sicherheit zu zerstören. Das ist also ein Faktor. Ein Sicherheitsfaktor ist unser Beruf, ob man nun in einer Fabrik, als Geschäftsmann oder als Priester arbeitet. Die Tätigkeit wird also sehr wichtig. Sehen sie, was das beinhaltet. Wenn ich meinen Job verliere, bekomme ich Angst, und dieser Job hängt von der Umgebung, der Produktion, dem Geschäft, der Fabrik, vom Kommerzdenken, vom Konsumdenken und daher vom Wettbewerb mit anderen Ländern ab. Wir brauchen also physische Sicherheit, und tun dabei alles, um sie zu beseitigen.

Wenn jeder von uns sagte: »Lasst uns alle zusammenkommen, nicht mit Plänen, weder mit meinem noch mit Ihrem Plan, noch mit dem kommunistischen oder kapitalistischen Plan. Wir wollen uns als Menschen zusammensetzen und dieses Problem lösen.« Sie könnten es tun. Die Wissenschaft hat die Mittel, die Menschen zu ernähren. Aber sie werden es nicht tun, denn sie handeln gemäß ihrer Konditionierung so, dass sie die Sicherheit zerstören, die sie suchen. Das ist einer der wichtigsten Faktoren im Bereich physischer Sicherheit.

Dann gibt es die Angst vor körperlichen Schmerzen, körperlichen Schmerzen im Sinne vergangener Schmerzen, sagen wir, der letzten Woche. Der Verstand hat Angst davor, dass es wieder passieren wird; das wäre also diese Art von Angst. Dann gibt es die Angst vor der Meinung anderer Leute, davor was die Leute sagen, vor der öffentlichen Meinung. Der gute Ruf. Sehen Sie, all dieses ist aus Unordnung heraus entstanden. Kann also der Verstand physische Sicherheit hervorbringen – Nahrung, Kleidung und Unterkunft für jeden? Kann das getan werden – nicht als Kommunist, Kapitalist, Sozialist oder Maoist –, sondern indem wir uns als Menschen zusammensetzen, um dieses Problem zu lösen?

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Es kann getan werden, aber niemand will es tun, weil sich keiner dafür verantwortlich fühlt. Ich weiß nicht, ob Sie jemals in Indien gewesen sind. Wenn Sie wie ich von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf gereist wären, würden Sie die erschreckende Armut sehen, die Erniedrigung durch Armut und das Gefühl von Hoffnungslosigkeit.

Das ist Angst



Das ist Angst  – Teil 2
A. W. Anderson: Ja, ich bin in Indien gewesen und habe dort zum ersten Mal in meinem Leben Armut empfunden, nicht nur als Entbehrung, sondern sie schien auch einen positiven Aspekt zu haben. Es war so krass.

Krishnamurti: Ich weiß. Persönlich haben wir all das hinter uns gebracht. Physisches Überleben ist nur möglich, wenn Menschen zusammenkommen, nicht als Kommunisten, Sozialisten oder sonst was, sondern als Menschen, die sagen: »Seht her, dieses ist unser Problem, lasst es uns um Gottes Willen lösen!« Aber sie werden das nicht tun, weil sie mit Problemen und mit Plänen zu deren Lösung schon überlastet sind.

Sie haben Ihren Plan, ich habe meinen Plan, er hat seinen Plan. So wird das Planen höchst wichtig, Pläne werden wichtiger als das Verhungern. Und wir bekämpfen einander: Während doch gesunder Menschenverstand, Zuneigung, Fürsorge und Liebe all das ändern können. Dann die Angst vor der öffentlichen Meinung, vor dem was mein Nachbar sagen wird. Und ich hänge von meinem Nachbarn ab.

Wenn ich ein in Italien lebender Katholik bin, wäre ich von meinem Nachbarn abhängig. Ich könnte dort meinen Job verlieren, falls ich ein Protestant wäre. Also akzeptiere ich es, ich werde meinen Hut vor dem Papst oder sonstjemandem ziehen, es hat keinerlei Bedeutung. Ich habe Angst vor der öffentlichen Meinung. Sehen Sie, worauf sich der menschliche Verstand selbst reduziert hat. Ich sage nicht: »Zum Teufel mit der öffentlichen Meinung, die Menschen sind konditioniert, sie haben genausoviel Angst wie ich.« Das ist also diese Art von Angst. Und dann gibt es die physische Angst vor dem Tod, die immens ist. Diese Angst muss man anders angehen, wir werden darauf kommen, wenn wir über den Tod sprechen.

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Es gibt also die äußere Form von Angst: Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der öffentlichen Meinung, Angst, seine Arbeit zu verlieren, Angst, nicht überleben zu können. Sir, ich habe mit Leuten gelebt, die nur eine Mahlzeit am Tag haben. In Indien bin ich einmal hinter einer Frau mit einem Mädchen hergegangen, und das Mädchen sagte: »Mutter, ich bin hungrig.« Und die Mutter antwortete: »Für heute hast du schon gegessen.« Es gibt also all das, diese physischen Ängste, Schmerz und die Angst vor wiederkehrenden Schmerzen usw.

Die anderen Ängste sind viel komplizierter, etwa die Ängste vor Abhängigkeit. Innerlich hänge ich von meiner Frau ab, von meinem Guru, von meinem Priester usw. – so viele Abhängigkeiten! Und ich habe Angst, sie zu verlieren, allein gelassen zu werden, abgelehnt zu werden. Wenn diese Frau sich von mir abwendet, bin ich verloren. Ich werde wütend, brutal, gewalttätig und eifersüchtig, weil ich von ihr abhänge. Abhängigkeit ist also einer der Faktoren von Angst. Und innerlich fürchte ich mich. Ich fürchte mich vor Verlassenheit.

Neulich hörte ich im Fernsehen eine Frau sagen: »Die einzige Angst, die ich in meinem Leben habe, ist meine Verlassenheit.« Und wegen dieser Furcht vor Verlassenheit betreibe ich alle möglichen neurotischen Aktivitäten. Weil ich mich verlassen fühle, hänge ich mich an Sie oder an einen Glauben, an einen Erlöser oder an einen Guru. Und ich verteidige den Guru, den Erlöser und meinen Glauben, und wie schnell wird das neurotisch. Das ist diese Art von Angst. Dann gibt es die Angst davor, nichts zu erreichen, dass der Erfolg in dieser Welt ohne Ordnung Unordnung wird und ebenso in der sogenannten spirituellen Welt ausbleibt. Das betreiben ja jetzt alle – spirituelle Vollendung, die sie Erleuchtung nennen.

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Dann gibt es die Angst, nichts darzustellen, die sich in der Identifizierung mit etwas ausdrückt: »Ich muss mich mit etwas identifizieren. Um etwas zu sein, muss mich mit meinem Land identifizieren.« Ich sage mir: »Das ist zu dumm!« – und sage folglich: »Ich muss mich mit Gott identifizieren.« Den ich erfunden habe.

Gott hat nicht den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, sondern der Mensch hat Gott nach seinem Bilde geschaffen. Also, nichts zu sein, nichts zu vollbringen, nichts zu erreichen, schafft ein kolossales Gefühl von Unsicherheit, ein schreckliches Gefühl von Unfähigkeit, etwas zustande zu bringen, nicht »dabei« zu sein, und es kommt zum Aufschrei: »Ich muss ich selbst sein!« Was Unsinn ist. Da sind nun all diese Ängste, sowohl logische Ängste, als auch irrationale Ängste, neurotische Ängste und Ängste ums Überleben, ums physische Überleben.

Wie gehen Sie also auf all diese Ängste ein und auf viele weitere, die wir noch erörtern werden? Gehen Sie auf eine nach der anderen ein? Und ebenso haben wir die versteckten Ängste, die sehr viel aktiver sind. Sie brodeln, und wenn ich mir ihrer nicht bewusst bin, ergreifen sie Besitz von mir. Wie soll ich also zunächst einmal mit den offensichtlichen Ängsten umgehen, die wir beschrieben haben? Soll ich mir eine nach der anderen vornehmen, um Sicherheit zu finden? Oder nehmen wir die Verlassenheit in Angriff und setzen uns mit ihr auseinander, gehen über sie hinaus?

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Oder gibt es einen Weg, mit der Angst selbst umzugehen, nicht mit ihren Verzweigungen, sondern mit ihrer Wurzel? Wenn ich mir Blatt für Blatt und Zweig für Zweig vornehme, braucht es mein ganzes Leben. Wenn ich damit begänne, meine Ängste zu analysieren, dann würde eben diese Analyse zur Paralyse, zur Lähmung. Und ich werde immer und immer wieder davon eingeholt. Wie soll ich also mit diesem Problem als Ganzem umgehen, nicht nur mit Teilen oder Bruchstücken davon?

Das ist Angst



Das ist Angst  – Teil 3
A. W. Anderson: In unseren Gesprächen haben wir auf Bewegung hingewiesen. Die Bewegung der Angst ist ein Ganzes. Und es ist ein einziges Feld der Zerstörung!

Krishnamurti: Ja, ein ungeheures Ganzes. Sie ist der gemeinsame Faktor, der in allem enthalten ist. Ob man in Moskau, Indien oder sonstwo lebt – überall gibt es diese Angst. Und wie soll man damit umgehen? Kann der Verstand wirklich frei von Angst sein – tatsächlich frei, nicht verbal oder ideologisch, sondern absolut frei von Angst? Und es ist möglich, total frei von Angst zu sein! Dies ist keine theoretische Behauptung, sondern ich weiß es, ich habe es untersucht.

Wie soll ich jetzt damit umgehen? Ich frage mich selbst: Was ist diese Angst – nicht die Objekte der Angst oder die Äußerungen der Angst –, was ist Angst? Hinter den Worten, hinter den Erklärungen und Beschreibungen und all dem Hin und Her – was ist Angst? Wie entsteht sie? Ich werde das Problem klarer machen.

Der Mensch hat versucht, eine Angst nach der anderen abzumildern oder zurechtzustutzen, durch Analyse, durch Flucht, durch seine Identifikation mit etwas, das er als Mut bezeichnet. Oder er sagt sich: »Ich kümmere mich nicht darum. Ich rationalisiere meine Ängste und bleibe auf der intellektuellen Ebene vernunftmäßiger, verbaler Erklärungen.« Aber die Sache kocht weiter. Was soll ich also tun? Was ist Angst? Ich muss das herausfinden. Nicht Sie sagen es mir, sondern ich muss es selbst herausfinden, so wie ich selbst herausfinde, dass ich Hunger habe.

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Niemand muss mir sagen, ich sei hungrig. Ich selbst muss es herausfinden. Ich weiche also nicht aus! Ich rationalisiere nicht, ich analysiere nicht, weil Analyse wirklich Lähmung ist. Wenn Sie bei der Konfrontation mit einem Problem wie diesem es nur analysieren und dann auch noch Angst haben, es nicht richtig analysieren zu können, und darum zu einem professionellen Analytiker gehen, der selber einer Analyse bedarf, dann sitzen Sie in der Klemme. Ich werde also nicht analysieren, weil ich die Absurdität darin erkenne. Ich renne nicht davon, erkläre nicht, rationalisiere nicht, analysiere nicht, ich stehe dem gegenüber.

Dann gibt es die unbewussten Ängste, von denen ich nichts weiß. Sie äußern sich gelegentlich, wenn ich aufmerksam bin, wenn ich Angst in mir aufsteigen sehe, wenn ich aufmerksam bin und achtgebe. Oder wenn ich etwas anschaue, steigt unwillkürlich Angst auf. Es ist wichtig für den Verstand, völlig frei von Angst zu sein. Es ist so wesentlich, wie Nahrung wesentlich ist. Nun frage ich: Was sind die versteckten Ängste, kann ich sie bewusst an die Oberfläche kommen lassen, oder hat das Bewusste keinen Zugang zu ihnen? Das Bewusste kann sich nur mit Dingen befassen, die es kennt, aber es kann die Dinge, die es nicht kennt, nicht beobachten.

Was tue ich also? Sind Träume die Antwort? Träume sind nur die Fortsetzung dessen, was während des Tages passiert ist. Wir werden es im Moment nicht weiter untersuchen. Wie soll das alles geweckt und freigelegt werden? Die rassischen Ängste, die Ängste, welche die Gesellschaft mich gelehrt hat, die Ängste, die mir die Familie auferlegt hat, der Nachbar – alle diese schleichenden, hässlichen, brutalen Dinge, die da versteckt sind, wie sollen sie alle auf natürliche Weise aufsteigen und freigelegt werden, so dass der Geist sie als Ganzes sehen kann? Verstehen Sie?

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Ich denke gerade darüber nach, wie wir dem, was Sie sagen, begegnen. Wir sind hier an einer Universität, in der kaum zugehört wird, wenn überhaupt. Warum? Angenommen, ich ginge so auf Sie ein: Ich lehne mich zurück, und bei jeder Aussage, die Sie machen, frage ich mich: »Was soll ich darauf antworten?« Selbst wenn meine Reaktion wohlwollend wäre und ich als Professor sagen würde: »Nun, das ist ein interessantes Konzept, vielleicht können wir es noch ein wenig verdeutlichen.« – Dann hätten wir uns niemals zusammensetzen sollen, niemals beginnen sollen. Und doch mögen wir uns einbilden, uns sehr große Mühe gegeben zu haben, ernsthaft darauf einzugehen. Aber auch hier ist Angst das Fundament, weil der Professor hier seinen Ruf aufs Spiel gesetzt sieht. Er sollte besser nicht zu lange schweigen, sonst käme jemand auf die Idee, er verstehe entweder nichts, oder er habe zum Thema nichts beizusteuern.

Krishnamurti: Sehen Sie, was ich entdeckt habe. Der bewusste Verstand, das bewusste Denken kann die versteckten Ängste nicht einladen und freilegen. Ich kann sie nicht analysieren, weil Analyse, wie wir sagten, Untätigkeit ist. Und wenn es kein Ausweichen gibt, werde ich nicht in eine Kirche laufen oder zu Jesus, zu Buddha oder zu sonstjemand oder mich mit etwas anderem identifizieren. Ich habe dies alles abgelegt, weil ich dies als vergeblich verstanden habe. Also bin ich damit allein. Es ist meine Angelegenheit.

Was soll ich also tun? Irgendetwas muss geschehen. Ich kann nicht bloß sagen: »Gut, ich habe alles zur Seite geschoben, und nun sitze ich hier.« Sehen Sie, was nun passiert: Weil ich dies alles beiseite geschoben habe, durch Beobachtung, nicht durch Widerstand und nicht durch Gewalttätigkeit, weil ich all diese Dinge wie Ausweichen, Analyse, Davonlaufen usw. negiert habe, habe ich Energie.

Der Geist hat jetzt Energie. Weil ich alles, was Energie vergeudet, abgelegt habe. Darum bin ich jetzt dieses und bin mit dem konfrontiert, mit Angst konfrontiert. Was kann ich jetzt tun? Hören Sie zu: Was kann ich tun? Ich kann überhaupt nichts tun, weil ich es bin, der die Angst geschaffen hat. Also kann ich nichts gegen Angst tun.

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Aber es gibt die Energie, die sich angesammelt hat, die zustande gekommen ist, die aufgekommen ist, als alle Streuung von Energie aufhörte. Was geschieht nun? Das ist kein Hokuspokus, keinerlei mystische Erfahrung. Da ist wirkliche Angst, und ich habe ungeheure Energie, die entstanden ist, weil es keinerlei Verschwendung von Energie mehr gibt. Was geschieht? Ich frage also: »Was hat die Angst geschaffen? Was hat sie hervorgebracht?« Weil ich die Energie habe, diese Frage zu stellen und die Antwort auf diese Frage zu finden. Ich habe jetzt Energie – verstehen Sie?

Was hat die Angst hervorgebracht – Sie, mein Nachbar, mein Land, meine Kultur? Ich frage: Was hat die Angst in meinem Bewusstsein wachgerufen? Und ich werde davon nicht ablassen, bis ich es herausfinde. Verstehen Sie? Weil ich die Energie dazu habe.

Ich bin von keinem Buch abhängig, von keinem Philosophen, von niemandem. Und ich beginne die Antwort zu finden. Ich stelle die Frage nicht, aber ich finde die Antwort. Was ist nun die Antwort? Was ist die Antwort auf die Tatsache Angst, die von Generation zu Generation erhalten, genährt und weitergegeben worden ist? Kann der Geist diese Angst beobachten, ihre Bewegung, nicht nur einen Teil der Angst, beobachten ohne das Denken, das den Beobachter geschaffen hat. Kann also diese Tatsache beobachtet werden, die ich »Angst« genannt habe, weil der Verstand sie erkannt hat, denn er hat schon früher Angst gehabt? Durch Wiedererkennen und Assoziation also stellt er fest: »Das ist Angst.«

Das ist Angst



Das ist Angst  – Teil 4

Kann also der Geist ohne den Beobachter, der der Denker ist, diese Tatsache Angst allein beobachten, denn der Beobachter, der das Denken ist, hat sie produziert? Ich habe Angst vor meinem Nachbarn, vor dem, was er sagen mag, weil ich um mein Ansehen fürchte. Das ist das Produkt des Denkens. Denken hat die Welt in Amerika, Russland, Indien, China, Europa usw. aufgeteilt, und das zerstört die Sicherheit. Das ist das Ergebnis des Denkens. Ich bin verlassen und handle daher neurotisch, und auch das ist ein Ergebnis des Denkvorgangs. Ich sehe also sehr klar, dass das Denken hierfür verantwortlich ist.

Was wird also mit dem Denken geschehen? Das Denken ist für die Angst verantwortlich. Es hat sie gestärkt und ermutigt, es hat alles getan, sie aufrecht zu erhalten. Ich fürchte, dass der Schmerz, den ich gestern hatte, morgen wiederkommen wird, was eine Bewegung des Denkens ist. Das Denken kann nur auf dem Gebiet des Wissens funktionieren, das ist seine Grundlage. Angst ist jedes Mal etwas Neues. Angst ist nicht alt. Sie wird alt gemacht, indem ich sie wiedererkenne.

Kann aber der Geist diesen Vorgang des Wiedererkennens, der ein Hinzufügen von Worten und so weiter ist, ohne das Dazwischentreten des Denkens beobachten? Wenn er es tut, ist keine Angst da. Angst kann demnach vollständig abgelegt werden. Wenn ich in Russland leben würde und man mir mit dem Gefängnis drohte, hätte ich wahrscheinlich Angst. Das ist natürliche Selbsterhaltung. Das ist eine natürliche Angst, so wie man zur Seite springen würde, wenn ein Bus auf einen zuraste, oder vor einem gefährlichen Tier weglaufen würde. Das ist eine natürliche selbsterhaltende Reaktion, aber das ist keine Angst. Es ist eine Antwort der Intelligenz, die handelt und sagt: »Lauf um Gottes Willen vor dem Bus weg!«

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Aber die anderen Faktoren sind Faktoren des Denkens. Kann also das Denken sich selbst verstehen, seinen Platz erkennen und sich nicht projizieren? Keine Kontrolle über das Denken, das ist ein Gräuel. Wenn Sie das Denken kontrollieren, wer ist der Kontrollierende? Wieder ein Bruchstück des Denkens. Es ist ein Teufelskreis, ein Spiel, das Sie mit sich selbst spielen. Kann also der Geist ohne die Bewegung des Denkens beobachten? Das ist nur möglich, wenn Sie die ganze Bewegung der Angst verstanden haben, verstanden, nicht analysiert, sondern betrachtet haben. Es ist etwas Lebendiges, darum muss man es ansehen. Nur etwas Totes kann man zerlegen und analysieren, herumstoßen. Aber etwas Lebendiges muss man beobachten.

A. W. Anderson: In unserem letzten Gespräch kamen wir auf das Problem von jemand, der zu sich selbst sagt: »Ich glaube verstanden zu haben, was ich gehört habe, und nun werde ich es ausprobieren.«

Krishnamurti: Wenn Sie ein gefährliches Tier sehen, sagen Sie nicht: »Ich werde darüber nachdenken.« Sie laufen, Sie handeln, denn dort wartet die tödliche Vernichtung! Das ist eine selbsterhaltende Reaktion, ist Intelligenz, die sagt: »Weg!« Die Intelligenz handelt nur, wenn wir all diese Ängste angesehen haben, ihre Bewegungen, ihr Inneres, ihre Hässlichkeit, ihre Feinheit, die gesamte Bewegung. Daraus entsteht dann Intelligenz und sagt: »Ich habe sie verstanden.« Wir sagten, es gibt physische und psychische Ängste – beide hängen miteinander zusammen.

Wir können nicht sagen, dies sei die eine und das die andere. Sie sind alle eng verwoben. Und die Wechselbeziehung und das Verstehen dieser Beziehung bringt diese Intelligenz hervor, die auf der physischen Ebene handeln wird. Sie wird sagen: »Lasst uns kooperieren, zusammenarbeiten, um dem Menschen zu helfen. Wir wollen nicht national, religiös und sektiererisch sein. Wichtig ist, den Menschen zu ernähren, zu kleiden und ihn glücklich leben zu lassen.« Aber leider ist unsere Lebensweise so unordentlich, dass wir für nichts anderes Zeit haben. Unsere Unordnung frisst uns auf.

A. W. Anderson: Es ist interessant, dass ein Missbrauch der Tradition darin besteht, dass uns tatsächlich beigebracht wird, was wir zu fürchten haben. In unserer Sprache haben wir den Ausdruck »Moralische Geschichten«, eine Ansammlung von Warnungen vor Dingen, die einfach ausgedacht, eingebildet, herbeiphantasiert sind. Diese Geschichten werden von den Kleinen mit der Muttermilch aufgesogen, und beim Heranwachsen reflektieren wir diese erlernten Dinge, und wenn etwas schiefgeht, meinen wir, das sei so, weil wir nicht richtig begriffen haben, was man uns gesagt hat. An diesem Punkt werden einige junge Leute vielleicht sagen: »Weg mit dem ganzen alten Kram.« Doch dann erhebt sich augenblicklich das Problem der Verlassenheit.

Krishnamurti: Das ist Leben. Sie können nicht einen Teil ablehnen und den anderen Teil akzeptieren. Leben bedeutet all das: Freiheit, Ordnung, Unordnung, Kommunikation, Beziehung, Verantwortung – das alles ist Leben. Wenn wir nicht verstehen, wenn wir sagen: »Damit will ich nichts zu tun haben«, dann leben wir nicht, dann sterben wir. Welchen Platz hat Wissen in der Erneuerung des Menschen? Unser Wissen sagt: »Du musst von anderen getrennt sein, du bist ein Amerikaner, ich bin ein Hindu.« Das wissen wir.

Unser Wissen sagt: »Wir müssen uns auf unseren Nachbarn verlassen, er ist kundig, er ist angesehen, Gesellschaft bedeutet Ansehen, Gesellschaft bedeutet Moral.« Also akzeptieren Sie das. Das Wissen hat also all diese Faktoren hervorgebracht. Und plötzlich fragen Sie mich: »Welchen Platz hat das, welchen Platz hat Tradition? Welchen Platz hat das in Jahrtausenden angesammelte Wissen?« Das angesammelte Wissen in der Naturwissenschaft und in der Mathematik ist wesentlich. Aber welchen Platz nimmt Wissen ein, das ich durch Erfahrung angesammelt habe, durch menschliches Streben von Generation zu Generation? Welchen Platz hat es in der Umwandlung von Angst? Keinen, überhaupt keinen!

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Darum ist es sehr wichtig herauszufinden, welche Funktion Wissen hat, und zu verstehen, wo Wissen zu Unwissenheit wird. Wir vermischen beides. Wissen ist wesentlich, um Englisch zu sprechen oder ein Auto zu fahren. Aber dieses Wissen wird zu Unwissenheit, wenn wir wirklich zu verstehen versuchen »was ist«. Was ist, das ist diese Angst, diese Unordnung, diese Unverantwortlichkeit. Um das zu verstehen, benötigen Sie kein Wissen. Alles, was Sie tun müssen, ist: Zu schauen.

Schauen Sie sich an, außen und innen, dann sehen Sie deutlich, dass Wissen absolut überflüssig ist. Es hat keinen Wert in der Umwandlung oder Erneuerung des Menschen, weil Freiheit nicht aus Wissen geboren ist. Freiheit ist, wenn all die Bürden nicht sind. Nach Freiheit müssen Sie nicht suchen. Sie kommt, wenn das andere nicht ist.

A. W. Anderson: Sie ist nicht etwas, das anstelle des Schreckens kommt, den es vorher gab.

Krishnamurti: Natürlich nicht.

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Vielleicht können wir nächstes Mal über Vergnügen sprechen, die Kehrseite der Medaille.
Das ist Angst
Das ist Angst